Eine Welt aus Swimmingpools und Palmen, schnellen Autos, nackten Frauen und Gewalt: In der sogenannten Manosphere erhalten Heranwachsende von gestählten Silberuhrenträgern alle nötigen Tipps, um zu erfolgreichen Selbstunternehmern zu werden. Frauenfeindlichkeit inklusive.
Eine Netflix-Dokumentation hat das Phänomen jüngst beleuchtet und die Frage aufgeworfen, ob man diesem misogynen Universum seine Aufmerksamkeit schenken sollte. Auf jeden Fall!, würde Ole Liebl wahrscheinlich antworten. Denn richtig verstehen kann man eine Herrschaftsideologie nur, wenn man auch das ideologische Subjekt versteht. So unangenehm es ist: Wir müssen uns den Mann anschauen!
Der bislang vor allem als Influencer bekannte Liebl hat ein Buch mit dem Titel Brutal fragile Typen geschrieben, das sich vornimmt, die Gefühlswelten vor allem junger Männer zu untersuchen. Denn die sind das Publikum der Manosphere und zugleich die Aktivisten des reaktionären Gegenschlags. „Wir können es uns nicht mehr leisten, nicht über Männer und ihre Gefühle zu sprechen“, schreibt Liebl zu Beginn des Buches programmatisch: „Die Gefühlswelten von Männern sind der Schlüssel, um die von Männlichkeit hervorgebrachten Identitäten, Politiken und sozialen Verhältnisse feministisch zu erfassen.“
Wer die Täter nicht kennt, kann auch den Opfern nicht helfen
Verstand man unter Feminismus bislang die Denaturalisierung der zum Standard erhobenen männlichen Sichtweise, respektive den Kampf für eine dezidiert weibliche Haltung, schaut Liebl jetzt wieder methodisch auf die Männer. Die bisherige Monoperspektive im Feminismus sei „aus einer legitimen Wut auf jahrhundertealte und bis heute anhaltende Unterdrückung heraus […] absolut nachvollziehbar“ gewesen, sollte aber aus Vollständigkeitsgründen ergänzt werden.
Für Liebl ist der irritierende Seitenwechsel kein Entweder-oder. Der Blick auf Männer etabliert keinen männlichen Blick und soll Frauen gerade nicht ausschließen. Im Gegenteil verspricht er umfassendere Aufklärung: Wer die Täter nicht kennt, kann auch den Opfern nicht helfen.
Von Männerbefindlichkeiten handelt Brutal fragile Typen also nicht aus Mitleid mit einer „fragile masculinity“, sondern weil Gefühlen eine weltbildende Funktion zukommt und Liebl die Welt verstehen möchte. Über Emotionen wird der Mensch an die soziale Umwelt gebunden; seine inneren Wünsche sind vom sozialen Außen codiert und darum auch politisch ansprechbar.
Die Manosphere stattet Jungs mit den falschen Fühlreflexen aus
Implizit greift Liebl hier auf eine britische Gefühlsethik zurück, wie sie von Adam Smith in seiner Theorie der ethischen Gefühle (1759) vertreten wurde: In einer Absage an rein rationalistische (deutsche) Ansätze verstand Smith gesellschaftliche Interaktion als eine emotionale und körperliche. An Vorbildern orientiert, lernt das Kind zu fühlen, wie es die Umgebung für richtig hält. Darum ist die Manosphere so gefährlich: Sie stattet Jungs mit den falschen Fühlreflexen aus.
Männlichkeit ist eben keine Eigenschaft, die man an sich trägt, sondern ein intersubjektiv vermitteltes Netz aus Ansprüchen, das objektiv gemeinschaftsbildend ist und subjektiv Forderungen an den Einzelnen richtet. Frei nach Simone de Beauvoir: Man wird nicht als Mann geboren. Aus ihrer Sozialisation (der zweiten Geburt) gehen Männer tendenziell emotional verstümmelt hervor.
