Als „Luftkampf-System der Zukunft“ gestartet, steht das deutsch-französische FCAS-Projekt offenbar vor dem Aus. Ein Führungsstreit zwischen den beteiligten Rüstungsunternehmen Dassault und Airbus sowie unterschiedliche Anforderungen an ein Kampfflugzeug der neuen Generation haben das ambitionierte 100-Milliarden-Euro-Vorhaben immer unwahrscheinlicher werden lassen.

Von den Regierungen in Berlin und Paris eingesetzte Vermittler konnten zuletzt offenbar keine Einigung erzielen. Ein Überblick:

FCAS – vernetztes Luftkampfsystem

Die Abkürzung FCAS steht für Future Combat Air System. Zu diesem Luftkampfsystem der Zukunft sollen auch Drohnen und neuartige Kommunikationssysteme gehören.

Geplant war es als Rückgrat der deutsch-französischen Luftverteidigung ab den 2040er Jahren. Ein mit Tarnkappentechnik ausgestatteter Kampfjet sollte bei der deutschen Luftwaffe langfristig den Eurofighter Tycoon und bei den französischen Luftstreitkräften das Kampfflugzeug Rafale ablösen. Dabei sollte der Kampfjet von Drohnen begleitet werden, die über eine Datenwolke miteinander verbunden sind.

F-35A Kampfjet (Archiv)

Foto: via dts Nachrichtenagentur

Die bisherigen Etappen des Projekts

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten das Vorhaben bei einem deutsch-französischen Ministerrat 2017 auf den Weg gebracht. Zwei Jahre später gab Spanien seine Beteiligung bekannt. Belgien hat seit 2023 eine Art Beobachterstatus.

Eigentlich hätte 2026 die zweite Phase des Vorhabens beginnen sollen, um bis 2029 ein flugfähiges Modell zu entwickeln. Die beteiligten Unternehmen streiten jedoch seit langem über Zuständigkeiten und Führungsansprüche.

Dassault-Konzern will bestimmen

Nach den bisherigen Vereinbarungen sollen sich Frankreich, Deutschland und Spanien jeweils zu einem Drittel an der Entwicklung von FCAS beteiligen. Federführend in Frankreich ist Dassault Aviation, in Deutschland Airbus und in Spanien Indra.

Dassault-Chef Eric Trappier pocht für sein Unternehmen auf eine Führungsrolle bei FCAS und auf einen deutlich höheren Anteil an der Entwicklung. Er verweist unter anderem auf die Erfahrungen seines Konzerns beim Bau von Kampfjets, die Airbus als ziviler Flugzeugbauer nicht habe. Dies würde jedoch die bislang ausgehandelte Aufgabenverteilung durcheinander bringen.

Für die französische Luftwaffe gelten andere Anforderungen als für die deutsche. So sollen französische Jets auch auf einem Flugzeugträger landen oder Atomwaffen tragen können.

Die deutsche Luftwaffe braucht hingegen eher ein schnelles Jagdflugzeug. Immer wahrscheinlicher ist daher inzwischen, dass Deutschland und Frankreich jeweils einen eigenen Kampfjet auf Grundlage einer gemeinsamen Plattform entwickeln. Verteidigungspolitiker halten dies militärisch für sinnvoll.

Welche Position vertreten Merz und Macron?

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte lange auf die ursprünglichen Verabredungen mit Frankreich und Spanien im Hinblick auf FCAS gepocht. Im vergangenen Februar stellte der Kanzler das Projekt jedoch erstmals offen in Frage.

In einem Interview verwies er auf die unterschiedlichen Anforderungen an ein modernes Kampfflugzeug. Paris wolle nur ein Flugzeug bauen, das auf seine Bedürfnisse ausgerichtet ist. „Wenn wir das nicht lösen können, dann können wir das Projekt nicht aufrechterhalten“, sagte Merz.

Noch gibt es keine Einigung zwischen Merz und Macron auf das Luftkampfsystem FCAS. (Archivbild)

Noch gibt es keine Einigung zwischen Merz und Macron auf das Luftkampfsystem FCAS. (Archivbild)

Foto: Ebrahim Noroozi/Pool AP/dpa

Der französische Präsident erklärte nach den Merz-Äußerungen im Februar, „dem Erfolg von FCAS verpflichtet“ zu bleiben.

„Angesichts der strategischen Herausforderungen für unser Europa wäre es unverständlich, wenn industrielle Differenzen nicht überwunden werden könnten“, betonte Macron. Zuvor hatte der Präsident aber ein Scheitern des Projekts ebenfalls nicht ausgeschlossen.

Was hat die Vermittlungsmission ergeben?

Im Streit um die Führungsrolle bei FCAS beauftragten die Regierungen in Berlin und Paris Ende März zwei Rüstungsmanager, noch einen Lösungsversuch zu unternehmen. Offizielle Angaben zum Ergebnis gibt es noch nicht.

Die französische Seite soll laut „Handelsblatt“ vor einem Wahlsieg des Rassemblement National bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr gewarnt haben.

Der RN wollen kooperative Rüstungsprogramme beenden, sollten sie an die Macht kommen. Auch soll Frankreich erneut mit einem Aus des gemeinsamen Panzerprojekts MGCS gedroht haben, falls FCAS nicht fortgeführt wird.

Der für die Luftwaffe zuständige Berichterstatter der Unionsfraktion, Volker Mayer-Lay (CDU), sagte, mit der „jetzt zum Ende kommenden Mediation wurden alle Optionen ausgeschöpft“. Sollte die Vermittlung kein tragfähiges Ergebnis bringen, sei „FCAS in seiner bisherigen Ausgestaltung gescheitert“.

Welche Alternativen gibt es?

Airbus ist nach Informationen aus Industriekreisen bereit, einen eigenen Kampfjet zu entwickeln. Denkbar ist auch, dass sich Deutschland bei der Entwicklung eines solchen Kampfjets mit Schweden zusammentut.

Großbritannien, Italien und Japan wollen ihrerseits unter dem Namen GCAP (Global Combat Air Programme) oder Tempest einen neuen Tarnkappen-Bomber entwickeln.

Dieser soll die japanischen F-2-Kampfflugzeuge sowie die britischen und italienischen Eurofighter ersetzen. Deutschland könnte sich diesem Projekt anschließen. Da das Projekt jedoch schon weit gehend abgestimmt ist, ist fraglich, welchen Einfluss Deutschland noch nehmen könnte.  (afp/red)



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