Stellen Sie sich vor, Sie liefen in dem Wissen durch Ihr Leben, dass rechte Social-Media-Accounts Filmaufnahmen ihrer eigenen Kinder im Grundschulalter verbreiten. Stellen Sie sich weiter vor, dass diese Bild- und Sprachaufnahmen ihrer Kinder zur Illustration einer Botschaft benutzt werden, die Ihren eigenen Werten – sowie den Werten der Kinder – schroff entgegensteht.

Stellen Sie sich den Gedanken daran vor, dass Ihre Kinder auf der Straße erkannt und mit einer Haltung verbunden werden könnten, die nicht die ihre ist. Und stellen Sie sich obendrein noch das Wissen darum vor, dass diese Bilder nur deshalb existieren, weil eine Institution, zu deren Finanzierung Sie obligatorische Beiträge leisten und der Sie im Grunde vertraut hatten, zur Erlangung dieser Aufnahmen in einer Art und Weise aufgetreten ist, die Sie als glatte Täuschung empfinden.

Wie wütend würde Sie das machen?

Nach der Bearbeitung des Beitrags tauchten gelöschte Bilder sofort im Internet auf

Genau so geht es derzeit mehreren Müttern und Vätern in Berlin-Neukölln, deren Kinder die Elbe-Schule besuchen. Zwar hatte der Bayerische Rundfunk nach ihren Beschwerden die Aufnahmen ihrer Kinder aus dem Beitrag Wo Islamisten Deutschland unterwandern in der Nacht zum 1. Mai herausgenommen, mit dem das Format KLAR um die umstrittene Moderatorin Julia Ruhs sein Comeback feierte. Der Freitag und anschließend auch Medien wie die Berliner Zeitung, T-Online und Welt sowie Focus hatten berichtet.

Aber auch mehrere Tage später kursieren die Aufnahmen dieser Kinder auf Portalen wie etwa Tiktok und Youtube weiterhin im Netz – verbreitet von Accounts mit einer islamophoben, rechtspopulistischen Anmutung. Auffällig ist, dass die Aufnahmen dort online gingen, nachdem der BR sie aus dem Beitrag herausgeschnitten hatte, im Falle eines islamophoben Tiktok-Accounts in einem sogar recht engen zeitlichen Zusammenhang.

Der Bayerische Rundfunk verteidigt seine Sendung weiterhin

Der BR erklärt hierzu gegenüber dem Freitag, es gebe „für eine unautorisierte Weitergabe urheberrechtlich geschützten Materials aus dem BR heraus keinerlei Anhaltspunkte“. Gegen „Spekulationen“ verwahre man sich nachdrücklich. Zwei fragliche Accounts, auf die erst der Freitag den BR aufmerksam gemacht hatte, bedienten sich offenbar „systematisch“ an Material auch anderer öffentlich-rechtlicher und privater Anstalten. Man habe bei den betreffenden Plattformen eine „urheberrechtliche Prüfung angestoßen“.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt – 5. Mai 2026 – sind die fraglichen Bilder, die hier natürlich nicht verlinkt werden, aber weiter verfügbar. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie auf anderen Accounts wieder auftauchen werden, sobald jene „urheberrechtliche Prüfung“ zu einem Löscherfolg geführt haben sollte. Die Eltern, die ihre Kinder der journalistischen Sorgfalt eines öffentlich-rechtlichen Programms anvertraut hatten, müssen vielleicht auf längere Zeit damit leben. Hat der Bayerische Rundfunk hieran wirklich gar keinen Anteil?

Die Elbe-Schule bot eine ganz andere Geschichte, als Julia Ruhs erzählen wollte

So sieht man es offenbar in München. Auch die Machart der Passage über die Elbe-Schule hat der BR gegenüber dem Freitag noch einmal ausdrücklich verteidigt. Von einer Täuschung, wie sie Schulleiterin Deniz Taner und die betroffenen Eltern empfinden, könne keine Rede sein: „Wir betonen, dass die Redaktion die Schule von Beginn an über den Fokus der Dreharbeiten informiert hat: Fasten im Ramadan als Konfliktthema auf dem Schulhof und die Bedeutung religiöser Toleranz“.

