Unsere Autorin war selber in der Comedy-Szene und findet, dass es neuere Formate gibt, die weiblicher, weniger sexistisch und von oben herab sind. Guter Humor muss nicht andere runtermachen


Mädchen mit rotem Hut, lustig, oder?

Foto: Unsplash


„Gutes Comedy boxt immer nach oben, nicht nach unten“, sagt mir eine Freundin, eine Schriftstellerin-Kollegin, und ich nicke, denn ich bin einverstanden. Witze über Kinder mit Rotznasen, migrantische Omas, nervige Frauen, behinderte Fußballer. Worum geht der Witz eigentlich, warum ist er lustig, warum sagt man das, warum lacht man da?

Boxen alle guten Comedians nach oben? Boxen alle schlechte Comedians nach unten?

Ist jeder Witz mit einer Pointe, die auf das andere zeigt, eigentlich Gewalt?

Wann ist ein Witz ironisch gemeint, und wann ist es billig und plakativ?

Ich glaube, ich habe es nie wirklich gewusst oder verstanden.

Ich hatte Mitleid mit Thomas Gottschalk

Ich bin eine voll gescheiterte Komikerin, als Teenagerin in Ost-London in den 90ern wollte ich einfach nur Comedy-Star werden. Vorbilder gab es kaum und ich hatte totale Angst vor Stand-up (vor allem vor den Zwischenrufen aus dem Publikum). Ich schrieb in meinem Tagebuch Listen von weiblichen Comedians, die ich kannte. Um auf zwanzig zu kommen, musste ich humorvolle TV-Moderatorinnen und lustige Schriftstellerinnen dazunehmen – ich finde das nicht schlimm, denn eigentlich ist es auch heute so, dass viele der lustigen Menschen der Welt nicht direkt Comedy machen, aber deren Inhalte sehr eng mit Comedy verbunden sind.

In meinen Zwanzigern versuchte ich, Comedy-Theaterstücke zu schreiben, und machte bei Stand-up-Comedy-Events auf Englisch mit, trat in Kellern und englischsprachigen Buchhandlungen in Berlin auf (damals kam es mir super nischig vor, jetzt ziemlich normal). Stand-up zu machen war aber unglaublich anstrengend, ich hatte keine Angst vor den Bühnenshows, egal wie klein. Aber die Vorstellung, ein Set auswendig zu lernen, vielleicht trotzdem vom Publikum unterbrochen zu werden und dann spontan reagieren zu müssen war furchterregend. Irgendwann fing ich an, auf Deutsch zu schreiben, und machte bei Poetry-Slams und Lesebühnen mit.

Die Sache ist die: Ich wollte immer lustig sein. Und ich weiß nicht, warum. Ich weiß einfach nicht, warum manche Menschen lustig sein wollen. Als ich mal las, dass Thomas Gottschalk sich als „Clown von Beruf“ bezeichnete, wurde mein Herz voll von Mitleid und Verständnis. Ich identifizierte mich mit ihm, und das ist schon ein bisschen peinlich.

Nur noch Witze über weiße Männer

Was ich niemals wollte: jemandem wehtun. Okay, vielleicht stimmt das nicht, ich wollte vielleicht ein paar meiner Ex-Freunde wehtun. Aber ich wollte niemanden verletzen, ich wollte nur, dass die Menschen meinetwegen lachen. Jedoch gab es Texte und Auftritte von mir, die viele Menschen verletzt haben. Wenn es Deutsche waren, die behaupteten, ich würde immer auf die Deutschen lostreten, oder Männer, die sagten, ich wäre zu gemein zu deren Geschlecht, war mir das fast egal. Aber wenn es Minderheiten waren, versuchte ich doch, zuzuhören, mich zu entwickeln und deren Verletzungen zu verstehen. Ich wollte lustig sein, ohne auf Kosten anderer zu lachen. Ich nahm Worte weg, milderte Sätze ab, las bestimmte Texte nicht mehr (wenn du Kevin heißt, entschuldige ich mich hier noch mal!).

