Als ich die ersten drei Absätze gelesen hatte, dachte ich noch – das ist ein Missverständnis, das kann nicht sein. Ich hoffe, dass ich etwas falsch verstehe. Dass sich mein langjähriger Arbeitgeber, der „Focus“, den Burda einst als konservatives Gegenmodell zum „Spiegel“ startete, nicht völlig in die Reihe der linken Kulturkrieger eingereiht hat. Doch die Hoffnung war vergeblich. In dem Artikel mit dem Titel „Nach Aha-Erlebnis hörte Ruth auf, ihre Kinder zu erziehen“ wird im „Focus“ unter dem Titel ganz offen zum Beenden von Erziehung aufgerufen.

Dabei ist der Aufhänger banal: Als ihrem dreijährigen Kind ein Missgeschick passiert – der Junge hatte etwas zerbrochen oder verschüttet, sie weiß selbst nicht mehr, welches, log er sie an. Sein Gesicht – „schiere, pure, blanke Angst“ – habe sie nie vergessen, so die Soziologin Ruth Abraham, um die es in dem Artikel geht: „Das war der Moment, in dem ich realisiert habe, dass ich die Beziehung zu meinem Kind kaputt mache, wenn mein Kind noch nicht mal zugeben kann, dass ihm etwas runtergefallen ist – weil es solche Angst hat vor mir“.

Die Schlussfolgerung von Abraham war nicht etwa, die Stellschrauben in der Erziehung zu regulieren, sich zu fragen, wo sie vielleicht nachbessern könnte. Nein, ihre Schlussfolgerung war frei von jeder Ambiguität – also der Fähigkeit, Zwischentöne zuzulassen statt alles Schwarz-Weiß zu sehen: „Erziehung ist eine Gemeinheit.“

Weiter sagt Abraham im Gespräch mit dem Magazin: „Ich habe das erste Mal realisiert, dass wir auf eine Art und Weise mit Kindern umgehen, die Gewalt total normalisiert. Und das wäre mit keiner anderen Bevölkerungsgruppe in irgendeiner Form in Ordnung.“

„Erziehung ist diskriminierend“: Abraham auf YouTube

Zuerst dachte ich, sie redet von prügelnden Eltern. Klar, das ist nicht gut. Aber weit gefehlt. Abraham sieht offenbar jede Form von Autorität als Gewalt: „Die Idee, dass ich mein Kind erst verändern, also erziehen muss, damit es gut und richtig ist – dass ich es beeinflussen muss, damit es sich so verhält, wie ich das möchte – das ist Gewalt. Und mir wurde bewusst, dass ich mit dieser Erziehung das Vertrauensverhältnis zwischen meinem Kind und mir gefährde.“

Wie bitte? Beeinflussen, damit es sich so verhält, wie ich das möchte – das ist Gewalt? Dann ist jede Sozialisation Gewalt. Jedes „nicht auf die Straße laufen“, jedes „sag Bitte“, jedes „wir essen jetzt gemeinsam“ – Gewalt. Mit dieser Logik ist Elternschaft per definitionem ein Verbrechen. Man fragt sich, was Abraham eigentlich meint, wenn sie sagt, sie setze ihre Macht auf das „Minimum“ reduziert ein, „um körperliche und psychische Unversehrtheit zu bewahren.“ Ab welchem Punkt genau endet die Würdeverletzung und beginnt der Straßenverkehr? Und wer entscheidet das – der Dreijährige?

„Die Einstellung, dass die Erwachsenen bestimmen, wo es langgeht, stellte Abraham nun in Frage. Ihre Elternschaft sollte von nun an im Einklang mit ihren Werten sein.“