Unser Autor beteiligte sich zum zweiten Mal an der Lieferung von Hilfsgütern in die Ukraine, auf dem Rückweg nehmen sie Flüchtende mit. Er fragt sich: Beruhigt man damit vor allem das eigene Gewissen?
Ein Roadtrip nach Lviv und zurück: Zwischen Hilfsgüterlieferung und Kriegsvertreibung
Foto: lIvy Njiokiktjien/VII/Redux/laif
Um 3.46 Uhr heult die Drohnenwarnung auf. Die schrillen Sirenentöne reißen mich aus dem Schlaf. Rund 15 Stunden haben wir zuvor in einem Kleinbus gesessen, um abwechselnd die über 900 Kilometer lange Strecke von Berlin nach Lviv zu fahren. Wir, das sind Robert, ein Osteuropahistoriker mit Schwerpunkt Holocaust, sowie die Ukrainisch sprechende Laura*, ohne deren Sprachkenntnisse unsere Mission kaum möglich wäre: Wir fahren humanitäre Hilfsgüter in das von Putin mit einem Angriffskrieg überzogene Land. Hilfsgüter, welche die Gruppe „Ukraine Solidarity Bus“, der die beiden angehören, mit Spendengeldern gekauft hat. Ich stieß dazu, als Robert erzählte, dass jemand gesucht werde, um bei den Fahrten mitzuhelfen.
Ist nicht Hilflosigkeit angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die gegenwärtig die Welt ins Verderben stürzen, ein vorherrschendes Gefühl? Ein Schiffbruch mit uns als Zuschauern, am (vorerst noch) sicheren Ufer. Das Wenige, das man konkret tun kann für Menschen, die die blutigen Konsequenzen einer indiskutablen Politik erleiden müssen, schaffe zumindest eine gewisse Abhilfe gegen die eigene Machtlosigkeit, sagte Robert. Das empfand ich ähnlich. Zugleich waren wir uns einig im Misstrauen gegen Formen des Engagements, die sich in der bequemen Haltung eines selbstgerechten Gutmenschentums gefallen. Sowie gegen Aktivisten, die den Unterschied zwischen gut und böse, falsch und richtig jederzeit zu benennen wissen.
Ich will nicht sterben, hier und jetzt, in Putins Krieg
Unschlüssig versammeln wir uns im einzigen fensterlosen Zimmer des Apartments, reichlich ratlos. Auf die Westgebiete der Ukraine hatten Informationskanäle auf Telegram einen mittelschweren Angriff vorausgesagt. Verunsichert, wie wir sind, bleiben wir in der Wohnung. Laura versucht, den Empfehlungen folgend, das Gas abzudrehen, doch das will nicht gelingen. Wir müssen hoffen, dass nicht ausgerechnet unser Haus zum Ziel einer Drohne wird. Als plötzlich ein tiefes Brummen zu hören ist und leichte, klar spürbare Vibrationen durch das Gebäude gehen, ergreift mich die Angst. Ich will nicht sterben, hier und jetzt, in Putins Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Ich kämpfe meine Furcht nieder, indem ich an die statistische Unwahrscheinlichkeit denke. Zumal sich in den folgenden Sekunden und Minuten nichts weiter tut. Nach einer Stunde erfolgt die Entwarnung, erneut durch einen in der betretenen Stille markerschütternd aufheulenden Signalton.
Nach nur wenig Restschlaf schalte ich, wie jeden Morgen, die Radionachrichten an. Russland hat die Ukraine heute Nacht erneut massiv mit Drohnen und ballistischen Raketen angegriffen, heißt es da. In Dnipro starben zwölf Menschen, während in Odessa zwei Todesopfer zu beklagen waren. Nach unserem nächtlichen Intermezzo löst diese längst schon alltägliche Meldung ein eigentümliches Schaudern in mir aus. Angesichts unserer kommoden Erfahrung mit dem Drohnenalarm ist mir nun erst recht klar, wie unmöglich man sich hineinversetzen kann in Menschen, die den menschenverachtenden Wahnsinn des Krieges und die Entbehrungen bitterkalter Winter ertragen müssen, seit Jahren. Und wie lange noch?
