Seit sie 14 ist, engagiert sie sich in der Klimabewegung, später bei Black Lives Matter: Jesse studiert in Amsterdam und will jetzt Hilfsgüter nach Gaza bringen. Gerade ist die „Global Sumud Flotilla“ von der Türkei aus wieder ausgelaufen


„Es gibt nichts, was Israel getan hat, das unseren Kurs geändert hat“, sagt Jesse. Die Marine des Landes hatte Boote der „Global Sumud Flotilla“ zuvor in internationalen Gewässern abgefangen

Foto: privat


Als Jesse ans Telefon geht, ist das Meer lauter als ihre Stimme. Wind rauscht in der Leitung, manchmal verschluckt er einzelne Wörter. Sie entschuldigt sich, falls sie für manche Antworten etwas länger brauche. „Ich habe in den letzten zwei Nächten vielleicht drei Stunden geschlafen“, sagt sie.

Als wir uns zum Interview verabreden, hat ihr Segelboot Barcelona gerade verlassen. Als wir sprechen, ist sie auf Sizilien angekommen. Ziel war zunächst der Hafen von Augusta, wo die Boote der Global Sumud Flotilla zusammenkommen sollen. Von dort aus will die Flotte weiter Richtung Gaza, zum von Israel abgeriegelten Küstenstreifen, fahren. Jesse sagt, Ziel sei es, „die Belagerung, die Blockade zu brechen“ und humanitäre Hilfe zu liefern. In ihrem eigenen Verständnis ist die Fahrt beides: Hilfslieferung und politisches Zeichen. Es sei „keine symbolische Sache“, sagt sie. „Wir wollen wirklich dorthin.“ Doch dieser Versuch endet nicht in Gaza.

Die Klimakrise macht Jesse wütend auf den Globalen Norden

Jesse ist 21 Jahre alt, lebt in Amsterdam und studiert Geschichte an der dortigen Universität. Ihre Politisierung beginnt nicht mit Gaza, sondern mit der Klimakrise und mit Wut. Einen einzelnen Moment, in dem sie verstanden habe, dass sie nicht mehr schweigen könne, habe es nie gegeben, sagt Jesse. „Ich war eigentlich immer schon wütend.“

In der Klimakrise habe dieses Gefühl eine konkrete Richtung bekommen: Regierungen ließen junge Menschen „an allen Fronten“ im Stich, ohne es überhaupt anzuerkennen. Jesse spricht von einer Wut auf den Globalen Norden, auf Regierungen, die Verantwortung auslagern, auf eine Lebensweise, deren Folgen andere tragen müssen. „Unser Lebensstil hier wirkt sich so stark auf den Globalen Süden aus“, sagt sie. „Es kostet Leben, wie wir leben.“

Seit sie 14 ist, engagiert sie sich in der Klimabewegung. Später kamen antirassistische Gruppen, Initiativen für Geflüchtete und während der Corona-Zeit Black-Lives-Matter-Proteste dazu. Im Frühjahr 2026 will sie mit einem Segelboot Gaza erreichen, was Israel verhindern will. Für Jesse ist das kein Bruch mit ihrer früheren Arbeit, sondern eine Fortsetzung ihres politischen Denkens.

Erasmus-Semester in Istanbul

Gaza ist für Jesse deshalb kein neues, plötzlich anderes Thema. Sie beschreibt ihren Weg nicht als Wechsel von Klima zu Palästina. „Für mich ist jeder Kampf miteinander verbunden“, sagt sie. Klimagerechtigkeit sei für sie immer auch antirassistisch und dekolonial gewesen. Seit dem 7. Oktober und dem Krieg in Gaza sei Palästina für sie aber stärker ins Zentrum gerückt. Gaza sei schon vorher ein Thema gewesen, sagt sie, aber nun sei es „unmöglich, es nicht zu sehen“.

Ende vergangenen Jahres ist Jesse für ihr Erasmus-Semester in Istanbul. Dort fasst sie den Entschluss, sich der nächsten Flottille anzuschließen. „Von Istanbul an wusste ich es“, sagt sie. Sie habe schon vorher über Gaza gesprochen, demonstriert und sich politisch engagiert. Zugleich merkt sie in Istanbul, dass politischer Aktivismus nicht überall gleich funktioniert: Vieles läuft auf Türkisch, ihr Türkisch ist noch nicht gut genug, die Gruppen arbeiten anders als in den Niederlanden. Sie erlebt dort ein Gefühl von Ohnmacht: politisch nah dran zu sein und sich trotzdem nicht richtig einbringen zu können. Die Flotilla gibt ihr eine Antwort: „Das kann ich tun, also werde ich es tun.“ Als sie von einer neuen Fahrt hört, meldet sie sich an.

