In Sichtweite zum Regasifizierungsschiff Höegh Esperanza vor Wilhelmshaven sagen Umwelt- und Klimaschützerinnen dem am Land geplanten LNG-Terminal den Kampf an
Foto: Santiago Rodriguez
Einem wertvollen Biotop droht die Zerstörung, damit Deutschland noch mehr Flüssigerdgas aus den USA importieren kann. Doch gegen das nächste LNG-Terminal am Wattenmeer kämpfen Klima- wie Umweltschützer aus Deutschland und den USA gemeinsam
„Macht die Augen zu. Jetzt atmen wir zusammen ein und aus. Spürt eure Füße auf dem Boden, verbunden mit der Erde und darüber mit dem Wasser und der Luft“, sagt James Hiatt. Anfang März 2026 steht er auf einem Podest am Außenhafen Hooksiel in Wilhelmshaven, vor ihm rund 80 Protestierende. „Ja, atmet sie tief ein, die frische, klare Luft! Oft atmen wir und denken darüber nicht nach“, sagt der 42-Jährige. Er allerdings tut das ständig.
Eine kalte Brise streicht über das Wattenmeer und zupft an seinem Shirt. „It’s all super fun until it’s Superfund“ steht darauf. „Superfund“ heißt ein US-Programm zur Sanierung von Giftmülldeponien und verseuchten Industriebrachen. Es gibt einige davon da, wo Hiatt lebt: im Südwesten von Louisiana. Rund um seinen Wohnort Lake Charles an der Golfküste reihen sich mehr als zwei Dutzend Ölraffinerien und Petrochemie-Fabriken aneinander. Die Menschen, die neben diesen giftspuckenden Anlagen leben, leiden überdurchschnittlich an Krebs sowie Atemwegs-, Nieren- und Herzkrankheiten, besonders Arme und People of Color. „Sacrifice Zones“ – Opferzonen – so nennt die UN solche Gebiete.
Fridays for Future kämpft für den Voslapper Groden Nord
Die Morgensonne hat den Küstennebel in Wilhelmshaven weggeschmolzen und gibt den Blick auf jenes Ungetüm frei, das zur Verschmutzung vor Hiatts Haustür in den USA beiträgt: das Regasifizierungsschiff Höegh Esperanza. Es ist eines von zwei schwimmenden Importterminals für Flüssigerdgas (LNG) in Wilhelmshaven. Nun soll hier ein drittes Terminal an Land gebaut werden – mitten in einem der wichtigsten EU-Vogelschutzgebiete Deutschlands.
Placeholder image-2
Der Natura-2000-Status des Voslapper Groden Nord, rund zwei Kilometer von hier, soll für eine Wasserstofffabrik aufgelöst werden. Dagegen haben Fridays for Future und Umweltverbände zum Protest aufgerufen. Deshalb steht James Hiatt hier: Die LNG-Terminals in Deutschland werden mit Frackinggas aus seiner Heimat befüllt. 96 Prozent der deutschen LNG-Importe stammen aus den USA.
Zuhause bei James Hiatt an der US-Golfküste
Mehr als zweieinhalb Jahre zuvor, im Juli 2023, steht Hiatt vor einem mit Muscheln bewachsenen Autoreifen, halb versunken in getrocknetem Schlamm. Mit Ölresten vermischte Sedimente ziehen eine Spur über Matsch und Kies, schwarze Teerklumpen überall. „Das hier“, sagt er, „war bis vor Kurzem ein weißer Sandstrand, man konnte hier baden.“ Der Küstenstreifen am Golf von Mexiko gehört zum Holly Beach im Cameron Parish.
In den Wäldern und Wetlands dahinter leben Luchse, Otter, Delfine und Alligatoren sowie mehr als 400 Vogelarten. Verantwortlich für die Kloake ist das LNG-Unternehmen Venture Global, das hier das Exportterminal Calcasieu Pass in Rekordtempo von 29 Monaten gebaut hat. Weil die Anlage von Beginn an Betriebsprobleme hat, wird allein zwischen Januar und Mai 2022 an 91 Tagen Gas abgefackelt. Dabei werden nicht nur CO₂, sondern auch krebserregendes Benzol und Formaldehyd ausgestoßen. Von exakt diesem Terminal kommt im Januar 2023 die erste Ladung Fracking-LNG auf der Höegh Esperanza in Wilhelmshaven an.