***
Dies ist mein zweiter Aufenthalt in Lviv. Bereits im Juli vergangenen Jahres habe ich mit Laura und Robert eine Hilfslieferung hierher gefahren. Ich war sofort verzaubert von der architektonischen Schönheit der Stadt, in der sich viel vom Charme des Habsburgerreiches erhalten hat. Leopold von Sacher-Masoch wurde 1836 hier geboren. Als lebensgroße Metallfigur erkenne ich ihn vor einem Innenstadtcafé. Kyrillische Inschriften hingegen kann ich nicht entziffern. Vermag man Schrift im öffentlichen Raum nicht mehr zu lesen, wird die Welt leicht zu einem Rätselzeichen, denke ich.
Auf dem Lytschakiwskyj-Friedhof kommen mir Tränen der Scham
Im Sommer 2025 haben wir das Marsfeld am Lytschakiwskyj-Friedhof besucht: ein über und über mit bunten Fahnen übersäter Friedhof, in dem die seit 2022 gefallenen Soldaten begraben liegen. Grab um Grab, einheitlich mit Blumen, Kreuzen und Fotos der Toten geschmückte Parzellen. Ich sah Mütter, Schwestern und Kinder, die an den frisch ausgehobenen Begräbnisstätten der Helden um ihre Angehörigen trauerten. Tief erschüttert kamen mir Tränen der Scham darüber, dass sie alle ihr Leben gegeben hatten, um nicht nur ihre Heimat, sondern zugleich uns im Westen gegen Putins Imperialismus zu verteidigen.
Viele der Gräber waren neben der blau-gelben Fahne der Ukraine zudem mit schwarz-roten Fahnen geschmückt, die auch vielfach außerhalb Lvivs zu sehen sind. Sie stehen für die Truppen des Nationalistenführers Stepan Bandera, die im Zweiten Weltkrieg in Verbund mit den Nazis die Ukraine von der Fremdherrschaft Stalins zu befreien suchten und sich dabei sowohl an antisemitischen Pogromen in Lemberg als auch an Massakern an ethnischen Polen beteiligten. Diese Identifikation mit den Schwarz-Roten ist überaus problematisch. Zugleich scheint mir der Wunsch, nun, da die Ukraine erneut von Moskau aus mit Waffengewalt unterworfen werden soll, den aktuellen Verteidigungskampf in eine Tradition zu stellen, durchaus verständlich.
Wer, wie ich, keine differenzierten Geschichtskenntnisse besitzt, wer nicht mit Auslöschung bedroht wird, sollte sich mit vorschnellen Urteilen zurückhalten. Auf die Verehrung Banderas – die, wie Robert mir erklärt, auch in der ukrainischen Armee für Spannungen sorgt – zielt jedenfalls die Putin’sche Propaganda von der „Entnazifizierung“ in Form der sogenannten militärischen Spezialoperation. Ein Narrativ, das einige Linke in Deutschland willfährig übernehmen. Was für eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Menschen in der Ukraine spricht nur aus solchen Simplifizierungen?
***
Nach einem Frühstück im nostalgischen Grand Café Leopolis am zentralen Marktplatz bringen wir unsere Fracht zur Filiale der Nova Poshta in einem südlichen Industriegebiet von Lviv. Der private Paketdienst beliefert die frontnahen Gebiete, er ist die logistische Lebensader des überfallenen Landes. Robert lädt die Kisten aus, Laura kümmert sich um die Umverpackung von Schachteln in größere Kisten, ich schichte alles auf rote Plastikpaletten. Vier mannshohe Stapel ergibt das, die an unterschiedliche Orte gehen: Für die Hauptstadt Kyjiw sind vor allem Medikamente bestimmt, nach Saporischschja schicken wir Windeln und Babynahrung. Des Weiteren Werkzeuge wie Akku-Kettensägen und Schlagbohrmaschinen, mit denen die dorthin Kriegsvertriebenen von Drohnen beschädigte Häuser reparieren.
