Es ist und bleibt die zentrale Frage bei der Bespielung des deutschen Pavillons in Venedig: Was tun mit diesem faschistisch belasteten Gebäude? 1909 als Bayerischer Pavillon errichtet, wurde es 1938 zum Manifest nationalsozialistischer Baukunst. Für die Erweiterung wurden Bäume gefällt, der Schriftzug „Germania“ in die Fassade gemeißelt und das Gebäude um vier Meter erhöht – Hitler persönlich nahm den Entwurf ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Pavillon nahezu unverändert für die westdeutschen Beiträge genutzt. Seit 1998 steht es unter italienischem Denkmalschutz. Christoph Schlingensief brachte es 2010 auf den Punkt: „Das Gebäude ist ganz klar nicht wegzulügen, die Vergangenheit ist auch nicht wegzulügen.“
Den zur NS-Zeit umgebauten Pavillon macht Sung Tieu zum Plattenbau
Versuche der Zerstörung und Überschreibung gab es viele: Hans Haacke zerschlug den Marmorboden, Olaf Nicolai ließ auf dem Dach Bumerangs werfen, Maria Eichhorn wollte den Pavillon gleich an einen ganz anderen Ort versetzen. Nun ist er einem Plattenbau gewichen.
Wer die leichte Anhöhe in den Gardini erreicht, der sieht Beton, Balkontüren und Graffitis: „Refugees“, „WALD“, „Free Gaza“. Mit drei Millionen Mosaiksteinen aus italienischem Marmor hat Sung Tieu die täuschend echte Fassade eines ruinösen Plattenbaus geformt. Vorlage bildet die Fotografie eines verfallenen Berliner Wohnblocks in der Gehrenseestraße – zu DDR-Zeiten eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeitende.
Neun Wohnblocks, sechsgeschossig – auch Sung Tieu hat hier in den 90er Jahren mit ihrer Mutter gelebt. Inzwischen sind die Gebäude in Privatbesitz und werden nach Jahren des Verfalls abgerissen – ein neues Wohnquartier soll entstehen.
Was in Berlin gerade verschwindet, wurde in Venedig temporär aufgebaut. „Für mich ist die Gehrenseestraße ein Monument für die Geschichte der Vertragsarbeiterinnen, und auch für die Geschichte der vietnamesischen Community, die heute noch in Deutschland lebt“, erklärt Sung Tieu bei der Eröffnung in Venedig. „Oft wird vergessen, wie die Menschen dahin kamen, was ihre Lebensumstände waren und wie lange es gedauert hat, bis sie ein Bleiberecht in Deutschland bekommen haben.“
Mit dem Titel Human Dignity Shall Be Inviolable (Die Würde des Menschen ist unantastbar) verweist Sung Tieu auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner war genau das keine Selbstverständlichkeit. Zwischen 1980 und 1990 waren etwa 70.000 vietnamesische Vertragsarbeitende und Auszubildende als Teil sozialistischer Solidaritätsverträge in der DDR angestellt, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen. Ihre Aufenthaltsdauer war streng geregelt. Es gab nur kurze Sprachkurse, Partnerschaften mit Menschen aus der DDR waren nicht gern gesehen. Schwangerschaften waren untersagt und hatten oft Ausreise oder Abtreibung zur Folge.
Für den Katalog zum Pavillon hat Sung Tieu die Geschichte des Gebäudeensembles nachgezeichnet: 1979 fertiggestellt, boten die Wohnheime 2.160 Plätze. Die rund 16 Quadratmeter großen Räume waren für jeweils drei bis vier Personen vorgesehen, Küchen und Sanitäranlagen als Gemeinschaftseinrichtungen, Räume für Erholung oder Freizeit waren nicht eingeplant.
Sung Tieus Vater kam 1987 als Vertragsarbeiter nach Freital
1987 kommt der Vater von Sung Tieu als 27‑jähriger vietnamesischer Vertragsarbeiter nach Freital bei Dresden, wo er im VEB Edelstahlwerk Freital arbeitet. Allein in jenem Jahr reisen rund 50.000 weitere Vietnames:innen zum Arbeiten in die DDR ein – der mit Abstand größte Zuzug.
Nur drei Jahre später ist die politische Realität eine andere: Am 13. Juni 1990 beschließt die DDR-Regierung die Veränderung der Arbeitsverhältnisse mit Vertragsarbeitenden, die auf den bilateralen Regierungsabkommen basieren. Die neuen Regelungen führen dazu, dass die meisten ihre Anstellung verlieren. Von den rund 4.600 Vietnames:innen in den östlichen Berliner Bezirken sind zu dieser Zeit bereits mehr als 80 Prozent arbeitslos.
