Hand aufs Herz: Haben Sie es nicht auch satt, ständig negative Nachrichten zu lesen? Bei denen man denkt, es seien „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“? Was sie aber leider nicht sind – denn es sind reale Neuigkeiten aus Deutschland. Ich möchte Ihnen ein Kontrastprogramm bieten, aus meiner Zeit in Russland. Zum Entspannen und Schmunzeln. Voilà – eine Geschichte von 2008:

Hätte ich die Szene in einem Actionfilm von der Couch aus gesehen, ich hätte die Luft angehalten und sicher die Kartoffelchips zwischen den Fingern kurz vor dem weit geöffneten Mund mitten im Landeanflug gestoppt. Doch die Szene war Realität, ich war mittendrin. Und ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, dass ich mich so verhielt, als sei ich einfach in ein fremdes Drehbuch geraten und hätte eine Garantie auf ein Happy-End. Wenn ich heute, Jahre später, an die Szene zurückdenke, überzieht mich immer noch eine Gänsehaut. Aber vielleicht war es ja gerade meiner Unverfrorenheit zu verdanken, dass ich heil davon kam. Und vor allem dem schwarzen Humor. In Deutschland diskutieren die Menschen in diesen Tagen viel darüber, ob in der Krise das Lachen erlaubt ist. Mir scheint, dass es lebensrettend sein kann.

Er war mitten in der Nacht, wir waren auf Recherche-Reise im Grenzgebiet zwischen den Taliban, die damals den Großteil Afghanistans kontrollierten, und der Nordallianz, die eine kleine Provinz im Nordosten des Landes hielt. Ein afghanischer Apotheker, der wohl nur das Beste im Sinn hatte, gab mir zur Malaria-Prophylaxe Chloroquin. Dabei wollte er vielleicht auf Nummer Sicher gehen; jedenfalls verabreichte er mir die achtfache Dosis. Meinem Organismus insgesamt und vor allem meinem Herzen tat das nicht sonderlich gut. Kurzum: Meine Hautfarbe glich zunehmend der von Mr. Spock, dem Vulkanier aus dem Raumschiff Enterprise mit dem grünen Teint, und mein Puls wohl auch. Statt Kriegsberichterstattung aus Afghanistan war die Heimreise angesagt. Und mit dem Kauf eines Tickets war das in diesen Tagen im Spätherbst 2001 nicht getan auf dem Territorium der Nordallianz, das so unberührt von aller Zivilisation wirkte wie Bethlehem zur Zeit der Heiligen Schrift, nur eben mit Kalaschnikows und Waffen.

Mit viel Verhandlungsgeschick und noch mehr Geduld hatte Igor, mein Fotograf, einen Mann mit einem Bart bis zum Bauchnabel und fließend in die Stirnfalten übergehendem Turban überreden können, uns mit seinem Wagen an die Grenze zu fahren. Bei dem Gefährt muss es sich noch um ein Beutestück aus Zeiten des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs gehandelt haben, jedenfalls waren der geschundenen Karosserie des Militär-Jeeps vom Typ „UAS“ noch zentimeterbreite Spuren von Kampfhandlungen anzusehen. Ob der rechte Kotflügel schon damals oder erst später abhanden gekommen war, ließ sich nicht mehr ausmachen; das gleiche galt für die Fenster. Nur die Windschutzscheibe war noch am Platz, auch wenn sie Eindruck machte, sie würde an freien Tagen als Zielscheibe für Schussübungen verwendet. Die Reifen waren glatt wie ein Gartenschlauch.

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In halbwegs zurechnungsfähigem Zustand wäre ich sicher zu Tode erschrocken, als Igor mit diesem schrägen Metallgefährt und seinem grimmig dreinblickenden Besitzer vorfuhr. So aber erschienen sie mir wie eine Fähre zum Garten Eden, eine Chance, über die Grenze und in zuverlässige ärztliche Hände zu kommen. Nach Einbruch der Dunkelheit machten wir uns auf den Weg. Rein rechnerisch hätte die Fahrt von unserem Dorf bis zum Grenzfluss Pjandsch etwa eine halbe Stunde dauern müssen. Als nach einer Stunde Fahrt durch die Wüste – von Straßen zu sprechen wäre in jener Region Afghanistans eine völlige Übertreibung – der Fahrer plötzlich uns in radebrechendem Russisch fragte, ob wir nicht zufällig wüssten, in welche Richtung er fahren müsse, warfen Igor und ich einander einen viel sagenden Blick zu. Wo um alles in der Welt waren wir? Befanden wir noch auf dem Territorium der Nordallianz, das als halbwegs sicher galt (was wohl auch nur eine Illusion war)? Oder waren wir etwas schon bei den Taliban? Und damit Ungläubige und Erzfeinde im Heiligen Krieg?

In gar nicht allzu weiter Entfernung waren immer wieder Lichter zu sehen. „Das sind wohl Suchscheinwerfer“, sagte ich Igor: „Ich hätte nie gedacht, dass die Taliban so gut elektrifiziert sind.“ Igors Antwort war, wie meistens, nicht so richtig beruhigend: „An Waffen haben sie noch viel mehr als an Strom.“

Wir kamen nicht mehr dazu, unsere optimistischen Gedanken weiter zu spinnen, denn plötzlich gab unser Gefährt, das ohnehin die ganze Fahrt über krächzte und ächzte, einen heulenden Quietschlaut von sich, verlor rasch an Fahrt und blieb sodann stehen. Was folgte, war noch weitaus beunruhigender: Unserer Fahrer geriet derart in Rage, dass er wie auf einen störrischen Esel auf den Wagen einschimpfte, als könne er ihn so zum Weiterfahren bewegen. Als die Beschwörung nicht half, ruckelte, zog und schlug er derart fest auf Lenkrad, Gangschaltung und diverse andere beweglichen Teilen, als glaubte er, er könne den Wagen dadurch wie ein Pferd vom Fleck bringen.

