Russell Crowe als Hermann Göring im Film „Nürnberg“ ist finster wie charismatisch. Seine Co-Stars und der Regisseur erklären, wie sie sich dem Bösen genähert haben
Russel Crowe mimt als Herrmann Göring in „Nürnberg“ einen finsteren und charismatischen Nationalsozialisten
Foto: Scott Garfield / Sony Pictures
Unter den Nazis, die während der Nürnberger Prozesse in den Jahren 1945 und 1946 vor Gericht standen, war auch Adolf Hitlers Stellvertreter Hermann Göring. Weniger bekannt ist die Rolle des US-amerikanischen Psychiaters Douglas Kelley, der Göring und 21 weitere hohe Nazi-Funktionäre im Vorfeld der Prozesse mehr als 80 Stunden lang befragte und begutachtete.
Der US-amerikanische Autor Jack El-Hai hat in seinem 2013 erschienenem Buch The Nazi and the Psychiatrist (Der Nazi und der Psychiater) beschrieben, dass Kelley von Göring fasziniert war. Den Psychiater verfolgte die Erkenntnis, dass die Gräueltaten der Nazis nicht auf jene Zeit und jenen Ort oder jene Menschen beschränkt waren, sondern überall geschehen könnten. An dieser Erkenntnis zerbrach Kelley letztlich und daran, was er als die Weigerung der Welt ansah, ihr Beachtung zu schenken.
US-Filmemacher James Vanderbilt thematisierte schon im Drehbuch für David Finchers rätselhaftes Serienmörder-Drama Zodiac einen realen Fall eines Experten, der durch sein Streben nach der Wahrheit innerlich zerfressen wurde. Für seinen neuen Film Nürnberg, bei dem er für Drehbuch und Regie verantwortlich ist, verwendete er The Nazi and the Psychiatrist als Vorlage.
Russell Crowe spielt den eitlen, charismatischen Göring, Rami Malek stellt Kelley dar und Michael Shannon den Richter am Obersten Gerichtshof der USA, Robert Jackson. Dieser war nicht nur maßgeblich an der Vorbereitung der Prozesse beteiligt, sondern stand im Gerichtssaal Göring direkt gegenüber.
Rami Malek wollte an das Böse glauben
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Für Malek bot sich durch die Rolle die Gelegenheit, seine Vorstellungen vom Bösen zu überdenken. Das Thema beschäftigt ihn schon seit seiner Rolle als Safin – der Mann, der im Film No Time to Die keine Geringeren als James Bond tötete. „Als ich einen Bond-Bösewicht spielte, sagte ich mir immer: ‚Er ist ein böser Mensch.‘ Dann begann ich, das zu hinterfragen.“
Er wollte an das Böse glauben, sagt er, doch sein Mitgefühl stand ihm immer wieder im Weg. „Die Banalität des Ganzen hat mich ebenso erschüttert wie Douglas Kelley. Es muss für ihn sehr verstörend gewesen sein, zu wissen, dass so etwas jederzeit und unter jedem politischen Regime passieren kann und nicht auf eine Gruppe von Leuten in jener Zeit beschränkt war. Wir sehen jetzt und werden auch weiterhin sehen, dass Grausamkeiten innerhalb weniger Augenblicke mit voller Wucht und Heftigkeit ausbrechen können. Manchmal liegt es daran, dass wir bereit sind, davor die Augen zu verschließen.“
Vanderbilt erkannte in dem Stoff eine Art Das Schweigen der Lämmer-Qualität, in der Kelley in einen verführerischen Tanz mit einem Psychopathen hineingezogen wird. „Eines der faszinierenden Dinge an Göring war, dass er witzig, gesellig und charmant war“, sagt der Filmemacher. „Er liebte Frau und Kind – was ihn für mich noch furchterregender macht. Er war nicht Darth Vader, wissen Sie? Aber er war machtbesessen und hatte kein Problem damit, dass andere Menschen litten, solange er diese Macht nur aufrechterhalten konnte.“
„Nürnberg“ und „The Zone of Interest“
Shannon beobachtete das mitreißende Charisma seines Co-Stars in der Rolle: „Russell hat den Hinweis, dass Göring ein charmanter Mann war, wirklich verinnerlicht“, erzählt er. „Einige der Darsteller, die die anderen Mitglieder des Nazi-Oberkommandos spielten, hatten nicht einmal Text, aber er gab ihnen immer das Gefühl, eine Gruppe zu sein. Sie kamen gemeinsam herein und sangen Lieder, mit Russell als Anführer.“
Crowe war seit 2019 für den Film verpflichtet, und Vanderbilt hatte zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre daran gearbeitet. Doch noch bevor die Dreharbeiten begannen, erschien ein weiterer Holocaust-Film, der einen radikal neuen Ansatz zu dem Thema verfolgte: Jonathan Glazers Oscar-prämierter Film The Zone of Interest, der größtenteils in dem Haus und Garten neben dem Konzentrationslager Auschwitz spielt. Darin werden die Schrecken zwar hörbar gemacht und angedeutet, aber niemals gezeigt.
