In einem explosiven Interview analysiert der renommierte US-Geostratege John Mearsheimer die dramatische Eskalation zwischen Iran, Israel und den Vereinigten Staaten – und zeichnet ein Bild, das kaum düsterer sein könnte. Während Washington und Tel Aviv öffentlich von „Sieg“ sprechen, erklärt Mearsheimer unverblümt: Die USA und Israel seien dabei, den Krieg zu verlieren, der Iran sitze „am Steuer“, und die NATO könnte infolge der Krise faktisch zerbrechen. Das Gespräch zeichnet das Bild einer Weltordnung, die gleichzeitig im Nahen Osten, in Europa und auf den globalen Energiemärkten auseinanderdriftet.

Laut Mearsheimer deuten die militärischen Entwicklungen darauf hin, dass Israels Verteidigungssysteme massiv unter Druck geraten. Berichten zufolge würden rund 80 Prozent der iranischen Raketen ihre Ziele erreichen, während es keinerlei Hinweise gebe, dass Teheran der Nachschub ausgehe. Damit erinnere die Lage zunehmend an den Krieg des Vorjahres, als Israel selbst kurz davor gewesen sei, seine Raketenbestände zu erschöpfen.

Besonders brisant sei dabei die strategische Lage rund um die Straße von Hormuz. Mearsheimer argumentiert, dass Iran mittlerweile die Kontrolle über den entscheidenden globalen Energieengpass besitze und keinen rationalen Grund habe, diese Kontrolle wieder aufzugeben. Würden die USA und Israel nun einen Waffenstillstand nutzen, um sich neu zu bewaffnen und später erneut zuzuschlagen, wäre dies aus iranischer Sicht ein strategischer Fehler. Genau deshalb glaubt Mearsheimer nicht an eine einfache Deeskalation.

Im Zentrum seiner Analyse steht Donald Trump. Mearsheimer erwartet, dass Trump versuchen werde, eine Zweiteilung der Erzählung zu präsentieren: Erstens werde er „Sieg“ erklären oder behaupten, man stehe kurz davor. Zweitens werde er gleichzeitig ankündigen, die direkte Beteiligung am Krieg zu beenden. Doch genau diese Siegeserzählung hält Mearsheimer für nicht glaubwürdig.

Vor Kriegsbeginn hätten Washington und Tel Aviv fünf zentrale Ziele formuliert: Regimewechsel im Iran, Ende des iranischen Atomprogramms, Zerschlagung des iranischen Raketenarsenals, Beendigung der Unterstützung für Hamas, Hisbollah und Huthis sowie die generelle Schwächung des iranischen Staates. Laut Mearsheimer sei keines dieser Ziele erreicht worden – und keines stehe kurz bevor. Stattdessen versuche die US-Regierung nun rückwirkend neue Kriegsziele zu definieren, etwa die Zerstörung der iranischen Luftwaffe oder Marine, obwohl diese vor dem Krieg kaum eine Rolle gespielt hätten.

Während des Interviews werden neue iranische Raketenangriffe auf Israel gemeldet. Gleichzeitig weist das iranische Außenministerium Trumps Behauptung zurück, Teheran habe um einen Waffenstillstand gebeten. Für Mearsheimer ist genau das der Beweis dafür, dass die amerikanische Siegeserzählung zusammenbricht. Wörtlich erklärt er: „Wir verlieren den Krieg.“ Zwar sei der Krieg noch nicht offiziell verloren, doch niemand könne plausibel erklären, wie die USA und Israel die Lage noch drehen wollten.

Besonders alarmierend bewertet Mearsheimer die Möglichkeit eines amerikanischen Bodeneinsatzes. Bereits jetzt befänden sich Elemente der 82nd Airborne, Marines und Spezialeinheiten in der Region. Sollte Washington tatsächlich Bodentruppen auf iranischem Territorium einsetzen, würde dies laut Mearsheimer die Situation „von absolut schrecklich zu noch viel schlimmer“ eskalieren lassen. Iran habe bereits deutlich gemacht, dass es nicht nur amerikanische Truppen bekämpfen, sondern auch Golfstaaten angreifen werde, die die USA unterstützen.

Damit würde sich der Konflikt weit über Iran und Israel hinaus ausbreiten. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten könnten direkt ins Visier geraten. Gleichzeitig würde die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Sicherheitsgarantien kollabieren. Mearsheimer stellt offen infrage, ob die USA überhaupt noch in der Lage seien, ihre Verbündeten effektiv zu schützen.

Parallel dazu sieht er die NATO in einer existenziellen Krise. Trump drohe offen mit einem Austritt der USA aus dem Bündnis, nachdem europäische Staaten sich geweigert hätten, militärisch gegen Iran vorzugehen. Laut Mearsheimer versuche Trump nun, Europa für das Scheitern im Nahen Osten verantwortlich zu machen. Die Vorstellung, europäische Marinekräfte könnten entscheidend dabei helfen, die Straße von Hormuz militärisch zu öffnen, bezeichnet er als „nicht ernstzunehmendes Argument“. Selbst die US-Marine allein könne dies nicht garantieren.

Mearsheimer geht noch weiter: Als funktionierendes Militärbündnis sei die NATO faktisch bereits tot. Die transatlantischen Beziehungen seien vergiftet, und Europa müsse beginnen, sich strategisch von den Vereinigten Staaten zu lösen. Statt sich weiter auf Washington zu verlassen, sollten die Europäer ihre Beziehungen zu China und Russland verbessern. Russland sei keine Bedrohung für Europa, argumentiert er – vielmehr sei die Abhängigkeit von den USA selbst zur Gefahr geworden.

Gleichzeitig warnt er vor einer weltweiten ökonomischen Schockwelle. Hohe Ölpreise, unterbrochene Lieferketten und zerstörte Infrastruktur im Golf könnten eine globale Depression auslösen. Bereits jetzt würden Länder wie Südkorea Treibstoff rationieren, Vietnam kämpfe mit Versorgungsengpässen und die weltweite Landwirtschaft gerate unter Druck, weil Düngemitteltransporte aus der Golfregion beeinträchtigt seien.

Besonders gefährlich sei, dass nicht nur Öl-Infrastruktur zerstört werde. Aluminiumwerke, Stahlwerke, Entsalzungsanlagen und andere wirtschaftlich zentrale Einrichtungen in der Golfregion würden ebenfalls beschädigt. Die wirtschaftlichen Folgen könnten Jahre andauern.

Mearsheimer beschreibt die Weltlage schließlich mit einem drastischen Bild: Die Welt steuere auf einen Eisberg zu. Trump hoffe offenbar, durch eine rhetorische Siegeserklärung und einen teilweisen Rückzug dem Zusammenstoß zu entkommen. Doch laut Mearsheimer ist genau das extrem unwahrscheinlich. Der Krieg werde weiter eskalieren, und die USA hätten kaum noch gute Optionen. Ein Bodeneinsatz wäre katastrophal, ein Rückzug ohne massive Zugeständnisse an Iran kaum möglich.

Sein Fazit ist eindeutig: Iran befindet sich in der strategisch stärkeren Position. Die Vereinigten Staaten und Israel seien zunehmend gefangen in einem Konflikt, den sie weder klar gewinnen noch einfach verlassen können. Und genau darin sieht Mearsheimer die größte Gefahr für die globale Ordnung der kommenden Monate.



Source link