Anfrage einer Mutter an eine Psychotherapeutin, es geht um ihren 14-jährigen Sohn: Der Ehemann wird wegen der Mobilmachung abgeholt. Der Junge hängt sehr an seinem Vater. Sie sind beste Freunde. Es ist schon jetzt sehr schwierig für uns, aber was wird danach passieren? Wir müssen mit einem Psychologen zusammenarbeiten, um uns für alles bereit zu machen.“

Dieser Tweet der russischen Psychologin Alisa Kolesova wurde am 22. September gepostet – einen Tag nach der Bekanntgabe der sogenannten Teilmobilmachung. Er ging viral. In den Kommentaren empörten sich viele über die Unterwerfung der besorgten Mutter unter Putins Militarismus: „Die gehen wie Vieh zum Schlachten“, „Sie waren Sklaven – als Sklaven werden sie sterben“, schrieben einige. Andere widersprachen: Der Familienvater würde höchstwahrscheinlich im Krieg fallen oder behindert zurückkehren. Sich bereits im Vorfeld emotional auf eine solche Entwicklung der Ereignisse vorzubereiten, sei „eine nüchterne Reaktion auf die Umstände“.

Viele Russ*innen, die sonst an gar nichts mehr glauben, vertrauen derzeit populären Autoren oder Bloggerinnen, die sich mit psychologischen Themen befassen. In einer Gesellschaft, die Beobachter für unpolitisch halten, sind Themen wie „Trauma überwinden“, „Persönliche Grenzen setzen“, „Selbstwert steigern“ extrem bedeutsam geworden. Russische Bestsellerlisten werden dominiert von Selbsthilfe-Literatur. Nicht zufällig ist ein Psychologe Protagonist einer der erfolgreichsten und beliebtesten russischen Fernsehserien der vergangenen Jahre, „Ein kurzer Kurs über ein glückliches Leben“ oder auch Trigger, in der der Psychologe Artem in Moskau eine brutale Form der Therapie ausübt, bei der er die Patient*innen hart mit ihren Traumata konfrontiert.

Therapien: privat und teuer

In Russland gibt es keine Psychotherapie, die von der Krankenkasse übernommen wird. Zeit auf der Couch kostet Geld, das nur wenige zur Verfügung haben. Dennoch hielten es immer mehr Angehörige der gebildeten städtischen Mittelklasse (die Intelligenzija) in den vergangenen Jahren für notwendig, etwas von ihren verfügbaren Mitteln dafür abzuknapsen. Psychotherapie in Russland wurde nicht nur zur Arbeit an sich selbst – viele sahen darin ein Instrument zur Reform der Gesellschaft. Denn in einem Land, das der britische Dokumentarjournalist und Filmemacher Adam Curtis kürzlich als „Trauma Zone“ bezeichnete, erschien vielen der Kampf um das persönliche Wohlergehen wenn nicht als Protest, so doch zumindest als Verweigerung der Teilnahme an dem repressiven Regime.

„In einem aktivistischen Umfeld war es unanständig, den Müll nicht zu trennen, sich nicht freiwillig zu engagieren. Sich um sein eigenes emotionales Wohlbefinden zu kümmern, ist ebenfalls zu einem Muss geworden. Fast jeder hatte seinen eigenen Therapeuten“, sagt Alexandra Krylenkova, Menschenrechtsaktivistin und Gründerin von Otkrytoe Prostranstvo (Offener Raum), einem psychologischen Hilfezentrum für Aktivisten.

Ähnlich argumentiert auch der Sozialanthropologe Arsenii Khitrov von der Universität Oslo, der bis zum Ausbruch des Kriegs die Berufsgenossenschaft der Moskauer Psychotherapeuten untersuchte. Die Psychologen betrachteten ihre Arbeit als eine Form des Widerstands, meint Khitrov: „Unter Moskauer Therapeuten hörte ich sehr oft Hinweise auf das sogenannte ‚Karpman-Dreieck‘ – ein Gewaltsystem, in dem es immer ein Opfer, einen Gewalttäter und einen Retter gibt. In Russland sehen sich Psychologen in der Rolle des Retters, in der Rolle eines Helfers für diejenigen, die vor anhaltender Gewalt fliehen.“

Das Dreieck der Gewalt

Das Versprechen der Psychotherapie habe darin bestanden, nicht nur den Zyklus von Missbrauch und Trauma zu beenden, sondern auch zu verhindern, dass die Gewalt sich in Zukunft wiederholt. „Für viele Menschen war dieses Cycle Breaking so etwas wie ein Erbstück, das man an seine Kinder weitergeben kann.“

