Als nach den ersten Pilotfolgen des neuen ARD-Reportagemagazins Klar im vergangenen Jahr massive Kritik an Moderatorin Julia Ruhs und der suggestiven Machart der Sendung geäußert wurde, beschäftigte sich auch der Programmausschuss des Bayerischen Rundfunks mit dem von BR und NDR gemeinsam verantworteten Programm.

Ruhs sei eine junge, aufstrebende Journalistin, der es vielleicht noch ein wenig an Erfahrung mangele, hieß es damals von Senderseite. Um dem abzuhelfen und auch journalistisch nachzulegen, sollten der Moderatorin in Zukunft gestandene Redakteure zur Seite gestellt werden.

Die gibt es mittlerweile. Doch auch die erste Klar-Sendung mit Julia Ruhs in diesem Jahr wird wieder sowohl den Programmausschuss wie den Rundfunkrat beschäftigen. Nicht zuletzt wegen der vom Freitag aufgedeckten problematischen Interviews mit Schüler*innen und Schulleitung der Elbe-Grundschule in Berlin-Neukölln hat jetzt der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland Programmbeschwerde gegen die Klar-Folge „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“ erhoben.

Der Islamrat richtet sich gegen die pauschalisierende, antimuslimische Wirkung des Beitrags

„Der Beitrag ist einseitig, alarmistisch und gesellschaftlich gefährlich“, erklärt Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrats. Die Beschwerde richte sich nicht gegen die Berichterstattung über Extremismus, sondern gegen die pauschalisierende, antimuslimische Wirkung, die der Beitrag entfalte, so Kesici.

Gleich zu Beginn erzählt im – nach Protesten von Eltern und Schulleitung der Elbe-Schule bearbeiteten – Klar-Beitrag ein ehemaliger Realschullehrer aus Bonn, wie ihn nach religionsaufklärerischem Unterricht in der nächsten Stunde an der Tafel die Aufschrift „Auch dich kriegt der IS“ erwartete. Und schon hier zeigt sich der Unterschied zum Klar-Ansatz des NDR.

Das Magazin, mit dem die ARD einen „unverstellten Blick auf die wichtigen und kontroversen Themen unserer Zeit“ bieten will, wie es in der ARD-Mediathek heißt, gibt es seit diesem Jahr nämlich gleich zweimal. Einmal vom BR mit Julia Ruhs und einmal vom Norddeutschen Rundfunk. Dort heißt die Moderatorin aber Tanit Koch.

Der norddeutsche Sender hatte nach den im vergangenen Jahr ausgestrahlten drei Pilotsendungen wegen der Kritik von außen und massiven internen Protesten die Moderatorin Julia Ruhs zurück zu ihrem Heimatsender BR geschickt. Ruhs hatte dem NDR daraufhin vorgeworfen, „weniger Meinungsvielfalt auszuhalten“ als der BR, und gesagt, für den NDR fange „die Rechtsradikalität wahrscheinlich schon an, wenn man beispielsweise sagt, man findet Positionen von Friedrich Merz gut“.

Tanit Koch moderiert für den NDR, Julia Ruhs für den BR

Mehrere Politiker der Union und die AfD hatten darauf einen Shitstorm gegen den NDR losgetreten. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sagte sogar seinen Besuch der Amtseinführung des neuen NDR-Intendanten Hendrik Lünneborg ab und trat demonstrativ bei einer Buchvorstellung von Julia Ruhs auf.

2026 läuft Klar nun sechsmal, jeweils abwechselnd verantwortet von BR und NDR. Im Norden moderiert aber jetzt die ehemalige Bild-Chefredakteurin Tanit Koch das Magazin, mit dem die ARD bei konservativeren Zielgruppen punkten möchte. Die erste Sendung vom 16. April über Gewalt gegen die Polizei überzeugte durch einen differenzierten Ansatz, der auch Zwischentöne und Einordnungen zuließ.

Ruhs und der BR bleiben dagegen beim alten Konzept von Klar samt latent panischem Sendungstitel („Wo Islamisten Deutschland unterwandern“). „Extremisten misshandeln Frauen“, „Demonstrationen werden von Israel-Leugnern unterwandert“: All das stimmt, wie auch die präsentierten Fakten. Die Folgerungen daraus sind ersichtlich. Mit Zwischentönen und Differenzierungen sieht es allerdings schwieriger aus.