Statistisch gesehen haben sie einen schlechteren Zugriff auf ihre Emotionen, nicht weil sie weniger fühlen würden – ihnen fehlt die Sprache, mit der sie die vorhandene Emotionslage artikulieren könnten. Hier setzt der prototypische rechte Influencer als „Rattenfänger“ (Liebl) an, wenn er gewöhnlichen Unsicherheiten des kapitalistischen Alltags eine plausible Interpretation verleiht. Die Rechten bringen die Gefühle der Männer zum Sprechen.
Ole Liebl legt dar, wie Frauen in Beziehungen Gewalt erfahren
So richtig all das klingt, kann man sich fragen, wo in diesem Feminismus die Frauen geblieben sind. Liebl entlarvt in seinem Buch die „Selbstinszenierungen“ einer „pseudofeministischen Männlichkeitskritik“ und doch umgibt ihn das Gerücht, ein unzuverlässiger Feminist zu sein. Als Cis-Mann profitiert er von der patriarchalen Dividende, die sich bei Politfluencern in höheren Followerzahlen äußert.
Aber kann man ihm das vorwerfen? Vielleicht schon eher zu problematisieren wäre Liebls Einfühlungsvermögen: Wird hier aus Verständnis heimlich Legitimation wie beim „Putinversteher“? Nein, denn tatsächlich verliert Brutal fragile Typen den Blick auf das größere Ganze nie, in dem Männer die Profiteure sind und bleiben. Das erkenntnistheoretische Interesse am Mann ist kein Einverständnis mit seiner Misogynie.
Ausführlich legt Liebl dar, wie Frauen in Beziehungen Gewalt erfahren. Ihre emotionale Mehrarbeit erfasst er nicht einfach als Gemeinheit, sondern als einem Prinzip folgende Ungerechtigkeit, die er als „Ausbeutung“ denunziert. Der explizit marxistische Begriff ist bewusst gewählt. Er ruft polemisch zur Tat auf.
Die Anstatt-Logik eines impotenten Feminismus
Gerade an dieser vermeintlich radikalen Stelle wäre Liebl nun allerdings doch noch zu kritisieren, weil er die marxistisch-systematische Analyse allzu schnell für das lasche Vokabular von Axel Honneth eintauscht. Mit Honneths Anerkennungstheorie bleibt dem Feminismus politisch nicht mehr als der naive Appell an die guten Männer.
„Deshalb muss die Verantwortung dafür, dass sich die Verhältnisse ändern, bei den Männern liegen“, schreibt Liebl, der mit diesem Ansatz lange warten kann. Wenn die Verantwortung bei den Profiteuren liegt, wird sich niemals etwas ändern. Marx hat die Kapitalisten nicht um Besserung gebeten.
Man könnte das die Anstatt-Logik eines impotenten Feminismus nennen. Sie setzt etwas Wünschenswertes neben die Realität: „Anstatt sinnstiftende soziale Kontakte zu führen, streben junge Männer – durch profitorientierte Maskulinisten radikalisiert – nach der Einsamkeit des beruflichen oder athletischen Erfolgs.“ Liebl bleibt hier nichts als die Verwunderung darüber, dass die Welt schlecht ist – außer dem (selbst betriebswirtschaftlichen) Verweis auf das eigene, bessere Sinnstiftungsangebot natürlich.
Ole Liebls Buch endet mit einem Plädoyer für Liebe
Die kritische Theoretikerin Julia Pustet hat schon vor längerem auf den problematischen Zusammenhang von Selbstunternehmertum und Linkspopulismus bei Liebl hingewiesen. Zugespitzt und im Sinne des obigen Zitats: Im besten Fall ist Liebl ein profitorientierter Feminist, der die jungen Männer in die andere Richtung radikalisiert.
Könnte emanzipatorische Agitation die Manfluencer ablösen, wäre das sicherlich vortrefflich. Aber wie wahrscheinlich ist es? Liebls Buch endet jedenfalls mit einem Plädoyer für Liebe, dem kein Pfarrer und kein Sozialpädagoge widersprechen müsste. Trotz und wegen dieser Harmlosigkeit handelt es sich bei Brutal fragile Typen um ein sehr lesbares, übersichtliches Stück Theorie, das mit seinem Fokus auf der Manosphere gut neben Veronika Krachers Bitch Hunt ins Regal passt.
