Lange stand Westdeutschland im Fokus der Rap-Geschichte. Zwischen Chemnitz und Rostock entstand jedoch eine eigenständige Hip-Hop-Tradition. Diese fünf Acts erzählen vom Leben zwischen Neonazigewalt, Plattenbau und Selbstbehauptung
Trettmann bringt ostdeutsche Lebensrealität mit politischem Unterton in den Mainstream
Collage: der Freitag; Material: IMAGO/aal.photo
Stuttgart, Hamburg, Heidelberg, Frankfurt am Main – bis heute gilt Deutschrap vor allem als westdeutsche Erfolgsgeschichte. Doch auch in Ostdeutschland entwickelte sich eine eigenständige Hip-Hop-Kultur, geprägt von Nachwendechaos, rechter Gewalt und dem Versuch, sich mit wenigen Mitteln zu behaupten. Eine kleine Auswahl, wie in der Republik-Peripherie ein oft unterschätzter Rap-Sound entstand.
1. Pionierarbeit aus der Chemnitzer Platte: Tefla & Jaleel
Entscheidend für die Entwicklung des Ostrap war der US-Film Beat Street, der ab Mitte der 1980er im DDR-Fernsehen zu sehen war. Geprägt wurde davon auch der Chemnitzer Tino Kunstmann, der gemeinsam mit Sören Metzger 1997 das Rap-Duo Tefla & Jaleel gründete. Sören „Tefla“ Metzger wuchs im Fritz-Heckert-Gebiet auf, einem der größten Plattenbau-Areale der DDR. Neonazis waren hier stark, man musste sich als Jugendlicher positionieren.
„Wurde von Hunden gehetzt wegen Baggys und Caps“, heißt es im Lied Gangsta. Im Lied I.H.R. warnen sie vor Intoleranz und Hass. Beide sprechen von sich als „Zonis“, halten es sonst aber eher spaßig. Ihr Label Phlatline bietet Nachwuchskünstlern eine Plattform, dazu gehören sie zu den Organisatoren des Splash!-Festivals.
2. Reggae in sächsischer Mundart: Trettmann
Im Chemnitzer Freundeskreis von Tefla & Jaleel befindet sich ein weiterer Rapper, der ebenfalls in der Platte aufwächst, dabei aber einen ganz eigenen Stil herausbildet. Stefan Richter alias Trettmann beginnt seine Karriere 2006, vermischt anfangs – noch ironisch als „Ronny“ – sächsischen Dialekt mit Reggae-Sound, entwickelt sich dann aber immer weiter.
In den 2010ern wird Trettmann ein gefragter Künstler, arbeitet mit Szenegrößen wie Gzuz und Haiyti zusammen. Seine Musik ist dabei verspielt und – wie seine Fans – vielseitig, die Dancehall-, Trap- und Cloud-Rap-Einflüsse unverwechselbar.
In Trettmanns Werk finden sich heute Partyhymnen, Sommerbanger – und auch eindrückliche Lieder über seine Herkunft. Im bekannten Stück Grauer Beton rappt er: „Fast hinter jeder Tür lauert ’n Abgrund / Nur damit du weißt, wo ich herkomm.“ 2024 setzt er sich im Lied NAWW mit der Armut seiner Mutter sowie Wende-Illusionen auseinander, unterstützt von der DDR-Jazzmusikerin Uschi Brüning.
Im vergangenen Jahr veröffentlichte Trettmann außerdem mit dem aufstrebenden Rapper Jassin Awadallah alias Jassin aus Lutherstadt-Wittenberg den Track Nach Hause komm, in dem rassistische Gewalt thematisiert wird. „Immer wenn ich nach Hause komm‘ / Hat meine Mom ’ne neue Falte im Gesicht / Bis jetzt immer heile rausgekommen / Doch sie spiegelt meine Angst in ihrem Blick“.
3. Der „Eiserne Besen“ aus Leipzig schlägt zu: Morlockk Dilemma
Eine andere Wurzel des Ost-Rap ist im Leipziger Plattenbauviertel Grünau zu finden. Falko Luniak kommt in den 1990ern als Jugendlicher über Graffiti zum Hip-Hop, als Morlockk Dilemma, Spitzname der „Eiserne Besen“, gewinnt er in den 2000ern als Battle-Rapper Bekanntheit. Der Sound des Journalisten ist geprägt von salvenartigen Reimen; die düsteren wie zynischen Texte handeln meist von Alkohol, Gewalt und dem molochartigen Großstadtleben. Dahinter verbirgt sich jedoch auch eine tiefere Ebene, in der die Tristesse und Abgefucktheit jener Ost-Jahre deutlich wird.
Mit dem Ostberliner Rapper Julius Endler alias Hiob entsteht etwa der Track WK8/LSD, in dem beide ihr Aufwachsen zwischen Nazis, Ravern und Drogen besingen. „Keine Jugendklubs, wir hingen auf der Straße herum / Das Motto hieß: Laber mich dumm und ich schlage dich um.“ Ost-Battle-Rapper wie MC Bomber gaben an, von Dilemma geprägt worden zu sein, dazu gibt es viele Kollaborationen, etwa mit dem Berliner Duo Audio88 & Yassin.