Doch Klar gefällt sich hier nach wie vor ganz überwiegend in alarmistischer Bestandsaufnahme. „Eins vorneweg“, sagt Ruhs: „Auch der Islam ist in Deutschland von der Religionsfreiheit geschützt.“ Eher am Rande taucht auf, dass die allermeisten Muslime vermutlich nichts mit radikalen Islamisten und Salafisten am Hut haben.

Nabelschau in Neukölln

„Kann diese Ideologie zur Gefahr für unsere Gesellschaft werden?“, fragt Klar eher mal rhetorisch und suggeriert ein wohlig-schauderndes „Natürlich!“. Doch eine fundiert-differenzierte Antwort bleiben Klar wie Julia Ruhs schuldig. Zwar wird auszugsweise darüber informiert, wen welcher Verfassungsschutz beobachtet und als Verdachtsfall einstuft.

Doch weit mehr Raum nimmt die Nabelschau in Berlin-Neukölln ein, wo sich Klar von einer Expertin durch den Kiez führen lässt: Gülden Hennemann ist kompetent und versucht, zu differenzieren. Doch dank der Dramaturgie und Machart der Folge – Julia Ruhs setzt mit später in der Redaktion aufgenommenen Zwischenmoderationen immer noch eins drauf – bleibt eher die plakative Aussage von Ruhs stehen.

So verkommt die Reportage immer mehr zur Investigativ-Folklore: „Wir von ‚Klar‘ gehen auf Spurensuche, tauchen ein in versteckte Ecken von Neukölln, filmen mit versteckter Kamera“, raunt der Off-Kommentar. Um dann frei verkäufliche Schals, deren Motive den Terrorangriff der Hamas auf Israel feiern oder den Staat Israel nicht auf einer Landkarte des Nahen Ostens zeigen, zu entdecken. „Zwischen religiösen Büchern stehen auch welche, die islamistisches Gedankengut verbreiten“, lautet eine weitere, nicht ganz so tiefschürfende Erkenntnis in einem Buchladen.

Beeindruckend dagegen sind die Aufnahmen vor allem junger Menschen, die sich in einer Klar-Straßenumfrage für das religiöse Rechtssystem der Scharia anstelle deutscher Gesetze aussprechen. Oder die knappen Informationen, dass sich islamistische Organisationen durch die Vergabe von Halal-Siegeln für Nahrungsmittel (vor allem Fleisch- und Wurstprodukte) eine einträgliche Finanzierungsquelle erschlossen haben.

Doch es fehlt weiterhin so ziemlich jeglicher Hintergrund. Der BR scheut bei seinem Klar die Komplexität. Es gibt beispielsweise keine Informationen darüber, wie die Vergabe der Halal-Siegel geregelt ist und was andere muslimische Organisationen zu diesem offensichtlichen Missbrauch sagen.

Öffentlich-rechtlicher Irrweg?

Dass sich viele junge Muslime erst in Deutschland radikalisieren, wird geschildert und ist belegt. Doch nach den Ursachen wird nicht gefragt. Klar suggeriert, dass diese Gruppe mit Deutschland nichts zu tun hat. Was im übertragenen Sinne das Problem ja tatsächlich ziemlich gut umreißt – hier aber nicht gemeint ist.

So wird auch Hanna Hansen als wichtige islamistische Influencerin präsentiert. Doch es fehlt jede Einordnung, dass es sich hier um eine deutsche D-Jane und frühere Kickboxerin handelt und ihr Lebensweg vermutlich alles andere als prototypisch ist. All das spielt keine Rolle. Sondern nur die plakative Aussage. Immerhin ist Julia Ruhs‘ Moderationsstil in dieser Ausgabe von Klar weniger überheblich als in den Pilotfolgen von 2025 („Wir sagen, was schiefläuft“), aber immer noch ziemlich belehrend-altklug.

