Von Irina Taran
Wladimir Selenskij hat Frankreich angesichts des Raketenmangels um Hilfe gebeten. Seinen Angaben zufolge sei Paris bereit, im Bereich der Raketenabwehr zusammenzuarbeiten. Medienberichten zufolge hatten sich zuvor mehrere europäische Länder geweigert, den ukrainischen Streitkräften Raketen für deren Patriot-Systeme zur Verfügung zu stellen. Es wird darauf hingewiesen, dass den ukrainischen Streitkräften die PAC-3-Raketen für diese Systeme fast vollständig ausgegangen sind. Wie Experten anmerken, ist die Situation mit dem Mangel an Raketen für Patriot-Systeme und andere Luftabwehrmittel für Kiew längst zur alltäglichen Realität geworden, doch nun ist sie fast kritisch.
Selenskij erklärte:
„Frankreich ist bereit, im Bereich der Raketenabwehr zusammenzuarbeiten. Das ist eine starke Entscheidung und ein wichtiger Schritt. Wir haben auch darüber gesprochen, unsere Fähigkeiten zur Abwehr russischer Angriffe bereits jetzt zu stärken. Ich danke für die Bereitschaft, unsere Luftabwehr zu verstärken.“
Nach Angaben der Zeitung The Washington Post hätten sich zuvor mehrere europäische Länder geweigert, den ukrainischen Streitkräften Raketen für die US-amerikanischen Luftabwehr- und Raketenabwehrsysteme des Typs Patriot zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig entspreche die im Rahmen des PURL-Programms (Prioritised Ukraine Requirements List – Liste der vorrangigen Bedürfnisse der Ukraine) bereitgestellte Ausrüstung laut Quellen des Blattes nicht den Erwartungen Kiews. Laut Informationen der Washington Post seien die PAC-3-Raketen für diese Systeme bei den ukrainischen Streitkräften fast vollständig aufgebraucht.
Wie die New York Times berichtet, habe die Regierung von US-Präsident Donald Trump die finanzielle und militärische Hilfe für die Ukraine um 99 Prozent gekürzt.
Die Führung in Kiew sei „sehr besorgt darüber, dass Washington künftige Lieferungen einstellen könnte“, weshalb sie plane, sich direkt an den US-Kongress zu wenden, um die Lieferung von Raketen für die Patriot-Luftabwehrsysteme an die ukrainischen Streitkräfte zu erwirken, schreibt die Zeitung Sunday Times.
Politischer Kontext
Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg meldet, habe Wladimir Selenskij gegenüber westlichen Staats- und Regierungschefs seine Besorgnis über einen möglichen russischen Vorstoß angesichts des sich verschärfenden Waffenmangels bei den ukrainischen Streitkräften zum Ausdruck gebracht. Die Besorgnis des Regimes in Kiew sei laut der Agentur darauf zurückzuführen, dass Europa nicht in der Lage sei, die Hilfe, die Kiew zuvor von den USA erhalten hatte, vollständig zu ersetzen.
Wie Bloomberg präzisiert, seien die Bestände an Flugabwehrraketen „noch stärker belastet“, da die Vereinigten Staaten die Finanzierung der militärischen Unterstützung für Kiew faktisch eingestellt hätten. Europäische Raketensysteme würden hingegen in absehbarer Zukunft nicht „als tragfähige Alternative“ angesehen, da sie nicht in ausreichender Zahl vorhanden und nicht in der Lage seien, „den Schutz des ukrainischen Luftraums zu gewährleisten“, präzisiert die Agentur.