Eine besondere Zusammenarbeit findet sich außerdem 2008 im Sampler „Ansage Ost“, auf dem neben anderen auch das Marzahner Ostrap-Urgestein Hagen Stoll alias Joe Rilla zu hören ist.
4. Feministischer Rap mit Dissidenten-Erbe: Sookee
In Aufzählungen von ostdeutschen Rappern wird Nora Hantzsch alias Sookee meist nicht erwähnt. Die Musikerin ist vor allem als queere und feministische Rap-Stimme bekannt, dazu zuletzt als Kindermusikerin Sukini. Immer häufiger setzt sich die 1983 in Pasewalk geborene Hantzsch jedoch öffentlich mit ihrer Ost-Herkunft auseinander. Sookees Eltern waren in der DDR Dissidenten, nach Repressionserfahrungen können sie 1986 nach Berlin ausreisen.
Ihre Geschichten hätten Sookee bis heute geprägt, schreibt sie in einem Text. „Die Enttäuschung über die autoritäre Form des Realsozialismus im trotz allem immer noch sozialistischen Herz wiegt schwer.“ Sie habe gelernt, nicht wegzuschauen, weder in der Politik noch im Rap.
Hantzschs antifaschistische Haltung findet sich in vielen ihrer Lieder, besonders in Hüpfburg und Zusammenhänge. Im Song Bookings rappt sie außerdem gemeinsam mit der in Rostock geborenen Anja Käckenmeister alias Pyranja – eine weitere wichtige Ost-Rapperin.
5. Bildungsbürgerproll aus Rostock: Pöbel MC
Meeresluft scheint die ostdeutsche Hip-Hop-Szene generell zu beflügeln. Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen Jahren mehrere Künstler hervorgebracht, darunter Hendrik Bolz aka Testo, die Zeckenrap-Kombo Waving the Guns von Milli Dance und Dub Dylan oder das jüngere Duo Hinterlandgang, bestehend aus Pablo Himmelspach und Albert Münzberg.
Textlich sticht jedoch besonders Pöbel MC hervor. Der Musiker tritt Mitte der 2010er in Erscheinung und fällt mit klugen wie humorvollen Lyrics auf. Pöbel MC, der in Physik zu Wetterprozessen promoviert hat, spielt dabei mit seiner Rolle zwischen Straße und Universität. Auftritte mit Sonnenbrille, Basecap und trainiertem Körper untermauern das ironische Image.
Mit dem Lied Bildungsbürgerprolls / Patchworkwendekids spricht er vielen Ostlern aus dem Herzen, die zwar nun einen Bildungsaufstieg geschafft haben, aber immer noch prekär leben und sich durchschlagen müssen. „Bei dir wird geerbt, bei uns repariert / Eure Werte ohne Wert werden konterkariert“.
die Entwicklung des Ostrap war der US-Film Beat Street, der ab Mitte der 1980er im DDR-Fernsehen zu sehen war. Geprägt wurde davon auch der Chemnitzer Tino Kunstmann, der gemeinsam mit Sören Metzger 1997 das Rap-Duo Tefla & Jaleel gründete. Sören „Tefla“ Metzger wuchs im Fritz-Heckert-Gebiet auf, einem der größten Plattenbau-Areale der DDR. Neonazis waren hier stark, man musste sich als Jugendlicher positionieren.„Wurde von Hunden gehetzt wegen Baggys und Caps“, heißt es im Lied Gangsta. Im Lied I.H.R. warnen sie vor Intoleranz und Hass. Beide sprechen von sich als „Zonis“, halten es sonst aber eher spaßig. Ihr Label Phlatline bietet Nachwuchskünstlern eine Plattform, dazu gehören sie zu den Organisatoren des Splash!-Festivals.2. Reggae in sächsischer Mundart: TrettmannIm Chemnitzer Freundeskreis von Tefla & Jaleel befindet sich ein weiterer Rapper, der ebenfalls in der Platte aufwächst, dabei aber einen ganz eigenen Stil herausbildet. Stefan Richter alias Trettmann beginnt seine Karriere 2006, vermischt anfangs – noch ironisch als „Ronny“ – sächsischen Dialekt mit Reggae-Sound, entwickelt sich dann aber immer weiter.In den 2010ern wird Trettmann ein gefragter Künstler, arbeitet mit Szenegrößen wie Gzuz und Haiyti zusammen. Seine Musik ist dabei verspielt und – wie seine Fans – vielseitig, die Dancehall-, Trap- und Cloud-Rap-Einflüsse unverwechselbar.In Trettmanns Werk finden sich heute Partyhymnen, Sommerbanger – und auch eindrückliche Lieder über seine Herkunft. Im bekannten Stück Grauer Beton rappt er: „Fast hinter jeder Tür lauert ’n Abgrund / Nur damit du weißt, wo ich herkomm.