Israel spricht von einer „Hamas-Sumud-Flotilla“

Die Global Sumud Flotilla beschreibt sich selbst als internationale, unabhängige Bewegung gewöhnlicher Menschen: Aktivisten, Ärzte, Studenten, Gewerkschafter und Seeleute, die über Länder und Berufe hinweg zusammenkommen. Nach eigener Darstellung reagiert sie auf Aufrufe aus Gaza, will humanitäre Hilfe liefern, die Blockade politisch herausfordern und einen zivilen Seekorridor in den Gazastreifen etablieren.

Laut Reuters startete die aktuelle Mission am 12. April in Barcelona zunächst mit 39 Booten; weitere Schiffe sollten sich unterwegs anschließen. Die Teilnehmer kamen demnach aus rund 70 Ländern. Jesse spricht von 52 Booten und von mehr als tausend Beteiligten auf See sowie mehreren Hundert Unterstützern an Land. Später sammelten sich Boote im Hafen von Augusta auf Sizilien. Von dort aus wollten sie weiter Richtung Gaza fahren.

Israel weist diese Darstellung zurück und betrachtet die Flotilla nicht als humanitäre Mission. Die israelische Seite warf bereits früheren Fahrten vor, provokative statt humanitäre Ziele zu verfolgen. Das israelische Außenministerium sprach bereits im Oktober 2025 von einer „Hamas-Sumud-Flotilla“. Israels Marine erklärte damals, die Flotilla nähere sich einem aktiven Kampfgebiet und verletze eine aus israelischer Sicht rechtmäßige Seeblockade. Zugleich bot Israel an, Hilfsgüter über sichere Kanäle nach Gaza zu bringen.

Eine Journalistin aus Mexiko, ein Fischer aus dem Baskenland

Teil der Flotilla wird Jesse nicht spontan. Sie meldet sich über ein Formular an, erzählt sie. Dort kann man angeben, ob man zur Crew gehören, als Teilnehmer mitfahren oder für beides infrage kommen will. Danach wird sie kontaktiert, es folgen Gespräche. Gefragt werde nicht nur, warum sie mitfahren wolle. Es gehe auch darum, wie sie mit Stress umgehe, welche Fähigkeiten sie habe und welche Segelerfahrung sie mitbringe. Auf dem Boot, sagt Jesse, arbeiteten Crew und Teilnehmer zwar zusammen. Einige seien aber für bestimmte Aufgaben verantwortlich.

Mitten im Gespräch bittet Jesse um eine kurze Pause. Ob sie acht Minuten haben könne, fragt sie. Sie müsse noch etwas nachsehen, dann könnten wir weiter sprechen. Die Unterbrechung, passt zu dem, was sie kurz zuvor erzählt hat: Auf dem Boot gibt es immer etwas zu tun.

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Acht Menschen seien an Bord, erzählt Jesse. Eine Journalistin aus Mexiko, etwa 35 Jahre alt. Ein 68-jähriger Kapitän, Fischer aus dem Baskenland. Eine 18-Jährige aus England. Andere seien in ihren Zwanzigern, Dreißigern oder noch älter. Es gebe nicht die eine Kategorie von Menschen, sagt Jesse. Manche seien Studenten, andere nicht. „Das Einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass jeder etwas mitbringt.“ Eine Fähigkeit, Energie oder beides.

Auf dem Boot klingt das weniger nach fester Aufgabenverteilung als nach dauernder Improvisation. Manche können segeln, andere reparieren Motoren oder Navigationslichter, wieder andere kümmern sich um kaputte Toiletten. Jesse selbst sagt, sie könne ein bisschen segeln, aber keine technischen Arbeiten übernehmen. Also helfe sie dort, wo keine besonderen Kenntnisse nötig seien. Sie gehört zur Crew und übernimmt Nachtschichten. Nachts stehe sie am Steuer, meist mit einer weiteren Person neben sich. Danach schlafe sie kurz, dann gehe es weiter: Segel setzen, Segel einholen, sich um Boot und Material kümmern.

