Kino Freundschaft fürs Leben? Der Film „Acht Berge“ von Felix Van Groeningen und Charlotte Vandermeersch erzählt, was das wirklich bedeutet – anhand von zwei Männern und ihrer Berghütte


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Ausgabe 02/2023

Irre schwer, herauszufinden, wer hier Pietro und wer Bruno ist. Vielleicht verhält es sich so mit echten Freunden

Irre schwer, herauszufinden, wer hier Pietro und wer Bruno ist. Vielleicht verhält es sich so mit echten Freunden

Da draußen ist die Welt. Die Grenze, die du ziehst, existiert nur in deinem Kopf.“ Pietro (Luca Marinelli) sorgt sich um seinen Freund. Denn Bruno (Alessandro Borghi) möchte den Winter allein in jener Hütte im Gebirge verbringen, die sie vor einigen Jahren gemeinsam errichtet haben. Einen ganzen Sommer lang haben sie Steine geschleppt, mit einem Esel das nötige Material aus dem Tal herangebracht und bis zum Sonnenuntergang geschuftet. Die ursprüngliche, verfallene Hütte an diesem unwegsamen Ort mit grandiosem Ausblick wegzureißen und an derselben Stelle eine neue zu errichten, war auch ein symbolischer Kraftakt: Sogar den winzigen Baum, den er zwischen den Trümmern fand, pflanzte Pietro als Zeichen der Einweihung in unmittelbarer Nähe. Vie