Aus Sicht von Karpmans Theorie besteht die Aufgabe der Psychotherapie darin, dass sich alle Beteiligten aus ihren Rollen innerhalb des Dreiecks der Gewalt befreien. Dies kann auch eine Befreiung über Generationen hinweg bedeuten, von den Eltern zu den Kindern. In Deutschland waren vergleichbare Vorstellungen bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit verbreitet. In Russland ist dieses Dreieck der Gewalt inzwischen so fest zementiert, dass die darin eingesperrten Bürger*innen bestenfalls noch über sich selbst entscheiden können. Die Therapeutinnen und die russische Gesellschaft sind mehr denn je gefangen im Teufelskreis von Repression und Gewalt. Die Psychologie ist nicht mehr ein Mittel zur Überwindung persönlicher wie politischer Traumata, sondern droht, die Gräben zu vertiefen.

Seit Beginn des Krieges – und besonders seit der Mobilmachung – hat „der Retter“ mehr zu tun denn je. Die Zahl der Anzeigen für Psychologen und Psychotherapeuten auf der größten russischen Anzeigenplattform Avito hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt; die Nachfrage nach therapeutischen Leistungen stieg hier insgesamt um 81 Prozent. Avito vermittelt Therapiesuchende und Therapeut*innen – eine Vermittlung über Krankenkassen gibt es nicht. Am fortgeschrittensten ist die therapeutische Kultur dabei in den Großstädten Moskau und St. Petersburg. Hier lebt auch Irina*, 40 Jahre alt, die in diesem Jahr therapeutische Hilfe gesucht hat. „Nach Kriegsbeginn gingen meine Emotionen einfach durch die Decke.

Der Krieg hat mich völlig verunsichert. Zuerst war da der Schock – und dann nur noch Tränen, Tränen, Tränen. Ich habe eine Familie – eine Tochter, eine behinderte Schwester –, ich muss sie ernähren, ich muss weiter arbeiten, ins Büro gehen. Und ich konnte nichts tun. Im April fand ich endlich eine kostenlose Online-Hilfegruppe für diejenigen, die damit nicht klarkommen. Da durfte ich endlich alles rauslassen, ich habe da wochenlang ohne Ende geschimpft.“ Bei den anderen sechs Frauen in Irinas Online-Hilfegruppe schienen die Dinge ähnlich auszusehen: „Die eine hat geschrien, die andere hat geweint, noch eine hat ständig geflucht“, sagt Irina.

Ängste

Seit Kriegsbeginn haben Therapeuten oft mit solch „rohen“ Affekten zu tun. „In meiner Praxis endete die psychoanalytische Therapie am 24. Februar – und seitdem bin ich nicht mehr dazu zurückgekehrt“, sagt Anastasia Rubtsova, Therapeutin und populäre Bloggerin. „Es ist nicht mehr möglich, sich auf der Couch vor dem zu verstecken, was draußen passiert, der Raum der Psychoanalyse ist nicht mehr eingekapselt, getrennt von der äußeren Realität.“

Rubtsova lebt in Prag und berät oft online, ihre Worte werden von einer „analogen“ Therapeutin aus St. Petersburg, Nadezhda Bogacheva*, bestätigt: „Der Kontext hat sich geändert, die Bedrohungen haben sich geändert – und somit auch die Gefühle, die die Menschen verarbeiten wollen. Die häufigsten Themen drehen sich um die Frage „Bleiben oder gehen?“ – wenn man bleibt, wie man damit leben kann, und wenn man geht, was als Nächstes zu tun ist.“ Es gebe eine Angst vor der Mobilisierung, sagt Bogacheva, vor allem unter Männern: „Eine Angst vor einer militärischen Eskalation und insbesondere eine Angst vor einem Atomkrieg.“

Auch die Psychologinnen selbst sind vor diesen Ängsten, Erfahrungen und Affekten nicht gefeit. Auch sie leben in einem Land, das Krieg führt, befinden sich also in der gleichen Situation der Krise, Unsicherheit und Hilflosigkeit wie ihre Klient*innen. Bogacheva sagt, sie habe festgestellt, dass sie das Risiko eines Atomkriegs als viel höher einschätzt als Kolleg*innen, die Russland bereits verlassen haben. Denn für Bogacheva ist der Atomkrieg eine fassbare Möglichkeit. „Ich habe Zweifel daran, wie objektiv ich jetzt die Realität einschätzen kann, in der ich und meine Klienten leben“, sagt sie.

