Reportage Das Haus ist kalt und dunkel: Die Familie Trebuschnikow in der Stadt Nowomoskowsk in der Ukraine lebt aktuell auch tagsüber in bedrückender Dunkelheit. Und: Wenn der Strom ausfällt, können sie auch nicht heizen


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Ausgabe 51/2022

Sie geben die Hoffnung nicht auf: Eine Bürgerin Kiews entzündet eine Kerze auf einem öffentlichen Platz

Sie geben die Hoffnung nicht auf: Eine Bürgerin Kiews entzündet eine Kerze auf einem öffentlichen Platz

Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images

Als Alina Trebuschnikowa am Morgen aufwacht, hat sie zwar wieder Strom, weiß aber, dass kein guter Tag vor ihr liegt. Setzt in ihrem Viertel in der Stadt Nowomoskowsk die Versorgung in der Nacht wieder ein, bedeutet dies in der Regel, dass sie am Tag mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut ausfällt. Das kleine Haus der Trebuschnikows wird dann für Stunden kalt und dunkel sein. Im Dezember liegt über der Ostukraine oft schon gegen vier Uhr tiefe Nacht. Die Temperaturen fallen dann auf unter null Grad. Alina befürchtet, man gehe dem härtesten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg entgegen.

Ihr Mann Oleksij arbeitet auf dem Bau, noch jedenfalls, und kehrt erst am frühen Abend zurück. Die beiden Söhne, den neunjährigen Ilja und den drei Jahre jünge