Nach einem uns undurchsichtigen Tarif wird für die Paletten ein moderater Frachtpreis von rund 240 Euro berechnet. Warum die Kisten nicht gleich von der Berliner Filiale der Nova Poshta versenden, frage ich Robert. Er erklärt, dass die Ukraine keinen Zoll auf Hilfsgüter erhebt, wenn man sie selber einführt. Nur Stromgeneratoren können zollfrei in das in den harten Kriegswintern an seine Belastbarkeitsgrenze gelangende Land verschickt werden. Diesen Winter sandte die Hilfsgruppe um die 20 Stück, erfahre ich von Laura. Der Preis, den unsere Einfuhr insofern kostet, sind Dutzende Liter Diesel. Damit tragen wir, der Schwerkraft der Verhältnisse ausgeliefert, unseren kleinen Teil zur massiven Umweltzerstörung bei, die Putins Krieg, wie jeder bewaffnete Konflikt, immer auch bedeutet.
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Dass Magnetschilder auf Englisch wie Ukrainisch „Solidarität mit der Ukraine“ und „Humanitäre Hilfsgüter“ auf dem Kleinbus annoncieren, hilft nicht. Unsere Ausreise an der ukrainischen Grenze ist mehr Schikane denn Abfertigung. Auf den Rücksitzen des Busses sitzt nämlich eine sechsköpfige Familie mit Kindern im Alter von anderthalb bis 13 Jahren. Die Eltern sind Ende 30 und stammen aus der Gegend um Saporischschja. Sie lassen alles hinter sich, um zu Bekannten nach Mannheim zu gehen. Offenkundig wollen die Grenzbeamten auf der ukrainischen Seite uns klarmachen, dass weder die Ausreise eines wehrfähigen Mannes noch die Unterstützung durch uns Deutsche sonderlich willkommen ist. Wie auch? Die einen leisten ihren Dienst zur Verteidigung; andere setzen sich ab.
Als Kriegsdienstverweigerer ist mir klar, dass man nicht fürs Vaterland sterben möchte
Doch die Grenzbeamten haben keine Wahl: aufgrund seiner vier Kinder hat der Mann eine vorläufige Befreiung vom Wehrdienst erhalten. Daher seine Landesflucht. Als Kriegsdienstverweigerer ist mir klar, dass man nicht fürs Vaterland sterben möchte. Und als Vater kann ich verstehen, dass man seinen Sohn nicht auf dem Feld der Ehre opfern möchte. Wie handelt man richtig im Angesicht der kriegsverbrecherischen Grausamkeiten der russischen Okkupanten? Vergangenes Jahr nahmen wir auf der Rückfahrt zwei Mütter mit ihren fast volljährigen Jungen mit. Einer von ihnen wurde am darauffolgenden Tag 18 Jahre alt. Die junge Grenzschützerin auf der polnischen Seite behandelte ihn besonders unfreundlich. Die Väter dieser vor dem Wehrdienst fliehenden Jugendlichen dienten vermutlich in der Armee oder waren bereits gefallen, dachte ich mir. Die Mütter wollten ihren Söhnen dasselbe Schicksal ersparen.
Gerne wäre ich mit unseren Mitreisenden ins Gespräch gekommen, doch das scheiterte nicht nur am Sprachunterschied. Ihre große Anspannung war spürbar. Zugleich wirkten sie verschlossen. Vielleicht, da sie sich in der Position von Hilfsempfängern fühlten, die nicht zur Last fallen wollen? Ich denke mir: Unsere Fahrt bedeutet für sie eine Flucht vor dem Krieg, ihre Vertreibung aus der Heimat. Das schmerzliche Ende ihres bisherigen Lebens und ein erzwungener Aufbruch in eine unbekannte Fremde. Elf Stunden lang sitzen wir auf engstem Raum zusammen – und gehören doch unterschiedlichen Welten an. Abends liegen wir Deutschen wieder im vertrauten Berliner Bett, dürfen sicher schlafen. Nächte ohne Drohnenalarm, ohne Lebensgefahr. Nun allerdings auch für die Flüchtlingsfamilie.
