Kleines Gedankenspiel! Die Welt ist ein Dorf, in dem exakt 100 Menschen leben. 59 Bewohner kämen heute aus Asien, 18 aus Afrika, 9 aus Europa, 8 aus Lateinamerika und 5 aus dem Norden Amerikas. Ein Mensch käme aus Ozeanien, wobei das nicht ganz exakt ist: Statistisch ist nur ein halber in Australien, Neuseeland und den Inseln im Pazifik zu Hause. Aber natürlich gibt es halbe Menschen nicht.

Vor zehn Jahren sah das Dorf noch so aus: Es gab 10 Europäer, 60 Asiaten und 15 Afrikaner: Nirgendwo sonst wächst die Bevölkerung schneller als in Afrika. Allerdings stirbt sie dort auch schneller: In Ländern mit niedrigem Einkommen liegt die Lebenserwartung für jene Menschen, die gerade geboren werden, bei 63 Jahren. Die Europäer in der EU werden dagegen durchschnittlich 80,4 Jahre alt, wenn sie heute geboren werden.

In den 1950er Jahren wuchs die Einwohnerzahl im Dorf wesentlich schneller als heute, die weltweite Geburtenrate lag durchschnittlich bei 5 pro Frau. Heute ist dieser Wert auf 2,3 Geburten zurückgegangen. Allerdings hat die Hälfte aller Frauen im armen Teil des Weltdorfes kein Geld, um sich Verhütungsmittel zu leisten und wird deshalb oft ungewollt schwanger. Die Statistik offenbart hier mit diesen Durchschnittswerten ihre Schwäche: Die Geburtenziffer liegt in der EU weit unter dem Weltdurchschnitt bei 1,46 Kinder pro Frau.

Ehrung durch puren Zufall

Weltweit werden mehr Jungen geboren, auf 100 geborene Mädchen kommen fast 106 Jungen. Allerdings leben Frauen fast überall auf der Welt länger als Männer. Mit solchen Statistiken versucht die UNO, ein Verständnis für den Planeten zu bekommen: Heute ist zum 35. Male „Jahrestag der Weltbevölkerung“ – auch „Weltbevölkerungstag“ genannt. Ziel sei es, auf die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung aufmerksam zu machen, erklärt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP. Aktuell leben gut 8,1 Milliarden Menschen auf der Erde – die sich immer noch nicht wirklich wappnen gegen eine sich verschärfende Multikrise aus Klimaerhitzung, Artenschwund, Ressourcenausbeutung und Naturraum-Zerstörung.

Matej Gaspar ist heute 37 Jahre alt und der fünf milliardste Erdenbürger. Es war purer Zufall, dass es 1987 ausgerechnet ihn traf. In Jugoslawien, genauer in Zagreb, fanden im Juli die Welthochschulspiele statt, die Universiade. Nach Berechnungen der UNO sollte an diesem 11. Juni der fünf milliardste Mensch geboren werden. Und weil der UNO-Generalsekretär gerade Gast bei diesem Sportereignis war, wurde der Jubiläumsmensch hier verortet. Damals hieß der UNO-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar, und der erklärte den sieben Pfund schweren, neugeborenen Matej zum Erdenbürger Nr. 5.000.000.000. Der damals 23-jährigen Mutter soll er erklärt haben: „Sie sollten dankbar sein, dass Ihr Sohn im Wohlstand geboren worden ist“.

Eine Geburtstagskarte von der UNO hat er nie bekommen, dafür aber jede Menge Interviewanfragen: Der Kroate Matej Gaspar ist heute genervt von seinem Schicksal. Die UNO nutzte seine Kür aber, um zwei Jahre später den „Jahrestag der Weltbevölkerung“ zu kreieren.

Ein Viertel des Dorfes hat kein sauberes Wasser

Und tatsächlich lohnt der Blick ins Dorf: Nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg mussten so viele Menschen weltweit fliehen vor Gewalt, Krieg oder Verfolgung wie derzeit, 1,5 Einwohner unseres Dorfes sind auf der Flucht. Mehr als doppelt so viele, nämlich 3,7, sind alkoholabhängig, drei Viertel von ihnen sind Männer. 23 Einwohner des Dorfes leben unterhalb der Armutsgrenze, ihnen stehen nicht einmal 3,38 Euro am Tag zur Verfügung.

Auf der anderen Seite besitzt 1 Dorfbewohner 45 Prozent des Reichtums, 12 haben immerhin ein privates Vermögen von 100.000 bis 1 Million Euro. Gerecht ist das Leben also nicht im Dorf der Welt: Mehr als die Hälfte seiner Einwohner besitzt weniger als 10.000 Euro, viele davon gar nichts. In Zahlen ausgedrückt: Die arme Hälfte dieser Welt verfügt insgesamt über weniger als 1,2 Prozent des weltweiten Besitzes.

Armut und Reichtum spiegeln sich aber nicht nur auf dem Konto wider: 6 Dorfbewohner haben keinen Zugang zu Toiletten, 8 nutzen einfache Latrinen ohne Entsorgung. Eine Möglichkeit, sich mit sauberem Trinkwasser zu versorgen, fehlt sogar 26 Mitbewohnern. 9 von ihnen sind unterernährt. Und wegen des Klimawandels und der sich ausbreitenden Wüsten sinkt die verfügbare Ackerfläche, was die Kosten für die Nahrungsmittel weiter in die Höhe treibt.

Mitte des Jahrhunderts zehn Milliarden Menschen

Der sechs milliardste Mensch wurde übrigens wiederum auf dem Balkan geboren: Am 12. Oktober 1999 war der UNO-Generalsekretär – damals der Ghanaer Kofi Annan – gerade im vom Krieg gezeichneten Bosnien-Herzegowina unterwegs. Zwölf Jahre nach der Geburt von Matej Gaspar nahm Annan in der Geburtsklinik von Sarajevo das Jubiläumskind namens Adnan Nevic in die Arme. Ihre Geburt solle „den Planeten auf einen Weg für mehr Toleranz und Verständnis führen“, so die salbungsvollen Worte des obersten UN-Diplomaten.

Immerhin fiel den Verantwortlichen damals wohl auf, dass auch noch anderswo auf der Welt Kinder geboren werden, nicht nur auf dem Balkan. Annans Nachfolger Ban Ki-moon wählte weitere zwölf Jahre später, am 31. Oktober kein symbolisches sieben milliardstes Baby aus, sondern gleich mehrere – aus Indien, Sri Lanka und den Philippinen. Wiederum elf Jahre später kam die nächste Milliarde Individuen der Spezies Mensch hinzu: Seit dem 11. November 2022 sind wir acht Milliarden.

Wenn das so weiter geht, platzt das Dorf aus allen Nähten: Mitte des Jahrhunderts könnten zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, zehnmal so viele, wie Anfang des 19. Jahrhunderts.



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Von Veritatis

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