„Lost“ Forever oder Forever Lost

Die Prämisse klang alles andere als originell: Die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes landen auf einer einsamen, tropischen Insel, müssen sich in der wilden Natur zurechtfinden und zur Gemeinschaft zusammenwachsen. Aber dann war da ein Eisbär und ein „Smoke Monster“ und überhaupt, wie konnte es sein, dass keine Rettung kam? Von einem besonders versierten Survivor stellte sich später heraus, dass er das Flugzeug noch als Rollstuhlfahrer bestiegen hatte. „What the fuck?“

Die Serie Lost, kreiert vom Trio Jeffrey Lieber, J. J. Abrams und Damon Lindelof und ausgestrahlt in sechs Staffeln von 2004 bis 2010, veränderte das Fernsehen und die Welt der Serien für immer. Dass Serien „süchtig“ machten, das hat es vorher schon gegeben, aber was Lost bei seinen Fans auslöste, war etwas Besonderes.

Je weiter sich der Plot in ein kreisendes Zentrum verwandelte, in dem das Unwahrscheinliche mit dem Unplausiblen und Unmöglichen gepaart wurde, je mehr „What-the-Fuck“-Momente (abgekürzt zu WTF) Fragen aufwarfen, desto mehr verstanden nur noch die echten Lost-Fans, was vor sich ging. Und desto mehr „Recaps“ auf Portalen wie televisionwithoutpity.com wurden verfasst, woraus ein neuer Berufszweig der Serien-Erklärer entstand, die sich per Blog und bald auch schon per Youtube-Video akribisch jeder einzelnen Folge widmeten.

Dass ihnen die Zuschauer so auf den Leib rückten, damit schienen die Autoren nicht gerechnet zu haben. Im Versuch, den Exegeten voraus zu sein und weiter für WTF!s zu sorgen, verstiegen sie sich bis zur Sinnlosigkeit. Das Finale von Lost wurde zu einer der meistgehassten Serienepisoden der „Prestige TV Era“.

Das wahre Ende kommt noch: „Game of Thrones“

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Die finale Folge von Game of Thrones kann es in puncto Fan-Hass mit Lost durchaus aufnehmen. Ausgestrahlt am 19. Mai 2019 als Schlusspunkt einer sich über acht Staffeln hinziehenden, epischen Fantasy-Erzählung über Krieg und Macht und Drachen, überflutete die Enttäuschung über das Ende die vorherige Begeisterung wie Lava nach einem Vulkanausbruch.

Ähnlich wie Lost hatte Game of Thrones seine Fans zuerst angefixt und dann mehr und mehr zu kühnen Spekulationen über das Ende der Geschichte getrieben, das der Autor der Buch-Vorlage, George R. R. Martin, aber noch gar nicht verfasst hatte. Weshalb heute noch ein Kreis der Hardcore-Fans fest daran glaubt, dass Martin das „wahre“ Ende schon noch schreiben wird – und alles noch einmal, noch besser verfilmt werden könnte.

Was sie dabei übersehen, ist der Anteil, den sie selbst am schlechten Ende hatten. Die Antwort auf zentrale Rätsel wie etwa die wahre Herkunft von Jon Snow hatte die „wisdom of crowds“ in der digitalen Vernetzung schneller ermittelt, als es Martins Leserschaft in den Neunzigern und Nullerjahren noch konnte.

Aus den zu Lost-Zeiten noch experimentellen Blogs und Videos der Serien-Erklärer wurde mit Game of Thrones eine regelrechte Kleinindustrie. Die neuen Analytiker aber zogen auch Fans mit neuen Erwartungen heran: Auf einmal sollte Daenerys Targaryen für „female empowerment“ stehen, wie als Korrektur für die Sünden der „Sexploitation“, die man an den ersten Staffeln so stark kritisierte. Und mit einzelnen Figuren, zumal wenn sie mit PoC-Schauspielern besetzt waren, setzte eine Über-Identifikation ein, die die Erzählung nur noch in den Parametern von Repräsentation und Identitätspolitik begreifen wollte.

Wenn Autoren ihre Fans trollen: „Westworld“

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Heute ist die Serie von Jonathan Nolan (Christophers Bruder) und Lisa Joy fast in Vergessenheit geraten. Aber bis 2023 und The Last of Us hielt die erste Staffel von Westworld (2016-2022) den Rekord, die HBO-Original-Serie mit der höchsten Zuschauerquote für eine erste Staffel zu sein. Nur dass die Zuschauer von Staffel 2 bis zur finalen vierten Staffel dann immer weniger wurden. Was immerhin verhinderte, dass die Schlussfolge größere Enttäuschungen auslösen könnte: Es waren nicht mehr viele da, die noch etwas erwarteten.