Während sich Klar vom NDR in der ersten Ausgabe als differenziertes Reportagemagazin präsentiert, bedienen Julia Ruhs und der BR weiter „klar“ den Boulevard. Was die grundsätzliche Frage aufwirft, ob es überhaupt Sinn macht, in der ARD auf Biegen und Brechen ein die vermeintlich verletzte konservative Volksseele streichelndes Format durchzuboxen. Oder ob dies nicht journalistisch wie öffentlich-rechtlich ein Irrweg ist. Gut, auch diese Frage ist rein rhetorisch. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Erkenntnis irgendwann auch in München durchsetzt.

gibt es mittlerweile. Doch auch die erste Klar-Sendung mit Julia Ruhs in diesem Jahr wird wieder sowohl den Programmausschuss wie den Rundfunkrat beschäftigen. Nicht zuletzt wegen der vom Freitag aufgedeckten problematischen Interviews mit Schüler*innen und Schulleitung der Elbe-Grundschule in Berlin-Neukölln hat jetzt der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland Programmbeschwerde gegen die Klar-Folge „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“ erhoben.Der Islamrat richtet sich gegen die pauschalisierende, antimuslimische Wirkung des Beitrags„Der Beitrag ist einseitig, alarmistisch und gesellschaftlich gefährlich“, erklärt Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrats. Die Beschwerde richte sich nicht gegen die Berichterstattung über Extremismus, sondern gegen die pauschalisierende, antimuslimische Wirkung, die der Beitrag entfalte, so Kesici.Gleich zu Beginn erzählt im – nach Protesten von Eltern und Schulleitung der Elbe-Schule bearbeiteten – Klar-Beitrag ein ehemaliger Realschullehrer aus Bonn, wie ihn nach religionsaufklärerischem Unterricht in der nächsten Stunde an der Tafel die Aufschrift „Auch dich kriegt der IS“ erwartete. Und schon hier zeigt sich der Unterschied zum Klar-Ansatz des NDR.Das Magazin, mit dem die ARD einen „unverstellten Blick auf die wichtigen und kontroversen Themen unserer Zeit“ bieten will, wie es in der ARD-Mediathek heißt, gibt es seit diesem Jahr nämlich gleich zweimal. Einmal vom BR mit Julia Ruhs und einmal vom Norddeutschen Rundfunk. Dort heißt die Moderatorin aber Tanit Koch.Der norddeutsche Sender hatte nach den im vergangenen Jahr ausgestrahlten drei Pilotsendungen wegen der Kritik von außen und massiven internen Protesten die Moderatorin Julia Ruhs zurück zu ihrem Heimatsender BR geschickt. Ruhs hatte dem NDR daraufhin vorgeworfen, „weniger Meinungsvielfalt auszuhalten“ als der BR, und gesagt, für den NDR fange „die Rechtsradikalität wahrscheinlich schon an, wenn man beispielsweise sagt, man findet Positionen von Friedrich Merz gut“.Tanit Koch moderiert für den NDR, Julia Ruhs für den BRMehrere Politiker der Union und die AfD hatten darauf einen Shitstorm gegen den NDR losgetreten. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sagte sogar seinen Besuch der Amtseinführung des neuen NDR-Intendanten Hendrik Lünneborg ab und trat demonstrativ bei einer Buchvorstellung von Julia Ruhs auf.2026 läuft Klar nun sechsmal, jeweils abwechselnd verantwortet von BR und NDR. Im Norden moderiert aber jetzt die ehemalige Bild-Chefredakteurin Tanit Koch das Magazin, mit dem die ARD bei konservativeren Zielgruppen punkten möchte. Die erste Sendung vom 16. April über Gewalt gegen die Polizei überzeugte durch einen differenzierten Ansatz, der auch Zwischentöne und Einordnungen zuließ.Ruhs und der BR bleiben dagegen beim alten Konzept von Klar samt latent panischem Sendungstitel („Wo Islamisten Deutschland unterwandern“). „Extremisten misshandeln Frauen“, „Demonstrationen werden von Israel-Leugnern unterwandert“: All das stimmt, wie auch die präsentierten Fakten. Die Folgerungen daraus sind ersichtlich. Mit Zwischentönen und Differenzierungen sieht es allerdings schwieriger aus. Doch Klar gefällt sich hier nach wie vor ganz überwiegend in alarmistischer Bestandsaufnahme. „Eins vorneweg“, sagt Ruhs: „Auch der Islam ist in Deutschland von der Religionsfreiheit geschützt.