Florentina Holzinger macht den österreichischen Pavillon zur „Seaworld Venice“. Warum allein dafür der Besuch der Kunst-Biennale in Venedig lohnt


Triptychon aus Wasserbasin und Dixi-Klos: „Seaworld Venice“ von Florentina Holzinger

Foto: Nicole Marianna Wytyczak


Das absurde Arrangement könnten wir als Triptychon beschreiben: In der zentralen Achse des österreichischen Pavillons steht auf einer Bühne eine verwirrend komplizierte Apparatur mit Kanistern, Ventilen und Schläuchen. Diese sind mit einem darüberliegenden riesigen Aquarium auf Stahlstützen verbunden. Links und rechts davon flankieren blaue Dixi-Klos in Luxusausführung und laden uns über drei Treppenstufen begehbar zur Benutzung ein – auf der Venedig Biennale mit ihrem Toiletten-Engpass ein gern genutzter Service.

Wir sind im hintersten Ende der Giardini, dem Hauptaustragungsort der alle zwei Jahre wiederkehrenden Leistungsschau der bildenden Künste, beim österreichischen Pavillon. Ein modernistischer Bau mit hohem Portal, zwei Seitenflügeln und eben diesem Garten aus den 1950er-Jahren, in dem das Triptychon aufgestellt ist.

Schon vor der offiziellen Eröffnung rekordverdächtige Schlangen

Schon im Vorfeld hatte die Nominierung Florentina Holzingers als Künstlerin, die ihn bespielt, Wellen geschlagen. Entsprechend rekordverdächtig war die Schlange Schaulustiger bereits Tage vor der offiziellen Eröffnung. Über Mittag betrug die Wartezeit, um einen Blick ins Innere des Heiligtums Seaworld zu erhaschen geschlagene zwei Stunden. Die Biennale hatte ihren Hingucker. Ein medialer Hype sondergleichen folgte auf den Fuß.

Höhepunkt morgens zum Start und jeweils zur vollen Stunde: An einem mobilen Kran vor dem Haus wird eine Glocke, eigens für Holzingers Ensemble gegossen, angeschlagen. Dafür steigt eine durchtrainierte Tänzerin nackt in Boots an einem Seil in die Glocke, hängt sich kopfüber hinein und schwingt ihre Hüfte, an der links und rechts Eisenzapfen an einem Ledergurt befestigt sind, die die Glocke zum Klingen bringen. Der österreichische Extrem-Performer Wolfgang Flatz hatte Vergleichbares bereits Ende der 1980er geboten. Er schwang kopfüber zwischen Stahlplatten. Dennoch andächtige Ruhe im Publikum – hier schon kommt Kirchenstimmung auf.

Allseitiges Staunen, Rätseln, Glotzen

Diese verdichtet sich im Innern und während die einen an Kirche denken, denken die anderen an Missbrauch und Gewalt und Umweltzerstörung. Für das allseitige finale Staunen, Rätseln, Glotzen sorgt, dass in dem Aquarium, eine junge Frau unter Wasser splitternackt auf einer weißen Pritsche liegt. Das Wasser soll aus geklärten Sekreten der Dixi-Toiletten stammen. Ab und an hebt Frau im Wasser ihren Kopf, über das Gesicht eine Atemmaske gezogen, und ihre langen schwarzen Haare wallen im sanften Wasserstrom wie in einem Jugendstilgemälde von Alfons Mucha. Ab und an steht sie auf, blickt in Richtung Publikum und legt sich auf den Boden des Wassertanks.

Hätte sie einen Fischschwanz, könnten wir sie für eine Nixe halten, so figuriert sie ikonographisch zwischen Jesus Christus und Gautama Buddha oder den Opferfiguren aus dem Orgien-und-Mysterientheater von Holzingers verstorbenem Landsmanns Hermann Nitsch. Die Performerin im Wassertank macht das jetzt zur Preview schon seit vier Stunden. Das wird sie weitere vier Stunden, bis der Pavillon schließt, machen und weiter täglich im Wechsel mit 25 Kolleginnen bis zum Ende der Biennale im November.

