In Berlin versammeln sich trotz Regen hunderte Menschen, um ein Zeichen gegen patriarchale Gewalt zu setzen. Betroffene, Aktivisten und Unterstützer fordern ein Umdenken – vor allem von Männern selbst
Rage against the Man-chine ist wichtig – aber wie folgt auch etwas daraus?
Foto: Panama Pictures / Imago
Während die Tradition zum Muttertag meist aus dem Verschenken von Blumen oder – noch sexistischer – aus der Abnahme der Hausarbeit für einen Tag besteht, sieht es am Vatertag/Herrentag meist anders aus: Männergruppen ziehen mit Bollerwagen voller Alkohol durch die Städte, um sich ohne Kontrolle durch ihre Frauen so richtig zu besaufen. Häufig geht das einher mit Lärm, Vermüllung, aggressivem Verhalten und sexueller Belästigung im öffentlichen Raum.
Zumindest am Brandenburger Tor in Berlin soll es an diesem 14. Mai anders laufen. Hunderte Menschen sind unter strömenden Regen zu einer Kundgebung der Initiative „Männer gegen Gewalt“ gekommen. Männer verschiedenen Alters sowie einige Frauen und Familien stehen um eine kleine Bühne und versuchen sich mit Funktionsjacken und Schirmen vor dem stürmischen Wetter zu schützen. Dutzende haben sich unter das Brandenburger Tor gestellt. „Die Welt braucht mehr Mut von Männern gegen patriarchale Gewalt“, steht auf einem Schild.
Wenn Vaterschaft 20 Jahre Terror bedeutet
Auf der Bühne spricht Battal, ein Musiker und Opfer häuslicher Gewalt. Er schildert, wie sein Vater ihn und seine Mutter mehr als 20 Jahre lang terrorisiert hat. „Mein Zuhause war keine Sicherheit, mein Zuhause war Kriegsgebiet“, sagt er. „Meine Mutter hat sich immer wieder zwischen die Fäuste meines Vaters und mich gestellt.“ Jeden Tag habe er in Alarmbereitschaft verbringen müssen. „Häusliche Gewalt ist keine Privatsache!“, ruft er aus und nimmt die Umstehenden in Verantwortung. Millionen Menschen würden genau in diesem Augenblick in Angst leben. Die Kundgebungsteilnehmer*innen sind von seinen Worten bewegt.
Battal weist auch auf die strukturelle Ebene von häuslicher Gewalt hin. „Wenn Jugendämter geschlossen werden, wenn Familiengerichte Fälle ablehnen oder Polizisten Frauen nicht schützen, macht sich der Staat zum Mittäter.“ Sein eigener Vater sei trotz der massiven Gewalt nur zu vier Jahren Bewährung verurteilt worden. Aber auch Friedrich Merz gäbe ein Armutszeugnis, wenn er misogyne Gewalt einzig Migranten anlaste und zeitgleich Hilfsstrukturen unterfinanziere. „Merz, wo sind die Milliarden für die Frauenhäuser?“ Die Menge applaudiert.
Umdenken ist notwendig – und muss von Männern ausgehen
Was es den Initiatoren der Kundgebung zufolge braucht, ist ein generelles gesellschaftliches Umdenken – und eines, das gerade von den Männern ausgeht. Miro Marsicevic von „Männer gegen Gewalt“ betont gegenüber dem Freitag, dass Gewalt gegen Queers und Frauen fast immer von Männern ausgeht: „Bei sexualisierter Gewalt sind 99 Prozent der Tatverdächtigen Männer und mehr als 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Es ist ein Männerproblem!“
Die Frage nach dem Handeln von Männern angesichts der weitverbreiteten Gewalt gegen Frauen kam jüngst wieder im Zuge der Vorwürfe der digitalisierten Gewalt von der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen auf. Fernandes rief zur Teilnahme an der Demonstration auf und fragte: „Männer wo seid ihr?“ Masicevic stimmt ihr zu: „Männer haben zu diesem Thema bisher oft geschwiegen und weggeschaut. Das muss sich ändern!“
Die Demonstration an Himmelfahrt ist damit auch ein Zeichen von Männern, sich an die Seite von Frauen zu stellen, die bereits seit Jahrzehnten gegen männliche Gewalt kämpfen. Deshalb sind verschiedene feministische Initiativen wie „Nur Ja heißt Ja“ und politische Stimmen wie Aurel Mertz und Daniela Sepehri Teil des Programms. Aber auch Betroffene wie Bartal kommen zu Wort.
