Bei Claas Nendel ist richtig, wer wissen will, wie die Landwirtschaft in Deutschland Mitte des Jahrhunderts aussehen wird. „Mein Gewächshaus ist der Computer“, sagt der Geoökologe. „Atmung, Fotosynthese, Entwicklung, Ertrag – alles funktioniert wie bei einem richtigen Gewächs.“ Nur dass die Früchte seiner Arbeit nicht aus Getreidekörnern oder Kartoffeln bestehen, sondern aus mathematischen Formeln.

Nendels Ziel ist es, die Pflanze der Zukunft wachsen zu lassen, und zwar einmal in einer Welt, in der die Menschheit keinen Klimaschutz betrieben hat – das sogenannte RCP8.5-Szenario des Weltklimarates IPCC. Um dann vergleichen zu können, wie es der Pflanze ergeht, wenn die Menschheit jetzt doch noch mit strengen Emissionsminderungen beginnt und die Klimaerhitzung begrenzt wird.

Der Professor sitzt im Haus 45 auf dem Wissenschaftscampus der Stadt Müncheberg mit knapp 7.000 Einwohnern im Osten Brandenburgs, die sich selbst „Forscherstadt“ nennt. 1928 wurde hier das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung“ gegründet, eine der ersten Wissenschaftseinrichtungen, die sich der Kulturpflanzenzucht widmeten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen die Mitarbeiter mitsamt ihren Forschungsergebnissen nach Vogelsang bei Köln, die DDR musste neu anfangen, gründete am Standort die „Zentralforschungsanstalt für Pflanzenzucht“. Heute beschäftigt hier das ZALF, das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, mehr als 600 Menschen; manche pendeln von Berlin, die Regionalbahn fährt im Halbstundentakt.

Hinter dem Bürokomplex liegt das drei Hektar große Versuchsfeld; Kleine Schläge Mais, Roggen oder Weizen wurden hier nebeneinander ausgesät, rechter Hand wird gerade ein Acker neu bestellt. Über den Saaten drehen sich Drachen im Wind, um Vögel zu verscheuchen. Überall sind rote Plastikfüchse aufgestellt, mit dem Ziel, Kaninchen zu vertreiben. Möglichst nichts soll die Pflanzen auf den Forschungsfeldern stören.

Die Rolle der Gentechnik

Nendel, Mitte 50, trägt Lederhut, randlose Brille, Kinnbart, Sportschuhe. Auf dem Weg zu den „echten“ Pflanzen stehen alle 20 Meter Schaltkästen. „Im Boden sind Unmengen von Sensoren eingelassen“, erklärt der Professor, der an der Universität Potsdam lehrt. Fahrzeuge, die an Golfbuggys erinnern, rollen durch die Reihen, bestückt mit landwirtschaftlichen Geräten. Es gibt eine mobile Beregnungsanlage und einen „Rainout-Shelter“, eine Art Gewächshaus, das über einem Versuchsfeld aufgespannt werden und so die Trockenheit der Zukunft simulieren kann.

„Hier überprüfen wir, ob sich unsere virtuelle Pflanze nach einer gewissen Versuchsdauer richtig verhält“, erklärt Nendel. „Wir sagen dem Computergewächs, unter welchen Bedingungen es sich entwickeln muss, und realisieren exakt die gleichen Verhältnisse hier auf dem Versuchsfeld.“ Stimmen Entwicklungsparameter wie Größe, Blattfläche, Gewicht, Wassergehalt bei der Computerpflanze nach einer Wachstumsperiode mit dem Feldgewächs überein, dann ist das mathematische Modell geeignet, künftige Verhältnisse zu simulieren. „Im anderen Fall muss ich nacharbeiten und die virtuelle Pflanze realer machen.“

Dass der Klimawandel in Deutschland längst Realität ist, spüren Landwirte am deutlichsten. Nach dem jüngsten Bericht des Deutschen Wetterdienstes liegt die Durchschnittstemperatur hierzulande bereits 2,5 Grad über der zu der Zeit, als es noch keinen Klimawandel gab. Das erhöht die Verdunstung der Pflanzen und sorgt für Wetterstress.