Sung Tieu kommt 1992 mit ihrer Mutter aus Vietnam nach Sachsen. Im selben Jahr wird der ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter Nguyễn Văn Tú unweit der Gehrenseestraße von Rechtsextremen ermordet. Er ist eines der ersten bekannten Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit der Wiedervereinigung. Anlässlich des Trauermarsches wird die Forderung nach einem Bleiberecht der ehemaligen Vertragsarbeitenden lauter.
Wenige Monate später verüben Rechtsextreme zwischen dem 22. und 26. August pogromartige Brandanschläge in Rostock-Lichtenhagen auf das sogenannte Sonnenblumenhaus, ein Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeitender. Deutsche Bewohner:innen des Plattenbaugebiets und angereiste Neonazis formieren sich zu einem Mob, den die Polizei tagelang gewähren lässt.
Im Jahr darauf lässt der Künstler Hans Haacke die Marmorsteinplatten des deutschen Pavillons in Venedig herausreißen, zerschlagen und zu einem überdimensionalen Scherbenhaufen ineinander schichten. Ein Bild zwischen Naturkatastrophe und Vandalismus, ein Trümmerfeld des Ost-West-Verhältnisses.
Mir war es wichtig an die Gewalt der 90er Jahre zu erinnern. Schon 1990 gab es ein versuchtes Attentat auf die Gehrenseestraße, das die Nachbarschaft verhinderte
Tieu und ihre Mutter ziehen nach der Trennung der Eltern in die Gehrenseestraße. Ihre Mutter ist zunächst als Metzgerin und Obsthändlerin beschäftigt, arbeitet später in einem Imbiss-Bus. Am Tag der Pressekonferenz im deutschen Pavillon trägt Sung Tieu Zeitungsartikel aus diesen Jahren am Körper: Auf weißem Stoff ist nachzulesen, wie die New York Times vom gescheiterten amerikanischen Traum der Menschen aus Vietnam in Deutschland berichtet. „Mir war es wichtig, an diese Gewalt der 90er Jahre zu erinnern, auch an die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen. Schon 1990 gab es ein versuchtes Attentat auf die Gehrenseestraße, das von der Nachbarschaft verhindert wurde. Diese Artikel erinnern an die schwierige Zeit für die Community.“
Tieu betont aber auch, dass sie trotz beengter Wohnverhältnisse eine glückliche, weil sozial eingebettete Kindheit hatte. Vor vier Jahren ging sie in einer Arbeit darauf ein, in der ein Mädchen in einem fiktiven Leserinnenbrief an die New York Times von geldlosem Tauschhandel und gegenseitiger Fürsorge erzählt, etwa bei der Essensversorgung und Kinderbetreuung.
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Die Werke im deutschen Pavillon seien ihrer Mutter gewidmet, sagt Sung Tieu. „Sie war lange Fabrikarbeiterin in einer Wäscherei. Dementsprechend ist ihr Körper auch gezeichnet von der Arbeit und der Krankheit, die mit so schwerer körperlicher Arbeit kommt.“ Sung Tieu hat den Körper ihrer Mutter in unterschiedlichen Elementen abgebildet: Zerbrechliche Glasabgüsse von ihren Händen und Füßen hängen in den Seitenflügeln des Pavillons, ihre Umrisslinien sind aus Stahl geformt.
In dem Gebäudekomplex in Berlin hat Sung Tieu in den vergangenen Jahren Führungen angeboten – bis Ende 2025 nahmen mehr als 1.000 Menschen daran teil. „In meinen Führungen konnten die Menschen durch die Räume gehen, erleben, was es bedeutet hat, so zu leben. Ich habe über die Geschichte der Vertragsarbeiterinnen und über die unterschiedlichen Fabriken, die sich in der Nähe befunden haben, aufgeklärt“, erzählt Tieu. „Das wird man nicht mehr nachempfinden können, wenn ein neues Wohnquartier entsteht.“
Kommende Generationen sollten sich an dieser Fassade abarbeiten
Anfang März 2026 haben die Abrissarbeiten an den Gebäuden im östlichen Bereich der Anlage in der Gehrenseestraße begonnen. Im neuen Wohnviertel ist bisher nur ein Schild geplant, das an die Geschichte des Ortes erinnert. Sung Tieu ist offen dafür, an Formen des Gedenkens mitzuwirken – sei es ein Denkmal oder ein Ausstellungsraum zur Geschichte des Ortes. Die mediale Aufmerksamkeit für die venezianische Platte wird einen Beitrag dazu leisten, die Geschichte der Vertragsarbeitenden im kollektiven Gedächtnis zu verorten.