Der Krieg weht in die Praxis

Angst, Schlaflosigkeit, depressive Zustände – all das ist nicht nur typisch für die Gegner des Krieges, sondern überraschenderweise auch für diejenigen, die glauben, dass das Putin-Regime nachvollziehbare Gründe hatte, die Ukraine anzugreifen. Für einige von ihnen war die Ankündigung der Mobilisierung ein besonders tiefer Schock, sagt die Therapeutin Anastasia Rubtsova: „Noch im Sommer sagten alle meine Klienten in Russland dasselbe: ‚Ich verstehe, dass hier etwas schiefläuft, aber ich habe beschlossen, nicht in diese Richtung zu schauen. Ich mache lieber einen Weinbaukurs, kaufe mir eine neue Tasche, gehe zum Sport, ins Schwimmbad …‘“

Dies bezeichnet die Psychologin als Schutzmechanismus: „Als würde man versuchen, sich eine Pappe vor die Augen zu halten – man sagt: Ich weiß, was dahintersteckt, aber da schaue ich nicht hin.“ Am 21. September, dem Tag der Teilmobilmachung, war die Pappe weg. „Ich habe noch nie ein solches Maß an Horror und Schock in meiner Praxis gesehen.“

Zu Beginn des Krieges bestanden viele Psycholog*innen darauf, neutral zu bleiben. Dies gilt für etliche mittlerweile nicht mehr, die Einstellungen zum Krieg überschatten alles, einschließlich der Entscheidung, einen Patienten anzunehmen – oder als Patientin die Therapeutin zu wechseln, wie bei Vera*: „Vor dem Krieg habe ich mit meiner Therapeutin nie über politische Themen gesprochen. Einmal sagte sie irgendwie das Wort ‚Gayropa‘, und es verwirrte mich sehr.“ „Gayropa“ bedeutet etwa „schwules Europa“, ein Propagandabegriff, den Putin prägte. Damals habe dieses Thema nicht im Mittelpunkt der therapeutischen Beziehung gestanden, sodass Therapeutin und Patientin es geschafft hätten, die Situation zu beruhigen.

Drohende Strafe

„Aber mit Ausbruch des Krieges wurde all dies stärker spürbar, obwohl sie nichts direkt sagt. Auch wenn wir es nicht offen tun, reden und denken wir schließlich die ganze Zeit über Krieg. Wenn die Positionen hier nicht übereinstimmen, ist es unmöglich, zu arbeiten. Es ist, als müsste ich die ganze Zeit erklären, warum Töten und Vergewaltigen nicht gut sind. Ich möchte, dass dieser Punkt in den Moralkodex aufgenommen wird, der uns verbindet.“

Umgekehrt haben viele Psycholog*innen Angst, das Wort „Krieg“ in der Sitzung offen auszusprechen oder ihre politische Position deutlich zu machen: Nach dem Gesetz zur „Diskreditierung der russischen Armee“ droht ihnen eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Selbst auf der Couch ist es zwingend notwendig geworden, zwischen den Zeilen zu lesen.

Protest minimieren

Anfang Oktober billigte die Staatsduma der Russischen Föderation einen Gesetzentwurf, der die Zulassung von Therapeut*innen und die Mindestanforderungen für ihre Ausbildung neu regelt. Eigentlich könnte dies eine gute Nachricht sein, da es dringend notwendig wäre, in Russland bessere Strukturen und Standards auf dem bislang weitgehend privaten Markt für Psychotherapie zu schaffen. In der aktuellen Situation wird dieses Gesetz jedoch voraussichtlich zu einem weiteren Instrument der Repression. Denn laut dem Vizepräsidenten der Russischen Gesellschaft für Psychologie, Sergey Kandybovich, sollten „Psychologen bei ihrer Tätigkeit nicht nur im Interesse des Klienten, sondern auch im Interesse der nationalen Sicherheit der Russischen Föderation handeln.

Die Tätigkeit eines Psychologen sollte nicht auf die Bildung oder Förderung von Proteststimmungen der Bürger gerichtet sein, die sich gegen die derzeitige Regierung, den Präsidenten und die Regierung der Russischen Föderation richten. Im Gegenteil, ein Psychologe sollte sich bemühen, jede Proteststimmung in der Gesellschaft und unter ihren einzelnen Mitgliedern zu minimieren.“

„Papa kämpft für Frieden“

Ein solcher Ansatz ist offensichtlich absolut unvereinbar mit den Grundsätzen psychotherapeutischer Arbeit. Der Gesetzentwurf löste eine scharfe Protestreaktion aus – sowohl bei denen, die das Land verließen, als auch bei denen, die blieben. „Auch in einer Situation, in der wir nicht offen über den Krieg sprechen können, können wir uns darauf einigen, dass wir gegen Gewalt sind, und wir müssen dies den Klienten mitteilen“, sagt die Psychologin und Sexualtherapeutin Polina Soldatova. „Wir können Gewalt nicht unterstützen. Das macht ein Psychotherapeut nicht.“