Wie genau die Anfrage an die Schule formuliert war, die laut Schulleitung telefonisch erfolgte, ist wohl nicht mehr nachzuprüfen. Auf die Berliner Schule aufmerksam geworden sein dürfte die Münchner Redaktion tatsächlich, weil es im vergangenen Jahr Berichte darüber gegeben hatte, wie die Schulleitung durch einen Elternbrief und andere Maßnahmen Konflikte um das Essen in der muslimischen Fastenzeit angegangen ist. Im Ramadan 2026 traten freilich nach Aussage von Eltern – denjenigen der gefilmten Kinder und anderer – eben diese Konflikte in der Elbe-Schule nicht mehr oder kaum noch auf.

Diesen Erfolg für gelebte Diversität wollte die Schulleitung in der Sendung erklären, und in diesem Sinne habe sie die Dreharbeiten den Eltern auch angekündigt. Doch die Redaktion von KLAR wollte offensichtlich eine andere Geschichte erzählen – und zog ihren Plot auch durch.

Optimistische Kinder wurden zu Kronzeugen eines Doom-Narrativs zurechtgestutzt

Gerade dieser Erfolgsaspekt geht aber aus dem KLAR-Bericht, der am Ende herauskam, überhaupt nicht hervor. In einer raunenden, skandalisierenden Bildsprache wird die Elbe-Schule nicht etwa als ein Ort vorgestellt, an dem es durch professionelle, dialogische und gruppendynamische Erziehungsarbeit gut gelungen ist, einen religiös-kulturellen Konflikt auf dem Schulhof zu entschärfen.

Die Schule firmiert in dem Beitrag stattdessen nur als ein weiterer Schauplatz, an dem sich die titelgebende „Unterwanderung“ Deutschlands offenbare. Es ist wirklich kaum möglich, den Auftritt der Elbe-Schule in dem Beitrag anders zu verstehen, auch in der bearbeiteten Form. Gerade so hatten auch erste Rezensionen, die an diesem Spin keine Schuld trifft, das Gesendete verstanden.

Und im Sinne eines solchen Tenors wurden die Aussagen von Kindern, die nach eigenem Bekunden in längerem Austausch mit dem Kamerateam ein durchaus positives, eher optimistisches Bild ihrer Schule gezeichnet hatten, vom Julia-Ruhs-Format als Kronzeugen eines vorgefertigten Doom-Narrativs inszeniert. Aus diesem Grund drängten die Eltern der Kinder auf die Löschung dieser Bilder. Und genau deshalb passen diese Passagen nunmehr allerlei rechten Social-Media-Ressourcen dermaßen gut in den Kram, dass sie mutmaßlich noch länger durchs Internet geistern werden.

Journalistische Sorgfalt: „Eine Stimme geben“ ist etwas anderes als „Sagen lassen“

Es ist sicherlich richtig, dass es einen „rein objektiven“ Journalismus nicht geben kann. Medien werden von Menschen gemacht, die all jene Erfahrungen und Haltungen weder ausblenden sollen noch können, die ihre Interpretationen der Welt mitbestimmen. Was es aber gibt, ist die Sorgfaltspflicht, sich von der angetroffenen Wirklichkeit gegebenenfalls auch in der Grundthese irritieren zu lassen, mit der man an die Dinge herantritt.

Das hat die KLAR-Episode an der Elbe-Schule ganz offensichtlich nicht getan. Man hat befragten Personen – darunter Kinder! – nicht etwa eine Stimme gegeben, sondern sie bloß sagen lassen, was man ohnehin zu wissen glaubte. Man kann der Meinung sein, dass konservative Positionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr zur Sprache kommen sollten. Aber in diesem konkreten Fall geht es vor allem um schlechten Journalismus.

