„Lädt ein Kampfsportler einen Rechtsextremisten ein“: So könnte der Anfang von einem schlechten Witz lauten. Der Verlauf wären dann viereinhalb Stunden, in denen Björn Höcke keine einzige kritische Nachfrage gestellt wird. Und die Pointe: 3,5 Millionen Aufrufe auf Youtube innerhalb weniger Tage, dazu Podcastabrufe in vermutlich ähnlicher Höhe.

Das Ganze ist aber kein Witz, das Format heißt „Ungeskriptet“ und der Gastgeber Ben Berndt. In früheren Folgen hat er vor allem mit Hells Angels, abseitigen Ernährungstipps und tiefenpsychologischen Erkundungen der Seelenlandschaft zu tun gehabt. In seiner kleinen „Schweiz der Podcast-Welt“, wie er sein Format manchmal bewirbt, sollten allerlei Abseitige und dadurch interessante oder kuriose Charaktere kommen. Nun hat er in diese Schweiz den AfD-Politiker Björn Höcke eingeladen.

Sein Standardbriefing an alle Gäste, mit der auch die Folge mit Höcke beginnt, lautet: „Mein Ziel ist, klüger rauszugehen, als ich reingegangen bin.“ Niemand solle hinterher denken, einer von beiden sei besonders klug oder besonders dumm. Damit will Berndt sich offenbar von etablierten Journalisten und ihrem Rollenverständnis absetzen.

Bei Höcke führt das zu einer langen Selbstinszenierung als bürgerlicher Familienvater, der zufällig in der Politik gelandet ist und nun gegen einen korrupten Berliner und Brüsseler Betrieb kämpft. Berndt nickt während seiner Ausführungen zugewandt. Sein Versprechen besteht darin, seinem Gast die Zeit zu gönnen, die er in der Öffentlichkeit sonst nicht bekommt.

Joe Rogan kommt wie Berndt aus dem Kampfsport

In den USA spielt Joe Rogan diese Rolle seit Jahren. Der ehemalige UFC-Kommentator kommt genau wie Berndt aus dem Kampfsport, beide laden Gäste aller Couleur ein, beide lassen sie meist unhinterfragt erzählen. Im November 2024 saß Donald Trump mehr als drei Stunden bei ihm im Studio; Rogan sprach anschließend offen eine Wahlempfehlung aus.

Bei den demokratischen Vorwahlen 2020 hatte er noch Bernie Sanders unterstützt. Dass solche Auftritte als ernsthafter Faktor in Wahlkämpfen gelten, inzwischen bedeutsamer vielleicht als manche Tageszeitungs-Berichterstattung, ist inzwischen auch in den etablierten Medien angekommen, die sich seitdem den Kopf darüber zerbrechen, ob es auch einen demokratischen oder gar linken Joe Rogan braucht.

Warum funktioniert dieses Format überhaupt so gut? Eine Studie aus dem Frühjahr 2025, gestützt auf zwei repräsentative Befragungen, hat das Publikum der Joe Rogan Experience untersucht. Dabei kam heraus, dass Rogans Hörerschaft sich nicht überwiegend als rechts und nicht einmal überwiegend als Anhänger der Republikaner versteht. Was sie eint, sind eher „geteilte epistemische Dispositionen“, wie es die Autoren ausdrücken. Man könnte auch sagen: Es geht um einen gemeinsamen Denkstil.

Ein starkes Misstrauen gegenüber Institutionen

Dazu gehören starkes Misstrauen gegenüber Institutionen, grundsätzliche Skepsis gegenüber Expertenwissen und eine Affinität zu Verschwörungserzählungen. Diesen Denkstil führen die Autoren, mit Verweis auf den Sozialphilosophen Axel Honneth, auf eine tiefer liegende Anerkennungskrise zurück, die weite Teile vor allem der männlichen Bevölkerung erfasst hat. Wer das Gefühl hat, von Mainstream-Medien nicht gesehen oder falsch dargestellt zu werden, entwickelt eine strukturelle Nachfrage nach alternativen Öffentlichkeiten. Das gilt für Thüringen wie für Texas.

Diese Nachfrage bedienen Formate wie „{Ungeskriptet}“. Sie liefern vorrangig keine politischen Inhalte im engeren Sinne. Stattdessen liefern sie eine Atmosphäre, eine Sprechweise auf Augenhöhe, die sich in den klassischen Medien kaum noch finden lässt. Bei Berndt darf man Mensch sein, ungeschnitten und ungestört von journalistischer Routine. Höcke kann den Familienvater geben, aber auch ein Gregor Gysi kann ungestört auf der Klaviatur seiner Anekdoten spielen. Beide bekommen, was klassische Interviewformate nicht hergeben: Zeit. Sehr viel Zeit.