Wenn das Gesetz verabschiedet wird, dann darf sich in Russland bald nur noch „Psychotherapeut“ oder „Psychologe“ nennen, wer „keine Proteststimmungen fördert“. „Wir werden uns anpassen“, sagt Soldatova über sich und ihre Gleichgesinnten – und lacht. „Wir werden uns dann Wahrsager oder Life Coach nennen.“

Aber zahlreiche und populäre Therapeutinnen und Blogger handeln bereits im Sinne der Staatsmacht. In einem 20-minütigen Youtube-Video erklärt die sich selbst Familienpsychologin nennende Elena Kalinina Frauen ausführlich, wie sie „ihren“ Mann unterstützen sollten, wenn er einberufen wird: „Wie echte kämpfende Freundinnen sammelst du Dinge für ihn, einen Erste-Hilfe-Kasten, und übergibst ihm Abschiedsworte, bevor du gehst. Oberstes Prinzip ist, ihm mitzuteilen, dass er es schafft.“ Was er „schaffen“ muss – andere Menschen zu töten und selbst zu überleben –, wird verschwiegen. Stattdessen lädt sie Frauen ein, ihre Angst zu kanalisieren, zum Beispiel durch Putzen, Gärtnern oder durch das Aussortieren in Schränken.

Zum Konfliktfeld geworden

Für die Männer selbst gibt ein Oberst a. D. – der Psychologe Alexander Kichaev – Ratschläge. In einem breit geteilten Interview rät er Wehrpflichtigen, „das Image eines Verteidigers anzunehmen“: zu erkennen, dass „es nicht nur darum geht, jemandem etwas zu beweisen, sondern genau darum, zu schützen – um Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn“.

Und so geht es weiter mit der gesamten Familie. Auf den Seiten der kostenlosen Metro-Zeitung in Moskau schlägt die Psychologin Tatyana Mogilnikova vor, ein Gespräch mit einem Kind so zu beginnen: „Sie können über die Zarenzeit und den Großen Vaterländischen Krieg sprechen und erst dann darüber, dass unser Staat es jetzt schwer hat. Wir sagen dem Kind, dass es normal ist, wenn die Menschen einen friedlichen Himmel über ihren Köpfen wollen, um sich selbst zu retten. Dafür sind jetzt Papa, Großvater oder Onkel unterwegs.“

Die Psychotherapie in Russland ist selbst zum Konfliktfeld geworden: Die einen wollen sie für den Krieg vereinnahmen, für die anderen steht Psychotherapie selbst für eine Kritik an Gewalt – und Dritte sehen darin eine Praxis der Vernebelung.

„Die Leute verlassen die Straßen, weil ihnen die Ressourcen ausgegangen sind. Sie gehen nicht zur Kundgebung, weil sie sich ‚emotional unwohl‘ fühlen. Revolutionen funktionieren so nicht. Diese Menschen haben so viel an ihren Traumata gearbeitet, dass sie keine Werkzeuge mehr haben, um sich selbst zu überwinden“, sagt etwa Tanya, eine Spezialistin für Sonderpädagogik. Sie verließ Russland im Sommer, nachdem in ihrem Freundeskreis Durchsuchungen und Verhaftungen begonnen hatten – und klar wurde, dass sie die Nächste sein würde.

“Möge er verrecken”

Aber was ist mit denen, die gezwungen sind, in Russland zu bleiben? „Zu Beginn des Krieges wollte ich nicht in Therapie gehen, ich wollte mich nicht beruhigen“, sagt Olga* aus St. Petersburg. „Ich glaubte, dass ich diesen Horror bis zum Ende durchmachen sollte, ihn ganz durch mich hindurchgehen lassen sollte. Aber mit der Zeit wurde es unerträglich. Jetzt arbeite ich wieder mit einem Psychologen zusammen und habe wieder die Kraft, mich wenigstens ein bisschen zu freuen und zu leben. Die Kraft, sich aufzusparen für danach.“

Die Psychologie ist in Russland zu einem zentralen Feld geworden, auf dem die persönliche wie die politische Zukunft verhandelt werden. Geht es letztlich nur um Beruhigung – also Anpassung an die schreckliche Realität – bis hin zur vollständigen Vereinnahmung durch die staatliche Ideologie? Oder kann gerade Psychologie einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt aufzeigen, eine neue Sprache ermöglichen? Verschleiert „therapeutisches Geschwätz“ die russische Realität und schläfert Protest ein – oder birgt gerade die Psychotherapie die Chance, die zerstörerischen Folgen kriegerischer Gewalt auch für die Gesellschaft des Aggressors offenzulegen?

Statt mit „Sa sdorowje“ („Zum Wohl“) prosten sich russische Oppositionelle derzeit mit „Möge er verrecken“ zu. Erst dann bestehe eine kleine Hoffnung auf ein „danach“. Was aber gilt in der Zwischenzeit? Müssen wir wie die Mutter auf Twitter „mit einem Psychologen zusammenarbeiten, um uns für alles bereitzumachen“?