Die Boote seien nicht neu, sondern gebraucht, manche aus zweiter, dritter oder vierter Hand. Immer wieder gehe etwas kaputt. „Es gibt viele, viele Dinge, die wir reparieren müssen“, sagt Jesse. Wie wenig freie Zeit bleibt, zeigt ein Detail: Sie habe acht Bücher mitgenommen. In acht Tagen auf See habe sie gerade einmal zwei Seiten gelesen. Meist gebe es etwas zu tun, am Steuer, an den Segeln oder irgendwo am Boot. Auch an Land unterstützten Menschen die Flotilla. Als ein Motor ausfiel, habe Jesse nachts um ein Uhr einen Mechaniker kontaktiert, „und er ging trotzdem ran und half mir durch das ganze Motorsystem“. Für sie ist auch das Teil der Erfahrung: Menschen auf See und Menschen an Land arbeiten zusammen, ohne dass jemand sie zwinge.

Sie glaubt wirklich, es sei möglich, Gaza zu erreichen

Die Stimmung an Bord beschreibt Jesse als widersprüchlich. Manche seien ruhig, andere nervöser. Viele müssten sich erst an die Situation gewöhnen, an die Enge, an die See, an die Erschöpfung. Das größte Problem sei Seekrankheit. Trotzdem entstehe Nähe. „Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen“, sagt Jesse. „Wir sind nicht hier, um Spaß zu haben.“ Und doch könnten sie lachen. Wenn eine Person krank werde oder ausfalle, sprängen andere ein. „Alle helfen bei allem.“

Der bisher intensivste Moment sei eine Nachtschicht gewesen, erzählt Jesse. Vier Stunden am Steuer, dichter Nebel, so dicht, dass sie nicht einmal den vorderen Teil des eigenen Bootes habe sehen können. „Es ist nicht lustig, vier Stunden am Steuer zu kleben und zu versuchen, kein anderes Boot zu rammen“, sagt sie. Gleichzeitig sei gerade diese Nacht besonders gewesen. In der Dunkelheit habe sie die Lichter der anderen Boote gesehen. Alle segelten Tag und Nacht. Niemand ruhe sich aus. Alle opferten ihre Nächte, um so schnell wie möglich Richtung Gaza zu kommen.

Gefragt, ob sie wirklich glaube, Gaza erreichen zu können, antwortet Jesse zunächst ohne Zögern. Sie glaube, dass es möglich sei. Doch gleich danach verschiebt sie den Maßstab. Entscheidend sei für sie nicht nur, ob die Boote tatsächlich ankommen. „Das Einzige, was für mich wirklich zählt, ist, dass wir alles tun, was wir können“, sagt sie. Sollte die Flotilla gestoppt werden, hätten sie dennoch gezeigt, dass sie es versucht hätten. „Der Moment, in dem wir von Barcelona lossegeln, ist schon ein Erfolg“, sagt sie. Der Sinn der Aktion liege auch darin, dass Menschen überhaupt handelten: auf den Booten, in den Häfen, an Land.

Was Israels UN-Botschafter über die Flottille sagt

Inzwischen ist genau dieser Fall eingetreten. Nach Angaben der Organisatoren wurden Schiffe der Global Sumud Flotilla in internationalen Gewässern abgefangen. Die Organisatoren sprechen von einem rechtswidrigen Eingriff. Die israelische Regierung verteidigt das Vorgehen als Durchsetzung ihrer Blockade. Israels UN-Botschafter Danny Danon schrieb auf der Plattform X, die Flotte sei gestoppt worden, bevor sie „unser Gebiet“ erreicht habe. Die Soldaten hätten professionell gegenüber einer Gruppe „realitätsferner, aufmerksamkeitsheischender Agitatoren“ gehandelt. Am 14. Mai meldete Reuters, dass Schiffe der Flottille von Marmaris in der Türkei erneut Richtung Gaza ausgelaufen seien – laut der Nachrichtenagentur bereits der dritte Versuch. Für Jesse war die Möglichkeit des Abfangens schon im Gespräch Teil der Realität. Die Mission war für sie nicht erst dann politisch wirksam, wenn die Boote Gaza erreichen.