„Das, was diese KLAR-Sendung erzählt, hat mit der Realität an unserer Schule rein gar nichts zu tun“, sagt ein Elternteil eines der Kinder, die nun von rechten Accounts durchs Netz gereicht werden, weil sich der Bayerische Rundfunk die Bilder von ihnen in einer Weise zurechtgelegt hat, die einen leichten Torschuss versprach. Wünschenswert sei, dass einmal jemand mit viel Zeit und echtem Interesse an die Schule käme und sich auf die Realität einer solchen Institution in unseren Tagen wirklich einließe. Bis dahin aber werde man mit allen anderen, die mit der Elbe-Schule zu tun haben, dafür einstehen, dass die Episode keine dauerhaften Schäden hinterlässt.

r Aufnahmen in einer Art und Weise aufgetreten ist, die Sie als glatte Täuschung empfinden.Wie wütend würde Sie das machen?Nach der Bearbeitung des Beitrags tauchten gelöschte Bilder sofort im Internet aufGenau so geht es derzeit mehreren Müttern und Vätern in Berlin-Neukölln, deren Kinder die Elbe-Schule besuchen. Zwar hatte der Bayerische Rundfunk nach ihren Beschwerden die Aufnahmen ihrer Kinder aus dem Beitrag Wo Islamisten Deutschland unterwandern in der Nacht zum 1. Mai herausgenommen, mit dem das Format KLAR um die umstrittene Moderatorin Julia Ruhs sein Comeback feierte. Der Freitag und anschließend auch Medien wie die Berliner Zeitung, T-Online und Welt sowie Focus hatten berichtet. Aber auch mehrere Tage später kursieren die Aufnahmen dieser Kinder auf Portalen wie etwa Tiktok und Youtube weiterhin im Netz – verbreitet von Accounts mit einer islamophoben, rechtspopulistischen Anmutung. Auffällig ist, dass die Aufnahmen dort online gingen, nachdem der BR sie aus dem Beitrag herausgeschnitten hatte, im Falle eines islamophoben Tiktok-Accounts in einem sogar recht engen zeitlichen Zusammenhang. Der Bayerische Rundfunk verteidigt seine Sendung weiterhinDer BR erklärt hierzu gegenüber dem Freitag, es gebe „für eine unautorisierte Weitergabe urheberrechtlich geschützten Materials aus dem BR heraus keinerlei Anhaltspunkte“. Gegen „Spekulationen“ verwahre man sich nachdrücklich. Zwei fragliche Accounts, auf die erst der Freitag den BR aufmerksam gemacht hatte, bedienten sich offenbar „systematisch“ an Material auch anderer öffentlich-rechtlicher und privater Anstalten. Man habe bei den betreffenden Plattformen eine „urheberrechtliche Prüfung angestoßen“. Bis zum jetzigen Zeitpunkt – 5. Mai 2026 – sind die fraglichen Bilder, die hier natürlich nicht verlinkt werden, aber weiter verfügbar. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie auf anderen Accounts wieder auftauchen werden, sobald jene „urheberrechtliche Prüfung“ zu einem Löscherfolg geführt haben sollte. Die Eltern, die ihre Kinder der journalistischen Sorgfalt eines öffentlich-rechtlichen Programms anvertraut hatten, müssen vielleicht auf längere Zeit damit leben. Hat der Bayerische Rundfunk hieran wirklich gar keinen Anteil? Die Elbe-Schule bot eine ganz andere Geschichte, als Julia Ruhs erzählen wollteSo sieht man es offenbar in München. Auch die Machart der Passage über die Elbe-Schule hat der BR gegenüber dem Freitag noch einmal ausdrücklich verteidigt. Von einer Täuschung, wie sie Schulleiterin Deniz Taner und die betroffenen Eltern empfinden, könne keine Rede sein: „Wir betonen, dass die Redaktion die Schule von Beginn an über den Fokus der Dreharbeiten informiert hat: Fasten im Ramadan als Konfliktthema auf dem Schulhof und die Bedeutung religiöser Toleranz“. Wie genau die Anfrage an die Schule formuliert war, die laut Schulleitung telefonisch erfolgte, ist wohl nicht mehr nachzuprüfen. Auf die Berliner Schule aufmerksam geworden sein dürfte die Münchner Redaktion tatsächlich, weil es im vergangenen