Die jüngste koordinierte Austrittswelle von SPD, Grünen und Linken aus der Social-Media-Plattform X sorgt für Aufsehen. Warum der Rückzug gerade für Linke die falsche Entscheidung ist
Schnell raus bei X (Twitter) – oder doch nicht?
Illustration: der Freitag
Der pathetisch angekündigte Rückzug von der Social-Media-Plattform „X“ (weiterhin meist Twitter genannt) ist mittlerweile fast zum eigenständigen Profilierungsgenre der linksliberalen Medienwelt geworden.
Im Dezember 2024 etwa verließen mit einem offenen Brief zahlreiche Prominente wie die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali den Kurznachrichtendienst und begründeten ihren Abgang wie folgt: „Twitter ist ein Ort der Zensur, des Rassismus, des Antisemitismus und des rechten Agendasettings geworden.“ Solche oder ähnliche Statements liest man regelmäßig – veröffentlicht auf Twitter.
Am Montag folgte die jüngste koordinierte Austrittswelle. SPD, Grüne und Linke kündigten gemeinsam an, die Parteiaccounts stillzulegen. Ihr Statement: „X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr.“
Ein abgestimmter PR-Stunt
Offensichtlich handelt es sich um einen abgestimmten PR‑Stunt. Die Accounts der SPD-Bundestagsfraktion und des Parteivorstands werden ohnehin seit Monaten nicht mehr bespielt. Aber ein stiller Abgang generiert eben keine Nachrichtenmeldung, die die SPD offensichtlich nach ihren historischen Wahlniederlagen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg benötigt, während sie mit der Union in der Regierung einen Sozialabbau nach dem anderen vorantreibt.
Dennoch ist die Analyse der Social-Media-Realitäten nicht von der Hand zu weisen. Mittlerweile zeigen auch Studien, dass Twitter seit der Übernahme des sozialen Netzwerks durch den Tech-Milliardär Elon Musk 2022 rechte Inhalte überproportional häufig ausspielt. Und auch auf Deutsch-Twitter hat sich eine Heerschar von rechtslibertären Accounts mit blauem Häkchen auf der Plattform breit gemacht.
Anlasslos sollte man dieses Forum nicht aufgeben
Sich deshalb von Twitter zurückzuziehen, ist allerdings die denkbar dämlichste Konsequenz – vor allem für die Linkspartei. Ohne Zwang beraubt man sich eines Forums, in dem man Nutzer erreicht, die nicht zum eigenen Lager zählen. Der Parteiaccount hat fast 340.000 Follower, das entspricht knapp 8,7 Prozent ihrer Wähler bei der letzten Bundestagswahl.
Zahlreiche Posts werden Nutzern mehr als 10.000-mal ausgespielt. Damit gehört die Partei sicher nicht zu den Twitter-Schwergewichten. Anlasslos aufgeben sollte man dieses Forum jedoch keinesfalls – erst recht nicht in einer abgestimmten Aktion mit Grünen und SPD.
Politisch kann die Linke kaum einen schwerwiegenderen Fehler machen, als sich mit den einstigen Agenda-2010-Parteien zu verbrüdern, die nicht nur bei vielen bisherigen, sondern vor allem auch bei möglichen künftigen Linkspartei-Wählern alles andere als beliebt sind.
Beide Parteien stehen für neoliberale Kahlschlagpolitik – die SPD treibt sie aktuell in der Regierung noch einmal massiv voran – und für beispiellose Aufrüstungsausgaben, die im Konflikt mit sozialstaatlichen Ausgaben und Arbeitnehmerrechten stehen. Wieso muss die Linke ausgerechnet mit ihnen gemeinsam einen dramatischen Twitter-Exodus inszenieren, statt sich von der Konkurrenz erkennbar abzugrenzen?
Das mögliche linke Publikum
Gerade bei Twitter tummeln sich nicht nur rechte Russlandfreunde, sondern auch friedensbewegte Antimilitaristen, die die Linke über Twitter erreichen kann – aber sicher nicht über die Twitter-Alternative Bluesky, die sich als Refugium für linksliberale Twitter-Flüchtlinge etabliert hat und auf die unter anderem der Abschieds-Tweet der Grünen verweist.
Ein Blick auf die populärsten Accounts dort verrät den dortigen politischen Mainstream. Der Satiriker Jan Böhmermann mischt ganz oben mit, genau wie der Volksverpetzer, der Sicherheitsexperte Carlo Masala und die Publizistin Marina Weisband.
Sicher eine Wohlfühlblase für Grüne, aber kaum für Linke – allein schon wegen deren Skepsis gegenüber Waffenlieferungen an die Ukraine. Bluesky ist mindestens ebenso sehr Echokammer wie Twitter. Nur dass es in dieser Echokammer für eine oppositionelle Linkspartei nichts zu holen gibt.
Wer besteht eigentlich außerhalb der eigenen Blase?
Der Wortlaut der Abschiedsbotschaft der drei Parteien wirkt zudem leicht weinerlich. Wer rechte Troll-Accounts auf Twitter nicht ertragen kann, nährt Zweifel daran, ob er resolut genug für politische Auseinandersetzungen außerhalb der eigenen Blase ist. Der Spiegel berichtet: „Bei der Linken heißt es, man mache keine Ansagen, aber hofft, dass sich Mitglieder zum Austritt ermutigt fühlen.“
Das klingt nach einer subtilen Missbilligung eines weiteren Twitter-Engagements, an das sich einige Linke allerdings nicht halten wollen – unter anderem Fraktionschef Sören Pellmann, der bei Twitter schrieb: „Wenn jetzt alle links-progressiv Denkenden gehen, überlassen wir diese Plattform kampflos den Lautesten, den Hassenden und den Rechtsaußen. Genau das darf nicht passieren. Demokratische Stimmen, solidarische Perspektiven und klare Haltungen gegen Rechts sind hier notwendiger denn je. Rückzug stärkt nur diejenigen, die spalten, hetzen und Fakten verdrehen.“
Man erkennt, welche Teile der Partei noch Andersdenkende überzeugen und sich nicht in eine rot-rot-grüne Echokammer zurückziehen wollen.