Performative Formate sind heute aus dem Kunstbetrieb nicht mehr wegzudenken. Performances waren nach ihrer Etablierung in den 1950er-Jahren bis zu ihrer Hochzeit Ende der 1970er-Jahre ein Randphänomen des Kunstbetriebs. Ihr emanzipatorisches Potential hatte sich in Politaktivismus verflüchtigt und die Kunst flüchtete in traditionelle Gattungen. „Kunst muss hängen“ formulierte Martin Kippenberger sarkastisch in den 1990ern. Als sich Performances und partizipative Rezeptionsformen Anfang der 2000er-Jahre zunehmend im Kunstbereich etablierten, hielten dies viele irritiert für modische Eintagsfliegen.

Instagram-Stereotype streicht Holzinger genüsslich durch

Mittlerweile hält der Trend jedoch über zwei Jahrzehnte. Als am Mittwochmorgen in der Eröffnungswoche eine Truppe im Namen von Pussy Riot vor dem russischen Pavillon mit viel Lärm gegen den Angriffskrieg und Völkerrechtsverletzung protestiert, holte das in Venedig keinen mehr hinter dem Ofen vor und nahezu jede offizielle Eröffnung eines Länderpavillons schließt mit einer performativen, sprich Theater-Performance-Körperkunst-Einlage ab.

Der Galeriebetrieb hat es längst nachgemacht. Der Kommerz verspricht sich ein Aufmerksamkeitsplus und Klicks und Follower auf Instagram und TikTok. Dafür holt man die Macher:innen der Zeitgebundenen Künste gerne ins Programm, denn Requisiten/Props lassen sich am Ende gut verkaufen. Florentina Holzinger ist seit Jahresanfang bei der international operierenden Salzburger Galerie Thaddeus Ropac untergekommen.

Die 1986 in Wien geborene Hardcore-Tänzerin und Choreografin erhielt 2020 durch die Einladung ihrer spektakulären Produktion Tanz zum Berliner Theatertreffen 2020 erste internationale Aufmerksamkeit. Hatte die italienische Performancekünstlerin Vanessa Beecroft in den 1990er Jahren dem „male gaze“ ausgelieferte Frauenkörper paradieren lassen, so inszenierte Florentina Holziger mit ihrer munteren Truppe weibliche Nacktheit in bacchantischem Taumel im artistischen Hochrisikobereich.

Ihre Referenzgrößen im Kunstbereich, die Performerinnen der 1970er-Jahre Francesca Woodman, Ana Mendieta, Marina Abramović, Carolee Schneemann aber auch die Verausgabungskünstler Stelarc, Matthew Barney und der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski. Klassischer Spitzentanz traf auf entblößte Frauenkörper, Contact Improvisation auf Leistungssporterschöpfung. Insta-Stereotype und Influencerposen werden genüsslich durchgestrichen.

Fäkalien? Theaterbrühe? Die Frage stellt sich nicht

Um hermeneutische Tiefe, ausloten von Denkräumen, ging es Holzinger damit nicht. Es geht um Appell und Botschaft: Seht her, das heteronormative Regime hat Frauen über die Jahrtausende menschlicher Zivilisation zugerichtet, hat Krieg, Elend und Leid verursacht, die Umwelt zerstört und wenn ihr das seht, was wir machen, heißt das: „Du musst dein Leben ändern.“

Dafür ist ihr keine Drastik im Tanzdrama zu drastisch. In ihren vier Wasserweltpavillonräumen hat sie links eine gewaltige Maschine aufgebaut. Sie spukt und keucht ständig braunes Wasser. Fäkalien? Theaterbrühe? Die Frage stellt sich nicht, denn der Ekel stellt sich ohnehin ein, wenn zwei Frauen in Putzkleidern versuchen, die ganze Sache zu richten, um den Preis, dass sie erstens nach wenigen Sekunden die Soße am ganzen Leib tragen und zweitens schließlich erfolglos den Glaskasten wieder verlassen müssen.