Donald Trump drängt Europa zu noch mehr LNG-Importen
James Hiatt hat, wie sein Vater und Großvater, selbst viele Jahre in einer Raffinerie gearbeitet. Heute kämpft er mit seiner NGO „For a better Bayou“ gegen die Öl- und Gasindustrie. Mehr als zwei Dutzend LNG-Terminals sollen an der Golfküste erweitert oder neu gebaut werden. Zusammen könnten sie so viel CO₂ ausstoßen wie die gesamte EU im Jahr. Die anti-fossile Graswurzelbewegung entlang der Golfküste hatte schon einen enormen Sieg errungen: Im Januar 2024 stoppte Joe Biden den weiteren Ausbau der Terminals. Wenige Monate später kassierte ein von Donald Trump ernannter Bezirksrichter das Moratorium wieder ein. Nun treibt der als US-Präsident wiedergewählte Trump den Ausbau voran und drängt die EU zu noch mehr LNG-Importen.
Placeholder image-4
Parallel heizen deutsche Konzerne den Boom an: Uniper, Betreiber der Höegh Esperanza, hat einen Langzeitliefervertrag mit Woodside LNG geschlossen, dessen Anlage nahe Lake Charles gebaut wird. EnBW und der Staatskonzern SEFE (zuvor Gazprom Germania) haben einen Deal mit Venture Global für das zweite Terminal Calcasieu Pass 2 im Cameron Parish. Dagegen hatten Hiatt und seine Verbündeten lange gekämpft. Jetzt wird es gebaut – abermals mit enormen Schäden: Der Aushub vom Ausbaggern der Tanker-Fahrrinne wurde in ein Sumpfgebiet gepumpt und richtete ein ökologisches Desaster an: „Der Schlamm hat Austernriffe erstickt und massenhaft Krabben und Garnelen getötet“, erzählt Hiatt in Wilhelmshaven.
Australien hat den Betrieb der Höegh Esperanza verboten
Aber Wilhelmshaven ist mit der Golfküste nicht nur über fossile Lieferketten verbunden – die Beziehung reicht tiefer. Texas und Louisiana sind die Frontlinie der Klimakrise in den USA, heimgesucht von immer heftigeren Hurricanes. In Deutschland ist es die 75.000-Einwohner-Stadt an der Nordsee, die laut Klimarisikoindex durch Sturmfluten, steigenden Meeresspiegel und Wassermangel am stärksten gefährdet ist. In Hiatts Heimat werden für das Terminal CP2 samt Pipelines Wälder und Feuchtgebiete dreimal so groß wie die Hamburger Binnenalster zerstört – der wichtigste Schutz vor Überschwemmungen nach den Wirbelstürmen. In Wilhelmshaven soll für das dritte Terminal ein Vogelschutzgebiet anderthalbmal so groß wie die Außenalster vernichtet werden, das als natürlicher Hochwasserschutz wirkt. Also kämpfen Aktivist*innen von beiden Seiten des Atlantiks gemeinsam gegen die fossile Expansion. Es gibt zu viel zu verlieren.
Placeholder image-1
„Wir müssen begreifen, dass es hier nicht nur um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen geht, sondern um einen Individualismus, der das Innerste der Menschlichkeit vergiftet“, sagt Hiatt. Nicht nur in seiner Heimat. Auch in Deutschland ist der Ausbau der LNG-Infrastruktur ohne Rücksicht auf Menschen, Tiere und Natur vorangetrieben worden. Man brauchte dafür nicht einmal einen autokratischen Despoten. Es waren Robert Habeck und Olaf Scholz, die 2022 das LNG-Beschleunigungsgesetz auf den Weg brachten, das zivilgesellschaftliche Beteiligung auf ein Minimum reduzierte und Umweltverträglichkeitsprüfungen so gut wie abschaffte.
!—- Parallax text ends here —-!