Dazu kommen zunehmend Extremwetter mit Starkregen oder Dürreperioden, Die alten Bauernregeln, die 1509 erstmals in Buchform erschienen, sind längst nicht mehr gültig. Die Europäische Umweltagentur stellte in einem Bericht aus dem Jahr 2019 fest: „Der Klimawandel hat den Agrarsektor in Europa bereits negativ beeinflusst und wird dies auch in Zukunft tun.“

„Kühe fühlen sich am wohlsten bei 15 Grad“, sagt Kirsten Wosnitza. Die Milchbäuerin betreibt in Schleswig-Holstein eine Milchwirtschaft. Steigt das Thermometer über 24 Grad Celsius, geraten die Tiere unter Hitzestress. „Die Milchleistung sinkt dann deutlich, und der Stress bedeutet mehr Arbeit“, sagt Wosnitza. In den letzten Hitzesommern mussten die Kühe durch Ventilatoren und Duschen gekühlt werden.

Trotzdem war die Milchleistung geringer und damit der Erlös. „Ohnehin ist der betriebswirtschaftliche Druck enorm“, sagt die Bäuerin. Die Zahlen unterstreichen das: Gab es 1975 noch mehr als 900.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland, waren 2020 lediglich noch 267.000 übrig.

Längst ist klar: Viele unserer bisherigen Ackerpflanzen werden in den kommenden Jahrzehnten erhebliche Probleme bekommen. Die Frühjahre und Sommer der Zukunft bringen mehr Trockenheit und mehr Hitze. Dabei sind Phasen der Samen- und Fruchtbildung oder das Entfalten der Blüte zum Beispiel bei Getreide oft sehr temperaturempfindlich. „Um acht Milliarden Menschen satt zu bekommen, müssen wir unsere Ernährung neu denken“, sagt Claas Nendel. Denn der Klimawandel sei ja nur ein Problem. Weltweit geht zudem immer mehr Anbaufläche verloren, weil sie versiegelt, vergiftet oder übernutzt wird.

„Soja könnte zum Beispiel helfen“, sagt Claas Nendel, der die Anbaubedingungen dieser Hülsenfrucht in unseren Breiten untersuchte. Die Bohnen des Schmetterlingsblütlers enthalten bis zu 37 Prozent Eiweiß. Und die Qualität des Sojaproteins ist mit der von tierischem Eiweiß vergleichbar. Nendel: „Der Vorteil ist: Mit dem Sojaanbau kommen wir direkt zu Proteinen, ohne den uneffizienten Umweg eines Tiermagens.“ Für die Viehhaltung sei sehr viel Fläche nötig, „Fläche, die wir nicht mehr haben“.

Der Nachteil: Sojapflanzen wachsen in Mitteleuropa nicht sehr gut. Während in Brasilien vor zwei Jahren 74 Millionen Tonnen Bohnen geerntet wurden, waren es in Deutschland ganze 90.000 Tonnen. Ein Grund dafür ist das gemäßigte Klima in unseren Breiten, die Sojabohne mag es warm und trocken. Der andere Grund: Soja ist eine Kurztagpflanze. Also eine, die unter kurzen Sommernächten leidet.

Auch Hirse könnte helfen, Linsen auch. „Das Spannende an diesen Kulturen ist: Sie hören einfach auf zu wachsen, wenn es zu trocken wird. Sie warten dann auf bessere Bedingungen“, erklärt Nendel. Gerste oder Roggen haben solche Eigenschaften nicht, „sie gehen bei anhaltender Trockenheit in die Notreife“. Bauern sprechen dann vom „Schmachtkorn“: kleine Körner mit wenig Inhalt.

Linsen und Hirse sei eine Zeit ohne Nass dagegen egal. Regnet es eines Tages wieder, würden solche Kulturen aus dem Wartezustand in den Wachstumszustand zurückwechseln. „Was fehlt, ist agronomisches Wissen“, sagt Claas Nendel: „Wie sind die Fruchtfolgen? Wie kontrollieren wir die Verunkrautung? Welchen Pflanzenschutz brauchen wir? Wir müssen das ausprobieren!“

Wie in Müncheberg wird auch an vielen anderen Instituten untersucht, was Ackerpflanzen in Zukunft widerfahren wird. So gibt es weltweit mehrere Dutzend Freilandlabore, die wie Zeitmaschinen funktionieren: Über Feldern, Wiesen und gar Wäldern wird rund um die Uhr Kohlendioxid versprüht, um die künftige Zusammensetzung der Atmosphäre zu simulieren; parallel bringen Heizelemente Luft- und Bodentemperaturen auf das Niveau von Mitte des Jahrhunderts.