Besonders gelungen sind die Charakterkunden mit ihren beinahe literarischen Typisierungen, in denen sich viele Leser wiederfinden dürften. So wenig davon praktisch zu erwarten ist: Männer fühlen sich hier angesprochen. Vielleicht erreicht Liebls kluger, weil nüchterner und verständnisvoller Stil ja doch den einen oder anderen. Und wenn nicht, hatte man trotzdem ein passendes Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder.
Brutal fragile Typen Ole Liebl Harper Collins 2026, 272 S., 18 €
en uns den Mann anschauen! Der bislang vor allem als Influencer bekannte Liebl hat ein Buch mit dem Titel Brutal fragile Typen geschrieben, das sich vornimmt, die Gefühlswelten vor allem junger Männer zu untersuchen. Denn die sind das Publikum der Manosphere und zugleich die Aktivisten des reaktionären Gegenschlags. „Wir können es uns nicht mehr leisten, nicht über Männer und ihre Gefühle zu sprechen“, schreibt Liebl zu Beginn des Buches programmatisch: „Die Gefühlswelten von Männern sind der Schlüssel, um die von Männlichkeit hervorgebrachten Identitäten, Politiken und sozialen Verhältnisse feministisch zu erfassen.“ Wer die Täter nicht kennt, kann auch den Opfern nicht helfenVerstand man unter Feminismus bislang die Denaturalisierung der zum Standard erhobenen männlichen Sichtweise, respektive den Kampf für eine dezidiert weibliche Haltung, schaut Liebl jetzt wieder methodisch auf die Männer. Die bisherige Monoperspektive im Feminismus sei „aus einer legitimen Wut auf jahrhundertealte und bis heute anhaltende Unterdrückung heraus […] absolut nachvollziehbar“ gewesen, sollte aber aus Vollständigkeitsgründen ergänzt werden.Für Liebl ist der irritierende Seitenwechsel kein Entweder-oder. Der Blick auf Männer etabliert keinen männlichen Blick und soll Frauen gerade nicht ausschließen. Im Gegenteil verspricht er umfassendere Aufklärung: Wer die Täter nicht kennt, kann auch den Opfern nicht helfen. Von Männerbefindlichkeiten handelt Brutal fragile Typen also nicht aus Mitleid mit einer „fragile masculinity“, sondern weil Gefühlen eine weltbildende Funktion zukommt und Liebl die Welt verstehen möchte. Über Emotionen wird der Mensch an die soziale Umwelt gebunden; seine inneren Wünsche sind vom sozialen Außen codiert und darum auch politisch ansprechbar.Die Manosphere stattet Jungs mit den falschen Fühlreflexen aus Implizit greift Liebl hier auf eine britische Gefühlsethik zurück, wie sie von Adam Smith in seiner Theorie der ethischen Gefühle (1759) vertreten wurde: In einer Absage an rein rationalistische (deutsche) Ansätze verstand Smith gesellschaftliche Interaktion als eine emotionale und körperliche. An Vorbildern orientiert, lernt das Kind zu fühlen, wie es die Umgebung für richtig hält. Darum ist die Manosphere so gefährlich: Sie stattet Jungs mit den falschen Fühlreflexen aus. Männlichkeit ist eben keine Eigenschaft, die man an sich trägt, sondern ein intersubjektiv vermitteltes Netz aus Ansprüchen, das objektiv gemeinschaftsbildend ist und subjektiv Forderungen an den Einzelnen richtet. Frei nach Simone de Beauvoir: Man wird nicht als Mann geboren. Aus ihrer Sozialisation (der zweiten Geburt) gehen Männer tendenziell emotional verstümmelt hervor.Statistisch gesehen haben sie einen schlechteren Zugriff auf ihre Emotionen, nicht weil sie weniger fühlen würden – ihnen fehlt die Sprache, mit der sie die vorhandene Emotionslage artikulieren könnten. Hier setzt der prototypische rechte Influencer als „Rattenfänger“ (Liebl) an, wenn er gewöhnlichen Unsicherheiten des kapitalistischen Alltags eine plausible Interpretation verleiht. Die Rechten bringen die Gefühle der Männer zum