Polina Aronson ist Soziologin, kommt aus St. Petersburg und lebt seit 2008 in Berlin. Auf Russisch erschien ihr Buch Komplexe Gefühle. Sprachsuche der neuen Realität von Abuse bis Toxizität

*Alle Protagonistinnen traf die Autorin für Videogespräche auf Zoom. Zum Schutz änderte sie die Namen der mit * gekennzeichneten Protagonistinnen, auch wird die Stadt, in der sie leben, auf Wunsch teils nicht genannt. Vera und Tanya sind inzwischen ausgereist

ben“, schrieben einige. Andere widersprachen: Der Familienvater würde höchstwahrscheinlich im Krieg fallen oder behindert zurückkehren. Sich bereits im Vorfeld emotional auf eine solche Entwicklung der Ereignisse vorzubereiten, sei „eine nüchterne Reaktion auf die Umstände“.Viele Russ*innen, die sonst an gar nichts mehr glauben, vertrauen derzeit populären Autoren oder Bloggerinnen, die sich mit psychologischen Themen befassen. In einer Gesellschaft, die Beobachter für unpolitisch halten, sind Themen wie „Trauma überwinden“, „Persönliche Grenzen setzen“, „Selbstwert steigern“ extrem bedeutsam geworden. Russische Bestsellerlisten werden dominiert von Selbsthilfe-Literatur. Nicht zufällig ist ein Psychologe Protagonist einer der erfolgreichsten und beliebtesten russischen Fernsehserien der vergangenen Jahre, „Ein kurzer Kurs über ein glückliches Leben“ oder auch Trigger, in der der Psychologe Artem in Moskau eine brutale Form der Therapie ausübt, bei der er die Patient*innen hart mit ihren Traumata konfrontiert.Therapien: privat und teuerIn Russland gibt es keine Psychotherapie, die von der Krankenkasse übernommen wird. Zeit auf der Couch kostet Geld, das nur wenige zur Verfügung haben. Dennoch hielten es immer mehr Angehörige der gebildeten städtischen Mittelklasse (die Intelligenzija) in den vergangenen Jahren für notwendig, etwas von ihren verfügbaren Mitteln dafür abzuknapsen. Psychotherapie in Russland wurde nicht nur zur Arbeit an sich selbst – viele sahen darin ein Instrument zur Reform der Gesellschaft. Denn in einem Land, das der britische Dokumentarjournalist und Filmemacher Adam Curtis kürzlich als „Trauma Zone“ bezeichnete, erschien vielen der Kampf um das persönliche Wohlergehen wenn nicht als Protest, so doch zumindest als Verweigerung der Teilnahme an dem repressiven Regime.„In einem aktivistischen Umfeld war es unanständig, den Müll nicht zu trennen, sich nicht freiwillig zu engagieren. Sich um sein eigenes emotionales Wohlbefinden zu kümmern, ist ebenfalls zu einem Muss geworden. Fast jeder hatte seinen eigenen Therapeuten“, sagt Alexandra Krylenkova, Menschenrechtsaktivistin und Gründerin von Otkrytoe Prostranstvo (Offener Raum), einem psychologischen Hilfezentrum für Aktivisten.Ähnlich argumentiert auch der Sozialanthropologe Arsenii Khitrov von der Universität Oslo, der bis zum Ausbruch des Kriegs die Berufsgenossenschaft der Moskauer Psychotherapeuten untersuchte. Die Psychologen betrachteten ihre Arbeit als eine Form des Widerstands, meint Khitrov: „Unter Moskauer Therapeuten hörte ich sehr oft Hinweise auf das sogenannte ‚Karpman-Dreieck‘ – ein Gewaltsystem, in dem es immer ein Opfer, einen Gewalttäter und einen Retter gibt. In Russland sehen sich Psychologen in der Rolle des Retters, in der Rolle eines Helfers für diejenigen, die vor anhaltender Gewalt fliehen.“Das Dreieck der GewaltDas Versprechen der Psychotherapie habe darin bestanden, nicht nur den Zyklus von Missbrauch und Trauma zu beenden, sondern auch zu verhindern, dass die Gewalt sich in Zukunft wiederholt. „Für viele Menschen war dieses Cycle Breaking so etwas wie ein Erbstück, das man an seine Kinder weitergeben kann.