Zu sehen sind weiße Sneaker, die über grauen Teppichboden schleichen. Dann eine Aktentasche in der Sofaecke, im Hintergrund das Paul-Löbe-Haus. Dazu lustige Musik aus dem Fagott. Die Kamera schwenkt, enthüllt wird: Tada! Der Bundeskanzler. Mit diesem Dreiakter gab Olaf Scholz vor wenigen Tagen sein Debüt auf Tiktok. Aufgenommen wurde das mit Irritation und Belustigung, aber auch mit 1,6 Millionen Klicks. Auf dem Account TeamBundeskanzler will das Bundespresseamt von nun an „einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen“ – so hieß es bei einer Verkündung während der Bundespressekonferenz am 08. April. Ausschnitte davon wurden auch gleich in einem der sieben bis jetzt produzierten Clips verarbeitet. Der Kopf hinter den Videos und mutmaßlich auch die Sneaker im Video, gehören Victoria Bolmer. Die ehemalige SPIEGEL-Redakteurin leitet seit Mai 2022 die Digital-Redaktion des Bundespresseamts.

„Ich tanze nicht. Versprochen #TikTok“. So kommentierte der Kanzler seine neuerliche Tiktok-Präsenz über seinen Account auf der Plattform X. Hintergrund sind kürzlich viral gegangene Deepfake-Clips, die den Kanzler tanzend zeigen. Der tanzende Kanzler bleibt uns bislang auch erspart. Was wir zu sehen bekommen, sind ähnliche Clips wie die, die man auf Scholz‘ Instagram seit November 2021 verfolgen kann: Behind the Scenes von Interviews oder das Scholz-Format „Frage den Kanzler“, in dem er versucht auf Trends der Zielgruppe Gen Z mit partizipativem Frage-Antwort-Spiel zu reagieren. Stichwort: „Dönerpreisbremse“. Das funktioniert mit mäßigem Erfolg. In den ersten vier Tagen konnte er zwar 81.270 Follower*innen und gut 350.000 Likes gewinnen, mit den Polit-Stars von Tiktok wie Sahra Wagenknecht (314.732 Follower*innen) oder dem sächsischen AfD-Fraktionsvorsitzenden Ulrich Siegmund (383.725) kann er aber nicht mithalten – zumindest noch nicht.

Reaktionen auf des Kanzlers neue TikToks

Ein wenig Abkupfern könnte er beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron (4,2 Mio.). Von den Mitgliedern der Bundesregierung ist Scholz neben Gesundheitsminister Karl Lauterbach (41.656) der Einzige, der den nicht unumstrittenen Schritt auf die Plattform des chinesischen Unternehmens Bytedance gewagt hat. Entsprechend zaghaft fallen auch die Reaktionen auf des Kanzlers neue Tiktoks aus: Vor allem klassische Medien zeigen vorsichtiges Interesse. Das Thema scheint insbesondere auf in Deutschland bereits etablierten Plattformen wie X oder Instagram zu Klicks, Postings und Hashtags anzuhalten. Auf Tiktok selbst springt kaum jemand auf den Scholz-Zug auf: Keine ikonischen Imitationen, kaum Duets oder Stitches und nur ein paar verbrämte Bürger*innen, die im Kanzler-Tok die immergleiche Makulatur der Macht sehen. Zum Glück gibt da noch verlässlichere Trendhopper: Ob die Schuhkette Deichmann, die Deutsche Telekom, FDP-Bundestagsabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder der baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz (B‘90/Die Grünen) – im Kampf um Klickkapital in der Aufmerksamkeitsökonomie werden sie zu Partnern in Crime und kommentieren, teilen und imitieren, was das Zeug hält.

Begründet wird das teils mit dem gemeinsamen Kampf gegen Rechts. Konkret: Der auf Tiktok deutlich erfolgreicheren AfD. Kanzler Scholz holt dafür zum Schlag mit seiner legendären, über 40 Jahre alten Aktentasche aus. Die ist nämlich der nicht ganz so geheime Star seiner Tiktoks: Mit 3 Millionen Klicks ist es auch das Video „POV: Du bist die Aktentasche des Bundeskanzlers“, das mit romantischer Musik unterlegt, die Aktentasche zur eigentlichen First Lady erklärt und dem Kanzler ein wenig Viralität verschafft. Doch nicht erst die AfD hat Tiktok, das einst als bunte Explosion jugendlicher Spontanität galt, in ein Ödland verwandelt, das von Content-Strategen mit Baukasten-Erfolg besiedelt wird. Selbstverständlich darf da auch Sprechautomat Scholz mit seinem etwas cringen Humor nicht fehlen. Ob er damit die Kommunikationskrise der bürgerlichen Mitte überwinden kann oder für noch mehr AfD-Klicks sorgt, ist abzuwarten. Welchen Humor er und sein Team bedienen, steht aber fest: Den einer Aktentasche – quadratisch, praktisch, gut, oder: Zäh wie Leder (und ein bisschen niedlich noch dazu).



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Von Veritatis

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