Meinung Der mutige und resolute Führungsstil der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Arderns bereitete hartnäckigen, abgedroschenen Stereotypen von weiblicher Macht als weich oder schwach ein Ende. Jetzt kündigte sie ihren Rücktritt an


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Premierministerin Jacinda Ardern mit Abgeordnetenkolleginnen, nachdem sie ihren Rücktritt bekannt gegeben hat (19.01.2023)

Premierministerin Jacinda Ardern mit Abgeordnetenkolleginnen, nachdem sie ihren Rücktritt bekannt gegeben hat (19.01.2023)

Foto: Kerry Marshall/Getty Images

Jacinda Ardern tritt als Premierministerin von Neuseeland zurück und will ihr Amt am 7. Februar niederlegen. Jemanden wie sie hat die politische Führungsspitze der Welt selten gesehen. Die Würde und Integrität ihres Rückzugs ist eine fast absurd starke Aussage, insbesondere in einer Zeit, in der der politische Übergang in Demokratien von den USA bis Brasilien von Gewalt und Unruhen geprägt ist.

Ardern wuchs in einer Familie mormonischen Glaubens auf, trat aber später aus der Glaubensgemeinschaft aus. Sie war Vorsitzende der Internationalen Union der Sozialistischen Jugend und seit 2017 Parteivorsitzende der neuseeländischen Labour-Partei. Das machte sie mit 37 Jahren zur damals jüngsten gewählten Regierungschefin der Welt.