***
Laura sitzt bei der letzten Etappe am Steuer. Noch rund zwei Stunden bis Berlin. Starkes Verkehrsaufkommen inzwischen, darunter viele rücksichtslose Raser, allesamt mit deutschem Kennzeichen. „Je näher man dem Westen kommt und je weiter der Krieg entfernt ist“, sagt Laura plötzlich lakonisch, „desto gewalttätiger wird der Verkehr“.
*Name wurde von der Redaktion geändert
gekauft hat. Ich stieß dazu, als Robert erzählte, dass jemand gesucht werde, um bei den Fahrten mitzuhelfen.Ist nicht Hilflosigkeit angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die gegenwärtig die Welt ins Verderben stürzen, ein vorherrschendes Gefühl? Ein Schiffbruch mit uns als Zuschauern, am (vorerst noch) sicheren Ufer. Das Wenige, das man konkret tun kann für Menschen, die die blutigen Konsequenzen einer indiskutablen Politik erleiden müssen, schaffe zumindest eine gewisse Abhilfe gegen die eigene Machtlosigkeit, sagte Robert. Das empfand ich ähnlich. Zugleich waren wir uns einig im Misstrauen gegen Formen des Engagements, die sich in der bequemen Haltung eines selbstgerechten Gutmenschentums gefallen. Sowie gegen Aktivisten, die den Unterschied zwischen gut und böse, falsch und richtig jederzeit zu benennen wissen.Ich will nicht sterben, hier und jetzt, in Putins KriegUnschlüssig versammeln wir uns im einzigen fensterlosen Zimmer des Apartments, reichlich ratlos. Auf die Westgebiete der Ukraine hatten Informationskanäle auf Telegram einen mittelschweren Angriff vorausgesagt. Verunsichert, wie wir sind, bleiben wir in der Wohnung. Laura versucht, den Empfehlungen folgend, das Gas abzudrehen, doch das will nicht gelingen. Wir müssen hoffen, dass nicht ausgerechnet unser Haus zum Ziel einer Drohne wird. Als plötzlich ein tiefes Brummen zu hören ist und leichte, klar spürbare Vibrationen durch das Gebäude gehen, ergreift mich die Angst. Ich will nicht sterben, hier und jetzt, in Putins Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Ich kämpfe meine Furcht nieder, indem ich an die statistische Unwahrscheinlichkeit denke. Zumal sich in den folgenden Sekunden und Minuten nichts weiter tut. Nach einer Stunde erfolgt die Entwarnung, erneut durch einen in der betretenen Stille markerschütternd aufheulenden Signalton.Nach nur wenig Restschlaf schalte ich, wie jeden Morgen, die Radionachrichten an. Russland hat die Ukraine heute Nacht erneut massiv mit Drohnen und ballistischen Raketen angegriffen, heißt es da. In Dnipro starben zwölf Menschen, während in Odessa zwei Todesopfer zu beklagen waren. Nach unserem nächtlichen Intermezzo löst diese längst schon alltägliche Meldung ein eigentümliches Schaudern in mir aus. Angesichts unserer kommoden Erfahrung mit dem Drohnenalarm ist mir nun erst recht klar, wie unmöglich man sich hineinversetzen kann in Menschen, die den menschenverachtenden Wahnsinn des Krieges und die Entbehrungen bitterkalter Winter ertragen müssen, seit Jahren. Und wie lange noch?