Vormarsch Fällt der Ort Chasiv Yar, dann hat die russische Armee mit diesen strategischen Höhen eine günstige Position, um sich in der Region Donezk Städten wie Kramatorsk, Slowjansk, Druschkiwka und Kostjantynikwa zu nähern


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Ausgabe 20/2024

Warten auf den Bus – in der Ukraine ist das oft eine Frage des Überlebens

Warten auf den Bus – in der Ukraine ist das oft eine Frage des Überlebens

Foto: Emile Ducke/NYT/Redux/laif

Seit Monaten versucht Major Serhij Gorbunow, die Bewohner von Tschassiw Jar im Osten der Ukraine zum Verlassen des Ortes zu bewegen. „Es gibt immer wieder Beschuss. Die Menschen leben unter der Erde, in ihren Kellern zumeist. Wir fordern sie auf: ‚Geht bitte!‘ Sie antworten mit Ausreden. Die meisten sagen, sie wollten ihr Zuhause nicht verlassen.“ Gorbunow leitet die Militärverwaltung in Kostjantyniwka, einer Stadt in Frontnähe, die noch einigermaßen funktioniert. Elf Kilometer sind es von seinem Büro über eine staubige, mit Schlaglöchern übersäte Straße bis zu den Höhen von Tschassiw Jar. Gehen die verloren, verfügt die russische Armee über eine bessere Position, um wichtige, noch ukrainisch kontrollierte

te Städte in der Region Donezk anzugreifen: Kramatorsk, Slowjansk, Druschkiwka, auch Kostjantynikwa.Gorbunow meint, er sei sich ziemlich sicher, dass die eigenen Streitkräfte in der Lage seien, einen weiträumigen Vormarsch des Gegners zu verhindern. „Eine Besetzung wird nicht stattfinden.“ Doch aller Zuversicht zum Trotz sieht die Lage düster aus. Seit die russische Armee im Vorjahr die Stadt Bachmut, östlich von Tschassiw Jar, und im Februar 2024 Awdijiwka eingenommen hat, war es jüngst ein Leichtes, die Siedlung Otscheretyne zu überrennen. Eine Einnahme von Kostjantyniwka würde es russischen Einheiten ermöglichen, die ukrainische Militärlogistik durch Beschuss der H20-Autobahn zu stören, die in den Süden führt. Alles in allem hat sich ein Terraingewinn ergeben, der als Ausbuchtung in die ukrainische Frontlinie hineinragt.Wie es Gorbunow schildert, seien in seiner Stadt, die vor dem Krieg 70.000 Einwohner zählte, etwa 30.000 Menschen, darunter eine große Zahl von Soldaten, verblieben. Die Präsenz der Armee hätte die lokale Wirtschaft angekurbelt. Es gebe neue Pizzarestaurants und Handyläden. Das von den Soldaten ausgegebene Geld habe auch zu einem Boom der Prostitution und beim Verkauf von Alkohol geführt, der direkt an der Front verboten sei. „Es ist wie in den Zeiten von Al Capone – plus Raketen“, wirft jemand ein. Trotz der täglichen Bombardements, beschwichtigt Gorbunow, gäbe es keinen Grund zur Panik. Lastwagen lieferten Trinkwasser in zwei Stadtviertel, in denen keine reguläre Versorgung mehr möglich sei – es gäbe keine Notlage.Währenddessen sieht man städtisches Personal, das Rosenbüsche pflanzt und Straßen repariert, nachdem sich das Militär darüber beschwert hat, dass in Rettungswagen transportierte verletzte Soldaten unter den Schlaglöchern schwer zu leiden hätten.Anders sieht es in Tschassiw Jar aus, wo nur noch ein Geschäft geöffnet ist. Wer von Kostjantyniwka aus dorthin fährt, riskiert, von russischen Drohnen getroffen zu werden. Sarhis Arutiunian, ein freiwilliger Helfer, erzählt, dass er früher Generatoren nach Tschassiw Jar gebracht habe, ebenso Fahrzeuge fürs Militär. Heute würden die verbliebenen Einwohner der Ortes, zumeist ältere Leute, ein Schattendasein fristen. „Sie verstecken sich vor den Bomben und wagen sich nur selten aus dem Haus.“ Tschassiw Jar sei früher ein gemütlicher Ort gewesen. „Es gibt einen Teich mit richtigem Strand. Ich war dort zum Schwimmen und habe Kebabs gegrillt“, so Arutiunian. „Jetzt wirkt der Ort wie eine Geisterstadt, fast völlig zerstört, kaum anders als Bachmut oder Awdijiwka. Ich habe mit Rentnern gesprochen, die noch in Tschassiw Jar wohnen und sagen: ‚Ich werde sowieso bald sterben, warum sollte ich wegziehen?‘“ Momentan arbeitet Arutiunian für die Community-Organisation Switljatschki Blago. Deren Mitarbeiter gaben in der Woche zuvor in Kostjantyniwka Erste-Hilfe-Pakete an die Bevölkerung aus. „Der Krieg ist nah. Wir haben uns daran gewöhnt“, versicherte Julia Efimova, als sie in der Schlange stand, um Medikamente für ihre 85-jährige Großmutter abzuholen. „Aber ich bin Optimistin und glaube an unsere Armee.“In Kostjantyniwka wurde zuletzt allein der Bahnhof zweimal getroffen. Eine Explosion zerstörte einen der neoklassizistischen Bögen und beschädigte die goldene Kuppel der gegenüberliegenden Kirche. Arutiunian findet, dass die russische Armee erhebliche Ressourcen einsetze, um Tschassiw Jar einzunehmen, das früher auch als Geburtsort von Joseph Kobzon bekannt war, einem populären Sänger der Sowjetära, der eines Tages in Verbindung mit der Moskauer Mafia gebracht wurde. Bis 2014, als es zur Annexion der Krim durch Russland kam, war die Musikschule von Tschassiw Jar nach Kobzon benannt, dann nicht mehr. Innerhalb nur eines Jahrzehnts habe sich die Region so verändert, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sei, sinniert Arutiunian. Selbst wenn der Krieg einmal vorbei sein sollte, werde es viele Jahre dauern, bis man wieder zur Normalität zurückkehren könne. „Das war hier eine großartige Gegend. Touristen kamen, um in den Wäldern zu wandern. Oder durch die weißen Kalkberge. Gegenwärtig ist es lebensgefährlich, irgendwo entlang zu laufen. Alles ist vermint.“Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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