Der Erfolg von Marina Abramovićs Ausstellung „Balkan Erotic Epic“ im Berliner Gropius Bau ist garantiert. Was macht diese Rückbesinnung auf das Archaische, Naturreligionen und die Kraft des Weiblichen so interessant?
Still aus dem Film „Balkan Erotic Epic“
Foto: Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst
Diese Ausstellung hat wirklich alles, um ein Publikumsmagnet zu werden: Sex, Feminismus, Blut, Spiritualität, Ostblock und kulturelle Identität. Aber es kann ja auch kaum schiefgehen, wenn Marina Abramović, eine der bekanntesten Künstlerinnen der Zeit, ausstellt.
Eine, hinter der ein ganzes Institut steht, ihre Kunst und Legacy umzusetzen. Eine, die die Performancekunst in das Museum brachte. Die Kunst und Kommerz würdevoll vereinen kann, etwa wenn sie Großstädter auf der Suche nach Sinn für ein fünftägiges Retreat namens „Cleaning the House“ zahlen lässt. Und wenn Balkan Erotic Epic. The Exhibition dann auch noch im Berliner Gropius Bau gezeigt wird, einer Einrichtung, die in letzter Zeit immer ein gutes Händchen für die Interessen und Aufmerksamkeitsspanne der Generation Instagram bewies, ist Erfolg garantiert.
Gleich am Eingang zu den Räumen im Erdgeschoss steht ein warnendes und Aufmerksamkeit sammelndes Schild: Ab 16 Jahren wird die Schau empfohlen, aufgrund von rassistischer Gewalt, Selbstverletzungen und sexuell expliziten Handlungen. Und als Erstes sieht man drei riesengroße Penisse, liest ein Zitat der Künstlerin, dass „all die Energie, die durch unsere Körper fließt“ sexuelle Energie sei, und wir sie für kreative oder spirituelle Zwecke nutzen könnten, man sie aber auch unterdrücken könne und das führe dann zu „Aggression, Krieg, Wut und Folter“. Und damit ist man mittendrin im Verstehen der Welt von Marina Abramović.
Diese Bedeutungsschwere! Erstmal seufzt man
Noch keine zwei Minuten in der Ausstellung, da hat man schon einmal laut geseufzt, aufgrund dieser vor sich her getragenen Bedeutungsschwere des Werks. Aber! Man sollte sich am Riemen reißen, nicht alles, was erfolgreich ist, nervt. Nicht alles, was die Kraft der Weiblichkeit beschwört, ist Esoterik. Denn diese Ausstellung wird vor allem durch ihre Kuration wirklich interessant.
Agnes Gryczkowska wurde von Direktorin Jenny Schlenzka dafür ausgewählt. Die Kunsthistorikerin, Autorin, Musikerin umgibt nicht nur einen schlauen Glamour, den man in Deutschland nicht so oft findet, sie hat auch bereits starke Ausstellungen im Schinkelpavillon gemacht, wo sie Arbeiten von HR Giger denen von Mire Lee gegenüberstellte. Im mittlerweile geschlossenen HOUSE Berlin paarte die Mittdreißigerin unter anderem Arbeiten des jungen Musikers und Künstlers Blackhaine mit Rosemarie Trockel.
Gryczkowskas Arbeit – und Style – entstammen dem Neo-Goth, einem Trend der letzten Jahre, der sich um Erotik und Tod dreht. Und den Tod als Sinnbild für die große Transformationsmöglichkeit versteht. Weil der Kontrollverlust beim Sex, bis hin zum Verlassen des eigenen Körpers, dem Tod doch auffällig ähnlich ist. Wie sehr dieser Trend in Popkultur und Gesellschaft angekommen ist, ist durchaus interessant. Ganz selbstverständlich zaubert die Generation Z in kleinen Ritualen, legt sich beim freizeitlichen Get-together die Tarotkarten und folgt der Astro-Influencerin.
Marina Abramovićs Werk und Agnes Gryczkowskas Beitrag
Gryczkowska hat nun also diese Ausstellung zusammengestellt und Marina Abramović davon überzeugt, nicht nur neuere Videoarbeiten zu zeigen, sondern auch ältere Werke, die thematisch zu diesen hinleiten. Und die recht gut verdeutlichen, warum jemand wie Gryczkowska Marina Abramović als „Hero of mine“ bezeichnet.
Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung Balkan Erotic Epic, übrigens Abramovićs erste große Einzelausstellung seit den 1990er Jahren in Berlin, zu der nicht nur die Gropius-Bau-Ausstellung gehört, sondern auch eine vierstündige Bühnenproduktion, die im Oktober im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt wird, ist die serbische Künstlerin auf einem Bildschirm zu sehen. Aus gesundheitlichen Gründen kann sie nicht mehr reisen, hat in ihrem Haus in Upstate New York sitzend vorab Fragen beantwortet, im Hintergrund hört man Vögel zwitschern. Sie spricht von der Erotik als kollektiver Kraft, etwas, das nicht nur zwischen Menschen entstehe, sondern auch zwischen Natur und Mensch. Erzählt davon, dass sie erst mit über 60 Jahren angefangen habe, die eigene Erotik vollends zu verstehen und zu leben.
Als das ambitionierteste Werk ihrer Karriere beschreibt Abramović den gezeigten Werkkomplex. Seit 2005 arbeitet sie daran, begann mit Videoarbeiten, die sie mit Pornodarstellern in Serbien drehte, in denen es um Volksmärchen geht, die auch davon handeln, dass Körperflüssigkeiten sich positiv auf unser Leben auswirken können. Wer wollte das bestreiten?
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20 Jahre später hat sie dieses Werk wieder aufgenommen, dabei entstand etwa die Videoarbeit Tito’s Funeral, die groß im Lichthof gezeigt wird und bei der sich Frauen klagend auf die Brüste schlagen – ein Beerdigungsritual, das zur kollektiven Trance werden kann. In der anderen neueren Arbeit Magic Potions sehen wir phallische Pilze, kopulierende Männer und Vulven – alle im Auftrag unterwegs, die Natur zu bändigen oder anzutreiben.
Diese Arbeiten werden eben ergänzt durch ältere wie Spiritcooking, Radierungen, die sie mit Speichel und Fingernägeln herstellte, wo es um Liebestränke und Körperflüssigkeiten geht. Oder die Dokumentation von Rhythm 5, der Performance, bei der Abramović 1974 ihre Haare und Nägel in einen brennenden fünfzackigen Stern wirft und dabei fast stirbt.
Und es ist diese Rückbesinnung auf das Archaische, Naturreligionen, die Kraft des Weiblichen, die Kunst mit dramatisch-romantischen Gesten, die Abramovićs Kunst auch für die jüngere Generation so interessant zu machen scheint. Warum das so ist, darüber kann man in dieser Ausstellung gut nachdenken.
ner Einrichtung, die in letzter Zeit immer ein gutes Händchen für die Interessen und Aufmerksamkeitsspanne der Generation Instagram bewies, ist Erfolg garantiert.Gleich am Eingang zu den Räumen im Erdgeschoss steht ein warnendes und Aufmerksamkeit sammelndes Schild: Ab 16 Jahren wird die Schau empfohlen, aufgrund von rassistischer Gewalt, Selbstverletzungen und sexuell expliziten Handlungen. Und als Erstes sieht man drei riesengroße Penisse, liest ein Zitat der Künstlerin, dass „all die Energie, die durch unsere Körper fließt“ sexuelle Energie sei, und wir sie für kreative oder spirituelle Zwecke nutzen könnten, man sie aber auch unterdrücken könne und das führe dann zu „Aggression, Krieg, Wut und Folter“. Und damit ist man mittendrin im Verstehen der Welt von Marina Abramović.Diese Bedeutungsschwere! Erstmal seufzt manNoch keine zwei Minuten in der Ausstellung, da hat man schon einmal laut geseufzt, aufgrund dieser vor sich her getragenen Bedeutungsschwere des Werks. Aber! Man sollte sich am Riemen reißen, nicht alles, was erfolgreich ist, nervt. Nicht alles, was die Kraft der Weiblichkeit beschwört, ist Esoterik. Denn diese Ausstellung wird vor allem durch ihre Kuration wirklich interessant.Agnes Gryczkowska wurde von Direktorin Jenny Schlenzka dafür ausgewählt. Die