2013 schrieb ich einem Poetry-Slam-Kollegen, dass ich ab jetzt nur noch Witze über weiße Männer schreiben würde. Damals sagten wir noch nicht „woke“ und er schrieb zurück: „Jacinta Nandi wird politisch korrekt, dass ich das mal erlebe!“

Das Ding ist: Irgendwann war ich alt. Man wird schnell alt, finde ich, und es überrascht einen. Mit 33 ist man eigentlich fast Teenager, 3 Jahre später bist du 36 und fast 40, und mit 40 bist du fast tot. Irgendwann war ich alt, und ich merkte, bei Poetry-Slams und auch Comedy-Shows, dass es möglich war, anders lustig zu sein, als ich es vorher kannte. Es gab Poetry-Slam-Texte von jüngeren Kolleg*innen und vor allen Dingen Kolleginnen, bei denen man lachen konnte und dann weinen musste. Es gab eine neue Generation von lustigen Menschen, die keine Angst hatten, verletzlich zu sein, zwischen Humor und Trauer zu wechseln, irgendwie authentisch zu sein. Vielleicht war es so: Sie durften lustig sein, sie mussten es nicht. Vielleicht ist das der Unterschied?

Kebekus, Bisetti, Hagen: Eine neue feministische Ära

Die Gottschalk-Zeiten sind vorbei und ich tötete den Gottschalk in mir, und trauerte auch. Aber was ist gewachsen aus seiner Leiche? Es wäre eine Lüge zu behaupten, deutsches Comedy wäre unsere tollste Industrie. Deutsches Brot, deutsche Autos, deutsche Comedy. Und natürlich leben wir in einem Land, wo der Comedyfilm Das Kanu des Manitu mit fünf Millionen verkaufter Tickets der erfolgreichste Film des Jahres gewesen ist. Das ist peinlich, wegen des Rassismus, aber auch wegen des Humors. Trotzdem leben wir nicht mehr in einer Welt, in der nur Witze auf Kosten von anderen existieren können.

Ich würde sagen, eine neue feministische Ära von Comedy und Entertainment ist erwacht. Brillante Frauen wie Carolin Kebekus benutzen bewusst und kalkuliert ihre Humor-Skills, um sexistische Doppelstandards und Heucheleien zu zerfleischen wie Metzgerinnen. Meine alte Kollegin Sarah Bosetti, genauso feministisch aber vielleicht weniger wütend, nutzt eine ironische, sarkastische und oft fast sanfte Sprache, um Sexismus, aber auch Populismus im Allgemeinen zu entlarven. Bosetti kam wie ich aus der Poetry-Slam-Szene. Eine viel jüngere Kollegin, Zoe Hagen, fing ebenfalls als Slammerin an und fing dann an, Drehbücher fürs Fernsehen zu schreiben. Ihre Dramedy-Serie HUNGRY widmet sich Essstörungen. Enissa Amani und Hannah Gadsby zeigen uns, wie lustig, wütend und klug Frauen sein können.

Stars der humorvollen Satire sind nicht mehr so weiß

Auch bei Poetry-Slams sind die Performenden nicht mehr so weiß, die Poetry-Slam-Bühnen sind diverser geworden. Und 2025 gewann Ayşe Irem als dritte Frau ever die Slam-Meisterschaft in Chemnitz. Viele der lustigsten Frauen, und Menschen überhaupt, sehen sich nicht als Comedy-Stars, sondern als humorvolle Menschen. Das war schon immer so, und ist es bis jetzt.

Lena Dunham und Lindy West sind internationale, kontroverse Figuren, die Comedy schreiben, aber nicht als Comediennes identifiziert werden. In Deutschland sind humorvolle Satire-schreibende wie Mareike Barmeyer, Ella Carina Werner oder Paula Irmschler witzig und fleißig und schämen sich nicht, ihren Humor weiblich und feministisch einzusetzen.

Trotzdem frage ich mich, ob gute Comedy, und damit meine ich Comedy, die sinnvoll ist, und hilfreich, und künstlerisch wertvoll, wirklich dann entsteht, wenn man sich hinsetzt und sagt: „Ich werde jetzt einen Text schreiben, oder sogar ein gesamtes Comedyprogramm, und nach oben boxen.“

Feindbild Prenzlauer Berg-Mutter, ein Trugbild?

Ich finde die Wut, die wir haben, für die, die da oben sind, richtig, und ich finde, wir müssen manchmal diese Menschen boxen und schlagen. Aber ich weiß nicht, ob Comedy, die nach oben boxt, statt nach unten, die beste Comedy sein wird. Oder ob man damit nur die Zielscheiben wechselt, aber die alten Gedankenmuster benutzt.