‘Gerettet!’ oder doch ‘verloren?’

Igor und ich setzten lieber auf die Gesetze der Physik und versuchten, diesen Veteran der Autogeschichte anzuschieben. Ob es nun am Wüstensand lag oder an meinem Zustand, es war jedenfalls kein leichtes Unterfangen. Als wir den maroden Koloss mit viel Fleiß und Schweiß endlich vom Fleck gerührt hatten, mussten wir zu unserem Entsetzen sehen, wie der Fahrer sofort mit hinaus sprang und mit anschob, statt am Fahrersitz den Zündschlüssel zu drehen. Der Mann meinte es gut, aber die Lage war hoffnungslos. Wir lehnten uns gegen den Wagen, wobei ein Teil des linken Kotflügels abbrach, und blickten ratlos und verzweifelt in die Sterne.

Plötzlich entdeckten wir ein Licht am Horizont. Einen Scheinwerfer. Er kam immer näher. „Gerettet!“, war unser erster Gedanke. Doch der hielt nur ein paar Sekunden. „Verloren?“ Woher sollten wir wissen, wer sich uns da näherte? Ob in freundlicher oder feindlicher Absicht? Wir starrten auf unseren Fahrer wie auf ein Fieberthermometer – in der Hoffnung, seinem Gesichtsausdruck ablesen zu können, ob uns Hilfe oder Ungemach erwartete. Doch der Mann schien genauso ratlos und unsicher zu sein wie wir.

Den Scheinwerfern folgten Motorgeräusche, die immer näher kamen, und allmählich konnten wir die Umrisse eines riesigen Jeeps ausmachen. Er fuhr dicht an uns heran, bremste dann quietschend, und ein halbes Dutzend Männer mit langen Bärten, langen Gewändern und Kalaschnikows sprang heraus. Sie kamen mit kräftigen Schritten auf uns zu und musterten uns misstrauisch. Es hatte nicht den Einschein, als ob sie nach russischer Sitte gleich Salz und Brot auspacken würden, um ihre Gäste zu begrüßen. Eher wirkte es so, als würden gleich die Kalaschnikows entsichert. Unser Fahrer schrie ihnen etwas entgegen, sie schrieen zurück. Ein lautstarkes Zwiegespräch entbrannte. Igor und ich standen fassungslos unter dem Sternenhimmel. Wir verstanden kein Wort und wussten nicht, wie uns geschieht. Wir entnahmen nur dem Tonfall, dass es nichts Positives war.

Was auch immer in mich gefahren war in diesem Moment – ich redete plötzlich drauf los wie ein Wasserfall. „Igor, keine Angst, selbst wenn es Talibans sind, die lieben uns Journalisten“, sagte ich: „Vor allem zum Abendessen.“ Igor schupste mir seinen Ellbogen in die Seite: „Hör auf!“ Ich dachte nicht daran, aufzuhören: „Sieh hin, unser Fahrer sagt, er verkauft uns für fünf Kamele, aber dem Anführer ist das zu teuer, drum macht er so ein grimmiges Gesicht.“ Igor schüttelte den Kopf: „Hör auf!“ Doch ich geriet immer mehr in Fahrt: „Siehst Du, unserer Fahrer zeigt auf Dich, er sagt, wie gut Du im Futter stehst, alles natürlich gemästet, ohne Hormone, und dass Du auch noch Fotoapparate hast, als Beilage quasi“. Allmählich steckte sich auch Igor an: „Nein“, sagte er, „die schauen auf Dich, und sie sagen, der Hagere, der hat so ein grünes Gesicht, der ist offenbar vergiftet, den nehmen wir nicht!“. – „Unser Fahrer zeigt auf den Wagen, siehst Du, er bietet ihn jetzt noch als Dreingabe an.“ Igor und ich stachelten uns immer weiter auf. Und da geschah etwas ganz Unglaubliches: Die Afghanen mit den Kalaschnikows schauten immer weniger grimmig. Plötzlich fing einfach einer an, mitzulachen. Dann der zweite. Und der dritte. Bis wir plötzlich alle lachten, immer lauter, immer haltloser. Am Ende schlugen sie uns freundschaftlich auf die Schulter. Sie halfen uns, den Wagen anzuschieben, und erklärten unserem Fahrer den Weg. Der lachte die ganze restliche Fahrt derart, dass uns schon wieder das Lachen verging, hatten wir doch Angst, er würde seinen Invaliden auf Rädern vor lauter Frohsinn wieder abwürgen.

Wir hatten Glück. Kaum zehn Minuten später kamen wir am Grenzfluss Pjandsch an. Ein Flößer brachte uns auf die andere Seite, nach Tadschikistan. In die Sicherheit. Mitten auf dem Fluss, irgend wo im Niemandsland, blickte Igor nachdenklich in den Sternenhimmel. „Wir sind verrückt, wir haben über das ganze gelacht, aber es war doch zum Heulen“, sagte er. „Wenn wir nicht gelacht hätten, wäre es vielleicht zum Heulen geworden“, antwortete ich. „Stell Dir vor, was hätte passieren können, wenn wir da vor Angst schlendernd dagestanden wären. Es war nicht der Teufel, der uns geritten hat, es war unser Schutzengel, der uns zum Lachen brachte. Und uns mit diesem Lachen eine Brücke geschlagen hat.“

Aktuell ist (wieder) eine Unterstützung via Kreditkarte, Apple Pay etc. möglich – trotz der Paypal-Sperre: über diesen Link.  

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bilder: Igor Gavrilov

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Von Veritatis

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