Kunsthistorikerin, Autorin, Musikerin umgibt nicht nur einen schlauen Glamour, den man in Deutschland nicht so oft findet, sie hat auch bereits starke Ausstellungen im Schinkelpavillon gemacht, wo sie Arbeiten von HR Giger denen von Mire Lee gegenüberstellte. Im mittlerweile geschlossenen HOUSE Berlin paarte die Mittdreißigerin unter anderem Arbeiten des jungen Musikers und Künstlers Blackhaine mit Rosemarie Trockel.Gryczkowskas Arbeit – und Style – entstammen dem Neo-Goth, einem Trend der letzten Jahre, der sich um Erotik und Tod dreht. Und den Tod als Sinnbild für die große Transformationsmöglichkeit versteht. Weil der Kontrollverlust beim Sex, bis hin zum Verlassen des eigenen Körpers, dem Tod doch auffällig ähnlich ist. Wie sehr dieser Trend in Popkultur und Gesellschaft angekommen ist, ist durchaus interessant. Ganz selbstverständlich zaubert die Generation Z in kleinen Ritualen, legt sich beim freizeitlichen Get-together die Tarotkarten und folgt der Astro-Influencerin.Marina Abramovićs Werk und Agnes Gryczkowskas BeitragGryczkowska hat nun also diese Ausstellung zusammengestellt und Marina Abramović davon überzeugt, nicht nur neuere Videoarbeiten zu zeigen, sondern auch ältere Werke, die thematisch zu diesen hinleiten. Und die recht gut verdeutlichen, warum jemand wie Gryczkowska Marina Abramović als „Hero of mine“ bezeichnet.Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung Balkan Erotic Epic, übrigens Abramovićs erste große Einzelausstellung seit den 1990er Jahren in Berlin, zu der nicht nur die Gropius-Bau-Ausstellung gehört, sondern auch eine vierstündige Bühnenproduktion, die im Oktober im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt wird, ist die serbische Künstlerin auf einem Bildschirm zu sehen. Aus gesundheitlichen Gründen kann sie nicht mehr reisen, hat in ihrem Haus in Upstate New York sitzend vorab Fragen beantwortet, im Hintergrund hört man Vögel zwitschern. Sie spricht von der Erotik als kollektiver Kraft, etwas, das nicht nur zwischen Menschen entstehe, sondern auch zwischen Natur und Mensch. Erzählt davon, dass sie erst mit über 60 Jahren angefangen habe, die eigene Erotik vollends zu verstehen und zu leben.Als das ambitionierteste Werk ihrer Karriere beschreibt Abramović den gezeigten Werkkomplex. Seit 2005 arbeitet sie daran, begann mit Videoarbeiten, die sie mit Pornodarstellern in Serbien drehte, in denen es um Volksmärchen geht, die auch davon handeln, dass Körperflüssigkeiten sich positiv auf unser Leben auswirken können. Wer wollte das bestreiten?Placeholder image-120 Jahre später hat sie dieses Werk wieder aufgenommen, dabei entstand etwa die Videoarbeit Tito’s Funeral, die groß im Lichthof gezeigt wird und bei der sich Frauen klagend auf die Brüste schlagen – ein Beerdigungsritual, das zur kollektiven Trance werden kann. In der anderen neueren Arbeit Magic Potions sehen wir phallische Pilze, kopulierende Männer und Vulven – alle im Auftrag unterwegs, die Natur zu bändigen oder anzutreiben.Diese Arbeiten werden eben ergänzt durch ältere wie Spiritcooking, Radierungen, die sie mit Speichel und Fingernägeln herstellte, wo es um Liebestränke und Körperflüssigkeiten geht. Oder die Dokumentation von Rhythm 5, der Performance, bei der Abramović 1974 ihre Haare und Nägel in einen brennenden fünfzackigen Stern wirft und dabei fast stirbt.Und es ist diese Rückbesinnung auf das Archaische, Naturreligionen, die Kraft des Weiblichen, die Kunst mit dramatisch-romantischen Gesten, die Abramovićs Kunst auch für die jüngere Generation so interessant zu machen scheint. Warum das so ist, darüber kann man in dieser Ausstellung gut nachdenken.