Für das Terminal am Hafen Mukran auf Rügen wurde eine Pipeline durch den ökologisch sensiblen Greifswalder Bodden gebaggert – ein Natura-2000-Schutzgebiet der EU. In Wilhelmshaven beeinträchtigt die Höegh Esperanza das Unesco-Weltnaturerbe Wattenmeer: Das Schiff saugt Meerwasser, das zum Erwärmen des LNG gebraucht wird, an und tötet trotz Filter kleine Fische, Muscheln und Plankton. Es leitet das chlor- und bromhaltige Biozid, mit dem die Ansaugrohre gereinigt werden, in die Nordsee. Wegen dieser Technologie haben australische Behörden den Betrieb der Höegh Esperanza dort verboten.
Ob sich synthetisches Erdgas aus grünem Wasserstoff durchsetzen wird, ist völlig unklar
Jetzt wird die Zerstörung für ein angeblich grünes Geschäftsmodell weitergeführt: Die Deutsche Grüngas und Energieversorgungs GmbH will am Voslapper Groden Nord einen „Green Energy Hub“ errichten – für den Import von synthetischem Erdgas (SNG), das aus grünem Wasserstoff hergestellt werden soll. Dieses „grüne Methan“ wird aber noch gar nicht produziert, grüner Wasserstoff existiert nicht in nennenswerten Mengen, die nötige CO₂-Infrastruktur fehlt vollständig, und die Umwandlung von Wasserstoff in Methan und zurück geht mit einem Energieverlust von 60 Prozent einher. Ob sich diese Technologie jemals durchsetzt und SNG dann nach Deutschland importiert wird, ist völlig ungewiss.
Sicher ist: Hier entsteht, mitten in der Klimakrise, eines der größten LNG-Terminals Europas – für bis zu 15 Millionen Kubikmeter Flüssigerdgas. 30 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr, doppelt so viel wie das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde, würde es verursachen. Eine von Robert Habecks Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in Auftrag gegebene Studie belegt: Die Gasversorgung ist auch ohne dieses Terminal gesichert.
Die LNG-Terminals lassen sich nicht für Wasserstoff umrüsten
Die LNG-Terminals sollten einst russische Gaslieferungen ersetzen. Von Anfang an warnten Umweltverbände und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor einem fossilen Lock-in: der Festschreibung einer Technologie, die klimagerechte Projekte blockiert und neue fossile Abhängigkeiten erzeugt. Exakt das ist jetzt eingetreten. Die Terminals lassen sich nicht für grünen Wasserstoff umrüsten und trugen laut Bundesnetzagentur 2025 gerade einmal zehn Prozent zur Gasversorgung bei. Aber jetzt nützen sie Wirtschaftsministerin Katherina Reiches Gasausbau-Plänen. Das dritte Terminal in Wilhelmshaven verschärft diese Lage: Die DUH hat berechnet, dass damit bis 2030 insgesamt LNG-Überkapazitäten von 50 Milliarden Kubikmetern entstehen.
„Unter dem Deckmantel der Energiewende wird ein fossiles Vorhaben ermöglicht – das ist Greenwashing!“, ruft Milena Pressentin, Referentin für Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe, vom Podest. Zwischen den Schildern und Bannern halten Protestierende Bilder von Blaukehlchen, Kiebitz und Wasserralle hoch: „Ich will hierbleiben.“ Diese geschützten Vögel, seltene wie das Tüpfelhuhn und gefährdete wie die Rohrdommel, haben im Voslapper Groden Nord ihr Zuhause. 600 Arten leben in dem 257 Hektar großen Biotop-Mosaik aus Wiesen, Sümpfen, Teichen, Sanddünen und Schilfröhrichten, darunter seltene Schmetterlinge, Wildbienen und Fledermäuse.
Transatlantische Solidarität am Außenhafen Hooksiel
Eine vergleichbare Kompensationsfläche gibt es in der Region nicht. „Die Entwertung des Voslapper Groden Nord ist brandgefährlich! Wenn dieses Schutzgebiet fällt, ist kein Schutzgebiet mehr vor fossilen Interessen sicher!“, sagt Pressentin. Ein Bündnis aus DUH, Naturschutzbund (NABU) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat nun rechtliche Schritte eingeleitet. Die Stadt Wilhelmshaven ließ eine Anfrage bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Placeholder image-3
Die DUH unterstütze die Erzeugung von grünem Wasserstoff ausdrücklich, sagt deren Referentin Milena Pressentin. „Aber dafür braucht es den Voslapper Groden nicht!“ Alternative Standorte liegen möglicherweise direkt nebenan: im Norden das Gelände des insolventen PVC-Herstellers Vynova, im Süden das angeschlagene Tanklager der Firma HES. Aber auch auf diesen brauche es eines nicht: noch ein fossiles Großprojekt. „Deswegen stehen wir heute hier“, ruft Pressentin, „die fossile Industrie kennt keine roten Linien – außer wir ziehen sie!“ Die Menschen am Außenhafen Hooksiel bilden eine Kette, auch James Hiatt hat sich eingereiht. Sie halten ein breites rotes Band. Fast sieht man sie dahinter nicht mehr, die Höegh Esperanza. Vielleicht, weil die transatlantische Solidarität tatsächlich Hoffnung macht.