Und vielleicht überzeugt das aufwendige Marmormosaik den italienischen Denkmalschutz, die Platte über die Laufzeit der Kunstbiennale stehenzulassen. Sollen sich die kommenden Generationen doch an Sung Tieus Fassade abarbeiten, und diesen Teil deutscher Geschichte lebendig halten.
nicht wegzulügen.“Den zur NS-Zeit umgebauten Pavillon macht Sung Tieu zum PlattenbauVersuche der Zerstörung und Überschreibung gab es viele: Hans Haacke zerschlug den Marmorboden, Olaf Nicolai ließ auf dem Dach Bumerangs werfen, Maria Eichhorn wollte den Pavillon gleich an einen ganz anderen Ort versetzen. Nun ist er einem Plattenbau gewichen.Wer die leichte Anhöhe in den Gardini erreicht, der sieht Beton, Balkontüren und Graffitis: „Refugees“, „WALD“, „Free Gaza“. Mit drei Millionen Mosaiksteinen aus italienischem Marmor hat Sung Tieu die täuschend echte Fassade eines ruinösen Plattenbaus geformt. Vorlage bildet die Fotografie eines verfallenen Berliner Wohnblocks in der Gehrenseestraße – zu DDR-Zeiten eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeitende.Neun Wohnblocks, sechsgeschossig – auch Sung Tieu hat hier in den 90er Jahren mit ihrer Mutter gelebt. Inzwischen sind die Gebäude in Privatbesitz und werden nach Jahren des Verfalls abgerissen – ein neues Wohnquartier soll entstehen.Was in Berlin gerade verschwindet, wurde in Venedig temporär aufgebaut. „Für mich ist die Gehrenseestraße ein Monument für die Geschichte der Vertragsarbeiterinnen, und auch für die Geschichte der vietnamesischen Community, die heute noch in Deutschland lebt“, erklärt Sung Tieu bei der Eröffnung in Venedig. „Oft wird vergessen, wie die Menschen dahin kamen, was ihre Lebensumstände waren und wie lange es gedauert hat, bis sie ein Bleiberecht in Deutschland bekommen haben.“Mit dem Titel Human Dignity Shall Be Inviolable (Die Würde des Menschen ist unantastbar) verweist Sung Tieu auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner war genau das keine Selbstverständlichkeit. Zwischen 1980 und 1990 waren etwa 70.000 vietnamesische Vertragsarbeitende und Auszubildende als Teil sozialistischer Solidaritätsverträge in der DDR angestellt, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen. Ihre Aufenthaltsdauer war streng geregelt. Es gab nur kurze Sprachkurse, Partnerschaften mit Menschen aus der DDR waren nicht gern gesehen. Schwangerschaften waren untersagt und hatten oft Ausreise oder Abtreibung zur Folge.Für den Katalog zum Pavillon hat Sung Tieu die Geschichte des Gebäudeensembles nachgezeichnet: 1979 fertiggestellt, boten die Wohnheime 2.160 Plätze. Die rund 16 Quadratmeter großen Räume waren für jeweils drei bis vier Personen vorgesehen, Küchen und Sanitäranlagen als Gemeinschaftseinrichtungen, Räume für Erholung oder Freizeit waren nicht eingeplant.Sung Tieus Vater kam 1987 als Vertragsarbeiter nach Freital1987 kommt der Vater von Sung Tieu als 27‑jähriger vietnamesischer Vertragsarbeiter nach Freital bei Dresden, wo er im VEB Edelstahlwerk Freital arbeitet. Allein in jenem Jahr reisen rund 50.000 weitere Vietnames:innen zum Arbeiten in die DDR ein – der mit Abstand größte Zuzug.Nur drei Jahre später ist die politische Realität eine andere: Am 13. Juni 1990 beschließt die DDR-Regierung die Veränderung der Arbeitsverhältnisse mit Vertragsarbeitenden, die auf den bilateralen Regierungsabkommen basieren. Die neuen Regelungen führen dazu, dass die meisten ihre Anstellung verlieren. Von den rund 4.600 Vietnames:innen in den östlichen Berliner Bezirken sind zu dieser Zeit bereits mehr als 80 Prozent arbeitslos.Sung Tieu kommt 1992 mit ihrer Mutter aus Vietnam nach Sachsen. Im selben Jahr wird der ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter Nguyễn Văn Tú unweit der Gehrenseestraße von Rechtsextremen ermordet. Er ist eines der ersten bekannten Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit der Wiedervereinigung. Anlässlich des Trauermarsches