Vielleicht könnte er Wurzeln schlagen. Es war das Zeichen eines jungen Mannes, für den gerade ein neues Leben begann. Er habe bereits einmal versucht, einen solchen Baum umzupflanzen, meinte Bruno damals. Es habe nicht geklappt. Nun ist er es, der sich nicht umpflanzen lassen möchte. Oder auch nur zu seiner Familie ins Tal ziehen.Acht Berge erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Der Film beginnt mit der zufälligen Begegnung zweier Burschen in den italienischen Alpen. Pietro verbringt mit seinen Eltern die Sommerferien im Gebirge, der etwas ältere Bruno lebt im Bergdorf bei seiner Tante. Irgendwann hat man eine Straße zum Dorf gebaut, doch statt dass Touristen kommen, sind die Einwohner in die Großstädte weggezogen. Brunos Vater arbeitet auf Baustellen im Ausland, Pietros Vater als Ingenieur in einer Fabrik in Turin. Der Sommer ist heiß, und der kalte Bach kühlt die Kratzer der Brennnessel auf Pietros blassen Beinen. Einmal besteigen Pietros Vater und die Buben einen Gipfel, aber das wird in diesem Film erst eine Rolle spielen, wenn die Kinder zu erwachsenen Männern geworden sind. Doch nach diesem nahezu trügerisch schönen Prolog ist Bruno erst mal nicht mehr da.Pietros und Brunos Wege kreuzen sich im Laufe der Jahre wieder, vor allem, weil sie – einer rituellen Handlung gleich – aus dem Steinhaufen ihre gemeinsame Hütte bauten: ein Versprechen Brunos an Pietros Vater, wie sich herausstellen wird. Wurde Bruno zum Ersatzsohn, nachdem Pietro sich mit seinem Vater bis zu dessen Tod überwarf? Das Familiendrama sitzt tief, aber nie rückt es in den Vordergrund. Irgendwann sieht man Pietro über eine Landkarte gebeugt, in der die gemeinsamen Wanderungen seines Vaters mit Bruno markiert sind. Doch verspürt er keine banale Eifersucht, sondern Neugierde. „Hatte ich das Wichtigste verpasst“, so Pietro, der als Erzähler auf die Geschehnisse zurückblickt, „weil ich mit Dingen ohne jede Bedeutung beschäftigt war?“Normalerweise wird im Kino eine solche Frage immer bejaht, was daran liegt, dass wir eben das gerne hören wollen: Niemand möchte das Wichtigste im Leben versäumen, weil man mit bedeutungslosen Dingen beschäftigt war. Acht Berge, basierend auf dem autobiografisch inspirierten Bestseller von Pietro Cognetti, erzählt hingegen auf großartige Weise davon, dass es nichts zu versäumen gibt, wenn man nur daran glaubt, im Augenblick das jeweils Richtige zu tun.Stadtmenschen sagen „Natur“Man könnte diesen Film als die Beobachtung einer langsamen Annäherung und eines wiederkehrenden Abgleichens beschreiben. Die Entfremdung geschieht, als Bruno und Pietro voneinander getrennt werden, denn „das Drängen meiner Eltern auf Brunos Bildung hatte uns entzweit“. Die Annäherung fünfzehn Jahre später wiederum geschieht umso langsamer, im Wissen darum, dass man nicht dort weitermachen kann, wo sich die Wege trennten. Was nun zählt, sind nicht Spiel und Tollerei, sondern eine Vertrautheit, die soziale Unterschiede und Weltanschauungen hinter sich lässt. Während sich Pietro als Koch und angehender Buchautor durchschlägt und den Himalaya als neuen Fluchtort entdeckt, bleibt Bruno der heimatlichen Bergwelt mit an Sturheit grenzender Beharrlichkeit verbunden. Die gemeinsame Berghütte bildet über Jahre hinweg das sichtbare Zeichen ihres unsichtbares Bandes.Eingebetteter MedieninhaltWenig Dramatisches geschieht in diesem Film, denn das belgische Regiepaar Felix Van Groeningen und Charlotte Vandermeersch, in Cannes dafür mit dem Jury-Preis ausgezeichnet, konzentriert sich auf jene Fragen, die Cognetti in seinem Bildungsroman zwischen den Zeilen stellt: Warum meint man, bestimmte Erfahrungen nur in der Ferne machen zu können? Warum ist es so schwer, eine Familie zu erhalten? Und warum kann das Festhalten schmerzhafter sein als das Loslassen?Freundschaft fürs Leben, das sagt sich schnell. Acht Berge erzählt völlig unaufgeregt, weil authentisch, davon, was das eigentlich bedeutet. Dies verdankt sich auch der formidablen Kameraarbeit von Ruben Impens, der – unterstützt von Folksongs des schwedischen Singer-Songwriters Daniel Norgren – die Berge des Aostatals ganz im Sinne von Cognetti nicht als erhabenen Schauplatz fotografiert, sondern als reale Gefühlswelt betrachtet. Das Wort „Natur“ würden nur Stadtmenschen verwenden, meint Bruno einmal zu einer Gruppe von jungen Leuten, die Pietro zur Berghütte mitgeschleppt hat. Er nennt das, was er hier sieht und wovon er lebt, „Wald, Wiese, Fluss und See“.Als Inspiration für seinen Roman nennt Cognetti neben anderen Henry David Thoreau und Annie Proulx, und tatsächlich taucht zum Kinostart zu Werbezwecken wiederholt der Vergleich mit Brokeback Mountain auf. Tatsächlich aber erinnert die Freundschaft in Acht Berge vielmehr an Ralph Waldo Emersons Beschreibung: „Ein Freund ist ein Paradoxon der Natur: ich, der ich allein bin, sehe auf einmal mein Wesen in all seiner Vielfältigkeit und Absonderlichkeit in einem fremden Spiegelbild wiederholt; und so kann man denn den Freund sehr wohl das Meisterstück der Natur nennen.“In einer der schönsten Szenen geht Pietro auf jenen Gipfel, den er als Kind mit seinem Vater bestiegen hat. Und zu den Klängen von Norgrens Like There Was a Door werden seine Schritte immer schneller, springt er von einem Stein zum nächsten bergauf durch das riesige Geröllfeld. Um oben angekommen Bruno zu sehen, der weit unten auf dem Dach der halbfertigen Hütte sitzt und Nägel einschlägt.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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