Sprechen. Ole Liebl legt dar, wie Frauen in Beziehungen Gewalt erfahrenSo richtig all das klingt, kann man sich fragen, wo in diesem Feminismus die Frauen geblieben sind. Liebl entlarvt in seinem Buch die „Selbstinszenierungen“ einer „pseudofeministischen Männlichkeitskritik“ und doch umgibt ihn das Gerücht, ein unzuverlässiger Feminist zu sein. Als Cis-Mann profitiert er von der patriarchalen Dividende, die sich bei Politfluencern in höheren Followerzahlen äußert. Aber kann man ihm das vorwerfen? Vielleicht schon eher zu problematisieren wäre Liebls Einfühlungsvermögen: Wird hier aus Verständnis heimlich Legitimation wie beim „Putinversteher“? Nein, denn tatsächlich verliert Brutal fragile Typen den Blick auf das größere Ganze nie, in dem Männer die Profiteure sind und bleiben. Das erkenntnistheoretische Interesse am Mann ist kein Einverständnis mit seiner Misogynie.Ausführlich legt Liebl dar, wie Frauen in Beziehungen Gewalt erfahren. Ihre emotionale Mehrarbeit erfasst er nicht einfach als Gemeinheit, sondern als einem Prinzip folgende Ungerechtigkeit, die er als „Ausbeutung“ denunziert. Der explizit marxistische Begriff ist bewusst gewählt. Er ruft polemisch zur Tat auf. Die Anstatt-Logik eines impotenten FeminismusGerade an dieser vermeintlich radikalen Stelle wäre Liebl nun allerdings doch noch zu kritisieren, weil er die marxistisch-systematische Analyse allzu schnell für das lasche Vokabular von Axel Honneth eintauscht. Mit Honneths Anerkennungstheorie bleibt dem Feminismus politisch nicht mehr als der naive Appell an die guten Männer.„Deshalb muss die Verantwortung dafür, dass sich die Verhältnisse ändern, bei den Männern liegen“, schreibt Liebl, der mit diesem Ansatz lange warten kann. Wenn die Verantwortung bei den Profiteuren liegt, wird sich niemals etwas ändern. Marx hat die Kapitalisten nicht um Besserung gebeten.Man könnte das die Anstatt-Logik eines impotenten Feminismus nennen. Sie setzt etwas Wünschenswertes neben die Realität: „Anstatt sinnstiftende soziale Kontakte zu führen, streben junge Männer – durch profitorientierte Maskulinisten radikalisiert – nach der Einsamkeit des beruflichen oder athletischen Erfolgs.“ Liebl bleibt hier nichts als die Verwunderung darüber, dass die Welt schlecht ist – außer dem (selbst betriebswirtschaftlichen) Verweis auf das eigene, bessere Sinnstiftungsangebot natürlich.Ole Liebls Buch endet mit einem Plädoyer für LiebeDie kritische Theoretikerin Julia Pustet hat schon vor längerem auf den problematischen Zusammenhang von Selbstunternehmertum und Linkspopulismus bei Liebl hingewiesen. Zugespitzt und im Sinne des obigen Zitats: Im besten Fall ist Liebl ein profitorientierter Feminist, der die jungen Männer in die andere Richtung radikalisiert.Könnte emanzipatorische Agitation die Manfluencer ablösen, wäre das sicherlich vortrefflich. Aber wie wahrscheinlich ist es? Liebls Buch endet jedenfalls mit einem Plädoyer für Liebe, dem kein Pfarrer und kein Sozialpädagoge widersprechen müsste. Trotz und wegen dieser Harmlosigkeit handelt es sich bei Brutal fragile Typen um ein sehr lesbares, übersichtliches Stück Theorie, das mit seinem Fokus auf der Manosphere gut neben Veronika Krachers Bitch Hunt ins Regal passt.Besonders gelungen sind die Charakterkunden mit ihren beinahe literarischen Typisierungen, in denen sich viele Leser wiederfinden dürften. So wenig davon praktisch zu erwarten ist: Männer fühlen sich hier angesprochen. Vielleicht erreicht Liebls kluger, weil nüchterner und verständnisvoller Stil ja doch den einen oder anderen. Und wenn nicht, hatte man trotzdem ein passendes Geburtstagsgeschenk für den großen Bruder.