Demonstrant: „Die Scham muss die Seite wechseln“
Was sagen die Männer auf der Kundgebung? „Wir haben zu lange weggesehen und geschwiegen“, kommentiert Ian, ein 67-Jähriger mit roter Jacke, Bart und Regenschirm. Was er genau meine? „Sexismus, Gewalt, Patriarchat“. Was er von der Kundgebung mitnehme für sein eigenes Leben? „Ich höre zu, nicht nur auf dieser Demonstration, sondern auch den Frauen in meinem privaten Umfeld.“ Er habe dabei gelernt, dass viele Baustellen keine Einzelfälle seien, sondern auf strukturelle Probleme verweisen.
Ein paar Meter daneben steht Linus, ein 29-Jähriger mit schwarzer Regenjacke. „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagt er zur Begründung, warum er heute hier ist. Was er meint? „Sexualisierte Gewalt geht großteils von Männern aus – sie müssen sich dafür schämen“. Linus fordert den Ausbau von Strukturen für den Opferschutz. Was er selber ändern wolle? „Nicht nur abwarten, ich will von mir aus aktiv werden und mich einbringen, mich mit dem Problem auseinandersetzen“.
Auch feministische Männer sind gemeint
Wieder ein paar Meter weiter steht ein Pärchen unter einem Regenschirm, die 38-jährige Lara und der 42- jährige Jonas. „Schade mit dem Wetter, aber trotzdem toll, dass so viele gekommen sind“, meint Lara. Sie habe Sorge gehabt, dass es eine performative Veranstaltung wird, also Männer sich vor allem als aufgeklärt und feministisch inszenieren. Ob dies hier zutreffe, könne sie noch nicht sagen. „Ich finde es blöd, wenn es sich nur in Empörung erschöpft“, sagt Jonas. Es brauche konkrete Folgen – beide fanden etwa gut, dass es in Solidarität mit Collien Fernandes eine Unterschriftenpetition gibt, zehn Forderungen an die Bundesregierung, mittlerweile von mehr als 330.000 Menschen unterschrieben.
Und was beide für ihre persönlichen Leben von der Kundgebung mitnehmen? Kurzes Schweigen. „Meine männlichen Freunde versuchen, feministisch zu sein, da gibt es keine sichtbaren Fälle von Gewalt“, sagt Jonas. Es sei für linke Männer aber wichtig, außerhalb der eigenen Blasen aktiv zu werden und den Mund aufzumachen. „Bei unangebrachtem Verhalten, aber beispielsweise auch auf der Arbeit, wenn Frauen weniger verdienen als Männer“, so Jonas.
Lara grummelt. „Mh, einerseits habe ich mir ja Jonas ausgesucht, weil er anders ist, gleichzeitig finde ich es aber auch schwierig, dass er sich gar nicht von der Kundgebung angesprochen fühlt.“ Gerade beim Fall Fernandes habe auch er Bemerkungen gebracht, die bei ihnen zu Diskussionen geführt hätten. Dass sich etwas ändern muss, steht für beide außer Frage.
Zuhören, Einschreiten, Reformen
Die Initiative solidarisiert sich ausdrücklich mit bereits bestehenden feministischen Forderungen wie dem, Präventions- und Schutzangebote vor männlicher Gewalt zu stärken, der Einführung von „Nur Ja heißt Ja“ ins Sexualstrafrecht und dem Verbot sexualisierter Deepfakes. Masicevic fordert außerdem, dass Männer sich dabei auch gegenseitig in Verantwortung nehmen und „bei inakzeptablen Verhalten einschreiten“.