“Aus Sicht von Karpmans Theorie besteht die Aufgabe der Psychotherapie darin, dass sich alle Beteiligten aus ihren Rollen innerhalb des Dreiecks der Gewalt befreien. Dies kann auch eine Befreiung über Generationen hinweg bedeuten, von den Eltern zu den Kindern. In Deutschland waren vergleichbare Vorstellungen bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit verbreitet. In Russland ist dieses Dreieck der Gewalt inzwischen so fest zementiert, dass die darin eingesperrten Bürger*innen bestenfalls noch über sich selbst entscheiden können. Die Therapeutinnen und die russische Gesellschaft sind mehr denn je gefangen im Teufelskreis von Repression und Gewalt. Die Psychologie ist nicht mehr ein Mittel zur Überwindung persönlicher wie politischer Traumata, sondern droht, die Gräben zu vertiefen.Seit Beginn des Krieges – und besonders seit der Mobilmachung – hat „der Retter“ mehr zu tun denn je. Die Zahl der Anzeigen für Psychologen und Psychotherapeuten auf der größten russischen Anzeigenplattform Avito hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt; die Nachfrage nach therapeutischen Leistungen stieg hier insgesamt um 81 Prozent. Avito vermittelt Therapiesuchende und Therapeut*innen – eine Vermittlung über Krankenkassen gibt es nicht. Am fortgeschrittensten ist die therapeutische Kultur dabei in den Großstädten Moskau und St. Petersburg. Hier lebt auch Irina*, 40 Jahre alt, die in diesem Jahr therapeutische Hilfe gesucht hat. „Nach Kriegsbeginn gingen meine Emotionen einfach durch die Decke.Der Krieg hat mich völlig verunsichert. Zuerst war da der Schock – und dann nur noch Tränen, Tränen, Tränen. Ich habe eine Familie – eine Tochter, eine behinderte Schwester –, ich muss sie ernähren, ich muss weiter arbeiten, ins Büro gehen. Und ich konnte nichts tun. Im April fand ich endlich eine kostenlose Online-Hilfegruppe für diejenigen, die damit nicht klarkommen. Da durfte ich endlich alles rauslassen, ich habe da wochenlang ohne Ende geschimpft.“ Bei den anderen sechs Frauen in Irinas Online-Hilfegruppe schienen die Dinge ähnlich auszusehen: „Die eine hat geschrien, die andere hat geweint, noch eine hat ständig geflucht“, sagt Irina.ÄngsteSeit Kriegsbeginn haben Therapeuten oft mit solch „rohen“ Affekten zu tun. „In meiner Praxis endete die psychoanalytische Therapie am 24. Februar – und seitdem bin ich nicht mehr dazu zurückgekehrt“, sagt Anastasia Rubtsova, Therapeutin und populäre Bloggerin. „Es ist nicht mehr möglich, sich auf der Couch vor dem zu verstecken, was draußen passiert, der Raum der Psychoanalyse ist nicht mehr eingekapselt, getrennt von der äußeren Realität.“Rubtsova lebt in Prag und berät oft online, ihre Worte werden von einer „analogen“ Therapeutin aus St. Petersburg, Nadezhda Bogacheva*, bestätigt: „Der Kontext hat sich geändert, die Bedrohungen haben sich geändert – und somit auch die Gefühle, die die Menschen verarbeiten wollen. Die häufigsten Themen drehen sich um die Frage „Bleiben oder gehen?“ – wenn man bleibt, wie man damit leben kann, und wenn man geht, was als Nächstes zu tun ist.“ Es gebe eine Angst vor der Mobilisierung, sagt Bogacheva, vor allem unter Männern: „Eine Angst vor einer militärischen Eskalation und insbesondere eine Angst vor einem Atomkrieg.“Auch die Psychologinnen selbst sind vor diesen Ängsten, Erfahrungen und Affekten nicht gefeit. Auch sie leben in einem Land, das Krieg führt, befinden sich also in der gleichen Situation der Krise, Unsicherheit und Hilflosigkeit wie ihre Klient*innen. Bogacheva sagt, sie habe festgestellt, dass sie das Risiko eines Atomkriegs als viel höher einschätzt als Kolleg*innen, die Russland bereits verlassen haben. Denn für Bogacheva ist der Atomkrieg eine fassbare Möglichkeit. „Ich habe Zweifel daran, wie objektiv ich jetzt die Realität einschätzen kann, in der ich und meine Klienten leben“, sagt sie.Der Krieg weht in die PraxisAngst, Schlaflosigkeit, depressive Zustände – all das ist nicht nur typisch für die Gegner des Krieges, sondern überraschenderweise auch für diejenigen, die glauben, dass das Putin-Regime nachvollziehbare Gründe hatte, die Ukraine anzugreifen. Für einige von ihnen war die Ankündigung der Mobilisierung ein besonders tiefer Schock, sagt die Therapeutin Anastasia Rubtsova: „Noch im Sommer sagten alle meine Klienten in Russland dasselbe: ‚Ich verstehe, dass hier etwas schiefläuft, aber ich habe beschlossen, nicht in diese Richtung zu schauen. Ich mache lieber einen Weinbaukurs, kaufe mir eine neue Tasche, gehe zum Sport, ins Schwimmbad …‘“Dies bezeichnet die Psychologin als Schutzmechanismus: „Als würde man versuchen, sich eine Pappe vor die Augen zu halten – man sagt: Ich weiß, was dahintersteckt, aber da schaue ich nicht hin.