Denn es gibt sooooo viele Beispiele, wo man glaubt, dass man nach oben boxt, aber eigentlich boxt man nur daneben. Das geht mir so, aber eigentlich allen, die lustig sein wollen. Lass uns über die legendäre Prenzlauer Berg-Mutter mit den berühmten großen Kinderwagen reden. Man macht Witze, und man glaubt, diese Witze würden auf Kosten der Reichen, der Privilegierten gehen. Aber diese Mamas leben vielleicht in alten Mietwohnungen für 450 Euro aus den Nullerjahren. Man glaubt, man lästert über Reiche, aber eigentlich lästert man nur über Frauen, die Care-Arbeit machen und keine Autos besitzen.

Statt zu boxen, sollte man vielleicht versuchen, mit Comedy etwas Neues und Wahres zu sagen. Etwas, woran man wirklich glaubt, und das man der Welt eröffnen will.

-London in den 90ern wollte ich einfach nur Comedy-Star werden. Vorbilder gab es kaum und ich hatte totale Angst vor Stand-up (vor allem vor den Zwischenrufen aus dem Publikum). Ich schrieb in meinem Tagebuch Listen von weiblichen Comedians, die ich kannte. Um auf zwanzig zu kommen, musste ich humorvolle TV-Moderatorinnen und lustige Schriftstellerinnen dazunehmen – ich finde das nicht schlimm, denn eigentlich ist es auch heute so, dass viele der lustigen Menschen der Welt nicht direkt Comedy machen, aber deren Inhalte sehr eng mit Comedy verbunden sind.In meinen Zwanzigern versuchte ich, Comedy-Theaterstücke zu schreiben, und machte bei Stand-up-Comedy-Events auf Englisch mit, trat in Kellern und englischsprachigen Buchhandlungen in Berlin auf (damals kam es mir super nischig vor, jetzt ziemlich normal). Stand-up zu machen war aber unglaublich anstrengend, ich hatte keine Angst vor den Bühnenshows, egal wie klein. Aber die Vorstellung, ein Set auswendig zu lernen, vielleicht trotzdem vom Publikum unterbrochen zu werden und dann spontan reagieren zu müssen war furchterregend. Irgendwann fing ich an, auf Deutsch zu schreiben, und machte bei Poetry-Slams und Lesebühnen mit. Die Sache ist die: Ich wollte immer lustig sein. Und ich weiß nicht, warum. Ich weiß einfach nicht, warum manche Menschen lustig sein wollen. Als ich mal las, dass Thomas Gottschalk sich als „Clown von Beruf“ bezeichnete, wurde mein Herz voll von Mitleid und Verständnis. Ich identifizierte mich mit ihm, und das ist schon ein bisschen peinlich.Nur noch Witze über weiße Männer Was ich niemals wollte: jemandem wehtun. Okay, vielleicht stimmt das nicht, ich wollte vielleicht ein paar meiner Ex-Freunde wehtun. Aber ich wollte niemanden verletzen, ich wollte nur, dass die Menschen meinetwegen lachen. Jedoch gab es Texte und Auftritte von mir, die viele Menschen verletzt haben. Wenn es Deutsche waren, die behaupteten, ich würde immer auf die Deutschen lostreten, oder Männer, die sagten, ich wäre zu gemein zu deren Geschlecht, war mir das fast egal. Aber wenn es Minderheiten waren, versuchte ich doch, zuzuhören, mich zu entwickeln und deren Verletzungen zu verstehen. Ich wollte lustig sein, ohne auf Kosten anderer zu lachen. Ich nahm Worte weg, milderte Sätze ab, las bestimmte Texte nicht mehr (wenn du Kevin heißt, entschuldige ich mich hier noch mal!). 2013 schrieb ich einem Poetry-Slam-Kollegen, dass ich ab jetzt nur noch Witze über weiße Männer schreiben würde. Damals sagten wir noch nicht „woke“ und er schrieb zurück: „Jacinta Nandi wird politisch korrekt, dass ich das mal erlebe!