“ steht darauf. „Superfund“ heißt ein US-Programm zur Sanierung von Giftmülldeponien und verseuchten Industriebrachen. Es gibt einige davon da, wo Hiatt lebt: im Südwesten von Louisiana. Rund um seinen Wohnort Lake Charles an der Golfküste reihen sich mehr als zwei Dutzend Ölraffinerien und Petrochemie-Fabriken aneinander. Die Menschen, die neben diesen giftspuckenden Anlagen leben, leiden überdurchschnittlich an Krebs sowie Atemwegs-, Nieren- und Herzkrankheiten, besonders Arme und People of Color. „Sacrifice Zones“ – Opferzonen – so nennt die UN solche Gebiete.Fridays for Future kämpft für den Voslapper Groden Nord Die Morgensonne hat den Küstennebel in Wilhelmshaven weggeschmolzen und gibt den Blick auf jenes Ungetüm frei, das zur Verschmutzung vor Hiatts Haustür in den USA beiträgt: das Regasifizierungsschiff Höegh Esperanza. Es ist eines von zwei schwimmenden Importterminals für Flüssigerdgas (LNG) in Wilhelmshaven. Nun soll hier ein drittes Terminal an Land gebaut werden – mitten in einem der wichtigsten EU-Vogelschutzgebiete Deutschlands.Placeholder image-2Der Natura-2000-Status des Voslapper Groden Nord, rund zwei Kilometer von hier, soll für eine Wasserstofffabrik aufgelöst werden. Dagegen haben Fridays for Future und Umweltverbände zum Protest aufgerufen. Deshalb steht James Hiatt hier: Die LNG-Terminals in Deutschland werden mit Frackinggas aus seiner Heimat befüllt. 96 Prozent der deutschen LNG-Importe stammen aus den USA.Zuhause bei James Hiatt an der US-GolfküsteMehr als zweieinhalb Jahre zuvor, im Juli 2023, steht Hiatt vor einem mit Muscheln bewachsenen Autoreifen, halb versunken in getrocknetem Schlamm. Mit Ölresten vermischte Sedimente ziehen eine Spur über Matsch und Kies, schwarze Teerklumpen überall. „Das hier“, sagt er, „war bis vor Kurzem ein weißer Sandstrand, man konnte hier baden.“ Der Küstenstreifen am Golf von Mexiko gehört zum Holly Beach im Cameron Parish.In den Wäldern und Wetlands dahinter leben Luchse, Otter, Delfine und Alligatoren sowie mehr als 400 Vogelarten. Verantwortlich für die Kloake ist das LNG-Unternehmen Venture Global, das hier das Exportterminal Calcasieu Pass in Rekordtempo von 29 Monaten gebaut hat. Weil die Anlage von Beginn an Betriebsprobleme hat, wird allein zwischen Januar und Mai 2022 an 91 Tagen Gas abgefackelt. Dabei werden nicht nur CO₂, sondern auch krebserregendes Benzol und Formaldehyd ausgestoßen. Von exakt diesem Terminal kommt im Januar 2023 die erste Ladung Fracking-LNG auf der Höegh Esperanza in Wilhelmshaven an.Donald Trump drängt Europa zu noch mehr LNG-ImportenJames Hiatt hat, wie sein Vater und Großvater, selbst viele Jahre in einer Raffinerie gearbeitet. Heute kämpft er mit seiner NGO „For a better Bayou“ gegen die Öl- und Gasindustrie. Mehr als zwei Dutzend LNG-Terminals sollen an der Golfküste erweitert oder neu gebaut werden. Zusammen könnten sie so viel CO₂ ausstoßen wie die gesamte EU im Jahr. Die anti-fossile Graswurzelbewegung entlang der Golfküste hatte schon einen enormen Sieg errungen: Im Januar 2024 stoppte Joe Biden den weiteren Ausbau der Terminals. Wenige Monate später kassierte ein von Donald Trump ernannter Bezirksrichter das Moratorium wieder ein. Nun treibt der als US-Präsident wiedergewählte Trump den Ausbau voran und drängt die EU zu noch mehr LNG-Importen.Placeholder image-4Parallel heizen deutsche Konzerne den Boom an: Uniper, Betreiber der Höegh Esperanza, hat einen Langzeitliefervertrag