„Ich habe The Zone of Interest gesehen, als wir uns in der Vorproduktionsphase befanden“, erinnert sich Vanderbilt. „Es ist ein großartiger Film. Mir hat die Perspektive sehr gefallen.“ Wie sehr hat er sich Gedanken darüber gemacht, dass der traditionellere Nürnberg dadurch altmodisch oder gar überholt wirken könnte?
„Ich glaube, es gibt Platz für unterschiedliche Herangehensweisen“, sagt er. „Unser Film ist etwas klassischer. Ein Freund von mir bezeichnet eine bestimmte Art von Filmen – und The Zone of Interest gehört nicht dazu – als ‚Spinatfilme‘. Du weißt schon: Du musst dein Gemüse essen, deine Hausaufgaben machen, deine Medizin nehmen. Ich habe hart daran gearbeitet, dass Nürnberg nicht so wirkt.“
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Michael Shannon: „Der Film sollte Pflichtprogramm sein“
Derweil ist Shannon der Meinung, dass das Publikum sich den Film Nürnberg ansehen sollte. „Er sollte Pflichtprogramm sein“, erklärte er. „Jeder sollte den Film gesehen haben und jeder sollte darüber nachdenken, was passiert ist, weil es eine enorme Relevanz dafür hat, was heute passiert. Aber darüber hinaus ist es ein Stück Unterhaltung. „Und das ist schon etwas Seltsames: aus einem so ernsten Thema ein Unterhaltungswerk zu machen. Es ist ein Film im großen, altmodischen Sinne des Wortes.“
Auch er bewundert The Zone of Interest. „Der Film versetzt das Publikum in eine Lage, in der es sich vorstellen muss, was es nicht sehen kann“, erklärt er. „Da hat man die Zuschauer wirklich in den Bann gezogen.“ Doch während Glazers Film so gut wie nichts zeigt, schlägt Nürnberg den entgegengesetzten Weg ein: Er enthält einen fünfminütigen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilmmaterial über die Konzentrationslager, das während der Prozesse gezeigt wurde.