Das Neue an Westworld, das die Grundprämisse von Michael Crichtons gleichnamigen Film von 1973 aufgriff, war, dass die Serie von Anfang an mit den miträtselnden Fans zu rechnen schien. Ein paar Dosen mit Etikett, die durch die Western-Kulisse rollten, ein elektrisches Klavier im Saloon, eine Fotografie im Stubenhintergrund – was in anderen Serien höchstens selbstreferentielle Spielereien am Rande waren, gehörte in Westworld zum Aufbau der Geschichte. Wer nicht ab und zu das Bild stoppte, um den Hintergrund zu vergrößern, der verstand tatsächlich nicht alles, was vor sich ging. Westworld war Thriller und Schnitzeljagd in einem.

Doch schon in der zweiten Staffel nahm die Theorien-Spinnerei aufseiten der Fans schon wieder überhand. Zunehmend gewann man den Eindruck, dass die Showrunner daraufhin selbst anfingen, die Fan-Theoretiker wie absichtlich zu täuschen, zu „trollen“ oder gar auf die Schippe zu nehmen – wovon sich die immer unübersichtlicher werdende Handlung nie ganz erholte.

Wenn Antihelden zu Helden werden: „Breaking Bad“

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So manches Rätsel zu lösen gab es zwar auch bei Breaking Bad, aber der große Erzählbogen der von Vince Gilligan kreierten und von 2008 bis 2013 laufenden Serie war nie darauf angelegt. Im Gegenteil zeichnete sich der Schluss von Anfang an ziemlich klar ab: nämlich dass es mit Walter White kein gutes Ende nehmen würde.

Wichtig war das Dazwischen, die Allianz des an Lungenkrebs erkrankten Chemielehrers mit Jesse Pinkman (Aaron Paul) und das Drogen-Imperium, das er sich mit dessen – erzwungener – Assistenz aufbaute. Anfangs nur, um das Geld für die Behandlung seines Lungenkarzinoms zusammenzukriegen, dann, um der Familie etwas hinterlassen zu können und schließlich um sich selbst, ja was? Mächtig zu fühlen? Es war eine Kapitalismusparabel und noch viel mehr, reich an Widersprüchen, Grauzonen, zwiespältigen Gefühlen.

Und vielleicht lieferte Breaking Bad den ersten Anlass, dem Stichwort des „schlechten Fans“ wirkliche Bedeutung zuzuweisen. Die schlechten Fans waren die, die in Walter White nicht mehr länger den Antihelden erkennen wollten, als den ihn Gilligan und seine Autoren angelegt hatten, sondern ohne Skrupel, Ironie oder Widersprüchlichkeit den oberschlauen Helden anfeuerten, der es den anderen Drogenbossen mal so richtig zeigte. Die noch hässlichere Seite dieser schlechten Fans war die Misogynie, die aus der Verehrung für Walter White folgte und sich gegen die Figur der Ehefrau, Skyler, richtete. Noch die Schauspielerin Anna Gunn bekam davon einiges ab.

Jeder Tod ein Shitstorm: „The Walking Dead“

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Die Zombie-Apokalypsen-Serie The Walking Dead kam größtenteils ohne Mysterien aus, über die man hätte lange rätseln müssen. Auch das „Worldbuilding“ war nicht besonders raffiniert – es war die übliche dystopische Westernlandschaft mit Stadtruinen, beherrscht von den immer gleichen, mehr oder weniger gewalttätigen Warlords und ihren Banden.

Trotzdem war die von 2010 bis 2022 laufende Serie nicht nur eine der erfolgreichsten und langlebigsten der letzten 25 Jahre, sondern begründete ein ganzes Franchise mit Sequels, Spin-offs und Videospielen, das sich bis heute noch ständig erweitert. Aber auch The Walking Dead machte in Bezug auf „schlechte Fans“ Schule.