„Weizen wird in Deutschland ein Verlierer des Klimawandels sein“, erklärt Roland Hoffmann-Bahnsen, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Er forscht seit 30 Jahren zur Trockenheitsresistenz von Pflanzen; widerstandsfähigere Arten zu züchten, sei „sehr aufwendig und mühsam“ – woran auch die bisweilen gepriesene Gentechnik wenig ändere: „Wie eine Pflanze auf Dürre oder Hitze reagiert, hängt von zahlreichen Merkmalen ab“, von Wurzeln, Blättern und vielem anderen.

Schätzungsweise 200 Gene hätten deshalb Einfluss auf die Trockenheitsresistenz – aber welches ist das entscheidende? Eine Resistenz gegen bestimmte Unkrautvernichtungsmittel zu kreieren – ein häufiges Einsatzgebiet der Gentechnik –, sei dagegen viel leichter. Hoffmann-Bahnsen: „Dafür ist ein einzelnes Gen verantwortlich.“ Sein Team experimentiert mit Sorghumhirse, der wichtigsten Getreideart Afrikas, oder Rispenhirse. Die braucht nur etwa halb so viel Wasser wie Weizen und wuchs jahrhundertelang auch in Brandenburg, bevor die intensive Landwirtschaft sie verdrängte.

Auch Claas Nendel hält Pflanzenzüchtung für einen wichtigen Baustein bei der Anpassung an den Klimawandel, „aber nicht für das Allheilmittel bei der Suche nach der Ernährungssicherheit der Zukunft“. Die Art der Bodenbearbeitung, unser Umgang mit dem knapper werdenden Wasser, die Art der Feldbestellung, wie eine Getreidekultur mit der Umwelt interagiert – „diese Fragen sind genauso wichtig“.

Frühling ohne Regen

Nendel glaubt, dass schon in wenigen Jahren der 500-PS-Traktor Geschichte sein wird. „Stattdessen übernehmen paketgroße mobile Ernteroboter alle Dienste auf dem Feld: Säen, Unkrautjäten, Düngen und Ernten. „Felder, so wie wir sie heute kennen, wird es Mitte des Jahrhunderts nicht mehr geben“, davon ist Claas Nendel überzeugt, „es wird viel kleinteiliger angebaut.

Auf sandigen Kuppen werden eher trockenheitsresistentere Nutzpflanzen wie Roggen ausgesät, in den feuchteren Niederungen dagegen zum Beispiel Weizen.“ Autonome Erntemaschinen würden das Korn erkennen, zuordnen und sortenrein ernten. Der Bauer der Zukunft sitzt immer seltener selbst im Traktor: „Selbstfahrende Feldroboter brauchen weder Pause noch Nachtschlaf.“

Ohnehin steht die Landwirtschaft der Digitalisierung wegen vor einem gravierenden Wandel. „Apps, mit deren Hilfe der Bauer Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge erkennen kann, die gibt es schon – inklusive automatischer Ratschläge, welches Mittel er dagegen einsetzen muss. Genauso wie Sensoren auf dem Traktor, die dem Bauern anzeigen, wie viel Nährstoffe in der Pflanze vor ihm enthalten sind.“

In Müncheberg testen sie diese Dinge auf den Versuchsfeldern genauso aus wie im Computer. Hier ist es Buchweizen, mit dem experimentiert wird, oder die Echte Kicher, eine Pflanzenart aus der Gattung der Kichererbsen. Gerade wurde das „Innovationszentrum für Agrarsystemtransformation“ IAT gegründet. „Was benötigen die Akteure vor Ort, welche Hemmnisse bestehen, und welche Innovationen erweisen sich am Ende wirklich als praxistauglich?“ Das sind die Fragen, die Co-Chefin Bettina Matzdorf als dringlich ansieht.