In einem zweiten Gespräch schildert Jesse, wie jene Nacht des Abfangens für sie begann. Gegen Abend sei es dunkel geworden. Sie hätten rote Lichter gesehen, vermutlich Drohnen. Solche Lichter hätten sie schon seit Italien begleitet, sagt Jesse. Doch nun seien es mehr gewesen. Über Funk hätten andere Boote gemeldet, sie würden von unbekannten, kleineren Booten bedrängt. Danach sei nach und nach der Kontakt zu einzelnen Booten abgebrochen. „Wir hatten keine Ahnung, was passiert ist“, sagt Jesse. Es sei Nacht gewesen, die anderen Boote seien kaum zu erkennen gewesen. Erst Stunden später hätten israelische Medien über das Abfangen berichtet.

Halb von Israel aufgehalten, halb Zwischenstopp in Griechenland?

Nach Jesses Darstellung geschieht das weit entfernt von Gaza, etwa 600 Seemeilen vor der palästinensischen Küste. Die Flotte sei auf dem Weg von Italien nach Griechenland gewesen, kurz vor Kreta. Eine Warnung habe es vorher nicht gegeben. „Da war nichts. Wirklich nichts“, sagt sie. Sie seien einfach weiter ihren Kurs gefahren. Ihre Crew habe das trainierte Protokoll befolgt, Pässe bereitgehalten und versucht, nicht abgefangen zu werden. Angst sei in diesem Moment nicht ihr stärkstes Gefühl gewesen. „Ich war nicht einmal verängstigt. Ich war sehr wütend“, sagt Jesse. Wie könne Israel so weit draußen handeln, nahe griechischer Gewässer, und niemand tue etwas dagegen, fragt sie.

Jesses Boot wird nach ihrer Darstellung nicht festgesetzt. Der geplante Zwischenstopp in Griechenland habe ohnehin angestanden, sagt sie, weil ein Sturm erwartet wurde. Es sei nicht Israel gewesen, das ihren Kurs geändert habe. „Natürlich fahren wir weiter nach Gaza“, sagt Jesse. „Es gibt nichts, was Israel getan hat, das unseren Kurs geändert hat.“ Von den 52 Booten, die Italien verlassen hätten, seien 32 entkommen. Später sollten weitere Boote aus Griechenland, der Türkei und möglicherweise Italien dazukommen. Damals rechnet Jesse für die Weiterfahrt mit etwa 56 bis 60 Booten. Inzwischen ist die Flottille von Marmaris in der Türkei Richtung Gaza erneut ausgelaufen.

Auch die persönliche Gefahr blendet sie nicht aus. Schon im ersten Gespräch hatte Jesse gesagt, es gebe eine „sehr, sehr kleine Chance“, dass sie nicht zurückkomme oder für längere Zeit festgehalten werde. Sie hoffe natürlich, dass es nicht so komme. Aber sie könne sich kaum einen Punkt vorstellen, an dem sie allein sagen würde: Es reicht. Nur wenn die Mission insgesamt keinen Sinn mehr hätte oder niemand mehr weiterfahren würde, würde auch sie nicht weitergehen. „Solange sie gehen, gehe ich.“

Der Abschied von ihrer Mutter im Hafen von Barcelona

Als sie ihrer Familie erzählt, dass sie mitfahren will, reagieren ihre Eltern nicht überrascht. Ihre Mutter habe gesagt, sie verstehe, warum Jesse das wolle, und glaube an sie. Sie werde sich Sorgen machen, aber sie wisse, dass gerade Jesse das könne. Ihre Mutter sei einige Tage vor der Abfahrt nach Barcelona gekommen, um sich im Hafen ein letztes Mal von ihr zu verabschieden. Ihre Eltern kannten sie gut, sagt Jesse. Sie wüssten, dass sie in Stresssituationen ruhig bleiben könne.

Seit dem Abfangen habe sie viele Nachrichten bekommen, erzählt Jesse: von Freunden, von ihrer Familie, von früheren Weggefährten. Von Regierungen sei dagegen keine Unterstützung gekommen. Auf die spanische Regierung hoffe sie noch, sagt sie. Von anderen Regierungen erwarte sie wenig.

Jesse sieht ihre Mission als eine der Menschlichkeit

Jesse will nicht, dass Menschen sie und die anderen an Bord als Helden betrachten. Denn Helden sind Ausnahmefiguren. Jesse aber meint das Gegenteil. Sie will zeigen, dass gewöhnliche Menschen handeln können. „Ich bin wirklich ein normaler Mensch“, sagt sie. Niemand an Bord habe Superkräfte. Nicht alle müssten auf ein Boot steigen, sagt sie. Aber alle könnten etwas tun.

