Selten sind Texte so selbstentlarvend wie der von Felix Dachsel – Jahrgang 1987, von der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg über Stationen bei taz und Zeit zum Spiegel durchgereicht, heute einer der Leiter des Reporter-Ressorts – und ein Musterbeispiel für das, was man die Blase nennt, ohne völlig zu erfassen, wie dicht sie ist und welche dramatischen Folgen das hat.
Dachsel beschreibt, wie er im Zugbistro einem älteren Herrn gegenübersitzt. Sie reden, es ist nett, dann nennt der Mann Angela Merkel eine Verbrecherin. Die Reaktion? Er steht auf, geht auf die Toilette, googelt seinen Gesprächspartner, findet AfD-Kandidatur und Vorstrafe (angeblich wegen einer Nazi-Äußerung, aber wir alle wissen, wie inflationär da heute geurteilt wird) – und flieht. Mit einer Lüge. Wie vor einem Aussätzigen. Er habe zufällig einen Freund im nächsten Abteil getroffen.
Aus dieser Episode macht Felix Dachsel einen Essay über die Frage, ob wir die Demokratie noch brauchen.
Man muss das kurz sacken lassen.
Die Toiletten-Methode
Der aufschlussreichste Moment des Textes ist nicht die Flucht. Es ist das Googeln. Dachsel geht nicht auf die Toilette um nachzudenken, sondern um zu klassifizieren. AfD, Vorstrafe – Akte geschlossen, Mensch erledigt. Was er findet, bestätigt was er bereits wusste: der Mann – früher ein Strafverteidiger – ist einer von denen.
Das ist das genaue Gegenteil von dem, was Demokratie bedeutet. Demokratie bedeutet, mit Menschen auszukommen deren Akte man nicht kennt und nicht kennen will. Dachsel braucht die Akte um sich zu entlasten. Mit einem klassifizierten Feind muss man nicht reden. Mit einem Mitbürger schon.
Die selbstgestellte Diagnose
Dachsel ist zu loben für einen Moment schonungsloser Selbstanalyse. Er schreibt: „Ich bin vor einem alten Mann weggelaufen, als wäre er der Teufel. Vielleicht aus Angst, seiner Anfechtung des Systems nichts entgegensetzen zu können als kindlichen Glauben.“
Das ist präzise. Das ist die Krankheit. Demokratieglaube als Dogma, nicht als Überzeugung. Dogmen verteidigt man nicht mit Argumenten – man flieht vor den Ungläubigen.
Dachsel stellt sogar die richtige Folgefrage: Müssten Demokraten nicht fähig sein, die Demokratie utilitaristisch, ökonomisch, philosophisch, logisch zu begründen – statt sie moralisch zu setzen?
Ja. Müssten sie. Churchill hat es in einem Satz getan. Popper in einem Buch. Hayek in mehreren.
Aber Dachsel beantwortet seine eigene Frage nicht. Stattdessen führt er Thomas Mann an, einen Gastvater in Madrid, Karoline Herfurth. Alles außer einer einzigen konkreten Antwort. Dachsel hat ein Politikstudium, hat Redaktionserfahrung, hat einen Spiegel-Vertrag – und kommt trotzdem mit leeren Händen aus dem Zugbistro. Das ist nicht persönliches Versagen. Das ist Systemversagen einer ganzen Bildungs- und Medienelite, die Demokratie als Sakrament gelehrt hat, nicht als Argument. Als Dogma, nicht als etwas Lebendiges.
Dachsel beherrscht eine Technik die in seinem Milieu zur Hochkunst geworden ist: die performative Selbstbefragung. Er stellt unbequeme Fragen – an sich selbst, scheinbar schonungslos – und beantwortet sie dann so, dass nichts weh tut.
Er fragt: Warum bin ich weggelaufen? Und antwortet mit Thomas Mann.
Er fragt: Kann ich Demokratie überhaupt begründen? Und antwortet mit Karoline Herfurth.
Er fragt: Bin ich selbst Teil des Problems? Und antwortet mit dem AfD-Verbotsgedanken – der ihn komfortabel zurück ins eigene Lager befördert.
Das ist keine Reflexion. Das ist Reflexions-Choreographie. Die Wort-Pirouette ersetzt die Antwort. Der Leser sieht die Bewegung und hält sie für Erkenntnis. Das Milieu applaudiert. Niemand muss sich wirklich bewegen.
Die echte Selbstkritik würde lauten: Ich habe einen Mitbürger gegoogelt, klassifiziert und verlassen. Ich habe ihn nicht als Menschen behandelt sondern als Fall. Und ich nenne das Demokratieverteidigung.
Diesen Satz schreibt Dachsel nicht. Er käme zu nah. Er würde die eigene Verdrängung sichtbar machen.
Der Widerspruch, der keiner sein soll
Dann kommt der Satz, der den Text endgültig demontiert. Dachsel schreibt, die Demokratie brauche Wohlwollen, Großzügigkeit, Akzeptanz gegenüber den anderen. Im selben Absatz gesteht er: Er hoffe hin und wieder auf ein AfD-Verbot, damit Ruhe ist.