Wie dringend das ist, zeigte sich gerade in diesem Frühling wieder: Im Osten Brandenburgs hat es so gut wie nicht geregnet, der Dürremonitor des „Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung“ zeigt vielerorts dunkelrote Stellen – außergewöhnliche Dürre im Unterboden. Dabei lautet eine der alten Bauernregeln so: „Jeder Bauer will – Regen im April.“

s sogenannte RCP8.5-Szenario des Weltklimarates IPCC. Um dann vergleichen zu können, wie es der Pflanze ergeht, wenn die Menschheit jetzt doch noch mit strengen Emissionsminderungen beginnt und die Klimaerhitzung begrenzt wird.Der Professor sitzt im Haus 45 auf dem Wissenschaftscampus der Stadt Müncheberg mit knapp 7.000 Einwohnern im Osten Brandenburgs, die sich selbst „Forscherstadt“ nennt. 1928 wurde hier das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung“ gegründet, eine der ersten Wissenschaftseinrichtungen, die sich der Kulturpflanzenzucht widmeten.Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen die Mitarbeiter mitsamt ihren Forschungsergebnissen nach Vogelsang bei Köln, die DDR musste neu anfangen, gründete am Standort die „Zentralforschungsanstalt für Pflanzenzucht“. Heute beschäftigt hier das ZALF, das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, mehr als 600 Menschen; manche pendeln von Berlin, die Regionalbahn fährt im Halbstundentakt.Hinter dem Bürokomplex liegt das drei Hektar große Versuchsfeld; Kleine Schläge Mais, Roggen oder Weizen wurden hier nebeneinander ausgesät, rechter Hand wird gerade ein Acker neu bestellt. Über den Saaten drehen sich Drachen im Wind, um Vögel zu verscheuchen. Überall sind rote Plastikfüchse aufgestellt, mit dem Ziel, Kaninchen zu vertreiben. Möglichst nichts soll die Pflanzen auf den Forschungsfeldern stören.Die Rolle der GentechnikNendel, Mitte 50, trägt Lederhut, randlose Brille, Kinnbart, Sportschuhe. Auf dem Weg zu den „echten“ Pflanzen stehen alle 20 Meter Schaltkästen. „Im Boden sind Unmengen von Sensoren eingelassen“, erklärt der Professor, der an der Universität Potsdam lehrt. Fahrzeuge, die an Golfbuggys erinnern, rollen durch die Reihen, bestückt mit landwirtschaftlichen Geräten. Es gibt eine mobile Beregnungsanlage und einen „Rainout-Shelter“, eine Art Gewächshaus, das über einem Versuchsfeld aufgespannt werden und so die Trockenheit der Zukunft simulieren kann.„Hier überprüfen wir, ob sich unsere virtuelle Pflanze nach einer gewissen Versuchsdauer richtig verhält“, erklärt Nendel. „Wir sagen dem Computergewächs, unter welchen Bedingungen es sich entwickeln muss, und realisieren exakt die gleichen Verhältnisse hier auf dem Versuchsfeld.“ Stimmen Entwicklungsparameter wie Größe, Blattfläche, Gewicht, Wassergehalt bei der Computerpflanze nach einer Wachstumsperiode mit dem Feldgewächs überein, dann ist das mathematische Modell geeignet, künftige Verhältnisse zu simulieren. „Im anderen Fall muss ich nacharbeiten und die virtuelle Pflanze realer machen.“Dass der Klimawandel in Deutschland längst Realität ist, spüren Landwirte am deutlichsten. Nach dem jüngsten Bericht des Deutschen Wetterdienstes liegt die Durchschnittstemperatur hierzulande bereits 2,5 Grad über der zu der Zeit, als es noch keinen Klimawandel gab. Das erhöht die Verdunstung der Pflanzen und sorgt für Wetterstress.Dazu kommen zunehmend Extremwetter mit Starkregen oder Dürreperioden, Die alten Bauernregeln, die 1509 erstmals in Buchform erschienen, sind längst nicht mehr gültig. Die Europäische Umweltagentur stellte in einem Bericht aus dem Jahr 2019 fest: „Der Klimawandel hat den Agrarsektor in Europa bereits negativ beeinflusst und wird dies auch in Zukunft tun.