wird die Forderung nach einem Bleiberecht der ehemaligen Vertragsarbeitenden lauter.Wenige Monate später verüben Rechtsextreme zwischen dem 22. und 26. August pogromartige Brandanschläge in Rostock-Lichtenhagen auf das sogenannte Sonnenblumenhaus, ein Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeitender. Deutsche Bewohner:innen des Plattenbaugebiets und angereiste Neonazis formieren sich zu einem Mob, den die Polizei tagelang gewähren lässt.Im Jahr darauf lässt der Künstler Hans Haacke die Marmorsteinplatten des deutschen Pavillons in Venedig herausreißen, zerschlagen und zu einem überdimensionalen Scherbenhaufen ineinander schichten. Ein Bild zwischen Naturkatastrophe und Vandalismus, ein Trümmerfeld des Ost-West-Verhältnisses.Mir war es wichtig an die Gewalt der 90er Jahre zu erinnern. Schon 1990 gab es ein versuchtes Attentat auf die Gehrenseestraße, das die Nachbarschaft verhinderteSung TieuTieu und ihre Mutter ziehen nach der Trennung der Eltern in die Gehrenseestraße. Ihre Mutter ist zunächst als Metzgerin und Obsthändlerin beschäftigt, arbeitet später in einem Imbiss-Bus. Am Tag der Pressekonferenz im deutschen Pavillon trägt Sung Tieu Zeitungsartikel aus diesen Jahren am Körper: Auf weißem Stoff ist nachzulesen, wie die New York Times vom gescheiterten amerikanischen Traum der Menschen aus Vietnam in Deutschland berichtet. „Mir war es wichtig, an diese Gewalt der 90er Jahre zu erinnern, auch an die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen. Schon 1990 gab es ein versuchtes Attentat auf die Gehrenseestraße, das von der Nachbarschaft verhindert wurde. Diese Artikel erinnern an die schwierige Zeit für die Community.“Tieu betont aber auch, dass sie trotz beengter Wohnverhältnisse eine glückliche, weil sozial eingebettete Kindheit hatte. Vor vier Jahren ging sie in einer Arbeit darauf ein, in der ein Mädchen in einem fiktiven Leserinnenbrief an die New York Times von geldlosem Tauschhandel und gegenseitiger Fürsorge erzählt, etwa bei der Essensversorgung und Kinderbetreuung.Placeholder image-1Die Werke im deutschen Pavillon seien ihrer Mutter gewidmet, sagt Sung Tieu. „Sie war lange Fabrikarbeiterin in einer Wäscherei. Dementsprechend ist ihr Körper auch gezeichnet von der Arbeit und der Krankheit, die mit so schwerer körperlicher Arbeit kommt.“ Sung Tieu hat den Körper ihrer Mutter in unterschiedlichen Elementen abgebildet: Zerbrechliche Glasabgüsse von ihren Händen und Füßen hängen in den Seitenflügeln des Pavillons, ihre Umrisslinien sind aus Stahl geformt.In dem Gebäudekomplex in Berlin hat Sung Tieu in den vergangenen Jahren Führungen angeboten – bis Ende 2025 nahmen mehr als 1.000 Menschen daran teil. „In meinen Führungen konnten die Menschen durch die Räume gehen, erleben, was es bedeutet hat, so zu leben. Ich habe über die Geschichte der Vertragsarbeiterinnen und über die unterschiedlichen Fabriken, die sich in der Nähe befunden haben, aufgeklärt“, erzählt Tieu. „Das wird man nicht mehr nachempfinden können, wenn ein neues Wohnquartier entsteht.“Kommende Generationen sollten sich an dieser Fassade abarbeitenAnfang März 2026 haben die Abrissarbeiten an den Gebäuden im östlichen Bereich der Anlage in der Gehrenseestraße begonnen. Im neuen Wohnviertel ist bisher nur ein Schild geplant, das an die Geschichte des Ortes erinnert. Sung Tieu ist offen dafür, an Formen des Gedenkens mitzuwirken – sei es ein Denkmal oder ein Ausstellungsraum zur Geschichte des Ortes. Die mediale Aufmerksamkeit für die venezianische Platte wird einen Beitrag dazu leisten, die Geschichte der Vertragsarbeitenden im kollektiven Gedächtnis zu verorten.Und vielleicht überzeugt das aufwendige Marmormosaik den italienischen Denkmalschutz, die Platte über die Laufzeit der Kunstbiennale stehenzulassen. Sollen sich die kommenden Generationen doch an Sung Tieus Fassade abarbeiten, und diesen Teil deutscher Geschichte lebendig halten.