mit Woodside LNG geschlossen, dessen Anlage nahe Lake Charles gebaut wird. EnBW und der Staatskonzern SEFE (zuvor Gazprom Germania) haben einen Deal mit Venture Global für das zweite Terminal Calcasieu Pass 2 im Cameron Parish. Dagegen hatten Hiatt und seine Verbündeten lange gekämpft. Jetzt wird es gebaut – abermals mit enormen Schäden: Der Aushub vom Ausbaggern der Tanker-Fahrrinne wurde in ein Sumpfgebiet gepumpt und richtete ein ökologisches Desaster an: „Der Schlamm hat Austernriffe erstickt und massenhaft Krabben und Garnelen getötet“, erzählt Hiatt in Wilhelmshaven.Australien hat den Betrieb der Höegh Esperanza verbotenAber Wilhelmshaven ist mit der Golfküste nicht nur über fossile Lieferketten verbunden – die Beziehung reicht tiefer. Texas und Louisiana sind die Frontlinie der Klimakrise in den USA, heimgesucht von immer heftigeren Hurricanes. In Deutschland ist es die 75.000-Einwohner-Stadt an der Nordsee, die laut Klimarisikoindex durch Sturmfluten, steigenden Meeresspiegel und Wassermangel am stärksten gefährdet ist. In Hiatts Heimat werden für das Terminal CP2 samt Pipelines Wälder und Feuchtgebiete dreimal so groß wie die Hamburger Binnenalster zerstört – der wichtigste Schutz vor Überschwemmungen nach den Wirbelstürmen. In Wilhelmshaven soll für das dritte Terminal ein Vogelschutzgebiet anderthalbmal so groß wie die Außenalster vernichtet werden, das als natürlicher Hochwasserschutz wirkt. Also kämpfen Aktivist*innen von beiden Seiten des Atlantiks gemeinsam gegen die fossile Expansion. Es gibt zu viel zu verlieren.Placeholder image-1„Wir müssen begreifen, dass es hier nicht nur um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen geht, sondern um einen Individualismus, der das Innerste der Menschlichkeit vergiftet“, sagt Hiatt. Nicht nur in seiner Heimat. Auch in Deutschland ist der Ausbau der LNG-Infrastruktur ohne Rücksicht auf Menschen, Tiere und Natur vorangetrieben worden. Man brauchte dafür nicht einmal einen autokratischen Despoten. Es waren Robert Habeck und Olaf Scholz, die 2022 das LNG-Beschleunigungsgesetz auf den Weg brachten, das zivilgesellschaftliche Beteiligung auf ein Minimum reduzierte und Umweltverträglichkeitsprüfungen so gut wie abschaffte.!—- Parallax text ends here —-!Für das Terminal am Hafen Mukran auf Rügen wurde eine Pipeline durch den ökologisch sensiblen Greifswalder Bodden gebaggert – ein Natura-2000-Schutzgebiet der EU. In Wilhelmshaven beeinträchtigt die Höegh Esperanza das Unesco-Weltnaturerbe Wattenmeer: Das Schiff saugt Meerwasser, das zum Erwärmen des LNG gebraucht wird, an und tötet trotz Filter kleine Fische, Muscheln und Plankton. Es leitet das chlor- und bromhaltige Biozid, mit dem die Ansaugrohre gereinigt werden, in die Nordsee. Wegen dieser Technologie haben australische Behörden den Betrieb der Höegh Esperanza dort verboten.Ob sich synthetisches Erdgas aus grünem Wasserstoff durchsetzen wird, ist völlig unklarJetzt wird die Zerstörung für ein angeblich grünes Geschäftsmodell weitergeführt: Die Deutsche Grüngas und Energieversorgungs GmbH will am Voslapper Groden Nord einen „Green Energy Hub“ errichten – für den Import von synthetischem Erdgas (SNG), das aus grünem Wasserstoff hergestellt werden soll. Dieses „grüne Methan“ wird aber noch gar nicht produziert, grüner Wasserstoff existiert nicht in nennenswerten Mengen, die nötige CO₂-Infrastruktur fehlt vollständig, und die Umwandlung von Wasserstoff in Methan und zurück geht mit einem Energieverlust von 60 Prozent einher. Ob sich diese Technologie jemals durchsetzt und SNG dann nach Deutschland importiert wird, ist völlig ungewiss.Sicher ist: Hier entsteht, mitten in der Klimakrise, eines der größten LNG-Terminals Europas – für bis zu 15 Millionen Kubikmeter Flüssigerdgas. 