Die Dreharbeiten zu der Szene, in der dies vor Gericht abgespielt wird, bereiteten Shannon Unbehagen. „Während ich gefilmt wurde, wie ich mir das Material ansah, fühlte ich mich sehr unwohl bei dem Gedanken, sozusagen ‚zu schauspielern‘. Ich wollte nicht, dass die Kamera auf mich gerichtet ist. Irgendetwas daran kam mir irgendwie entweihend vor. Trotzdem verstehe ich, warum es im Film ist. Man wird aber bemerken, dass ich das Filmmaterial vorstelle, und dann wird nicht wieder auf mich zurückgeschnitten. Ich glaube, das spiegelt wider, wie unwohl ich mich gefühlt habe. Sie haben wahrscheinlich gesagt: ‚Zeigen wir Shannon nicht nochmal. Er sieht merkwürdig aus.‘”
James Vanderbilt bestreitet, bewusst auf MAGA angespielt zu haben
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Als ich das Vanderbilt erzähle, lacht er und bestreitet dergleichen. „Michael war brillant. Und wir sollen uns bei der Arbeit ja nicht immer wohlfühlen, oder? Ich habe die Darsteller gebeten, sich das Filmmaterial aus den Lagern vor den Dreharbeiten nicht anzusehen, weil ich wollte, dass sie am Drehtag unvoreingenommen sind. Wir haben einen Projektor mitgebracht. Wir hatten 300 Statisten im Gerichtssaal. Ich ging hinein und sagte: ‚Das wird ein harter Tag, aber ich halte ihn für sehr wichtig für die Geschichte, die wir erzählen.‘ Wir legten eine Schweigeminute ein, dann lief der Film. Ich will nicht sagen, dass keine schauspielerische Leistung erforderlich war, aber man sieht viele echte Emotionen in den Gesichtern.“
Mit einem Thema möchte sich der Filmemacher offenbar weniger intensiv auseinandersetzen. Das ist die Frage, was es bedeutet, Nürnberg in einer Welt zu veröffentlichen, in der faschistische Ideen zunehmend zum Mainstream und sogar entkriminalisiert werden. Es ist eine Welt, in der einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt in der Öffentlichkeit etwas zeigen kann, das wie ein faschistischer Gruß aussieht, und dennoch weiterhin hoch bezahlt wird.
Ein Großteil der Dialoge in Nürnberg ist in unserer heutigen Zeit aktuell, nicht zuletzt der Moment, in dem Göring bewundernd über Hitler sagt, er habe „uns wieder das Gefühl gegeben, Deutsche zu sein“. Vanderbilt bestreitet, dass dies absichtlich an einen neueren politischen Slogan aus den USA anknüpft. „Ich habe diese Zeile 2014 geschrieben“, betont er.
Das mag sein. Aber er hat sich auch dafür entschieden, sie im Drehbuch zu belassen, selbst als die Maga-Bewegung nicht nur Anhänger, sondern auch allgegenwärtige Präsenz gewonnen hatte. „Sicher. Sehen Sie, ich verstehe den Wunsch, das mit der heutigen Zeit in Verbindung zu bringen. Und ich sage nicht, dass man das nicht tun sollte. Ich versuche nicht, vage zu bleiben. Ich denke nur, dass jedes gute Drama uns etwas darüber sagt, wo wir gerade stehen.“
Die Gefahr lauert außerhalb des Films
Es ist verständlich, dass Vanderbilt die Anhänger von US-Präsident Donald Trump nicht davon abhalten möchte, seinen Film zu sehen. Malek hingegen ist weniger zurückhaltend. „‚Hitler hat uns wieder das Gefühl gegeben, Deutsche zu sein‘ ist ein eindringlicher Satz, der in seiner Einfachheit erschütternd ist“, sagt er. „Und es erinnert sehr an einen Satz, den wir heute hören und der (im Englischen, Anm. d. Red.) auch mit ‚wieder‘ endet“. Auffällig ist, dass er den MAGA-Slogan, auf den er sich bezieht, nicht wiederholt. Allerdings: „Ich denke, jeder, der Ihre Zeitung liest, wird genau wissen, was ich meine.“