Bei aller Parole geht es Holzinger auch um Begegnung, das Aufsichtspersonal gibt die freundliche Klofrau, die Handdesinfektionsmittel reicht, es geht um Gemeinschaft und gute Unterhaltung als Matrix, in der unterschiedliche Körperpolitiken aufgezeigt und erprobt werden. Akademisch gesagt, Unterhaltung ist bei Holzinger vor allem eine Praxis des Embodiments, und annähernde Refiguration des uneinholbaren Anderen. Darin liegt Holzingers zweite Botschaft: Seht her, die Frau geht in den gesellschaftlichen Rahmungen nicht auf. Die propagierten medialen Bilder von ihr sind fern jeder Realität. Heteronormative Erwartungen, Zurichtungen, Macht- und Gewaltregime richten sie vielmehr zu.

Schon der Titel ihrer Venedig-Arbeit deutete Sensationelles, Jahrmarkt und Zirkus an

Holzingers Inszenierungen zeigen Frau dagegen mit artistischer Brillanz, Drastik und viel Humor stark, schön und selbstbewusst. Holzingers Cast reicht inzwischen von klein bis groß, agil, mobil bis beeinträchtigt, von jung bis alt, von Frauen in den 20ern bis über 80 und Holzinger selbst reiht sich in allen Produktionen bescheiden und risikofreudig, auch in Venedig zum Beispiel als Glockenklöppel kopfüber hängend, ins Ensemble ein.

Schon im Titel der Venedig-Arbeit deutet sich Sensationelles, Jahrmarkt und Zirkus an: Seaworld, sind jene touristischen Attraktionen benannt, die dressierte Meeressäuger wie Orkas und Robben in zu engen Bassins vorführen. Affirmative Subversion Holzingers: Sie lässt keine Tierchen vorführen, sondern echte Menschen, nackt aus Fleisch und Blut. Haben wir die lange Schlange hinter uns, betreten wir ihr Heiligtum, rechts und links in den beiden Flügeln des Pavillons je zwei Wasserbassinglaskästen, Bühnen, Tableaux vivants. Wer in Berlin vor zwei Jahren ihre Inszenierung Ophelia’s Got Talent gesehen hatte, kennt das, die Bilder, die Settings. Auch hier wurde die Bühne zeitweise komplett unter Wasser gesetzt und Waghalsiges in gläsernen Tanks vorgeführt.

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Im Basin rechts ist ein Stahlpfosten aufgestellt, der über das Glasdach des Pavillons hinausragt. Eine vergoldete Frauenfigur biegt sich im Handstand. Ihre Füße zielen amazonengleich mit Pfeil und Bogen in eine unbestimmte Ferne, während unten im Saal reale nackte Frauenkörper am Pfahl in Zeitlupe kletternd, sitzend, hängend den Blicken preisgegeben sind. Irgendwann steigt im tieferen Bassin gegenüber, eine unbekleidete Darstellerin auf einen Wasserscooter und dreht in akzelerierender Geschwindigkeit ihre Runden, dergestalt, dass Wellen in das Bassin darunter schwappen, während die Frau im Wassertank ungerührt ins Weite blickt.

Bei Holzinger gibt es kein Als-ob, keinen doppelten Boden

Auf der Bühne, im Kunstsetting, bleiben die Akteurinnen, auch wenn sie sich dem voyeuristischen Blick aussetzen, immer auch andere und damit zwar exponiert, aber auch geschützt. Die Bühne ist zwar Bedingung ihrer Präsenz, doch sie präsentieren nicht mehr, als sie ohnehin schon sind. Sie beziehen ihre Kraft nicht aus einer Behauptung und Repräsentation, sondern der Inszenierung ihrer Gemeinschaft. Bei Holzinger gibt es kein Als-ob, keinen doppelten Boden, kein Netz, das die Artistin, die vom Bühnenboden hängt im Fall auffangen könnte. Sicher spielt sie mit Figuren, mit Rollenklischees, Amazone, Gob Squad, Muskelfrau. Körper und Körperflüssigkeiten fungieren ihnen als Träger einer negativen Transzendenz: Sie sind Medien pseudo-religiöser Ekstase, aber zeigen keinen metaphysischen Ausweg.