Nach dem Abfangen klingt diese Haltung weniger wie ein Appell als wie eine Bilanz. Ein Teil der Flotte wurde gestoppt, andere Boote wollen weiterfahren. Für Jesse ist die Mission damit nicht vorbei. Wenn alle aufhörten, sich zu kümmern, wenn niemand mehr da sei, dann hätten sie versagt. „Wir sind keine mutigen Helden“, sagt Jesse. „Wir sind keine besonderen Menschen. Wir tun nur das Minimum, um die Menschlichkeit zu verteidigen.“

agt, Ziel sei es, „die Belagerung, die Blockade zu brechen“ und humanitäre Hilfe zu liefern. In ihrem eigenen Verständnis ist die Fahrt beides: Hilfslieferung und politisches Zeichen. Es sei „keine symbolische Sache“, sagt sie. „Wir wollen wirklich dorthin.“ Doch dieser Versuch endet nicht in Gaza.Die Klimakrise macht Jesse wütend auf den Globalen NordenJesse ist 21 Jahre alt, lebt in Amsterdam und studiert Geschichte an der dortigen Universität. Ihre Politisierung beginnt nicht mit Gaza, sondern mit der Klimakrise und mit Wut. Einen einzelnen Moment, in dem sie verstanden habe, dass sie nicht mehr schweigen könne, habe es nie gegeben, sagt Jesse. „Ich war eigentlich immer schon wütend.“In der Klimakrise habe dieses Gefühl eine konkrete Richtung bekommen: Regierungen ließen junge Menschen „an allen Fronten“ im Stich, ohne es überhaupt anzuerkennen. Jesse spricht von einer Wut auf den Globalen Norden, auf Regierungen, die Verantwortung auslagern, auf eine Lebensweise, deren Folgen andere tragen müssen. „Unser Lebensstil hier wirkt sich so stark auf den Globalen Süden aus“, sagt sie. „Es kostet Leben, wie wir leben.“Seit sie 14 ist, engagiert sie sich in der Klimabewegung. Später kamen antirassistische Gruppen, Initiativen für Geflüchtete und während der Corona-Zeit Black-Lives-Matter-Proteste dazu. Im Frühjahr 2026 will sie mit einem Segelboot Gaza erreichen, was Israel verhindern will. Für Jesse ist das kein Bruch mit ihrer früheren Arbeit, sondern eine Fortsetzung ihres politischen Denkens.Erasmus-Semester in IstanbulGaza ist für Jesse deshalb kein neues, plötzlich anderes Thema. Sie beschreibt ihren Weg nicht als Wechsel von Klima zu Palästina. „Für mich ist jeder Kampf miteinander verbunden“, sagt sie. Klimagerechtigkeit sei für sie immer auch antirassistisch und dekolonial gewesen. Seit dem 7. Oktober und dem Krieg in Gaza sei Palästina für sie aber stärker ins Zentrum gerückt. Gaza sei schon vorher ein Thema gewesen, sagt sie, aber nun sei es „unmöglich, es nicht zu sehen“.Ende vergangenen Jahres ist Jesse für ihr Erasmus-Semester in Istanbul. Dort fasst sie den Entschluss, sich der nächsten Flottille anzuschließen. „Von Istanbul an wusste ich es“, sagt sie. Sie habe schon vorher über Gaza gesprochen, demonstriert und sich politisch engagiert. Zugleich merkt sie in Istanbul, dass politischer Aktivismus nicht überall gleich funktioniert: Vieles läuft auf Türkisch, ihr Türkisch ist noch nicht gut genug, die Gruppen arbeiten anders als in den Niederlanden. Sie erlebt dort ein Gefühl von Ohnmacht: politisch nah dran zu sein und sich trotzdem nicht richtig einbringen zu können. Die Flotilla gibt ihr eine Antwort: „Das kann ich tun, also werde ich es tun.