Auf der Bühne spielt derweil die Künstlerin Goldie 333. Sie singt: „Ich mach Therapie, die hättest du gebraucht / Ich mach alles, was du mir nie zugetraut hast“. Viele jubeln auf der Kundgebung. Die Musikerin weiter: „Wann… ändert sich das, ich geh crashed out / Weil jedes Mal alle wegschauen / Sie bleiben still und im background / Oder sind selbst auch am cat callen“.
Auf die Passivität der Männer weist auch Battal, das Opfer häuslicher Gewalt, in seiner Rede hin: „Es reicht nicht, nur heute kein Arschloch zu sein – es ist unsere Verantwortung, das Schweigen zu brechen.“ Als die Sonne langsam aufklart, kommen immer weitere Menschen zur Kundgebung – laut Veranstaltern zum Schluss 3500.
n stehen um eine kleine Bühne und versuchen sich mit Funktionsjacken und Schirmen vor dem stürmischen Wetter zu schützen. Dutzende haben sich unter das Brandenburger Tor gestellt. „Die Welt braucht mehr Mut von Männern gegen patriarchale Gewalt“, steht auf einem Schild. Wenn Vaterschaft 20 Jahre Terror bedeutetAuf der Bühne spricht Battal, ein Musiker und Opfer häuslicher Gewalt. Er schildert, wie sein Vater ihn und seine Mutter mehr als 20 Jahre lang terrorisiert hat. „Mein Zuhause war keine Sicherheit, mein Zuhause war Kriegsgebiet“, sagt er. „Meine Mutter hat sich immer wieder zwischen die Fäuste meines Vaters und mich gestellt.“ Jeden Tag habe er in Alarmbereitschaft verbringen müssen. „Häusliche Gewalt ist keine Privatsache!“, ruft er aus und nimmt die Umstehenden in Verantwortung. Millionen Menschen würden genau in diesem Augenblick in Angst leben. Die Kundgebungsteilnehmer*innen sind von seinen Worten bewegt.Battal weist auch auf die strukturelle Ebene von häuslicher Gewalt hin. „Wenn Jugendämter geschlossen werden, wenn Familiengerichte Fälle ablehnen oder Polizisten Frauen nicht schützen, macht sich der Staat zum Mittäter.“ Sein eigener Vater sei trotz der massiven Gewalt nur zu vier Jahren Bewährung verurteilt worden. Aber auch Friedrich Merz gäbe ein Armutszeugnis, wenn er misogyne Gewalt einzig Migranten anlaste und zeitgleich Hilfsstrukturen unterfinanziere. „Merz, wo sind die Milliarden für die Frauenhäuser?“ Die Menge applaudiert.Umdenken ist notwendig – und muss von Männern ausgehenWas es den Initiatoren der Kundgebung zufolge braucht, ist ein generelles gesellschaftliches Umdenken – und eines, das gerade von den Männern ausgeht. Miro Marsicevic von „Männer gegen Gewalt“ betont gegenüber dem Freitag, dass Gewalt gegen Queers und Frauen fast immer von Männern ausgeht: „Bei sexualisierter Gewalt sind 99 Prozent der Tatverdächtigen Männer und mehr als 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Es ist ein Männerproblem!“Die Frage nach dem Handeln von Männern angesichts der weitverbreiteten Gewalt gegen Frauen kam jüngst wieder im Zuge der Vorwürfe der digitalisierten Gewalt von der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen auf. Fernandes rief zur Teilnahme an der Demonstration auf und fragte: „Männer wo seid ihr?“ Masicevic stimmt ihr zu: „Männer haben zu diesem Thema bisher oft geschwiegen und weggeschaut. Das muss sich ändern!“Die Demonstration an Himmelfahrt ist damit auch ein Zeichen von Männern, sich an die Seite von Frauen zu stellen, die bereits seit Jahrzehnten gegen männliche Gewalt kämpfen. Deshalb sind verschiedene feministische Initiativen wie „Nur Ja heißt Ja“ und politische Stimmen wie Aurel Mertz und Daniela Sepehri Teil des Programms. Aber auch Betroffene wie Bartal kommen zu Wort.Demonstrant: „Die Scham muss die Seite wechseln“Was sagen die Männer auf der Kundgebung? „Wir haben zu lange weggesehen und geschwiegen“, kommentiert Ian, ein 67-Jähriger mit roter Jacke, Bart und Regenschirm. Was er genau meine? „Sexismus, Gewalt, Patriarchat“. Was er von der Kundgebung mitnehme für sein eigenes Leben? „Ich höre zu, nicht nur auf dieser Demonstration, sondern auch den Frauen in meinem privaten Umfeld.