Etablierte Medien können das weder liefern noch sollten sie es. Ihr Auftrag ist natürlich die kritische Einordnung. Ihn aufzugeben, wäre keine Anpassung an eine veränderte Medienlandschaft, sondern die Kapitulation vor ihr. Aber die Überheblichkeit, mit der Redaktionen und Politiker auf Berndts Format und Reichweite reagieren – etwa SPD-Politiker Helge Lindh, der Berndt eine „Zumutung intellektueller Ignoranz“ nannte –, hilft niemandem.

Podcaster stoßen in eine Lücke

Die Nachfrage nach alternativer Öffentlichkeit verschwindet nicht, wenn man sie ignoriert oder belächelt. Und sie wächst vor allem dann, wenn man gleichzeitig die eigene Deutungshoheit überschätzt. Denn dann wächst die Diskrepanz zwischen der Relevanz von Menschen und ihrer Abbildung in den Medien.

Ein Beispiel dafür ist Höcke: Er steht für viele Politikerinnen und Politiker für alles, was die AfD zu einer Partei macht, mit der man nicht zusammenarbeiten kann. Er ist die personifizierte Legitimation für die Brandmauer. Angesichts dieser Rolle spielt er aber in bundesweiten Medien kaum eine Rolle. In genau diese Lücke stoßen Podcaster wie Ben Berndt mit ihren Formaten vor.

Ein Teil der amerikanischen Medien hat inzwischen verstanden, dass diese Selbstüberschätzung, Menschen ihre Macht zu nehmen, indem man ihnen keine Bühne bietet, in diesen Zeiten scheitern muss. Nach Trumps zweitem Wahlsieg begann die New York Times, rechte Vordenker wieder zu längeren Gesprächen einzuladen, nachdem sie solche Stimmen lange gemieden hatte: Nicht nur Tucker Carlson darf sich nun wieder ausführlich äußern, selbst noch radikalere Vordenker wie Curtis Yarvin werden zum Gespräch geladen.

Das Schlimmste, was nicht nur die etablierten Medien, sondern auch die Linke in dieser Lage tun könnten, wäre der Rückzug in den gewohnten Kokon aus Tagesschau, Heute Journal und linker Wochenzeitung. Wer Höcke nur noch im Drei-Minuten-Beitrag sehen will, überlässt die langen Stunden nämlich anderen. In diesen langen Stunden aber wird die politische Wirklichkeit gerade neu sortiert.