“„Kühe fühlen sich am wohlsten bei 15 Grad“, sagt Kirsten Wosnitza. Die Milchbäuerin betreibt in Schleswig-Holstein eine Milchwirtschaft. Steigt das Thermometer über 24 Grad Celsius, geraten die Tiere unter Hitzestress. „Die Milchleistung sinkt dann deutlich, und der Stress bedeutet mehr Arbeit“, sagt Wosnitza. In den letzten Hitzesommern mussten die Kühe durch Ventilatoren und Duschen gekühlt werden.Trotzdem war die Milchleistung geringer und damit der Erlös. „Ohnehin ist der betriebswirtschaftliche Druck enorm“, sagt die Bäuerin. Die Zahlen unterstreichen das: Gab es 1975 noch mehr als 900.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland, waren 2020 lediglich noch 267.000 übrig.Längst ist klar: Viele unserer bisherigen Ackerpflanzen werden in den kommenden Jahrzehnten erhebliche Probleme bekommen. Die Frühjahre und Sommer der Zukunft bringen mehr Trockenheit und mehr Hitze. Dabei sind Phasen der Samen- und Fruchtbildung oder das Entfalten der Blüte zum Beispiel bei Getreide oft sehr temperaturempfindlich. „Um acht Milliarden Menschen satt zu bekommen, müssen wir unsere Ernährung neu denken“, sagt Claas Nendel. Denn der Klimawandel sei ja nur ein Problem. Weltweit geht zudem immer mehr Anbaufläche verloren, weil sie versiegelt, vergiftet oder übernutzt wird.„Soja könnte zum Beispiel helfen“, sagt Claas Nendel, der die Anbaubedingungen dieser Hülsenfrucht in unseren Breiten untersuchte. Die Bohnen des Schmetterlingsblütlers enthalten bis zu 37 Prozent Eiweiß. Und die Qualität des Sojaproteins ist mit der von tierischem Eiweiß vergleichbar. Nendel: „Der Vorteil ist: Mit dem Sojaanbau kommen wir direkt zu Proteinen, ohne den uneffizienten Umweg eines Tiermagens.“ Für die Viehhaltung sei sehr viel Fläche nötig, „Fläche, die wir nicht mehr haben“.Der Nachteil: Sojapflanzen wachsen in Mitteleuropa nicht sehr gut. Während in Brasilien vor zwei Jahren 74 Millionen Tonnen Bohnen geerntet wurden, waren es in Deutschland ganze 90.000 Tonnen. Ein Grund dafür ist das gemäßigte Klima in unseren Breiten, die Sojabohne mag es warm und trocken. Der andere Grund: Soja ist eine Kurztagpflanze. Also eine, die unter kurzen Sommernächten leidet.Auch Hirse könnte helfen, Linsen auch. „Das Spannende an diesen Kulturen ist: Sie hören einfach auf zu wachsen, wenn es zu trocken wird. Sie warten dann auf bessere Bedingungen“, erklärt Nendel. Gerste oder Roggen haben solche Eigenschaften nicht, „sie gehen bei anhaltender Trockenheit in die Notreife“. Bauern sprechen dann vom „Schmachtkorn“: kleine Körner mit wenig Inhalt.Linsen und Hirse sei eine Zeit ohne Nass dagegen egal. Regnet es eines Tages wieder, würden solche Kulturen aus dem Wartezustand in den Wachstumszustand zurückwechseln. „Was fehlt, ist agronomisches Wissen“, sagt Claas Nendel: „Wie sind die Fruchtfolgen? Wie kontrollieren wir die Verunkrautung? Welchen Pflanzenschutz brauchen wir? Wir müssen das ausprobieren!“Wie in Müncheberg wird auch an vielen anderen Instituten untersucht, was Ackerpflanzen in Zukunft widerfahren wird. So gibt es weltweit mehrere Dutzend Freilandlabore, die wie Zeitmaschinen funktionieren: Über Feldern, Wiesen und gar Wäldern wird rund um die Uhr Kohlendioxid versprüht, um die künftige Zusammensetzung der Atmosphäre zu simulieren; parallel bringen Heizelemente Luft- und Bodentemperaturen auf das Niveau von Mitte des Jahrhunderts.