“ Am 21. September, dem Tag der Teilmobilmachung, war die Pappe weg. „Ich habe noch nie ein solches Maß an Horror und Schock in meiner Praxis gesehen.“Zu Beginn des Krieges bestanden viele Psycholog*innen darauf, neutral zu bleiben. Dies gilt für etliche mittlerweile nicht mehr, die Einstellungen zum Krieg überschatten alles, einschließlich der Entscheidung, einen Patienten anzunehmen – oder als Patientin die Therapeutin zu wechseln, wie bei Vera*: „Vor dem Krieg habe ich mit meiner Therapeutin nie über politische Themen gesprochen. Einmal sagte sie irgendwie das Wort ‚Gayropa‘, und es verwirrte mich sehr.“ „Gayropa“ bedeutet etwa „schwules Europa“, ein Propagandabegriff, den Putin prägte. Damals habe dieses Thema nicht im Mittelpunkt der therapeutischen Beziehung gestanden, sodass Therapeutin und Patientin es geschafft hätten, die Situation zu beruhigen.Drohende Strafe„Aber mit Ausbruch des Krieges wurde all dies stärker spürbar, obwohl sie nichts direkt sagt. Auch wenn wir es nicht offen tun, reden und denken wir schließlich die ganze Zeit über Krieg. Wenn die Positionen hier nicht übereinstimmen, ist es unmöglich, zu arbeiten. Es ist, als müsste ich die ganze Zeit erklären, warum Töten und Vergewaltigen nicht gut sind. Ich möchte, dass dieser Punkt in den Moralkodex aufgenommen wird, der uns verbindet.“Umgekehrt haben viele Psycholog*innen Angst, das Wort „Krieg“ in der Sitzung offen auszusprechen oder ihre politische Position deutlich zu machen: Nach dem Gesetz zur „Diskreditierung der russischen Armee“ droht ihnen eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Selbst auf der Couch ist es zwingend notwendig geworden, zwischen den Zeilen zu lesen.Protest minimierenAnfang Oktober billigte die Staatsduma der Russischen Föderation einen Gesetzentwurf, der die Zulassung von Therapeut*innen und die Mindestanforderungen für ihre Ausbildung neu regelt. Eigentlich könnte dies eine gute Nachricht sein, da es dringend notwendig wäre, in Russland bessere Strukturen und Standards auf dem bislang weitgehend privaten Markt für Psychotherapie zu schaffen. In der aktuellen Situation wird dieses Gesetz jedoch voraussichtlich zu einem weiteren Instrument der Repression. Denn laut dem Vizepräsidenten der Russischen Gesellschaft für Psychologie, Sergey Kandybovich, sollten „Psychologen bei ihrer Tätigkeit nicht nur im Interesse des Klienten, sondern auch im Interesse der nationalen Sicherheit der Russischen Föderation handeln.Die Tätigkeit eines Psychologen sollte nicht auf die Bildung oder Förderung von Proteststimmungen der Bürger gerichtet sein, die sich gegen die derzeitige Regierung, den Präsidenten und die Regierung der Russischen Föderation richten. Im Gegenteil, ein Psychologe sollte sich bemühen, jede Proteststimmung in der Gesellschaft und unter ihren einzelnen Mitgliedern zu minimieren.“„Papa kämpft für Frieden“Ein solcher Ansatz ist offensichtlich absolut unvereinbar mit den Grundsätzen psychotherapeutischer Arbeit. Der Gesetzentwurf löste eine scharfe Protestreaktion aus – sowohl bei denen, die das Land verließen, als auch bei denen, die blieben. „Auch in einer Situation, in der wir nicht offen über den Krieg sprechen können, können wir uns darauf einigen, dass wir gegen Gewalt sind, und wir müssen dies den Klienten mitteilen“, sagt die Psychologin und Sexualtherapeutin Polina Soldatova. „Wir können Gewalt nicht unterstützen. Das macht ein Psychotherapeut nicht.“Wenn das Gesetz verabschiedet wird, dann darf sich in Russland bald nur noch „Psychotherapeut“ oder „Psychologe“ nennen, wer „keine Proteststimmungen fördert“. „Wir werden uns anpassen“, sagt Soldatova über sich und ihre Gleichgesinnten – und lacht. „Wir werden uns dann Wahrsager oder Life Coach nennen.