Sehr bald ging es im Plot immer nur noch darum, wen von den zu „Fan-Favorites“ aufgestiegenen Figuren es wohl als Nächstes erwischen würde. Dass solche Entscheidungen oft mit anstehenden neuen Projekten oder Wünschen der Schauspieler in Verbindung stehen und recht selten etwas mit der „organischen“ Entwicklung der Geschichte zu tun haben, vergrößerte den Ärger der Fans nur noch mehr. Jedes neue „Ableben“ zog einen Shitstorm nach sich; die Autoren berichteten von Drohmails, die sie erhielten. Es war kein Spaß mehr.

mmer. Dass Serien „süchtig“ machten, das hat es vorher schon gegeben, aber was Lost bei seinen Fans auslöste, war etwas Besonderes.Je weiter sich der Plot in ein kreisendes Zentrum verwandelte, in dem das Unwahrscheinliche mit dem Unplausiblen und Unmöglichen gepaart wurde, je mehr „What-the-Fuck“-Momente (abgekürzt zu WTF) Fragen aufwarfen, desto mehr verstanden nur noch die echten Lost-Fans, was vor sich ging. Und desto mehr „Recaps“ auf Portalen wie televisionwithoutpity.com wurden verfasst, woraus ein neuer Berufszweig der Serien-Erklärer entstand, die sich per Blog und bald auch schon per Youtube-Video akribisch jeder einzelnen Folge widmeten.Dass ihnen die Zuschauer so auf den Leib rückten, damit schienen die Autoren nicht gerechnet zu haben. Im Versuch, den Exegeten voraus zu sein und weiter für WTF!s zu sorgen, verstiegen sie sich bis zur Sinnlosigkeit. Das Finale von Lost wurde zu einer der meistgehassten Serienepisoden der „Prestige TV Era“.Das wahre Ende kommt noch: „Game of Thrones“Placeholder image-1Die finale Folge von Game of Thrones kann es in puncto Fan-Hass mit Lost durchaus aufnehmen. Ausgestrahlt am 19. Mai 2019 als Schlusspunkt einer sich über acht Staffeln hinziehenden, epischen Fantasy-Erzählung über Krieg und Macht und Drachen, überflutete die Enttäuschung über das Ende die vorherige Begeisterung wie Lava nach einem Vulkanausbruch.Ähnlich wie Lost hatte Game of Thrones seine Fans zuerst angefixt und dann mehr und mehr zu kühnen Spekulationen über das Ende der Geschichte getrieben, das der Autor der Buch-Vorlage, George R. R. Martin, aber noch gar nicht verfasst hatte. Weshalb heute noch ein Kreis der Hardcore-Fans fest daran glaubt, dass Martin das „wahre“ Ende schon noch schreiben wird – und alles noch einmal, noch besser verfilmt werden könnte.Was sie dabei übersehen, ist der Anteil, den sie selbst am schlechten Ende hatten. Die Antwort auf zentrale Rätsel wie etwa die wahre Herkunft von Jon Snow hatte die „wisdom of crowds“ in der digitalen Vernetzung schneller ermittelt, als es Martins Leserschaft in den Neunzigern und Nullerjahren noch konnte.Aus den zu Lost-Zeiten noch experimentellen Blogs und Videos der Serien-Erklärer wurde mit Game of Thrones eine regelrechte Kleinindustrie. Die neuen Analytiker aber zogen auch Fans mit neuen Erwartungen heran: Auf einmal sollte Daenerys Targaryen für „female empowerment“ stehen, wie als Korrektur für die Sünden der „Sexploitation“, die man an den ersten Staffeln so stark kritisierte. Und mit einzelnen Figuren, zumal wenn sie mit PoC-Schauspielern besetzt waren, setzte eine Über-Identifikation ein, die die Erzählung nur noch in den Parametern von Repräsentation und Identitätspolitik begreifen wollte.Wenn Autoren ihre Fans trollen: „Westworld“Placeholder image-2Heute ist die Serie von Jonathan Nolan (Christophers Bruder) und Lisa Joy fast in Vergessenheit geraten. Aber bis 2023 und The Last of Us hielt die erste Staffel von Westworld (2016-2022) den Rekord, die HBO-Original-Serie mit der höchsten Zuschauerquote für eine erste Staffel zu sein. Nur dass die Zuschauer von Staffel 2 bis zur finalen vierten Staffel dann immer weniger wurden. Was immerhin verhinderte, dass die Schlussfolge größere Enttäuschungen auslösen könnte: Es waren nicht mehr viele da, die noch etwas erwarteten. Das