“ 2024 setzt er sich im Lied NAWW mit der Armut seiner Mutter sowie Wende-Illusionen auseinander, unterstützt von der DDR-Jazzmusikerin Uschi Brüning.Im vergangenen Jahr veröffentlichte Trettmann außerdem mit dem aufstrebenden Rapper Jassin Awadallah alias Jassin aus Lutherstadt-Wittenberg den Track Nach Hause komm, in dem rassistische Gewalt thematisiert wird. „Immer wenn ich nach Hause komm‘ / Hat meine Mom ’ne neue Falte im Gesicht / Bis jetzt immer heile rausgekommen / Doch sie spiegelt meine Angst in ihrem Blick“.3. Der „Eiserne Besen“ aus Leipzig schlägt zu: Morlockk DilemmaEine andere Wurzel des Ost-Rap ist im Leipziger Plattenbauviertel Grünau zu finden. Falko Luniak kommt in den 1990ern als Jugendlicher über Graffiti zum Hip-Hop, als Morlockk Dilemma, Spitzname der „Eiserne Besen“, gewinnt er in den 2000ern als Battle-Rapper Bekanntheit. Der Sound des Journalisten ist geprägt von salvenartigen Reimen; die düsteren wie zynischen Texte handeln meist von Alkohol, Gewalt und dem molochartigen Großstadtleben. Dahinter verbirgt sich jedoch auch eine tiefere Ebene, in der die Tristesse und Abgefucktheit jener Ost-Jahre deutlich wird.Mit dem Ostberliner Rapper Julius Endler alias Hiob entsteht etwa der Track WK8/LSD, in dem beide ihr Aufwachsen zwischen Nazis, Ravern und Drogen besingen. „Keine Jugendklubs, wir hingen auf der Straße herum / Das Motto hieß: Laber mich dumm und ich schlage dich um.“ Ost-Battle-Rapper wie MC Bomber gaben an, von Dilemma geprägt worden zu sein, dazu gibt es viele Kollaborationen, etwa mit dem Berliner Duo Audio88 & Yassin.Eine besondere Zusammenarbeit findet sich außerdem 2008 im Sampler „Ansage Ost“, auf dem neben anderen auch das Marzahner Ostrap-Urgestein Hagen Stoll alias Joe Rilla zu hören ist. 4. Feministischer Rap mit Dissidenten-Erbe: SookeeIn Aufzählungen von ostdeutschen Rappern wird Nora Hantzsch alias Sookee meist nicht erwähnt. Die Musikerin ist vor allem als queere und feministische Rap-Stimme bekannt, dazu zuletzt als Kindermusikerin Sukini. Immer häufiger setzt sich die 1983 in Pasewalk geborene Hantzsch jedoch öffentlich mit ihrer Ost-Herkunft auseinander. Sookees Eltern waren in der DDR Dissidenten, nach Repressionserfahrungen können sie 1986 nach Berlin ausreisen.Ihre Geschichten hätten Sookee bis heute geprägt, schreibt sie in einem Text. „Die Enttäuschung über die autoritäre Form des Realsozialismus im trotz allem immer noch sozialistischen Herz wiegt schwer.“ Sie habe gelernt, nicht wegzuschauen, weder in der Politik noch im Rap.Hantzschs antifaschistische Haltung findet sich in vielen ihrer Lieder, besonders in Hüpfburg und Zusammenhänge. Im Song Bookings rappt sie außerdem gemeinsam mit der in Rostock geborenen Anja Käckenmeister alias Pyranja – eine weitere wichtige Ost-Rapperin.5. Bildungsbürgerproll aus Rostock: Pöbel MCMeeresluft scheint die ostdeutsche Hip-Hop-Szene generell zu beflügeln. Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen Jahren mehrere Künstler hervorgebracht, darunter Hendrik Bolz aka Testo, die Zeckenrap-Kombo Waving the Guns von Milli Dance und Dub Dylan oder das jüngere Duo Hinterlandgang, bestehend aus Pablo Himmelspach und Albert Münzberg.Textlich sticht jedoch besonders Pöbel MC hervor. Der Musiker tritt Mitte der 2010er in Erscheinung und fällt mit klugen wie humorvollen Lyrics auf. Pöbel MC, der in Physik zu Wetterprozessen promoviert hat, spielt dabei mit seiner Rolle zwischen Straße und Universität. Auftritte mit Sonnenbrille, Basecap und trainiertem Körper untermauern das ironische Image.Mit dem Lied Bildungsbürgerprolls / Patchworkwendekids spricht er vielen Ostlern aus dem Herzen, die zwar nun einen Bildungsaufstieg geschafft haben, aber immer noch prekär leben und sich durchschlagen müssen. „Bei dir wird geerbt, bei uns repariert / Eure Werte ohne Wert werden konterkariert“.