30 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr, doppelt so viel wie das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde, würde es verursachen. Eine von Robert Habecks Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in Auftrag gegebene Studie belegt: Die Gasversorgung ist auch ohne dieses Terminal gesichert.Die LNG-Terminals lassen sich nicht für Wasserstoff umrüstenDie LNG-Terminals sollten einst russische Gaslieferungen ersetzen. Von Anfang an warnten Umweltverbände und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor einem fossilen Lock-in: der Festschreibung einer Technologie, die klimagerechte Projekte blockiert und neue fossile Abhängigkeiten erzeugt. Exakt das ist jetzt eingetreten. Die Terminals lassen sich nicht für grünen Wasserstoff umrüsten und trugen laut Bundesnetzagentur 2025 gerade einmal zehn Prozent zur Gasversorgung bei. Aber jetzt nützen sie Wirtschaftsministerin Katherina Reiches Gasausbau-Plänen. Das dritte Terminal in Wilhelmshaven verschärft diese Lage: Die DUH hat berechnet, dass damit bis 2030 insgesamt LNG-Überkapazitäten von 50 Milliarden Kubikmetern entstehen.„Unter dem Deckmantel der Energiewende wird ein fossiles Vorhaben ermöglicht – das ist Greenwashing!“, ruft Milena Pressentin, Referentin für Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe, vom Podest. Zwischen den Schildern und Bannern halten Protestierende Bilder von Blaukehlchen, Kiebitz und Wasserralle hoch: „Ich will hierbleiben.“ Diese geschützten Vögel, seltene wie das Tüpfelhuhn und gefährdete wie die Rohrdommel, haben im Voslapper Groden Nord ihr Zuhause. 600 Arten leben in dem 257 Hektar großen Biotop-Mosaik aus Wiesen, Sümpfen, Teichen, Sanddünen und Schilfröhrichten, darunter seltene Schmetterlinge, Wildbienen und Fledermäuse.Transatlantische Solidarität am Außenhafen HooksielEine vergleichbare Kompensationsfläche gibt es in der Region nicht. „Die Entwertung des Voslapper Groden Nord ist brandgefährlich! Wenn dieses Schutzgebiet fällt, ist kein Schutzgebiet mehr vor fossilen Interessen sicher!“, sagt Pressentin. Ein Bündnis aus DUH, Naturschutzbund (NABU) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat nun rechtliche Schritte eingeleitet. Die Stadt Wilhelmshaven ließ eine Anfrage bis Redaktionsschluss unbeantwortet.Placeholder image-3Die DUH unterstütze die Erzeugung von grünem Wasserstoff ausdrücklich, sagt deren Referentin Milena Pressentin. „Aber dafür braucht es den Voslapper Groden nicht!“ Alternative Standorte liegen möglicherweise direkt nebenan: im Norden das Gelände des insolventen PVC-Herstellers Vynova, im Süden das angeschlagene Tanklager der Firma HES. Aber auch auf diesen brauche es eines nicht: noch ein fossiles Großprojekt. „Deswegen stehen wir heute hier“, ruft Pressentin, „die fossile Industrie kennt keine roten Linien – außer wir ziehen sie!“ Die Menschen am Außenhafen Hooksiel bilden eine Kette, auch James Hiatt hat sich eingereiht. Sie halten ein breites rotes Band. Fast sieht man sie dahinter nicht mehr, die Höegh Esperanza. Vielleicht, weil die transatlantische Solidarität tatsächlich Hoffnung macht.