“ Als sie von einer neuen Fahrt hört, meldet sie sich an.Israel spricht von einer „Hamas-Sumud-Flotilla“Die Global Sumud Flotilla beschreibt sich selbst als internationale, unabhängige Bewegung gewöhnlicher Menschen: Aktivisten, Ärzte, Studenten, Gewerkschafter und Seeleute, die über Länder und Berufe hinweg zusammenkommen. Nach eigener Darstellung reagiert sie auf Aufrufe aus Gaza, will humanitäre Hilfe liefern, die Blockade politisch herausfordern und einen zivilen Seekorridor in den Gazastreifen etablieren.Laut Reuters startete die aktuelle Mission am 12. April in Barcelona zunächst mit 39 Booten; weitere Schiffe sollten sich unterwegs anschließen. Die Teilnehmer kamen demnach aus rund 70 Ländern. Jesse spricht von 52 Booten und von mehr als tausend Beteiligten auf See sowie mehreren Hundert Unterstützern an Land. Später sammelten sich Boote im Hafen von Augusta auf Sizilien. Von dort aus wollten sie weiter Richtung Gaza fahren.Israel weist diese Darstellung zurück und betrachtet die Flotilla nicht als humanitäre Mission. Die israelische Seite warf bereits früheren Fahrten vor, provokative statt humanitäre Ziele zu verfolgen. Das israelische Außenministerium sprach bereits im Oktober 2025 von einer „Hamas-Sumud-Flotilla“. Israels Marine erklärte damals, die Flotilla nähere sich einem aktiven Kampfgebiet und verletze eine aus israelischer Sicht rechtmäßige Seeblockade. Zugleich bot Israel an, Hilfsgüter über sichere Kanäle nach Gaza zu bringen.Eine Journalistin aus Mexiko, ein Fischer aus dem BaskenlandTeil der Flotilla wird Jesse nicht spontan. Sie meldet sich über ein Formular an, erzählt sie. Dort kann man angeben, ob man zur Crew gehören, als Teilnehmer mitfahren oder für beides infrage kommen will. Danach wird sie kontaktiert, es folgen Gespräche. Gefragt werde nicht nur, warum sie mitfahren wolle. Es gehe auch darum, wie sie mit Stress umgehe, welche Fähigkeiten sie habe und welche Segelerfahrung sie mitbringe. Auf dem Boot, sagt Jesse, arbeiteten Crew und Teilnehmer zwar zusammen. Einige seien aber für bestimmte Aufgaben verantwortlich.Mitten im Gespräch bittet Jesse um eine kurze Pause. Ob sie acht Minuten haben könne, fragt sie. Sie müsse noch etwas nachsehen, dann könnten wir weiter sprechen. Die Unterbrechung, passt zu dem, was sie kurz zuvor erzählt hat: Auf dem Boot gibt es immer etwas zu tun.Placeholder image-1Acht Menschen seien an Bord, erzählt Jesse. Eine Journalistin aus Mexiko, etwa 35 Jahre alt. Ein 68-jähriger Kapitän, Fischer aus dem Baskenland. Eine 18-Jährige aus England. Andere seien in ihren Zwanzigern, Dreißigern oder noch älter. Es gebe nicht die eine Kategorie von Menschen, sagt Jesse. Manche seien Studenten, andere nicht. „Das Einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass jeder etwas mitbringt.“ Eine Fähigkeit, Energie oder beides.Auf dem Boot klingt das weniger nach fester Aufgabenverteilung als nach dauernder Improvisation. Manche können segeln, andere reparieren Motoren oder Navigationslichter, wieder andere kümmern sich um kaputte Toiletten. Jesse selbst sagt, sie könne ein bisschen segeln, aber keine technischen Arbeiten übernehmen. Also helfe sie dort, wo keine besonderen Kenntnisse nötig seien. Sie gehört zur Crew und übernimmt Nachtschichten. Nachts stehe sie am Steuer, meist mit einer weiteren Person neben sich. Danach schlafe sie kurz, dann gehe es weiter: Segel setzen, Segel einholen, sich um Boot und Material kümmern.Die Boote seien nicht neu, sondern gebraucht, manche aus zweiter, dritter oder vierter Hand. Immer wieder gehe etwas kaputt. „Es gibt viele, viele Dinge, die wir reparieren müssen“, sagt Jesse. Wie wenig freie Zeit bleibt, zeigt ein Detail: Sie habe acht Bücher mitgenommen. In acht Tagen auf See habe sie gerade einmal zwei Seiten gelesen. Meist gebe es etwas zu tun, am Steuer, an den Segeln oder irgendwo am Boot. Auch an Land unterstützten Menschen die Flotilla. Als ein Motor ausfiel, habe Jesse nachts um ein Uhr einen Mechaniker kontaktiert, „und er ging trotzdem ran und half