“ Eher am Rande taucht auf, dass die allermeisten Muslime vermutlich nichts mit radikalen Islamisten und Salafisten am Hut haben.Nabelschau in Neukölln„Kann diese Ideologie zur Gefahr für unsere Gesellschaft werden?“, fragt Klar eher mal rhetorisch und suggeriert ein wohlig-schauderndes „Natürlich!“. Doch eine fundiert-differenzierte Antwort bleiben Klar wie Julia Ruhs schuldig. Zwar wird auszugsweise darüber informiert, wen welcher Verfassungsschutz beobachtet und als Verdachtsfall einstuft.Doch weit mehr Raum nimmt die Nabelschau in Berlin-Neukölln ein, wo sich Klar von einer Expertin durch den Kiez führen lässt: Gülden Hennemann ist kompetent und versucht, zu differenzieren. Doch dank der Dramaturgie und Machart der Folge – Julia Ruhs setzt mit später in der Redaktion aufgenommenen Zwischenmoderationen immer noch eins drauf – bleibt eher die plakative Aussage von Ruhs stehen.So verkommt die Reportage immer mehr zur Investigativ-Folklore: „Wir von ‚Klar‘ gehen auf Spurensuche, tauchen ein in versteckte Ecken von Neukölln, filmen mit versteckter Kamera“, raunt der Off-Kommentar. Um dann frei verkäufliche Schals, deren Motive den Terrorangriff der Hamas auf Israel feiern oder den Staat Israel nicht auf einer Landkarte des Nahen Ostens zeigen, zu entdecken. „Zwischen religiösen Büchern stehen auch welche, die islamistisches Gedankengut verbreiten“, lautet eine weitere, nicht ganz so tiefschürfende Erkenntnis in einem Buchladen.Beeindruckend dagegen sind die Aufnahmen vor allem junger Menschen, die sich in einer Klar-Straßenumfrage für das religiöse Rechtssystem der Scharia anstelle deutscher Gesetze aussprechen. Oder die knappen Informationen, dass sich islamistische Organisationen durch die Vergabe von Halal-Siegeln für Nahrungsmittel (vor allem Fleisch- und Wurstprodukte) eine einträgliche Finanzierungsquelle erschlossen haben.Doch es fehlt weiterhin so ziemlich jeglicher Hintergrund. Der BR scheut bei seinem Klar die Komplexität. Es gibt beispielsweise keine Informationen darüber, wie die Vergabe der Halal-Siegel geregelt ist und was andere muslimische Organisationen zu diesem offensichtlichen Missbrauch sagen.Öffentlich-rechtlicher Irrweg?Dass sich viele junge Muslime erst in Deutschland radikalisieren, wird geschildert und ist belegt. Doch nach den Ursachen wird nicht gefragt. Klar suggeriert, dass diese Gruppe mit Deutschland nichts zu tun hat. Was im übertragenen Sinne das Problem ja tatsächlich ziemlich gut umreißt – hier aber nicht gemeint ist.So wird auch Hanna Hansen als wichtige islamistische Influencerin präsentiert. Doch es fehlt jede Einordnung, dass es sich hier um eine deutsche D-Jane und frühere Kickboxerin handelt und ihr Lebensweg vermutlich alles andere als prototypisch ist. All das spielt keine Rolle. Sondern nur die plakative Aussage. Immerhin ist Julia Ruhs‘ Moderationsstil in dieser Ausgabe von Klar weniger überheblich als in den Pilotfolgen von 2025 („Wir sagen, was schiefläuft“), aber immer noch ziemlich belehrend-altklug.Während sich Klar vom NDR in der ersten Ausgabe als differenziertes Reportagemagazin präsentiert, bedienen Julia Ruhs und der BR weiter „klar“ den Boulevard. Was die grundsätzliche Frage aufwirft, ob es überhaupt Sinn macht, in der ARD auf Biegen und Brechen ein die vermeintlich verletzte konservative Volksseele streichelndes Format durchzuboxen. Oder ob dies nicht journalistisch wie öffentlich-rechtlich ein Irrweg ist. Gut, auch diese Frage ist rein rhetorisch. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Erkenntnis irgendwann auch in München durchsetzt.



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