***Dies ist mein zweiter Aufenthalt in Lviv. Bereits im Juli vergangenen Jahres habe ich mit Laura und Robert eine Hilfslieferung hierher gefahren. Ich war sofort verzaubert von der architektonischen Schönheit der Stadt, in der sich viel vom Charme des Habsburgerreiches erhalten hat. Leopold von Sacher-Masoch wurde 1836 hier geboren. Als lebensgroße Metallfigur erkenne ich ihn vor einem Innenstadtcafé. Kyrillische Inschriften hingegen kann ich nicht entziffern. Vermag man Schrift im öffentlichen Raum nicht mehr zu lesen, wird die Welt leicht zu einem Rätselzeichen, denke ich.Auf dem Lytschakiwskyj-Friedhof kommen mir Tränen der SchamIm Sommer 2025 haben wir das Marsfeld am Lytschakiwskyj-Friedhof besucht: ein über und über mit bunten Fahnen übersäter Friedhof, in dem die seit 2022 gefallenen Soldaten begraben liegen. Grab um Grab, einheitlich mit Blumen, Kreuzen und Fotos der Toten geschmückte Parzellen. Ich sah Mütter, Schwestern und Kinder, die an den frisch ausgehobenen Begräbnisstätten der Helden um ihre Angehörigen trauerten. Tief erschüttert kamen mir Tränen der Scham darüber, dass sie alle ihr Leben gegeben hatten, um nicht nur ihre Heimat, sondern zugleich uns im Westen gegen Putins Imperialismus zu verteidigen.Viele der Gräber waren neben der blau-gelben Fahne der Ukraine zudem mit schwarz-roten Fahnen geschmückt, die auch vielfach außerhalb Lvivs zu sehen sind. Sie stehen für die Truppen des Nationalistenführers Stepan Bandera, die im Zweiten Weltkrieg in Verbund mit den Nazis die Ukraine von der Fremdherrschaft Stalins zu befreien suchten und sich dabei sowohl an antisemitischen Pogromen in Lemberg als auch an Massakern an ethnischen Polen beteiligten. Diese Identifikation mit den Schwarz-Roten ist überaus problematisch. Zugleich scheint mir der Wunsch, nun, da die Ukraine erneut von Moskau aus mit Waffengewalt unterworfen werden soll, den aktuellen Verteidigungskampf in eine Tradition zu stellen, durchaus verständlich.Wer, wie ich, keine differenzierten Geschichtskenntnisse besitzt, wer nicht mit Auslöschung bedroht wird, sollte sich mit vorschnellen Urteilen zurückhalten. Auf die Verehrung Banderas – die, wie Robert mir erklärt, auch in der ukrainischen Armee für Spannungen sorgt – zielt jedenfalls die Putin’sche Propaganda von der „Entnazifizierung“ in Form der sogenannten militärischen Spezialoperation. Ein Narrativ, das einige Linke in Deutschland willfährig übernehmen. Was für eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Menschen in der Ukraine spricht nur aus solchen Simplifizierungen?***Nach einem Frühstück im nostalgischen Grand Café Leopolis am zentralen Marktplatz bringen wir unsere Fracht zur Filiale der Nova Poshta in einem südlichen Industriegebiet von Lviv. Der private Paketdienst beliefert die frontnahen Gebiete, er ist die logistische Lebensader des überfallenen Landes. Robert lädt die Kisten aus, Laura kümmert sich um die Umverpackung von Schachteln in größere Kisten, ich schichte alles auf rote Plastikpaletten. Vier mannshohe Stapel ergibt das, die an unterschiedliche Orte gehen: Für die Hauptstadt Kyjiw sind vor allem Medikamente bestimmt, nach Saporischschja schicken wir Windeln und Babynahrung. Des Weiteren Werkzeuge wie Akku-Kettensägen und Schlagbohrmaschinen, mit denen die dorthin Kriegsvertriebenen von Drohnen beschädigte Häuser reparieren.Nach einem uns undurchsichtigen Tarif wird für die Paletten ein moderater Frachtpreis von rund 240 Euro berechnet. Warum die Kisten nicht gleich von der Berliner Filiale der Nova Poshta versenden, frage ich Robert. Er erklärt, dass die Ukraine keinen Zoll auf Hilfsgüter erhebt, wenn man sie selber einführt. Nur Stromgeneratoren können zollfrei in das