“Aber zahlreiche und populäre Therapeutinnen und Blogger handeln bereits im Sinne der Staatsmacht. In einem 20-minütigen Youtube-Video erklärt die sich selbst Familienpsychologin nennende Elena Kalinina Frauen ausführlich, wie sie „ihren“ Mann unterstützen sollten, wenn er einberufen wird: „Wie echte kämpfende Freundinnen sammelst du Dinge für ihn, einen Erste-Hilfe-Kasten, und übergibst ihm Abschiedsworte, bevor du gehst. Oberstes Prinzip ist, ihm mitzuteilen, dass er es schafft.“ Was er „schaffen“ muss – andere Menschen zu töten und selbst zu überleben –, wird verschwiegen. Stattdessen lädt sie Frauen ein, ihre Angst zu kanalisieren, zum Beispiel durch Putzen, Gärtnern oder durch das Aussortieren in Schränken.Zum Konfliktfeld gewordenFür die Männer selbst gibt ein Oberst a. D. – der Psychologe Alexander Kichaev – Ratschläge. In einem breit geteilten Interview rät er Wehrpflichtigen, „das Image eines Verteidigers anzunehmen“: zu erkennen, dass „es nicht nur darum geht, jemandem etwas zu beweisen, sondern genau darum, zu schützen – um Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn“.Und so geht es weiter mit der gesamten Familie. Auf den Seiten der kostenlosen Metro-Zeitung in Moskau schlägt die Psychologin Tatyana Mogilnikova vor, ein Gespräch mit einem Kind so zu beginnen: „Sie können über die Zarenzeit und den Großen Vaterländischen Krieg sprechen und erst dann darüber, dass unser Staat es jetzt schwer hat. Wir sagen dem Kind, dass es normal ist, wenn die Menschen einen friedlichen Himmel über ihren Köpfen wollen, um sich selbst zu retten. Dafür sind jetzt Papa, Großvater oder Onkel unterwegs.“Die Psychotherapie in Russland ist selbst zum Konfliktfeld geworden: Die einen wollen sie für den Krieg vereinnahmen, für die anderen steht Psychotherapie selbst für eine Kritik an Gewalt – und Dritte sehen darin eine Praxis der Vernebelung.„Die Leute verlassen die Straßen, weil ihnen die Ressourcen ausgegangen sind. Sie gehen nicht zur Kundgebung, weil sie sich ‚emotional unwohl‘ fühlen. Revolutionen funktionieren so nicht. Diese Menschen haben so viel an ihren Traumata gearbeitet, dass sie keine Werkzeuge mehr haben, um sich selbst zu überwinden“, sagt etwa Tanya, eine Spezialistin für Sonderpädagogik. Sie verließ Russland im Sommer, nachdem in ihrem Freundeskreis Durchsuchungen und Verhaftungen begonnen hatten – und klar wurde, dass sie die Nächste sein würde.”Möge er verrecken”Aber was ist mit denen, die gezwungen sind, in Russland zu bleiben? „Zu Beginn des Krieges wollte ich nicht in Therapie gehen, ich wollte mich nicht beruhigen“, sagt Olga* aus St. Petersburg. „Ich glaubte, dass ich diesen Horror bis zum Ende durchmachen sollte, ihn ganz durch mich hindurchgehen lassen sollte. Aber mit der Zeit wurde es unerträglich. Jetzt arbeite ich wieder mit einem Psychologen zusammen und habe wieder die Kraft, mich wenigstens ein bisschen zu freuen und zu leben. Die Kraft, sich aufzusparen für danach.“Die Psychologie ist in Russland zu einem zentralen Feld geworden, auf dem die persönliche wie die politische Zukunft verhandelt werden. Geht es letztlich nur um Beruhigung – also Anpassung an die schreckliche Realität – bis hin zur vollständigen Vereinnahmung durch die staatliche Ideologie? Oder kann gerade Psychologie einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt aufzeigen, eine neue Sprache ermöglichen? Verschleiert „therapeutisches Geschwätz“ die russische Realität und schläfert Protest ein – oder birgt gerade die Psychotherapie die Chance, die zerstörerischen Folgen kriegerischer Gewalt auch für die Gesellschaft des Aggressors offenzulegen?Statt mit „Sa sdorowje“ („Zum Wohl“) prosten sich russische Oppositionelle derzeit mit „Möge er verrecken“ zu. Erst dann bestehe eine kleine Hoffnung auf ein „danach“. Was aber gilt in der Zwischenzeit? Müssen wir wie die Mutter auf Twitter „mit einem Psychologen zusammenarbeiten, um uns für alles bereitzumachen“?Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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