Statements liest man regelmäßig – veröffentlicht auf Twitter. Am Montag folgte die jüngste koordinierte Austrittswelle. SPD, Grüne und Linke kündigten gemeinsam an, die Parteiaccounts stillzulegen. Ihr Statement: „X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr.“Ein abgestimmter PR-StuntOffensichtlich handelt es sich um einen abgestimmten PR‑Stunt. Die Accounts der SPD-Bundestagsfraktion und des Parteivorstands werden ohnehin seit Monaten nicht mehr bespielt. Aber ein stiller Abgang generiert eben keine Nachrichtenmeldung, die die SPD offensichtlich nach ihren historischen Wahlniederlagen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg benötigt, während sie mit der Union in der Regierung einen Sozialabbau nach dem anderen vorantreibt. Dennoch ist die Analyse der Social-Media-Realitäten nicht von der Hand zu weisen. Mittlerweile zeigen auch Studien, dass Twitter seit der Übernahme des sozialen Netzwerks durch den Tech-Milliardär Elon Musk 2022 rechte Inhalte überproportional häufig ausspielt. Und auch auf Deutsch-Twitter hat sich eine Heerschar von rechtslibertären Accounts mit blauem Häkchen auf der Plattform breit gemacht.Anlasslos sollte man dieses Forum nicht aufgebenSich deshalb von Twitter zurückzuziehen, ist allerdings die denkbar dämlichste Konsequenz – vor allem für die Linkspartei. Ohne Zwang beraubt man sich eines Forums, in dem man Nutzer erreicht, die nicht zum eigenen Lager zählen. Der Parteiaccount hat fast 340.000 Follower, das entspricht knapp 8,7 Prozent ihrer Wähler bei der letzten Bundestagswahl.Zahlreiche Posts werden Nutzern mehr als 10.000-mal ausgespielt. Damit gehört die Partei sicher nicht zu den Twitter-Schwergewichten. Anlasslos aufgeben sollte man dieses Forum jedoch keinesfalls – erst recht nicht in einer abgestimmten Aktion mit Grünen und SPD. Politisch kann die Linke kaum einen schwerwiegenderen Fehler machen, als sich mit den einstigen Agenda-2010-Parteien zu verbrüdern, die nicht nur bei vielen bisherigen, sondern vor allem auch bei möglichen künftigen Linkspartei-Wählern alles andere als beliebt sind.Beide Parteien stehen für neoliberale Kahlschlagpolitik – die SPD treibt sie aktuell in der Regierung noch einmal massiv voran – und für beispiellose Aufrüstungsausgaben, die im Konflikt mit sozialstaatlichen Ausgaben und Arbeitnehmerrechten stehen. Wieso muss die Linke ausgerechnet mit ihnen gemeinsam einen dramatischen Twitter-Exodus inszenieren, statt sich von der Konkurrenz erkennbar abzugrenzen?Das mögliche linke PublikumGerade bei Twitter tummeln sich nicht nur rechte Russlandfreunde, sondern auch friedensbewegte Antimilitaristen, die die Linke über Twitter erreichen kann – aber sicher nicht über die Twitter-Alternative Bluesky, die sich als Refugium für linksliberale Twitter-Flüchtlinge etabliert hat und auf die unter anderem der Abschieds-Tweet der Grünen verweist.Ein Blick auf die populärsten Accounts dort verrät den dortigen politischen Mainstream. Der Satiriker Jan Böhmermann mischt ganz oben mit, genau wie der Volksverpetzer, der Sicherheitsexperte Carlo Masala und die Publizistin Marina Weisband. Sicher eine Wohlfühlblase für Grüne, aber kaum für Linke – allein schon wegen deren Skepsis gegenüber Waffenlieferungen an die Ukraine. Bluesky ist mindestens ebenso sehr Echokammer wie Twitter. Nur dass es in dieser Echokammer für eine oppositionelle Linkspartei nichts zu holen gibt. Wer besteht eigentlich außerhalb der eigenen Blase?Der Wortlaut der Abschiedsbotschaft der drei Parteien wirkt zudem leicht weinerlich. Wer rechte Troll-Accounts auf Twitter nicht ertragen kann, nährt Zweifel daran, ob er resolut genug für politische Auseinandersetzungen außerhalb der eigenen Blase ist. Der Spiegel berichtet: „Bei der Linken heißt es, man mache keine Ansagen, aber hofft, dass sich Mitglieder zum Austritt ermutigt fühlen.“ Das klingt nach einer subtilen Missbilligung eines weiteren Twitter-Engagements, an das sich einige Linke allerdings nicht halten wollen – unter anderem Fraktionschef Sören Pellmann, der bei Twitter schrieb: „Wenn jetzt alle links-progressiv Denkenden gehen, überlassen wir diese Plattform kampflos den Lautesten, den Hassenden und den Rechtsaußen. Genau das darf nicht passieren. Demokratische Stimmen, solidarische Perspektiven und klare Haltungen gegen Rechts sind hier notwendiger denn je. Rückzug stärkt nur diejenigen, die spalten, hetzen und Fakten verdrehen.“ Man erkennt, welche Teile der Partei noch Andersdenkende überzeugen und sich nicht in eine rot-rot-grüne Echokammer zurückziehen wollen.