„Weizen wird in Deutschland ein Verlierer des Klimawandels sein“, erklärt Roland Hoffmann-Bahnsen, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Er forscht seit 30 Jahren zur Trockenheitsresistenz von Pflanzen; widerstandsfähigere Arten zu züchten, sei „sehr aufwendig und mühsam“ – woran auch die bisweilen gepriesene Gentechnik wenig ändere: „Wie eine Pflanze auf Dürre oder Hitze reagiert, hängt von zahlreichen Merkmalen ab“, von Wurzeln, Blättern und vielem anderen.Schätzungsweise 200 Gene hätten deshalb Einfluss auf die Trockenheitsresistenz – aber welches ist das entscheidende? Eine Resistenz gegen bestimmte Unkrautvernichtungsmittel zu kreieren – ein häufiges Einsatzgebiet der Gentechnik –, sei dagegen viel leichter. Hoffmann-Bahnsen: „Dafür ist ein einzelnes Gen verantwortlich.“ Sein Team experimentiert mit Sorghumhirse, der wichtigsten Getreideart Afrikas, oder Rispenhirse. Die braucht nur etwa halb so viel Wasser wie Weizen und wuchs jahrhundertelang auch in Brandenburg, bevor die intensive Landwirtschaft sie verdrängte.Auch Claas Nendel hält Pflanzenzüchtung für einen wichtigen Baustein bei der Anpassung an den Klimawandel, „aber nicht für das Allheilmittel bei der Suche nach der Ernährungssicherheit der Zukunft“. Die Art der Bodenbearbeitung, unser Umgang mit dem knapper werdenden Wasser, die Art der Feldbestellung, wie eine Getreidekultur mit der Umwelt interagiert – „diese Fragen sind genauso wichtig“.Frühling ohne RegenNendel glaubt, dass schon in wenigen Jahren der 500-PS-Traktor Geschichte sein wird. „Stattdessen übernehmen paketgroße mobile Ernteroboter alle Dienste auf dem Feld: Säen, Unkrautjäten, Düngen und Ernten. „Felder, so wie wir sie heute kennen, wird es Mitte des Jahrhunderts nicht mehr geben“, davon ist Claas Nendel überzeugt, „es wird viel kleinteiliger angebaut.Auf sandigen Kuppen werden eher trockenheitsresistentere Nutzpflanzen wie Roggen ausgesät, in den feuchteren Niederungen dagegen zum Beispiel Weizen.“ Autonome Erntemaschinen würden das Korn erkennen, zuordnen und sortenrein ernten. Der Bauer der Zukunft sitzt immer seltener selbst im Traktor: „Selbstfahrende Feldroboter brauchen weder Pause noch Nachtschlaf.“Ohnehin steht die Landwirtschaft der Digitalisierung wegen vor einem gravierenden Wandel. „Apps, mit deren Hilfe der Bauer Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge erkennen kann, die gibt es schon – inklusive automatischer Ratschläge, welches Mittel er dagegen einsetzen muss. Genauso wie Sensoren auf dem Traktor, die dem Bauern anzeigen, wie viel Nährstoffe in der Pflanze vor ihm enthalten sind.“In Müncheberg testen sie diese Dinge auf den Versuchsfeldern genauso aus wie im Computer. Hier ist es Buchweizen, mit dem experimentiert wird, oder die Echte Kicher, eine Pflanzenart aus der Gattung der Kichererbsen. Gerade wurde das „Innovationszentrum für Agrarsystemtransformation“ IAT gegründet. „Was benötigen die Akteure vor Ort, welche Hemmnisse bestehen, und welche Innovationen erweisen sich am Ende wirklich als praxistauglich?“ Das sind die Fragen, die Co-Chefin Bettina Matzdorf als dringlich ansieht.Wie dringend das ist, zeigte sich gerade in diesem Frühling wieder: Im Osten Brandenburgs hat es so gut wie nicht geregnet, der Dürremonitor des „Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung“ zeigt vielerorts dunkelrote Stellen – außergewöhnliche Dürre im Unterboden. Dabei lautet eine der alten Bauernregeln so: „Jeder Bauer will – Regen im April.“



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