Shannon geht sogar noch weiter. „Die Gefahr lauert außerhalb dieses Films“, sagt er ernst, als ich ihn frage, ob es nicht ein Spiel mit dem Feuer sei, Göring so viel Leinwandzeit einzuräumen. „Die Gefahr umgibt uns überall. Wir verfallen diesem Charme. Das wird wohl unser Untergang sein. Wir lassen uns lieber unterhalten, als dass man sich um uns kümmert. Das ist wirklich tragisch.“
Die Erfahrung, heute in den USA zu leben, empfindet er als schrecklich: „Amerika ist im Moment ein Albtraum. Das Land ist geistig krank. Es braucht Hilfe. Es scheint gleichermaßen von Größenwahn und Selbsthass geprägt zu sein. Es wird von Tag zu Tag düsterer. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine solche Fehlfunktion gesehen. Es ist wirklich peinlich.“
Am Ende zeigt der Film, wie Kelley dafür gerügt wird, dass er bei der Werbekampagne für sein Buch über die Nazis die USA kritisiert hat. Vielleicht werden sich auch die PR-Leute von „Nürnberg“ die Haare raufen, wenn sie Shannons Äußerungen hören. „Jeder, der an der weltweiten Vermarktung und dem Verkauf dieses Films beteiligt ist, ist sicher entsetzt über das, was ich in diesem Interview gesagt habe“, stimmt er zu. „Aber das ist mir ziemlich egal.“
jene Zeit und jenen Ort oder jene Menschen beschränkt waren, sondern überall geschehen könnten. An dieser Erkenntnis zerbrach Kelley letztlich und daran, was er als die Weigerung der Welt ansah, ihr Beachtung zu schenken.US-Filmemacher James Vanderbilt thematisierte schon im Drehbuch für David Finchers rätselhaftes Serienmörder-Drama Zodiac einen realen Fall eines Experten, der durch sein Streben nach der Wahrheit innerlich zerfressen wurde. Für seinen neuen Film Nürnberg, bei dem er für Drehbuch und Regie verantwortlich ist, verwendete er The Nazi and the Psychiatrist als Vorlage.Russell Crowe spielt den eitlen, charismatischen Göring, Rami Malek stellt Kelley dar und Michael Shannon den Richter am Obersten Gerichtshof der USA, Robert Jackson. Dieser war nicht nur maßgeblich an der Vorbereitung der Prozesse beteiligt, sondern stand im Gerichtssaal Göring direkt gegenüber.Rami Malek wollte an das Böse glaubenPlaceholder image-1Für Malek bot sich durch die Rolle die Gelegenheit, seine Vorstellungen vom Bösen zu überdenken. Das Thema beschäftigt ihn schon seit seiner Rolle als Safin – der Mann, der im Film No Time to Die keine Geringeren als James Bond tötete. „Als ich einen Bond-Bösewicht spielte, sagte ich mir immer: ‚Er ist ein böser Mensch.‘ Dann begann ich, das zu hinterfragen.“Er wollte an das Böse glauben, sagt er, doch sein Mitgefühl stand ihm immer wieder im Weg. „Die Banalität des Ganzen hat mich ebenso erschüttert wie Douglas Kelley. Es muss für ihn sehr verstörend gewesen sein, zu wissen, dass so etwas jederzeit und unter jedem politischen Regime passieren kann und nicht auf eine Gruppe von Leuten in jener Zeit beschränkt war. Wir sehen jetzt und werden auch weiterhin sehen, dass Grausamkeiten innerhalb weniger Augenblicke mit voller Wucht und Heftigkeit ausbrechen können. Manchmal liegt es daran, dass wir bereit sind, davor die Augen zu verschließen.“Vanderbilt erkannte in dem Stoff eine Art Das Schweigen der Lämmer-Qualität, in der Kelley in einen verführerischen Tanz mit einem Psychopathen hineingezogen wird. „Eines der faszinierenden Dinge an Göring war, dass er witzig, gesellig und charmant war“, sagt der Filmemacher. „Er liebte Frau und Kind – was ihn für mich noch furchterregender macht. Er war nicht Darth Vader, wissen Sie? Aber er war machtbesessen und hatte kein Problem damit, dass andere Menschen litten, solange er diese Macht nur aufrechterhalten konnte.