Jahr Berichte darüber gegeben hatte, wie die Schulleitung durch einen Elternbrief und andere Maßnahmen Konflikte um das Essen in der muslimischen Fastenzeit angegangen ist. Im Ramadan 2026 traten freilich nach Aussage von Eltern – denjenigen der gefilmten Kinder und anderer – eben diese Konflikte in der Elbe-Schule nicht mehr oder kaum noch auf.Diesen Erfolg für gelebte Diversität wollte die Schulleitung in der Sendung erklären, und in diesem Sinne habe sie die Dreharbeiten den Eltern auch angekündigt. Doch die Redaktion von KLAR wollte offensichtlich eine andere Geschichte erzählen – und zog ihren Plot auch durch. Optimistische Kinder wurden zu Kronzeugen eines Doom-Narrativs zurechtgestutztGerade dieser Erfolgsaspekt geht aber aus dem KLAR-Bericht, der am Ende herauskam, überhaupt nicht hervor. In einer raunenden, skandalisierenden Bildsprache wird die Elbe-Schule nicht etwa als ein Ort vorgestellt, an dem es durch professionelle, dialogische und gruppendynamische Erziehungsarbeit gut gelungen ist, einen religiös-kulturellen Konflikt auf dem Schulhof zu entschärfen.Die Schule firmiert in dem Beitrag stattdessen nur als ein weiterer Schauplatz, an dem sich die titelgebende „Unterwanderung“ Deutschlands offenbare. Es ist wirklich kaum möglich, den Auftritt der Elbe-Schule in dem Beitrag anders zu verstehen, auch in der bearbeiteten Form. Gerade so hatten auch erste Rezensionen, die an diesem Spin keine Schuld trifft, das Gesendete verstanden.Und im Sinne eines solchen Tenors wurden die Aussagen von Kindern, die nach eigenem Bekunden in längerem Austausch mit dem Kamerateam ein durchaus positives, eher optimistisches Bild ihrer Schule gezeichnet hatten, vom Julia-Ruhs-Format als Kronzeugen eines vorgefertigten Doom-Narrativs inszeniert. Aus diesem Grund drängten die Eltern der Kinder auf die Löschung dieser Bilder. Und genau deshalb passen diese Passagen nunmehr allerlei rechten Social-Media-Ressourcen dermaßen gut in den Kram, dass sie mutmaßlich noch länger durchs Internet geistern werden.Journalistische Sorgfalt: „Eine Stimme geben“ ist etwas anderes als „Sagen lassen“ Es ist sicherlich richtig, dass es einen „rein objektiven“ Journalismus nicht geben kann. Medien werden von Menschen gemacht, die all jene Erfahrungen und Haltungen weder ausblenden sollen noch können, die ihre Interpretationen der Welt mitbestimmen. Was es aber gibt, ist die Sorgfaltspflicht, sich von der angetroffenen Wirklichkeit gegebenenfalls auch in der Grundthese irritieren zu lassen, mit der man an die Dinge herantritt. Das hat die KLAR-Episode an der Elbe-Schule ganz offensichtlich nicht getan. Man hat befragten Personen – darunter Kinder! – nicht etwa eine Stimme gegeben, sondern sie bloß sagen lassen, was man ohnehin zu wissen glaubte. Man kann der Meinung sein, dass konservative Positionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr zur Sprache kommen sollten. Aber in diesem konkreten Fall geht es vor allem um schlechten Journalismus.„Das, was diese KLAR-Sendung erzählt, hat mit der Realität an unserer Schule rein gar nichts zu tun“, sagt ein Elternteil eines der Kinder, die nun von rechten Accounts durchs Netz gereicht werden, weil sich der Bayerische Rundfunk die Bilder von ihnen in einer Weise zurechtgelegt hat, die einen leichten Torschuss versprach. Wünschenswert sei, dass einmal jemand mit viel Zeit und echtem Interesse an die Schule käme und sich auf die Realität einer solchen Institution in unseren Tagen wirklich einließe. Bis dahin aber werde man mit allen anderen, die mit der Elbe-Schule zu tun haben, dafür einstehen, dass die Episode keine dauerhaften Schäden hinterlässt.



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