nd dadurch interessante oder kuriose Charaktere kommen. Nun hat er in diese Schweiz den AfD-Politiker Björn Höcke eingeladen.Sein Standardbriefing an alle Gäste, mit der auch die Folge mit Höcke beginnt, lautet: „Mein Ziel ist, klüger rauszugehen, als ich reingegangen bin.“ Niemand solle hinterher denken, einer von beiden sei besonders klug oder besonders dumm. Damit will Berndt sich offenbar von etablierten Journalisten und ihrem Rollenverständnis absetzen.Bei Höcke führt das zu einer langen Selbstinszenierung als bürgerlicher Familienvater, der zufällig in der Politik gelandet ist und nun gegen einen korrupten Berliner und Brüsseler Betrieb kämpft. Berndt nickt während seiner Ausführungen zugewandt. Sein Versprechen besteht darin, seinem Gast die Zeit zu gönnen, die er in der Öffentlichkeit sonst nicht bekommt.Joe Rogan kommt wie Berndt aus dem KampfsportIn den USA spielt Joe Rogan diese Rolle seit Jahren. Der ehemalige UFC-Kommentator kommt genau wie Berndt aus dem Kampfsport, beide laden Gäste aller Couleur ein, beide lassen sie meist unhinterfragt erzählen. Im November 2024 saß Donald Trump mehr als drei Stunden bei ihm im Studio; Rogan sprach anschließend offen eine Wahlempfehlung aus.Bei den demokratischen Vorwahlen 2020 hatte er noch Bernie Sanders unterstützt. Dass solche Auftritte als ernsthafter Faktor in Wahlkämpfen gelten, inzwischen bedeutsamer vielleicht als manche Tageszeitungs-Berichterstattung, ist inzwischen auch in den etablierten Medien angekommen, die sich seitdem den Kopf darüber zerbrechen, ob es auch einen demokratischen oder gar linken Joe Rogan braucht.Warum funktioniert dieses Format überhaupt so gut? Eine Studie aus dem Frühjahr 2025, gestützt auf zwei repräsentative Befragungen, hat das Publikum der Joe Rogan Experience untersucht. Dabei kam heraus, dass Rogans Hörerschaft sich nicht überwiegend als rechts und nicht einmal überwiegend als Anhänger der Republikaner versteht. Was sie eint, sind eher „geteilte epistemische Dispositionen“, wie es die Autoren ausdrücken. Man könnte auch sagen: Es geht um einen gemeinsamen Denkstil. Ein starkes Misstrauen gegenüber InstitutionenDazu gehören starkes Misstrauen gegenüber Institutionen, grundsätzliche Skepsis gegenüber Expertenwissen und eine Affinität zu Verschwörungserzählungen. Diesen Denkstil führen die Autoren, mit Verweis auf den Sozialphilosophen Axel Honneth, auf eine tiefer liegende Anerkennungskrise zurück, die weite Teile vor allem der männlichen Bevölkerung erfasst hat. Wer das Gefühl hat, von Mainstream-Medien nicht gesehen oder falsch dargestellt zu werden, entwickelt eine strukturelle Nachfrage nach alternativen Öffentlichkeiten. Das gilt für Thüringen wie für Texas.Diese Nachfrage bedienen Formate wie „{Ungeskriptet}“. Sie liefern vorrangig keine politischen Inhalte im engeren Sinne. Stattdessen liefern sie eine Atmosphäre, eine Sprechweise auf Augenhöhe, die sich in den klassischen Medien kaum noch finden lässt. Bei Berndt darf man Mensch sein, ungeschnitten und ungestört von journalistischer Routine. Höcke kann den Familienvater geben, aber auch ein Gregor Gysi kann ungestört auf der Klaviatur seiner Anekdoten spielen. Beide bekommen, was klassische Interviewformate nicht hergeben: Zeit. Sehr viel Zeit.Etablierte Medien können das weder liefern noch sollten sie es. Ihr Auftrag ist natürlich die kritische Einordnung. Ihn aufzugeben, wäre keine Anpassung an eine veränderte Medienlandschaft, sondern die Kapitulation vor ihr. Aber die Überheblichkeit, mit der Redaktionen und Politiker auf Berndts Format und Reichweite reagieren – etwa SPD-Politiker Helge Lindh, der Berndt eine „Zumutung intellektueller Ignoranz“ nannte –, hilft niemandem. Podcaster stoßen in eine LückeDie Nachfrage nach alternativer Öffentlichkeit verschwindet nicht, wenn man sie ignoriert oder belächelt. Und sie wächst vor allem dann, wenn man gleichzeitig die eigene Deutungshoheit überschätzt. Denn dann wächst die Diskrepanz zwischen der Relevanz von Menschen und ihrer Abbildung in den Medien.Ein Beispiel dafür ist Höcke: Er steht für viele Politikerinnen und Politiker für alles, was die AfD zu einer Partei macht, mit der man nicht zusammenarbeiten kann. Er ist die personifizierte Legitimation für die Brandmauer. Angesichts dieser Rolle spielt er aber in bundesweiten Medien kaum eine Rolle. In genau diese Lücke stoßen Podcaster wie Ben Berndt mit ihren Formaten vor.Ein Teil der amerikanischen Medien hat inzwischen verstanden, dass diese Selbstüberschätzung, Menschen ihre Macht zu nehmen, indem man ihnen keine Bühne bietet, in diesen Zeiten scheitern muss. Nach Trumps zweitem Wahlsieg begann die New York Times, rechte Vordenker wieder zu längeren Gesprächen einzuladen, nachdem sie solche Stimmen lange gemieden hatte: Nicht nur Tucker Carlson darf sich nun wieder ausführlich äußern, selbst noch radikalere Vordenker wie Curtis Yarvin werden zum Gespräch geladen. Das Schlimmste, was nicht nur die etablierten Medien, sondern auch die Linke in dieser Lage tun könnten, wäre der Rückzug in den gewohnten Kokon aus Tagesschau, Heute Journal und linker Wochenzeitung. Wer Höcke nur noch im Drei-Minuten-Beitrag sehen will, überlässt die langen Stunden nämlich anderen. In diesen langen Stunden aber wird die politische Wirklichkeit gerade neu sortiert.



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