Auch Seaworld Venice fungiert wie ihre Theaterinszenierungen als ein anti-narratives Körperoratorium, an dessen Anfang der Körper als Lust- und Gemeinschaftsmaschine steht. Es gibt keine stabile Position außerhalb, weder Wissenschaft noch Technik bieten Transzendenz und Erlösung. Besonders: Holzingers Truppe macht in Venedig keine Pause. Allein dafür lohnt sich in diesem Jahr ein Besuch der Biennale.

u mit hohem Portal, zwei Seitenflügeln und eben diesem Garten aus den 1950er-Jahren, in dem das Triptychon aufgestellt ist.Schon vor der offiziellen Eröffnung rekordverdächtige SchlangenSchon im Vorfeld hatte die Nominierung Florentina Holzingers als Künstlerin, die ihn bespielt, Wellen geschlagen. Entsprechend rekordverdächtig war die Schlange Schaulustiger bereits Tage vor der offiziellen Eröffnung. Über Mittag betrug die Wartezeit, um einen Blick ins Innere des Heiligtums Seaworld zu erhaschen geschlagene zwei Stunden. Die Biennale hatte ihren Hingucker. Ein medialer Hype sondergleichen folgte auf den Fuß.Höhepunkt morgens zum Start und jeweils zur vollen Stunde: An einem mobilen Kran vor dem Haus wird eine Glocke, eigens für Holzingers Ensemble gegossen, angeschlagen. Dafür steigt eine durchtrainierte Tänzerin nackt in Boots an einem Seil in die Glocke, hängt sich kopfüber hinein und schwingt ihre Hüfte, an der links und rechts Eisenzapfen an einem Ledergurt befestigt sind, die die Glocke zum Klingen bringen. Der österreichische Extrem-Performer Wolfgang Flatz hatte Vergleichbares bereits Ende der 1980er geboten. Er schwang kopfüber zwischen Stahlplatten. Dennoch andächtige Ruhe im Publikum – hier schon kommt Kirchenstimmung auf.Allseitiges Staunen, Rätseln, GlotzenDiese verdichtet sich im Innern und während die einen an Kirche denken, denken die anderen an Missbrauch und Gewalt und Umweltzerstörung. Für das allseitige finale Staunen, Rätseln, Glotzen sorgt, dass in dem Aquarium, eine junge Frau unter Wasser splitternackt auf einer weißen Pritsche liegt. Das Wasser soll aus geklärten Sekreten der Dixi-Toiletten stammen. Ab und an hebt Frau im Wasser ihren Kopf, über das Gesicht eine Atemmaske gezogen, und ihre langen schwarzen Haare wallen im sanften Wasserstrom wie in einem Jugendstilgemälde von Alfons Mucha. Ab und an steht sie auf, blickt in Richtung Publikum und legt sich auf den Boden des Wassertanks.Hätte sie einen Fischschwanz, könnten wir sie für eine Nixe halten, so figuriert sie ikonographisch zwischen Jesus Christus und Gautama Buddha oder den Opferfiguren aus dem Orgien-und-Mysterientheater von Holzingers verstorbenem Landsmanns Hermann Nitsch. Die Performerin im Wassertank macht das jetzt zur Preview schon seit vier Stunden. Das wird sie weitere vier Stunden, bis der Pavillon schließt, machen und weiter täglich im Wechsel mit 25 Kolleginnen bis zum Ende der Biennale im November.Performative Formate sind heute aus dem Kunstbetrieb nicht mehr wegzudenken. Performances waren nach ihrer Etablierung in den 1950er-Jahren bis zu ihrer Hochzeit Ende der 1970er-Jahre ein Randphänomen des Kunstbetriebs. Ihr emanzipatorisches Potential hatte sich in Politaktivismus verflüchtigt und die Kunst flüchtete in traditionelle Gattungen. „Kunst muss hängen“ formulierte Martin Kippenberger sarkastisch in den 1990ern. Als sich Performances und partizipative Rezeptionsformen Anfang der 2000er-Jahre zunehmend im Kunstbereich