mir durch das ganze Motorsystem“. Für sie ist auch das Teil der Erfahrung: Menschen auf See und Menschen an Land arbeiten zusammen, ohne dass jemand sie zwinge.Sie glaubt wirklich, es sei möglich, Gaza zu erreichenDie Stimmung an Bord beschreibt Jesse als widersprüchlich. Manche seien ruhig, andere nervöser. Viele müssten sich erst an die Situation gewöhnen, an die Enge, an die See, an die Erschöpfung. Das größte Problem sei Seekrankheit. Trotzdem entstehe Nähe. „Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen“, sagt Jesse. „Wir sind nicht hier, um Spaß zu haben.“ Und doch könnten sie lachen. Wenn eine Person krank werde oder ausfalle, sprängen andere ein. „Alle helfen bei allem.“Der bisher intensivste Moment sei eine Nachtschicht gewesen, erzählt Jesse. Vier Stunden am Steuer, dichter Nebel, so dicht, dass sie nicht einmal den vorderen Teil des eigenen Bootes habe sehen können. „Es ist nicht lustig, vier Stunden am Steuer zu kleben und zu versuchen, kein anderes Boot zu rammen“, sagt sie. Gleichzeitig sei gerade diese Nacht besonders gewesen. In der Dunkelheit habe sie die Lichter der anderen Boote gesehen. Alle segelten Tag und Nacht. Niemand ruhe sich aus. Alle opferten ihre Nächte, um so schnell wie möglich Richtung Gaza zu kommen.Gefragt, ob sie wirklich glaube, Gaza erreichen zu können, antwortet Jesse zunächst ohne Zögern. Sie glaube, dass es möglich sei. Doch gleich danach verschiebt sie den Maßstab. Entscheidend sei für sie nicht nur, ob die Boote tatsächlich ankommen. „Das Einzige, was für mich wirklich zählt, ist, dass wir alles tun, was wir können“, sagt sie. Sollte die Flotilla gestoppt werden, hätten sie dennoch gezeigt, dass sie es versucht hätten. „Der Moment, in dem wir von Barcelona lossegeln, ist schon ein Erfolg“, sagt sie. Der Sinn der Aktion liege auch darin, dass Menschen überhaupt handelten: auf den Booten, in den Häfen, an Land.Was Israels UN-Botschafter über die Flottille sagtInzwischen ist genau dieser Fall eingetreten. Nach Angaben der Organisatoren wurden Schiffe der Global Sumud Flotilla in internationalen Gewässern abgefangen. Die Organisatoren sprechen von einem rechtswidrigen Eingriff. Die israelische Regierung verteidigt das Vorgehen als Durchsetzung ihrer Blockade. Israels UN-Botschafter Danny Danon schrieb auf der Plattform X, die Flotte sei gestoppt worden, bevor sie „unser Gebiet“ erreicht habe. Die Soldaten hätten professionell gegenüber einer Gruppe „realitätsferner, aufmerksamkeitsheischender Agitatoren“ gehandelt. Am 14. Mai meldete Reuters, dass Schiffe der Flottille von Marmaris in der Türkei erneut Richtung Gaza ausgelaufen seien – laut der Nachrichtenagentur bereits der dritte Versuch. Für Jesse war die Möglichkeit des Abfangens schon im Gespräch Teil der Realität. Die Mission war für sie nicht erst dann politisch wirksam, wenn die Boote Gaza erreichen.In einem zweiten Gespräch schildert Jesse, wie jene Nacht des Abfangens für sie begann. Gegen Abend sei es dunkel geworden. Sie hätten rote Lichter gesehen, vermutlich Drohnen. Solche Lichter hätten sie schon seit Italien begleitet, sagt Jesse. Doch nun seien es mehr gewesen. Über Funk hätten andere Boote gemeldet, sie würden von unbekannten, kleineren Booten bedrängt. Danach sei nach und nach der Kontakt zu einzelnen Booten abgebrochen. „Wir hatten keine Ahnung, was passiert ist“, sagt Jesse. Es sei Nacht gewesen, die anderen Boote seien kaum zu erkennen gewesen. Erst Stunden später hätten israelische Medien über das Abfangen berichtet.Halb von Israel aufgehalten, halb Zwischenstopp in Griechenland?Nach Jesses