“Das Ding ist: Irgendwann war ich alt. Man wird schnell alt, finde ich, und es überrascht einen. Mit 33 ist man eigentlich fast Teenager, 3 Jahre später bist du 36 und fast 40, und mit 40 bist du fast tot. Irgendwann war ich alt, und ich merkte, bei Poetry-Slams und auch Comedy-Shows, dass es möglich war, anders lustig zu sein, als ich es vorher kannte. Es gab Poetry-Slam-Texte von jüngeren Kolleg*innen und vor allen Dingen Kolleginnen, bei denen man lachen konnte und dann weinen musste. Es gab eine neue Generation von lustigen Menschen, die keine Angst hatten, verletzlich zu sein, zwischen Humor und Trauer zu wechseln, irgendwie authentisch zu sein. Vielleicht war es so: Sie durften lustig sein, sie mussten es nicht. Vielleicht ist das der Unterschied? Kebekus, Bisetti, Hagen: Eine neue feministische Ära Die Gottschalk-Zeiten sind vorbei und ich tötete den Gottschalk in mir, und trauerte auch. Aber was ist gewachsen aus seiner Leiche? Es wäre eine Lüge zu behaupten, deutsches Comedy wäre unsere tollste Industrie. Deutsches Brot, deutsche Autos, deutsche Comedy. Und natürlich leben wir in einem Land, wo der Comedyfilm Das Kanu des Manitu mit fünf Millionen verkaufter Tickets der erfolgreichste Film des Jahres gewesen ist. Das ist peinlich, wegen des Rassismus, aber auch wegen des Humors. Trotzdem leben wir nicht mehr in einer Welt, in der nur Witze auf Kosten von anderen existieren können.Ich würde sagen, eine neue feministische Ära von Comedy und Entertainment ist erwacht. Brillante Frauen wie Carolin Kebekus benutzen bewusst und kalkuliert ihre Humor-Skills, um sexistische Doppelstandards und Heucheleien zu zerfleischen wie Metzgerinnen. Meine alte Kollegin Sarah Bosetti, genauso feministisch aber vielleicht weniger wütend, nutzt eine ironische, sarkastische und oft fast sanfte Sprache, um Sexismus, aber auch Populismus im Allgemeinen zu entlarven. Bosetti kam wie ich aus der Poetry-Slam-Szene. Eine viel jüngere Kollegin, Zoe Hagen, fing ebenfalls als Slammerin an und fing dann an, Drehbücher fürs Fernsehen zu schreiben. Ihre Dramedy-Serie HUNGRY widmet sich Essstörungen. Enissa Amani und Hannah Gadsby zeigen uns, wie lustig, wütend und klug Frauen sein können. Stars der humorvollen Satire sind nicht mehr so weiß Auch bei Poetry-Slams sind die Performenden nicht mehr so weiß, die Poetry-Slam-Bühnen sind diverser geworden. Und 2025 gewann Ayşe Irem als dritte Frau ever die Slam-Meisterschaft in Chemnitz. Viele der lustigsten Frauen, und Menschen überhaupt, sehen sich nicht als Comedy-Stars, sondern als humorvolle Menschen. Das war schon immer so, und ist es bis jetzt.Lena Dunham und Lindy West sind internationale, kontroverse Figuren, die Comedy schreiben, aber nicht als Comediennes identifiziert werden. In Deutschland sind humorvolle Satire-schreibende wie Mareike Barmeyer, Ella Carina Werner oder Paula Irmschler witzig und fleißig und schämen sich nicht, ihren Humor weiblich und feministisch einzusetzen. Trotzdem frage ich mich, ob gute Comedy, und damit meine ich Comedy, die sinnvoll ist, und hilfreich, und künstlerisch wertvoll, wirklich dann entsteht, wenn man sich hinsetzt und sagt: „Ich werde jetzt einen Text schreiben, oder sogar ein gesamtes Comedyprogramm, und nach oben boxen.“Feindbild Prenzlauer Berg-Mutter, ein Trugbild?Ich finde die Wut, die wir haben, für die, die da oben sind, richtig, und ich finde, wir müssen manchmal diese Menschen boxen und schlagen. Aber ich weiß nicht, ob Comedy, die nach oben boxt, statt nach unten, die beste Comedy sein wird. Oder ob man damit nur die Zielscheiben wechselt, aber die alten Gedankenmuster benutzt.Denn es gibt sooooo viele Beispiele, wo man glaubt, dass man nach oben boxt, aber eigentlich boxt man nur daneben. Das geht mir so, aber eigentlich allen, die lustig sein wollen. Lass uns über die legendäre Prenzlauer Berg-Mutter mit den berühmten großen Kinderwagen reden. Man macht Witze, und man glaubt, diese Witze würden auf Kosten der Reichen, der Privilegierten gehen. Aber diese Mamas leben vielleicht in alten Mietwohnungen für 450 Euro aus den Nullerjahren. Man glaubt, man lästert über Reiche, aber eigentlich lästert man nur über Frauen, die Care-Arbeit machen und keine Autos besitzen.Statt zu boxen, sollte man vielleicht versuchen, mit Comedy etwas Neues und Wahres zu sagen. Etwas, woran man wirklich glaubt, und das man der Welt eröffnen will.



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