etablierten, hielten dies viele irritiert für modische Eintagsfliegen.Instagram-Stereotype streicht Holzinger genüsslich durchMittlerweile hält der Trend jedoch über zwei Jahrzehnte. Als am Mittwochmorgen in der Eröffnungswoche eine Truppe im Namen von Pussy Riot vor dem russischen Pavillon mit viel Lärm gegen den Angriffskrieg und Völkerrechtsverletzung protestiert, holte das in Venedig keinen mehr hinter dem Ofen vor und nahezu jede offizielle Eröffnung eines Länderpavillons schließt mit einer performativen, sprich Theater-Performance-Körperkunst-Einlage ab.Der Galeriebetrieb hat es längst nachgemacht. Der Kommerz verspricht sich ein Aufmerksamkeitsplus und Klicks und Follower auf Instagram und TikTok. Dafür holt man die Macher:innen der Zeitgebundenen Künste gerne ins Programm, denn Requisiten/Props lassen sich am Ende gut verkaufen. Florentina Holzinger ist seit Jahresanfang bei der international operierenden Salzburger Galerie Thaddeus Ropac untergekommen.Die 1986 in Wien geborene Hardcore-Tänzerin und Choreografin erhielt 2020 durch die Einladung ihrer spektakulären Produktion Tanz zum Berliner Theatertreffen 2020 erste internationale Aufmerksamkeit. Hatte die italienische Performancekünstlerin Vanessa Beecroft in den 1990er Jahren dem „male gaze“ ausgelieferte Frauenkörper paradieren lassen, so inszenierte Florentina Holziger mit ihrer munteren Truppe weibliche Nacktheit in bacchantischem Taumel im artistischen Hochrisikobereich.Ihre Referenzgrößen im Kunstbereich, die Performerinnen der 1970er-Jahre Francesca Woodman, Ana Mendieta, Marina Abramović, Carolee Schneemann aber auch die Verausgabungskünstler Stelarc, Matthew Barney und der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski. Klassischer Spitzentanz traf auf entblößte Frauenkörper, Contact Improvisation auf Leistungssporterschöpfung. Insta-Stereotype und Influencerposen werden genüsslich durchgestrichen.Fäkalien? Theaterbrühe? Die Frage stellt sich nichtUm hermeneutische Tiefe, ausloten von Denkräumen, ging es Holzinger damit nicht. Es geht um Appell und Botschaft: Seht her, das heteronormative Regime hat Frauen über die Jahrtausende menschlicher Zivilisation zugerichtet, hat Krieg, Elend und Leid verursacht, die Umwelt zerstört und wenn ihr das seht, was wir machen, heißt das: „Du musst dein Leben ändern.“Dafür ist ihr keine Drastik im Tanzdrama zu drastisch. In ihren vier Wasserweltpavillonräumen hat sie links eine gewaltige Maschine aufgebaut. Sie spukt und keucht ständig braunes Wasser. Fäkalien? Theaterbrühe? Die Frage stellt sich nicht, denn der Ekel stellt sich ohnehin ein, wenn zwei Frauen in Putzkleidern versuchen, die ganze Sache zu richten, um den Preis, dass sie erstens nach wenigen Sekunden die Soße am ganzen Leib tragen und zweitens schließlich erfolglos den Glaskasten wieder verlassen müssen.Bei aller Parole geht es Holzinger auch um Begegnung, das Aufsichtspersonal gibt die freundliche Klofrau, die Handdesinfektionsmittel reicht, es geht um Gemeinschaft und gute Unterhaltung als Matrix, in der unterschiedliche Körperpolitiken aufgezeigt und erprobt werden. Akademisch gesagt, Unterhaltung ist bei Holzinger vor allem eine Praxis des Embodiments, und annähernde Refiguration des uneinholbaren Anderen. Darin liegt Holzingers zweite Botschaft: Seht her, die Frau geht in den gesellschaftlichen Rahmungen nicht auf. Die propagierten medialen