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Sie brachte eine Labour-Partei zurück an die Regierung, von der viele dachten, dass sie zu einer anhaltenden politischen Bedeutungslosigkeit verdammt sei. 2017 erhöhte sie den mit „Jacindamania“ bezeichneten Erfolg der Labour-Partei bei den Wähler:innen noch mit einer politisch geschickten Koalition mit kleineren Parteien. Selbst als sie ihrer Partei mit dem „Jacinda-Erdrutsch“ im Jahr 2020 eine überwältigende Mehrheit bescherte, hielt sie Elemente dieser Koalition aufrecht.Während ihrer fünfjährigen Regierungszeit führte sie Neuseeland durch die Tragödie und die Folgen des Christchurch Massakers, bei dem 2019 ein Rechtsradikaler in zwei Moscheen 51 Muslime erschoss, managte die Corona-Pandemie, die nicht nur Menschenleben forderte, sondern auch zentrale lokale Wirtschaftszweige zerstörte und nahm es mit der Klimakrise in einem Land auf, das sowieso schon anfällig für Naturkatastrophen ist. Innenpolitisch sah sich ihre Regierung mit Wohnungsnot, der Notwendigkeit des Wiederaufbaus eines maroden Systems der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen, der Aushöhlung der öffentlichen Versorgungsleistungen und dem Inflationsdruck nach der Pandemie konfrontiert. Zudem bekam sie während ihrer Amtszeit ein Kind. In ihrer Rücktrittsankündigung sagte Ardern, sie habe „keine Reserven mehr im Tank“.Jacinda Ardern: „Authentisch, empathisch und kühn“Das überrascht nicht. Arderns Umfragewerte litten zwar in letzter Zeit, da komplexe innenpolitische Probleme ungelöst sind und der neue Vorsitzende der konservativen Oppositionspartei National Party mehr Charisma hat als sein Vorgänger. Dennoch sollte ihre politische Fähigkeit, die Geschicke ihrer Partei vor den neuseeländischen Wahlen im Oktober wieder ins Lot zu bringen, nicht unterschätzt werden. Ardern hatte das Image der empathischen, kosmopolitischen Regierungschefin, die respektvoll ein Kopftuch trug, als sie mit den Überlebenden des Christchurch-Massakers weinte, in der Late Show mit Stephen Colbert Scherze machte und bei einem Besuch im britischen Buckingham Palast einen Māori-Federumhang trug. Aber darüber hinaus war sie eine gewiefte Politikerin, über die das Gerücht umging, dass sie interne und externe Rival:innen lächelnd mit einer Klinge erledigte.Sicher, sie hat die berühmten neuseeländischen „Wellbeing-Budgets“, die Wohlstand nicht nur finanziell definieren, eingeführt und Freundlichkeit als politische Tugend gepriesen. Aber die Kompromisslosigkeit, die man braucht, um wo auch immer an die Macht zu kommen, zeigte sich auf seltene Weise, als ein Gesundheitsminister aus ihrem eigenen Kabinett sich über die Pandemie-Beschränkungen der Regierung hinwegsetzte und eine Radtour machte. Ardern entließ ihn nicht nur öffentlich aus dem Amt, sondern behielt ihn auch in einem repräsentativen Fegefeuer. Sie zwang ihn, weiter seinen Job zu machen und anstehende Amtsgeschäfte zu erledigen, bevor er sein Amt abgeben musste.Die Politik-Zeitschrift Harvard Political Review bezeichnete die seltene Führungspersönlichkeit Arderns als „authentisch, empathisch und kühn“, dazu mit einem gewaltigen Sammelsurium politischer Attribute, die früher einmal als geschlechtsspezifisch verstanden wurden. „Das ganze 20. Jahrhundert hindurch kamen Staatsführer an die Macht, indem sie traditionell männliche Qualitäten wie Aggression und Sturheit einsetzten, um sich gegen ihre Gegner durchzusetzen“, beschrieb die Zeitschrift das sexistische Paradigma, das Ardern geschickt mit Witz widerlegte. Es waren eindrucksvolle Bilder, die die Premierministerin zu Hause mit Partner und Baby zeigten, während sie über ihre Frustration über die strengen Lockdown-Maßnahmen sprach, die sie selbst angeordnet hatte. Diese Bilder waren so stark, dass viele Australier:innen sie sich lieber anschauten als die Erklärungen unserer eigenen nationalen Führung.Ikone der demokratischen RegierungsführungTatsächlich ist nicht ausgeschlossen, dass Arderns Stellung in der australischen politischen Vorstellung die letzte Wahl in Australien beeinflusste. Zum einen bestätigte sie eine traditionelle westliche Labour-Marke geprägt von pragmatischer, geradliniger Empathie, die – trotz aller Anstrengungen ihrer politischen Opposition – ungefährlich wirkend und nicht dämonisierbar blieb. Als eindeutiges Vorbild weiblicher Fähigkeit zu mutiger und resoluter politischer Führung machte sie hartnäckigen, abgedroschenen Stereotypen von weiblicher Macht als weich und schwach ein Ende. Arderns Einfluss ist im ganzen australischen politischen Spektrum zu erkennen – am deutlichsten vielleicht bei den ideologisch nicht einheitlichen, aber ausschließlich weiblichen Teals – Kurzform für Independent Teals, einer Gruppe lose verbundener unabhängiger Politikerinnen und Vertreterinnen kleinerer Parteien.Auch die australische Labor-Partei schuldet Ardern etwas. Als der frühere australische Premierminister Scott Morrison sie ungebeten umarmte, reagierte sie mit nur von Höflichkeit gebremstem sichtbarem Entsetzen. Für die Wähler:innen bestätigte sie so das Image dieses Mannes als arrogant und unaufrichtig auf eine Art und Weise, die verheerender war als noch so bissige Propagandakampagnen oder Leitartikel.Das politische Leben Regierender ist durch ein unausweichliches Ende definiert. Die Zeiten verändern sich, die Forderungen der Menschen werden andere, die Realität unvorhergesehener Ereignisse überwindet selbst die vernünftigsten Erwartungen an die Zukunft. Die Stärke unserer politischen Systeme besteht darin, dass wir uns bewusst sind, dass Macht verloren gehen wird, kann, muss und sogar soll.Jacinda Arderns Rücktritt und seine respektvolle Art und Weise krönen den politischen Beitrag, den sie für ihr Land geleistet hat. Zementiert wird auch ihre Personifizierung der modernen demokratischen Ideale in unseren westlichen Ländern und darüber hinaus.Ihre Zeit der politischen Macht mag auslaufen, aber ihr Status als Ikone der demokratischen Regierungsführung wird für immer bleiben.



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Von Veritatis

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