Neue an Westworld, das die Grundprämisse von Michael Crichtons gleichnamigen Film von 1973 aufgriff, war, dass die Serie von Anfang an mit den miträtselnden Fans zu rechnen schien. Ein paar Dosen mit Etikett, die durch die Western-Kulisse rollten, ein elektrisches Klavier im Saloon, eine Fotografie im Stubenhintergrund – was in anderen Serien höchstens selbstreferentielle Spielereien am Rande waren, gehörte in Westworld zum Aufbau der Geschichte. Wer nicht ab und zu das Bild stoppte, um den Hintergrund zu vergrößern, der verstand tatsächlich nicht alles, was vor sich ging. Westworld war Thriller und Schnitzeljagd in einem. Doch schon in der zweiten Staffel nahm die Theorien-Spinnerei aufseiten der Fans schon wieder überhand. Zunehmend gewann man den Eindruck, dass die Showrunner daraufhin selbst anfingen, die Fan-Theoretiker wie absichtlich zu täuschen, zu „trollen“ oder gar auf die Schippe zu nehmen – wovon sich die immer unübersichtlicher werdende Handlung nie ganz erholte.Wenn Antihelden zu Helden werden: „Breaking Bad“Placeholder image-3So manches Rätsel zu lösen gab es zwar auch bei Breaking Bad, aber der große Erzählbogen der von Vince Gilligan kreierten und von 2008 bis 2013 laufenden Serie war nie darauf angelegt. Im Gegenteil zeichnete sich der Schluss von Anfang an ziemlich klar ab: nämlich dass es mit Walter White kein gutes Ende nehmen würde.Wichtig war das Dazwischen, die Allianz des an Lungenkrebs erkrankten Chemielehrers mit Jesse Pinkman (Aaron Paul) und das Drogen-Imperium, das er sich mit dessen – erzwungener – Assistenz aufbaute. Anfangs nur, um das Geld für die Behandlung seines Lungenkarzinoms zusammenzukriegen, dann, um der Familie etwas hinterlassen zu können und schließlich um sich selbst, ja was? Mächtig zu fühlen? Es war eine Kapitalismusparabel und noch viel mehr, reich an Widersprüchen, Grauzonen, zwiespältigen Gefühlen.Und vielleicht lieferte Breaking Bad den ersten Anlass, dem Stichwort des „schlechten Fans“ wirkliche Bedeutung zuzuweisen. Die schlechten Fans waren die, die in Walter White nicht mehr länger den Antihelden erkennen wollten, als den ihn Gilligan und seine Autoren angelegt hatten, sondern ohne Skrupel, Ironie oder Widersprüchlichkeit den oberschlauen Helden anfeuerten, der es den anderen Drogenbossen mal so richtig zeigte. Die noch hässlichere Seite dieser schlechten Fans war die Misogynie, die aus der Verehrung für Walter White folgte und sich gegen die Figur der Ehefrau, Skyler, richtete. Noch die Schauspielerin Anna Gunn bekam davon einiges ab.Jeder Tod ein Shitstorm: „The Walking Dead“Placeholder image-4Die Zombie-Apokalypsen-Serie The Walking Dead kam größtenteils ohne Mysterien aus, über die man hätte lange rätseln müssen. Auch das „Worldbuilding“ war nicht besonders raffiniert – es war die übliche dystopische Westernlandschaft mit Stadtruinen, beherrscht von den immer gleichen, mehr oder weniger gewalttätigen Warlords und ihren Banden.Trotzdem war die von 2010 bis 2022 laufende Serie nicht nur eine der erfolgreichsten und langlebigsten der letzten 25 Jahre, sondern begründete ein ganzes Franchise mit Sequels, Spin-offs und Videospielen, das sich bis heute noch ständig erweitert. Aber auch The Walking Dead machte in Bezug auf „schlechte Fans“ Schule.Sehr bald ging es im Plot immer nur noch darum, wen von den zu „Fan-Favorites“ aufgestiegenen Figuren es wohl als Nächstes erwischen würde. Dass solche Entscheidungen oft mit anstehenden neuen Projekten oder Wünschen der Schauspieler in Verbindung stehen und recht selten etwas mit der „organischen“ Entwicklung der Geschichte zu tun haben, vergrößerte den Ärger der Fans nur noch mehr. Jedes neue „Ableben“ zog einen Shitstorm nach sich; die Autoren berichteten von Drohmails, die sie erhielten. Es war kein Spaß mehr.



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