Bilder von ihr sind fern jeder Realität. Heteronormative Erwartungen, Zurichtungen, Macht- und Gewaltregime richten sie vielmehr zu.Schon der Titel ihrer Venedig-Arbeit deutete Sensationelles, Jahrmarkt und Zirkus anHolzingers Inszenierungen zeigen Frau dagegen mit artistischer Brillanz, Drastik und viel Humor stark, schön und selbstbewusst. Holzingers Cast reicht inzwischen von klein bis groß, agil, mobil bis beeinträchtigt, von jung bis alt, von Frauen in den 20ern bis über 80 und Holzinger selbst reiht sich in allen Produktionen bescheiden und risikofreudig, auch in Venedig zum Beispiel als Glockenklöppel kopfüber hängend, ins Ensemble ein.Schon im Titel der Venedig-Arbeit deutet sich Sensationelles, Jahrmarkt und Zirkus an: Seaworld, sind jene touristischen Attraktionen benannt, die dressierte Meeressäuger wie Orkas und Robben in zu engen Bassins vorführen. Affirmative Subversion Holzingers: Sie lässt keine Tierchen vorführen, sondern echte Menschen, nackt aus Fleisch und Blut. Haben wir die lange Schlange hinter uns, betreten wir ihr Heiligtum, rechts und links in den beiden Flügeln des Pavillons je zwei Wasserbassinglaskästen, Bühnen, Tableaux vivants. Wer in Berlin vor zwei Jahren ihre Inszenierung Ophelia’s Got Talent gesehen hatte, kennt das, die Bilder, die Settings. Auch hier wurde die Bühne zeitweise komplett unter Wasser gesetzt und Waghalsiges in gläsernen Tanks vorgeführt.Placeholder image-1Im Basin rechts ist ein Stahlpfosten aufgestellt, der über das Glasdach des Pavillons hinausragt. Eine vergoldete Frauenfigur biegt sich im Handstand. Ihre Füße zielen amazonengleich mit Pfeil und Bogen in eine unbestimmte Ferne, während unten im Saal reale nackte Frauenkörper am Pfahl in Zeitlupe kletternd, sitzend, hängend den Blicken preisgegeben sind. Irgendwann steigt im tieferen Bassin gegenüber, eine unbekleidete Darstellerin auf einen Wasserscooter und dreht in akzelerierender Geschwindigkeit ihre Runden, dergestalt, dass Wellen in das Bassin darunter schwappen, während die Frau im Wassertank ungerührt ins Weite blickt.Bei Holzinger gibt es kein Als-ob, keinen doppelten BodenAuf der Bühne, im Kunstsetting, bleiben die Akteurinnen, auch wenn sie sich dem voyeuristischen Blick aussetzen, immer auch andere und damit zwar exponiert, aber auch geschützt. Die Bühne ist zwar Bedingung ihrer Präsenz, doch sie präsentieren nicht mehr, als sie ohnehin schon sind. Sie beziehen ihre Kraft nicht aus einer Behauptung und Repräsentation, sondern der Inszenierung ihrer Gemeinschaft. Bei Holzinger gibt es kein Als-ob, keinen doppelten Boden, kein Netz, das die Artistin, die vom Bühnenboden hängt im Fall auffangen könnte. Sicher spielt sie mit Figuren, mit Rollenklischees, Amazone, Gob Squad, Muskelfrau. Körper und Körperflüssigkeiten fungieren ihnen als Träger einer negativen Transzendenz: Sie sind Medien pseudo-religiöser Ekstase, aber zeigen keinen metaphysischen Ausweg.Auch Seaworld Venice fungiert wie ihre Theaterinszenierungen als ein anti-narratives Körperoratorium, an dessen Anfang der Körper als Lust- und Gemeinschaftsmaschine steht. Es gibt keine stabile Position außerhalb, weder Wissenschaft noch Technik bieten Transzendenz und Erlösung. Besonders: Holzingers Truppe macht in Venedig keine Pause. Allein dafür lohnt sich in diesem Jahr ein Besuch der Biennale.



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