“„Nürnberg“ und „The Zone of Interest“Shannon beobachtete das mitreißende Charisma seines Co-Stars in der Rolle: „Russell hat den Hinweis, dass Göring ein charmanter Mann war, wirklich verinnerlicht“, erzählt er. „Einige der Darsteller, die die anderen Mitglieder des Nazi-Oberkommandos spielten, hatten nicht einmal Text, aber er gab ihnen immer das Gefühl, eine Gruppe zu sein. Sie kamen gemeinsam herein und sangen Lieder, mit Russell als Anführer.“Crowe war seit 2019 für den Film verpflichtet, und Vanderbilt hatte zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre daran gearbeitet. Doch noch bevor die Dreharbeiten begannen, erschien ein weiterer Holocaust-Film, der einen radikal neuen Ansatz zu dem Thema verfolgte: Jonathan Glazers Oscar-prämierter Film The Zone of Interest, der größtenteils in dem Haus und Garten neben dem Konzentrationslager Auschwitz spielt. Darin werden die Schrecken zwar hörbar gemacht und angedeutet, aber niemals gezeigt.„Ich habe The Zone of Interest gesehen, als wir uns in der Vorproduktionsphase befanden“, erinnert sich Vanderbilt. „Es ist ein großartiger Film. Mir hat die Perspektive sehr gefallen.“ Wie sehr hat er sich Gedanken darüber gemacht, dass der traditionellere Nürnberg dadurch altmodisch oder gar überholt wirken könnte?„Ich glaube, es gibt Platz für unterschiedliche Herangehensweisen“, sagt er. „Unser Film ist etwas klassischer. Ein Freund von mir bezeichnet eine bestimmte Art von Filmen – und The Zone of Interest gehört nicht dazu – als ‚Spinatfilme‘. Du weißt schon: Du musst dein Gemüse essen, deine Hausaufgaben machen, deine Medizin nehmen. Ich habe hart daran gearbeitet, dass Nürnberg nicht so wirkt.“Placeholder image-2Michael Shannon: „Der Film sollte Pflichtprogramm sein“Derweil ist Shannon der Meinung, dass das Publikum sich den Film Nürnberg ansehen sollte. „Er sollte Pflichtprogramm sein“, erklärte er. „Jeder sollte den Film gesehen haben und jeder sollte darüber nachdenken, was passiert ist, weil es eine enorme Relevanz dafür hat, was heute passiert. Aber darüber hinaus ist es ein Stück Unterhaltung. „Und das ist schon etwas Seltsames: aus einem so ernsten Thema ein Unterhaltungswerk zu machen. Es ist ein Film im großen, altmodischen Sinne des Wortes.“Auch er bewundert The Zone of Interest. „Der Film versetzt das Publikum in eine Lage, in der es sich vorstellen muss, was es nicht sehen kann“, erklärt er. „Da hat man die Zuschauer wirklich in den Bann gezogen.“ Doch während Glazers Film so gut wie nichts zeigt, schlägt Nürnberg den entgegengesetzten Weg ein: Er enthält einen fünfminütigen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilmmaterial über die Konzentrationslager, das während der Prozesse gezeigt wurde.Die Dreharbeiten zu der Szene, in der dies vor Gericht abgespielt wird, bereiteten Shannon Unbehagen. „Während ich gefilmt wurde, wie ich mir das Material ansah, fühlte ich mich sehr unwohl bei dem Gedanken, sozusagen ‚zu schauspielern‘. Ich wollte nicht, dass die Kamera auf mich gerichtet ist. Irgendetwas daran kam mir irgendwie entweihend vor. Trotzdem verstehe ich, warum es im Film ist. Man wird aber bemerken, dass ich das Filmmaterial vorstelle, und dann wird nicht wieder auf mich zurückgeschnitten. Ich glaube, das spiegelt wider, wie unwohl ich mich gefühlt habe. Sie haben wahrscheinlich gesagt: ‚Zeigen wir Shannon nicht nochmal. Er sieht merkwürdig aus.‘”James Vanderbilt bestreitet, bewusst auf MAGA angespielt zu habenPlaceholder image-3Als ich das Vanderbilt erzähle, lacht er und bestreitet dergleichen. „Michael war brillant. Und wir sollen uns bei der Arbeit ja nicht immer wohlfühlen, oder? Ich habe die Darsteller gebeten, sich das Filmmaterial aus den Lagern vor den Dreharbeiten nicht anzusehen, weil ich wollte, dass sie am Drehtag unvoreingenommen sind. Wir haben einen Projektor mitgebracht. Wir hatten 300 Statisten im Gerichtssaal. Ich ging hinein und sagte: ‚Das wird ein harter Tag, aber ich halte ihn für sehr wichtig für die Geschichte, die wir erzählen.