Das ist kein Spannungsverhältnis. Das ist blanker Widerspruch. Die anderen, denen man Wohlwollen schuldet – das sind offensichtlich nicht die Millionen AfD-Wähler. Die sind bereits aussortiert. Wie der alte Mann auf der Toilette.
Hitler, natürlich
Ein deutscher Demokratie-Essay ohne Hitler wäre wie ein Zugbistro ohne nicht vorrätige Speisen – theoretisch möglich, praktisch unvorstellbar. Also kommt Hitler. Und Thomas Mann. Und Weimar. Und eine Bande losgelassener Schuljungen.
Das ist die intellektuelle Krücke der deutschen Debattenkultur: Wer Hitler zitiert, braucht keine Argumente mehr. Das Argument ist Hitler. Wer dagegen ist, ist für Hitler. Fertig. Alles Nazis.
Der alte Mann im Zug hat Merkel Verbrecherin genannt. Ich würde dieses Wort nicht wählen. Obwohl ich in Merkel die schädlichste Gestalt der deutschen Geschichte seit Überwindung der beiden deutschen Diktaturen sehe. Obwohl ich es legitim halte, Merkel Verstöße gegen Gesetze und das Grundgesetz vorzuwerfen. Durch die Blume gab sie diese sogar selbst zu, teilweise sind sie aktenkundig. Umso mehr gilt: Dass Dachsel von diesem Vorwurf sofort zu Weimar und den Schlägertrupps der Faschisten springt, ist eine intellektuelle Bankrotterklärung. Die er selbst nicht kapiert. Weil er diesen Sprung unbedingt machen muss. Weil ohne ihn der Text kein Gewicht hat – in seinem Milieu. Dem Milieu derjenigen, die sich für geläutert halten durch die Geschichte, und in Realität genau das Gegenteil sind.
Die eigentliche Frage
Warum nennt ein freundlicher älterer Herr im Zugbistro Angela Merkel eine Verbrecherin? Mit bebender Stimme, mit Vergnügen am Unbehagen seines Gegenübers? Wohlgemerkt jemand, der sich auskennt mit der Juristerei, der vor der Rente Strafverteidiger war?
Dachsel stellt diese Frage nicht. Sie interessiert ihn nicht. Er hat die Akte. Er hat das Gegenüber disqualifiziert. Ja faktisch zum Aussätzigen erklärt. Und versteht das nicht mal ansatzweise. Denn sonst müsste er verstehen, dass das Erklären eines Gegenübers zum Aussätzigen genau das ist, was er nie tun sollte, wenn er wirklich aus der Geschichte gelernt hätte, wie er und sein Milieu gebetsmühlenhaft wiederholen. Das ist die Sollbruchstelle ihres Moral-Überlegenheitsgefühls, die sie sorgsam ausklammern. Verdrängen: Weswegen sie sich ständig ihre Welt mit Logik-Brüchen zusammenflicken müssen. Weswegen ihre Logik so absurd wirkt für diejenigen, die nicht in ihrem Dogmen-Gefängnis feststecken.
Säße Dachsel da nicht fest, müsste er verstehen: Warum der Mann so wütend ist auf Merkel, das ist die einzige Frage, die zählt. Nicht ob die Demokratie das richtige System ist – das ist sie, und zwar aus hundert konkreten Gründen, die Dachsel nicht nennt. Sondern: Warum hat sie diesen Mann so enttäuscht, so erbittert, so wütend gemacht, dass er in einem Zugbistro vor Weihnachten Verbrecherin ruft?
Diese Frage zu stellen wäre Journalismus. Aber sie würde das ganze Dogmen-Gefängnis ins Wanken bringen. Darum läuft Dachsel weg, schreibt einen Essay darüber, zitiert Thomas Mann, redet von Weimar, von Faschisten, von Hitler. Er missbraucht das Wort „Demokratie“ sinnentleert für den eigenen Katechismus. Als Krücke für die eigene Therapie. Auf Kosten einer Demokratie, die er zu verteidigen vorgibt. Und die genau an diesem Unwillen zur echten Frage zugrunde geht – nicht an alten Männern im Zugbistro mit provokativer Wortwahl.
Die Pointe
Am Ende des Textes steigt Dachsel aus dem Zug. Der Vater holt ihn ab. Dachsel schaut beschämt in die Landschaft.
Beschämt, weil er weggelaufen ist. Nicht weil er die falsche Frage gestellt hat.
Ich erzähle diese Geschichte, weil sie weit über Dachsel hinausgeht. Sie steht für ein ganzes Milieu. Für ein Milieu, das die Schaltstellen in Politik, Medien und Konzernen in Deutschland besetzt hat. Das sich für moralisch überlegen hält und glaubt, uns umerziehen zu müssen, weil wir moralisch minderwertig seien. Das die Bürgerlichen, die Konservativen zu einer dauernden Duckhaltung zwingt. Ein Milieu, das nicht kapiert, dass es damit genau in der Denkschule derer steht, die es zu bekämpfen glaubt. Die Ziele mögen andere sein. Aber die Methode ist dieselbe. Die Gewissheit, die Bereitschaft zum Aussortieren, die Unfähigkeit zur echten Frage, zum echten Dialog. Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt – sie haben nur einen anderen Lack.
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Bild: Symbolbild/Ki-generiert/Grok