“ Er habe dabei gelernt, dass viele Baustellen keine Einzelfälle seien, sondern auf strukturelle Probleme verweisen.Ein paar Meter daneben steht Linus, ein 29-Jähriger mit schwarzer Regenjacke. „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagt er zur Begründung, warum er heute hier ist. Was er meint? „Sexualisierte Gewalt geht großteils von Männern aus – sie müssen sich dafür schämen“. Linus fordert den Ausbau von Strukturen für den Opferschutz. Was er selber ändern wolle? „Nicht nur abwarten, ich will von mir aus aktiv werden und mich einbringen, mich mit dem Problem auseinandersetzen“.Auch feministische Männer sind gemeintWieder ein paar Meter weiter steht ein Pärchen unter einem Regenschirm, die 38-jährige Lara und der 42- jährige Jonas. „Schade mit dem Wetter, aber trotzdem toll, dass so viele gekommen sind“, meint Lara. Sie habe Sorge gehabt, dass es eine performative Veranstaltung wird, also Männer sich vor allem als aufgeklärt und feministisch inszenieren. Ob dies hier zutreffe, könne sie noch nicht sagen. „Ich finde es blöd, wenn es sich nur in Empörung erschöpft“, sagt Jonas. Es brauche konkrete Folgen – beide fanden etwa gut, dass es in Solidarität mit Collien Fernandes eine Unterschriftenpetition gibt, zehn Forderungen an die Bundesregierung, mittlerweile von mehr als 330.000 Menschen unterschrieben. Und was beide für ihre persönlichen Leben von der Kundgebung mitnehmen? Kurzes Schweigen. „Meine männlichen Freunde versuchen, feministisch zu sein, da gibt es keine sichtbaren Fälle von Gewalt“, sagt Jonas. Es sei für linke Männer aber wichtig, außerhalb der eigenen Blasen aktiv zu werden und den Mund aufzumachen. „Bei unangebrachtem Verhalten, aber beispielsweise auch auf der Arbeit, wenn Frauen weniger verdienen als Männer“, so Jonas.Lara grummelt. „Mh, einerseits habe ich mir ja Jonas ausgesucht, weil er anders ist, gleichzeitig finde ich es aber auch schwierig, dass er sich gar nicht von der Kundgebung angesprochen fühlt.“ Gerade beim Fall Fernandes habe auch er Bemerkungen gebracht, die bei ihnen zu Diskussionen geführt hätten. Dass sich etwas ändern muss, steht für beide außer Frage.Zuhören, Einschreiten, ReformenDie Initiative solidarisiert sich ausdrücklich mit bereits bestehenden feministischen Forderungen wie dem, Präventions- und Schutzangebote vor männlicher Gewalt zu stärken, der Einführung von „Nur Ja heißt Ja“ ins Sexualstrafrecht und dem Verbot sexualisierter Deepfakes. Masicevic fordert außerdem, dass Männer sich dabei auch gegenseitig in Verantwortung nehmen und „bei inakzeptablen Verhalten einschreiten“.Auf der Bühne spielt derweil die Künstlerin Goldie 333. Sie singt: „Ich mach Therapie, die hättest du gebraucht / Ich mach alles, was du mir nie zugetraut hast“. Viele jubeln auf der Kundgebung. Die Musikerin weiter: „Wann… ändert sich das, ich geh crashed out / Weil jedes Mal alle wegschauen / Sie bleiben still und im background / Oder sind selbst auch am cat callen“.Auf die Passivität der Männer weist auch Battal, das Opfer häuslicher Gewalt, in seiner Rede hin: „Es reicht nicht, nur heute kein Arschloch zu sein – es ist unsere Verantwortung, das Schweigen zu brechen.“ Als die Sonne langsam aufklart, kommen immer weitere Menschen zur Kundgebung – laut Veranstaltern zum Schluss 3500.