Deutschland ist nicht in der Lage, die zugesagten Puma-Schützenpanzer für die NATO-Eingreiftruppe zu stellen, Frankreich hingegen kann der Ukraine aus dem Stand leichte Kampfpanzer des Typs AMX-10 RC zusagen. War Emmanuel Macron darauf bedacht, den Partner in Berlin ein bisschen oder nachdrücklich vorzuführen, als er vor Tagen seine Lieferoffensive Richtung Osten verkündete? Der konnte man entnehmen, wir sind konventionell gut aufgestellt. Wir verlassen uns nicht darauf, dank der Force de frappe eine etablierte Nuklearmacht zu sein. Als demütige Realisten vermögen wir uns vorzustellen, was ein Abnutzungskrieg zwischen Russland und der Ukraine für die Kräftebalance in Europa bedeutet.

Womit zwei Fragen aufgeworfen sind: Wem wird in der Materialsch

aterialschlacht gegen Russland die eigene Haut näher sein als das europäische Hemd? Was geschieht dem Prinzip eines integrativen Gleichgewichts zwischen Deutschland und Frankreich, wie es seit Jahrzehnten besteht, aber stets von Neuem gefunden werden muss?Als Bremser in FahrtFrankreich war gegenüber der Bundesrepublik Deutschland seit den frühen 1950er-Jahren nicht nur darauf aus, sondern auch dazu fähig, deren ökonomisches Potenzial so einzuhegen, dass es keinerlei aggressivem Nationalismus mehr Vorschub leistete. Stattdessen wurde ein ausgewogenes Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit und eines freundschaftlichen Einvernehmens installiert. Dessen Fundament war gelegt, als im April 1951 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) zustande kam. Neben Frankreich und Deutschland gehörten ihr mit Italien, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden Länder an, die sechs Jahre später die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründeten. Die EWG vollendete den Paradigmenwechsel im deutsch-französischen Verhältnis. Von nun an mussten nationalstaatliche Interessen mit einer verhandelten Regionalpolitik abgeglichen werden. Sobald das unterblieb, kamen die Beziehungen zwischen Bonn und Paris aus dem Tritt.Um ein Beispiel anzuführen: Als sich Präsident François Mitterrand 1989/90 an einem von Kanzler Helmut Kohl künstlich beschleunigten Anschluss der DDR an die BRD störte, lag ein Zerwürfnis in der Luft. Paris fühlte sich überfahren und kam als Bremser in Fahrt. Worauf man sich letztlich einigte, wurde klar, als die Maastricht-Verträge 1992 den Euro ankündigten. Deutschland musste als Preis der Einheit geben, was es lieber behalten hätte. Der Verzicht auf die DM sollte dazu führen, so die französische Intention, einen territorial aufgestockten Staat in der Mitte des Kontinents darauf festzulegen, aus Sorge um sich selbst Verantwortung für die Gemeinschaftswährung zu übernehmen. Der daraus unter Kanzlerin Angela Merkel erwachsende Euro-Nationalismus offenbarte hegemoniale Züge. Frankreich nahm es hin. Die Währungsunion zu erhalten und Deutschland zu binden, hatte gleichfalls seinen Preis.Verändertes RankingWer derzeit den Ukrainekrieg vom Ende her denkt, kann das auf zweierlei Art tun: Sich auf die Kategorien Sieg/Niederlage versteifen oder von einer Verhandlungslösung ausgehen, bei der es – unabhängig davon, wie sie ausfällt – um Sicherheitsgarantien der NATO wie der EU für die Ukraine gehen dürfte. Diese zu gewähren, wird einen veränderten Status Deutschlands in Europa zur Folge haben. Sollte die Bundeswehr in dem Maße modernisiert und aufgerüstet werden, wie sich das mit den 100 Milliarden Euro Sondervermögen und dem fortan von Jahr zu Jahr geltenden Zwei-Prozent-Plus des Militäretats (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) anbahnt, wird sie nach den USA die stärkste konventionelle Armee der NATO sein. Und das in keiner Rand-, sondern der geostrategisch ergiebigen europäischen Mittellage.Für Frankreich heißt das, diesmal nicht ökonomische, sondern militärische Dominanz politisch antizipieren zu müssen. Präsident Macrons Schützenpanzer-Vorstoß deutet an, dass Paris einen möglichen Machtverfall und Prestigeverlust kaum anstandslos hinnehmen wird.Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um zu erahnen, wie Deutschland seine exponierte Stellung rechtfertigen wird: Um der Ukraine Sicherheit zu geben, müsse man dazu prädestiniert sein und brauche hochentwickelte bewaffnete Schlagkraft. Unausgesprochen wird bleiben, aber unbestreitbar sein, dass die USA der deutschen Opportunität im transatlantischen Konnex fast blind vertrauen können.Rückkehr des MilitärischenNicht nur Frankreich – auch Polen, Rumänien, Estland, Litauen und Lettland werden das schlucken müssen. Sollten sie ihren Frontstaatenstatus in einen EU-Bonus ummünzen wollen, werden sie auf einen militärisch sattelfesten Hegemon stoßen. Will heißen, wer für ein erwartbar antagonistisches Sicherheitsregime zwischen der EU und Russland die erste Geige spielt, wird sich weder durch eine Regierung in Paris noch in Warschau sagen lassen, wie dieser Part auszufüllen ist.Ganz abgesehen davon, dass Russland nicht untätig bleiben und seinen Sicherheitsbedürfnissen Geltung verschaffen wird. Wie man sich hierzulande auf eine „gescheiterte Russland-Politik“ herausredet, statt auf zum Scheitern verurteilte Umgangsformen mit Russland zu erkennen, sollte Moskau zugestanden sein, eine gescheiterte Deutschland-Politik zu konstatieren, die zu lange vergeblich auf Einsicht und Sinneswandel setzte.Kurzum, mit dem Ukrainekrieg und seinen Konsequenzen sorgt die Rückkehr des Militärischen in den politischen Diskurs für ein neues europäisches Ranking. Die tradierte Praxis von der Bändigung eines nationalstaatlichen Denkens im deutsch-französischen Universum kann davon nicht unberührt bleiben.



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Von Veritatis

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