‘ Wir legten eine Schweigeminute ein, dann lief der Film. Ich will nicht sagen, dass keine schauspielerische Leistung erforderlich war, aber man sieht viele echte Emotionen in den Gesichtern.“Mit einem Thema möchte sich der Filmemacher offenbar weniger intensiv auseinandersetzen. Das ist die Frage, was es bedeutet, Nürnberg in einer Welt zu veröffentlichen, in der faschistische Ideen zunehmend zum Mainstream und sogar entkriminalisiert werden. Es ist eine Welt, in der einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt in der Öffentlichkeit etwas zeigen kann, das wie ein faschistischer Gruß aussieht, und dennoch weiterhin hoch bezahlt wird.Ein Großteil der Dialoge in Nürnberg ist in unserer heutigen Zeit aktuell, nicht zuletzt der Moment, in dem Göring bewundernd über Hitler sagt, er habe „uns wieder das Gefühl gegeben, Deutsche zu sein“. Vanderbilt bestreitet, dass dies absichtlich an einen neueren politischen Slogan aus den USA anknüpft. „Ich habe diese Zeile 2014 geschrieben“, betont er.Das mag sein. Aber er hat sich auch dafür entschieden, sie im Drehbuch zu belassen, selbst als die Maga-Bewegung nicht nur Anhänger, sondern auch allgegenwärtige Präsenz gewonnen hatte. „Sicher. Sehen Sie, ich verstehe den Wunsch, das mit der heutigen Zeit in Verbindung zu bringen. Und ich sage nicht, dass man das nicht tun sollte. Ich versuche nicht, vage zu bleiben. Ich denke nur, dass jedes gute Drama uns etwas darüber sagt, wo wir gerade stehen.“Die Gefahr lauert außerhalb des FilmsEs ist verständlich, dass Vanderbilt die Anhänger von US-Präsident Donald Trump nicht davon abhalten möchte, seinen Film zu sehen. Malek hingegen ist weniger zurückhaltend. „‚Hitler hat uns wieder das Gefühl gegeben, Deutsche zu sein‘ ist ein eindringlicher Satz, der in seiner Einfachheit erschütternd ist“, sagt er. „Und es erinnert sehr an einen Satz, den wir heute hören und der (im Englischen, Anm. d. Red.) auch mit ‚wieder‘ endet“. Auffällig ist, dass er den MAGA-Slogan, auf den er sich bezieht, nicht wiederholt. Allerdings: „Ich denke, jeder, der Ihre Zeitung liest, wird genau wissen, was ich meine.“Shannon geht sogar noch weiter. „Die Gefahr lauert außerhalb dieses Films“, sagt er ernst, als ich ihn frage, ob es nicht ein Spiel mit dem Feuer sei, Göring so viel Leinwandzeit einzuräumen. „Die Gefahr umgibt uns überall. Wir verfallen diesem Charme. Das wird wohl unser Untergang sein. Wir lassen uns lieber unterhalten, als dass man sich um uns kümmert. Das ist wirklich tragisch.“Die Erfahrung, heute in den USA zu leben, empfindet er als schrecklich: „Amerika ist im Moment ein Albtraum. Das Land ist geistig krank. Es braucht Hilfe. Es scheint gleichermaßen von Größenwahn und Selbsthass geprägt zu sein. Es wird von Tag zu Tag düsterer. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine solche Fehlfunktion gesehen. Es ist wirklich peinlich.“Am Ende zeigt der Film, wie Kelley dafür gerügt wird, dass er bei der Werbekampagne für sein Buch über die Nazis die USA kritisiert hat. Vielleicht werden sich auch die PR-Leute von „Nürnberg“ die Haare raufen, wenn sie Shannons Äußerungen hören. „Jeder, der an der weltweiten Vermarktung und dem Verkauf dieses Films beteiligt ist, ist sicher entsetzt über das, was ich in diesem Interview gesagt habe“, stimmt er zu. „Aber das ist mir ziemlich egal.“