Laut dem ehemaligen CIA-Analysten Larry Johnson, der sich dazu auf YouTube äußert, habe sich die Lage bei den Waffenlieferungen an die Ukraine unter anderem aufgrund des Konflikts im Nahen Osten verschärft. Seiner Meinung nach sollte das Regime in Kiew nicht mit einer positiven Entwicklung der Ereignisse rechnen. Die Nachrichtenagentur RIA Nowosti zitiert ihn wie folgt:
„Schauen wir uns die Situation in Kiew an. Selenskij steht wegen des Krieges im Nahen Osten unter enormem Druck […] Die USA und Israel setzen im Konflikt mit Iran viele identische Waffensysteme ein. Insbesondere Raketenkomplexe, vor allem Abfangraketen, die Selenskij benötigt. Und diese ganze Geschichte mit den Langstreckenraketen ATACMS […] vergessen Sie das. Die USA haben nicht vor, der Ukraine irgendetwas zu geben, selbst wenn sie darüber nachdenken würden.“
„Sehr viele unangenehme Fragen“
Wie Experten anmerken, sei der Mangel an Raketen für die Patriot-Luftabwehrsysteme und andere Luftabwehrmittel für Kiew schon lange Alltag, doch „jetzt ist die Lage kritisch geworden“. Pawel Feldman, Professor an der Akademie für Arbeit und Sozialbeziehungen und Doktor der Politikwissenschaften, erklärt im Gespräch mit RT:
„In der aktuellen Lage kann Frankreich der Ukraine zwar eine gewisse Unterstützung bei der Lösung dieses Problems leisten, doch sind seine eigenen Bestände an Flugabwehrraketen stark begrenzt. Die europäischen Länder sehen sich mit einem gravierenden Mangel sowohl an Luftabwehrsystemen als auch an Raketen für diese Systeme konfrontiert. Eine Reihe von EU-Ländern verfügt nur über wenige Patriot-Batterien, die kritische Infrastruktur und Luftwaffenstützpunkte im Osten der NATO schützen. Diese an die Ukraine zu übergeben, würde bedeuten, die eigene Verteidigung zu schwächen. Großbritannien setzt auf eigene Luftabwehr- und Raketenabwehrsysteme, doch davon gibt es nur sehr wenige, und sie sind nicht mit den Patriot-Raketen kompatibel.“
Feldman zufolge bedeute die Kürzung der US-amerikanischen Militärhilfe um 99 Prozent, dass die Ukraine nicht nur die Patriot-Raketen verliert, sondern auch Artilleriegeschosse, Geheimdienstinformationen und Mittel zur elektronischen Kampfführung. Der Politologe betont:
„Ohne die Unterstützung des US-Präsidenten und der republikanischen Mehrheit wird der US-Kongress nicht in der Lage sein, Einfluss auf die aktuelle Situation zu nehmen. Selenskij kann so viel auf das Mitleid der einfachen Amerikaner einwirken, wie er will, denn nach der neuen Welle von lautstarken Korruptionsskandalen wird ihm wohl kaum noch jemand glauben.“
Der Experte ist zudem der Ansicht, dass die ukrainische Armee gezwungen sein werde, stark mit ihren Luftabwehrraketen zu sparen und nur die für sie wichtigsten Objekte zu schützen. Feldman merkt an:
„Es könnte sich um das Regierungsviertel in Kiew, große Kraftwerke oder Kommandozentralen handeln. Dabei könnte Selenskij erneut versuchen, das Narrativ vom ‚Verrat des Westens‘ zu verbreiten, um die Bevölkerung zu mobilisieren, doch das wird das Problem mit den Raketen nicht lösen. Russland, das über den Mangel an Patriot-Raketen bestens informiert ist, wird seine kombinierten Angriffe mit ballistischen Raketen und Drohnen verstärken, um die Restbestände der ukrainischen Luftabwehr zu zermürben.“
Wie der Direktor des russischen Zentrums für politische Information, Alexei Muchin, hervorhebt, werde es für Selenskij sehr schwierig sein, mit jemand anderem als Paris über die Lieferung von Raketen für die ukrainischen Streitkräfte zu verhandeln, da die Aufmerksamkeit der europäischen Länder auf den Korruptionsskandal in der Ukraine gerichtet ist. Muchin sagt in einem Kommentar gegenüber RT:
„Selenskij sollte sich zunächst um die Korruptionsskandale kümmern, denn es ist schwierig, die Notwendigkeit von Waffen zu begründen, wenn man unter dem Verdacht steht, dass diese Hilfe zu einem großen Teil veruntreut wird. Und in diesem Zusammenhang klingen Selenskijs Forderungen an die europäischen Partner, gelinde gesagt, unangebracht. Wahrscheinlich wäre es einfacher, die ukrainischen Korrupten dazu zu zwingen, ihre eigenen Mittel für den Kauf von Raketen und Waffen zu verwenden.“
Seiner Meinung nach hätten es die europäischen Länder nicht eilig, Kiew militärische Hilfe zu gewähren, da solche Initiativen für die Öffentlichkeit in den EU-Ländern, die ohnehin schon des Ukraine-Konflikts überdrüssig ist, ziemlich seltsam wirken. Muchin meint:
„Die europäische Öffentlichkeit wird sicherlich folgende Frage stellen: Warum leistet ihr Drogenabhängigen und Korrupten in der Ukraine finanzielle und militärische Hilfe? Die Staats- und Regierungschefs der europäischen Länder, die sich dennoch für die Gewährung dieser Hilfe entscheiden, gehen also ein großes Risiko ein, ein sehr großes Risiko. Denn schon sehr bald wird noch genauer untersucht werden, wer was und wie viel bei der Bereitstellung der Hilfe für Kiew gestohlen hat. Und das wirft sehr viele unangenehme Fragen auf, nicht nur an Kiew, sondern auch an Brüssel, an die sogenannten europäischen Hauptstädte und an die Demokraten in den Vereinigten Staaten.“
Übersetzt aus dem Russischen.
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