Darstellung geschieht das weit entfernt von Gaza, etwa 600 Seemeilen vor der palästinensischen Küste. Die Flotte sei auf dem Weg von Italien nach Griechenland gewesen, kurz vor Kreta. Eine Warnung habe es vorher nicht gegeben. „Da war nichts. Wirklich nichts“, sagt sie. Sie seien einfach weiter ihren Kurs gefahren. Ihre Crew habe das trainierte Protokoll befolgt, Pässe bereitgehalten und versucht, nicht abgefangen zu werden. Angst sei in diesem Moment nicht ihr stärkstes Gefühl gewesen. „Ich war nicht einmal verängstigt. Ich war sehr wütend“, sagt Jesse. Wie könne Israel so weit draußen handeln, nahe griechischer Gewässer, und niemand tue etwas dagegen, fragt sie.Jesses Boot wird nach ihrer Darstellung nicht festgesetzt. Der geplante Zwischenstopp in Griechenland habe ohnehin angestanden, sagt sie, weil ein Sturm erwartet wurde. Es sei nicht Israel gewesen, das ihren Kurs geändert habe. „Natürlich fahren wir weiter nach Gaza“, sagt Jesse. „Es gibt nichts, was Israel getan hat, das unseren Kurs geändert hat.“ Von den 52 Booten, die Italien verlassen hätten, seien 32 entkommen. Später sollten weitere Boote aus Griechenland, der Türkei und möglicherweise Italien dazukommen. Damals rechnet Jesse für die Weiterfahrt mit etwa 56 bis 60 Booten. Inzwischen ist die Flottille von Marmaris in der Türkei Richtung Gaza erneut ausgelaufen.Auch die persönliche Gefahr blendet sie nicht aus. Schon im ersten Gespräch hatte Jesse gesagt, es gebe eine „sehr, sehr kleine Chance“, dass sie nicht zurückkomme oder für längere Zeit festgehalten werde. Sie hoffe natürlich, dass es nicht so komme. Aber sie könne sich kaum einen Punkt vorstellen, an dem sie allein sagen würde: Es reicht. Nur wenn die Mission insgesamt keinen Sinn mehr hätte oder niemand mehr weiterfahren würde, würde auch sie nicht weitergehen. „Solange sie gehen, gehe ich.“Der Abschied von ihrer Mutter im Hafen von BarcelonaAls sie ihrer Familie erzählt, dass sie mitfahren will, reagieren ihre Eltern nicht überrascht. Ihre Mutter habe gesagt, sie verstehe, warum Jesse das wolle, und glaube an sie. Sie werde sich Sorgen machen, aber sie wisse, dass gerade Jesse das könne. Ihre Mutter sei einige Tage vor der Abfahrt nach Barcelona gekommen, um sich im Hafen ein letztes Mal von ihr zu verabschieden. Ihre Eltern kannten sie gut, sagt Jesse. Sie wüssten, dass sie in Stresssituationen ruhig bleiben könne.Seit dem Abfangen habe sie viele Nachrichten bekommen, erzählt Jesse: von Freunden, von ihrer Familie, von früheren Weggefährten. Von Regierungen sei dagegen keine Unterstützung gekommen. Auf die spanische Regierung hoffe sie noch, sagt sie. Von anderen Regierungen erwarte sie wenig.Jesse sieht ihre Mission als eine der MenschlichkeitJesse will nicht, dass Menschen sie und die anderen an Bord als Helden betrachten. Denn Helden sind Ausnahmefiguren. Jesse aber meint das Gegenteil. Sie will zeigen, dass gewöhnliche Menschen handeln können. „Ich bin wirklich ein normaler Mensch“, sagt sie. Niemand an Bord habe Superkräfte. Nicht alle müssten auf ein Boot steigen, sagt sie. Aber alle könnten etwas tun.Nach dem Abfangen klingt diese Haltung weniger wie ein Appell als wie eine Bilanz. Ein Teil der Flotte wurde gestoppt, andere Boote wollen weiterfahren. Für Jesse ist die Mission damit nicht vorbei. Wenn alle aufhörten, sich zu kümmern, wenn niemand mehr da sei, dann hätten sie versagt. „Wir sind keine mutigen Helden“, sagt Jesse. „Wir sind keine besonderen Menschen. Wir tun nur das Minimum, um die Menschlichkeit zu verteidigen.“



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