in den harten Kriegswintern an seine Belastbarkeitsgrenze gelangende Land verschickt werden. Diesen Winter sandte die Hilfsgruppe um die 20 Stück, erfahre ich von Laura. Der Preis, den unsere Einfuhr insofern kostet, sind Dutzende Liter Diesel. Damit tragen wir, der Schwerkraft der Verhältnisse ausgeliefert, unseren kleinen Teil zur massiven Umweltzerstörung bei, die Putins Krieg, wie jeder bewaffnete Konflikt, immer auch bedeutet.Placeholder image-1Dass Magnetschilder auf Englisch wie Ukrainisch „Solidarität mit der Ukraine“ und „Humanitäre Hilfsgüter“ auf dem Kleinbus annoncieren, hilft nicht. Unsere Ausreise an der ukrainischen Grenze ist mehr Schikane denn Abfertigung. Auf den Rücksitzen des Busses sitzt nämlich eine sechsköpfige Familie mit Kindern im Alter von anderthalb bis 13 Jahren. Die Eltern sind Ende 30 und stammen aus der Gegend um Saporischschja. Sie lassen alles hinter sich, um zu Bekannten nach Mannheim zu gehen. Offenkundig wollen die Grenzbeamten auf der ukrainischen Seite uns klarmachen, dass weder die Ausreise eines wehrfähigen Mannes noch die Unterstützung durch uns Deutsche sonderlich willkommen ist. Wie auch? Die einen leisten ihren Dienst zur Verteidigung; andere setzen sich ab.Als Kriegsdienstverweigerer ist mir klar, dass man nicht fürs Vaterland sterben möchteDoch die Grenzbeamten haben keine Wahl: aufgrund seiner vier Kinder hat der Mann eine vorläufige Befreiung vom Wehrdienst erhalten. Daher seine Landesflucht. Als Kriegsdienstverweigerer ist mir klar, dass man nicht fürs Vaterland sterben möchte. Und als Vater kann ich verstehen, dass man seinen Sohn nicht auf dem Feld der Ehre opfern möchte. Wie handelt man richtig im Angesicht der kriegsverbrecherischen Grausamkeiten der russischen Okkupanten? Vergangenes Jahr nahmen wir auf der Rückfahrt zwei Mütter mit ihren fast volljährigen Jungen mit. Einer von ihnen wurde am darauffolgenden Tag 18 Jahre alt. Die junge Grenzschützerin auf der polnischen Seite behandelte ihn besonders unfreundlich. Die Väter dieser vor dem Wehrdienst fliehenden Jugendlichen dienten vermutlich in der Armee oder waren bereits gefallen, dachte ich mir. Die Mütter wollten ihren Söhnen dasselbe Schicksal ersparen.Gerne wäre ich mit unseren Mitreisenden ins Gespräch gekommen, doch das scheiterte nicht nur am Sprachunterschied. Ihre große Anspannung war spürbar. Zugleich wirkten sie verschlossen. Vielleicht, da sie sich in der Position von Hilfsempfängern fühlten, die nicht zur Last fallen wollen? Ich denke mir: Unsere Fahrt bedeutet für sie eine Flucht vor dem Krieg, ihre Vertreibung aus der Heimat. Das schmerzliche Ende ihres bisherigen Lebens und ein erzwungener Aufbruch in eine unbekannte Fremde. Elf Stunden lang sitzen wir auf engstem Raum zusammen – und gehören doch unterschiedlichen Welten an. Abends liegen wir Deutschen wieder im vertrauten Berliner Bett, dürfen sicher schlafen. Nächte ohne Drohnenalarm, ohne Lebensgefahr. Nun allerdings auch für die Flüchtlingsfamilie.***Laura sitzt bei der letzten Etappe am Steuer. Noch rund zwei Stunden bis Berlin. Starkes Verkehrsaufkommen inzwischen, darunter viele rücksichtslose Raser, allesamt mit deutschem Kennzeichen. „Je näher man dem Westen kommt und je weiter der Krieg entfernt ist“, sagt Laura plötzlich lakonisch, „desto gewalttätiger wird der Verkehr“.