jüngeren Jakow, hat Alina zu ihren Eltern gebracht, die einen Holzofen besitzen, der sie vor den Unwägbarkeiten des Stromnetzes schützt. Seit sie sieben ist, lebt die 31-Jährige in Nowomoskowsk. Ihre Eltern zogen aus einem Wohnblock im nahe gelegenen Dnipro hierher, um „näher an der Erde zu leben“, wie sie es nannten. Jetzt verbringt Alina die meisten Tage allein mit der drei Monate alten Tochter Polina. Wenn sie für die Familie kocht, muss sie ohne Licht, mit kalter Heizung und rationierten Zutaten zurechtkommen. Es gibt tagsüber Gas, aber eben nur gelegentlich Strom, was nach Sonnenuntergang dadurch ausgeglichen wird, dass ihr Mann per Batterie eine kleine Lichterkette betreibt.Der Teil von Nowomoskowsk, in dem die Trebuschnikows leben, war früher ein Dorf. So besteht ihr Quartier aus gitterförmig platzierten, einstöckigen Bauernhäusern mit Mauern oder Zäunen, die kleine Gärten einhegen. Dazwischen liegen tief ausgefahrene, bereits gefrorene Feldwege. Die Stadt, deren Name „Neues Moskau“ ihr 1794 von Katharina der Großen verliehen wurde, war lange Zeit Ziel russischer imperialer Ambitionen, Katharinas Eroberungen gereichen Russlands heutigem Präsidenten zum Vorbild. „Ich verstehe nicht, warum uns das alles passiert“, sagt Alina. „Ich bin gegen Wladimir Putin, aber ich bin nicht gegen die Russen. Ich habe viele Verwandte in Russland, mein Vater stammt von dort. Dessen Familie sagt sogar, sie würde mich unterstützen.“Placeholder infobox-1Die Heizung der Trebuschnikows wird mit Gas betrieben, aber man braucht Strom, um das heiße Wasser durch die Heizungsrohre zu pumpen. Wenn der ausfällt, kühlen die sich umgehend ab. In dem Versuch, so viel Wärme wie möglich in ihren vier Wänden zu halten, haben die Trebuschnikows alle Fenster und Türen mit schweren Decken verhängt, was ihr Dasein noch mehr in eine bedrückende Dunkelheit taucht. Die Nachbarn besitzen einen Generator, der gut 50.000 Hrywna (1.300 Euro) gekostet hat. Zu viel für die Trebuschnikows, die von nur einem Einkommen leben und sich deshalb ein solches Aggregat ebenso wenig wie das dafür erforderliche Benzin leisten können. Nach einem Angriff am 23. November war Nowomoskowsk volle 24 Stunden ohne Strom. Alina, ihr Sohn Ilja und die kleine Polina wurden in dieser Zeit krank. Die Tochter litt an einer Bronchitis, die sich nachts verschlimmerte, sodass ein Krankenwagen gerufen wurde, der jedoch nie kam. „Bringen Sie das Kind selbst ins Krankenhaus“, sagte man Alina. Das hätte bedeutet, die Ausgangssperre zu verletzen. Ihr blieb nichts weiter übrig, als zu Hause abzuwarten. Nach nervenaufreibenden Stunden der Ungewissheit ging es Polina zum Glück wieder besser. Inzwischen sind nicht nur die Söhne von den Eltern zurück, auch ihren 14-jährigen Bruder Oleksij hat Alina bei sich aufnehmen wollen. „Es soll jemand da sein, wenn es dunkel wird und mein Mann noch arbeitet. „Oleksij ist mein Beschützer.“Seit Monaten sind die Schulen der Stadt geschlossen. Zwar gibt es einen Online-Unterricht, aber daran kann nur teilnehmen, wer einen Computer oder ein Smartphone besitzt – die Trebuschnikow-Jungen haben weder das eine noch das andere. Auch die Schulgebäude sind mittlerweile völlig ohne Strom. Man geht nur dorthin, um Hausaufgaben abzuholen und danach zu versuchen, sie mithilfe der Eltern und von Schulbüchern zu lösen. „Selbst wenn die Schulen geöffnet wären, hätte ich zu viel Angst, die Jungs hingehen zu lassen“, meint Alina. „Schlagen dort oder in der Nähe Raketen ein, wo sollen die Kinder hin? Das Schulhaus hat keinen Keller, geschweige denn einen Schutzraum. Wenn die Sirenen heulen, weiß ich nicht, was dann mit ihnen geschieht.“Was eine alte Frau prophezeitIhr Bruder Oleksij ist schmal und dünn, wirkt aber für seine 14 Jahre schon sehr reif. Er erzählt, wie sehr er es vermisse, Freunde zu treffen. Stattdessen verbringe er die Zeit damit, Knopa, den schwarz-weißen Familienhund, auszuführen, Karten zu spielen und auf das Ende eines wieder einmal endlosen Stromausfalls zu warten. Alina Trebuschnikowa ist nicht sicher, wie sie das, was ihr gerade widerfährt, in die ukrainische Leidensgeschichte einordnen soll. Sie beschließt daher, Olga Schorna zu besuchen, eine ältere Nachbarin, die noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat.Oleksij geht voran und schlägt laut gegen Olgas Zaun. Es dauert, aber nach einer Weile tritt die 82-Jährige aus dem Haus und kommt ans Gartentor. Sie war fünf, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Ihr Vater kehrte nie aus dem Krieg zurück, die Mutter starb kurze Zeit nachdem der vorbei war. Olga blieb mit ihren drei Schwestern sich selbst überlassen. „Es gab kaum neue Kleidung und wenig zu essen. Schließlich kamen Männer von der Front zurück, die wieder für den Landwirtschaftsbetrieb arbeiteten, der uns aufgenommen hatte.“ Viele Jahre lang war es Olgas Aufgabe, die Kühe zu melken. Damals habe eine ältere Frau in ihrer Nachbarschaft gewohnt, von der es hieß, dass sie die Gabe besitze, Dinge vorhersehen zu können. „Sie behauptete, irgendwann werde es wieder Krieg geben, nur würde dann Bruder gegen Bruder kämpfen. Mit einer Hungersnot müsse man rechnen und anderen schrecklichen Dingen“, erinnert sich Olga. Vielleicht erfülle sich diese Prophezeiung gerade in diesem Moment. „Von allen Wintern in den Jahrzehnten seit 1945 wird das vielleicht der härteste …“Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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