KI gilt als Fortschritt, bedroht aber Arbeitsplätze. Gerade die von Frauen. Nicht laut, nicht sichtbar, sondern still und systematisch. Wer glaubt, das sei Zufall, hat das System dahinter noch nicht verstanden
Durch Code ersetzt: So sieht es für viele Jobs aus, die vor allem von Frauen ausgeführt werden
Foto: Daniil Onischenko/Unsplash, Bearbeitung: der Freitag
Doppelt gestraft. So könnte man es nennen, was die London School of Economics letztes Jahr in einer Studie herausgefunden hat. Da wurde der Einsatz von generativer KI in der Sozialpflege für Erwachsene (Adult Social Care) untersucht. KI wird dort zunehmend eingesetzt, um etwa Fallnotizen des Pflegepersonals zusammenzufassen und daraus Entscheidungen über die weitere Versorgung abzuleiten.
Das Ergebnis: Die KI bewertete nahezu identische Fälle unterschiedlich – abhängig vom Geschlecht der Patient*innen. Bei weiblichen Betroffenen wurden die Bedürfnisse häufig abgeschwächt und Probleme weniger dringlich oder gravierend dargestellt. Die Leidtragenden dieses KI-Bias sind vor allem Frauen.
Das betont auch Studienautor Sam Rickman: „Wenn Sozialarbeiter sich auf voreingenommene, KI-generierte Zusammenfassungen verlassen, die die Gesundheitsbedürfnisse von Frauen systematisch herunterspielen, könnten sie ansonsten identische Fälle unterschiedlich bewerten – und zwar auf Grundlage des Geschlechts statt des tatsächlichen Bedarfs.“ Mit handfesten Konsequenzen: „Da der Zugang zur sozialen Versorgung vom wahrgenommenen Bedarf abhängt, könnte dies zu einer ungleichen Versorgung von Frauen führen.“
Künstliche Intelligenz ersetzt vor allem weibliche Erwerbsarbeit
Aber damit nicht genug. Nicht nur als Patient*innen benachteiligt die KI Frauen. Auch auf Seite der Arbeitnehmer*innen sieht es düster aus. Denn: KI versaut Frauen nicht nur die Krankenakte, sondern gleich noch deren Job, diese zu erstellen.
LLMs werden mittlerweile von mehr als der Hälfte der englischen staatlichen Institutionen genutzt, um Sozial- und Pflegearbeitende zu unterstützen. Laut NHS England Digital soll KI im Gesundheitswesen vor allem zur Bewältigung administrativer Überlastung eingeführt werden, also etwa bei Dokumentation, Koordination, Priorisierung und Fallmanagement. Das sind aber gerade diejenigen Bereiche, in denen überproportional Frauen tätig sind.
Es sind gerade diese organisatorischen und dokumentarischen Schichten von Pflege-Arbeit, die auf der Kippe stehen – und mit ihnen die dort beschäftigten Frauen. Denn: KI ersetzt vor allem standardisierte, eher schlecht bewertete und oft weiblich dominierte Erwerbsarbeit. So sind Frauen gleich doppelt getroffen. Ihre Jobs sind überproportional bedroht von einer KI, die sie auch noch systematisch strukturell benachteiligt.
Das Problem ist älter als die KI
Was in Großbritannien schon messbar ist, entsteht in Deutschland gerade erst – aber unter denselben Bedingungen: Eine Technologie, die auf verzerrten Daten basiert, trifft auf einen Arbeitsmarkt, der ohnehin entlang von Geschlecht strukturiert ist. Das Ergebnis ist kein neutraler Fortschritt, sondern ein Verstärker bestehender Ungleichheit – im System und auf dem Arbeitsmarkt.
Auch in Deutschland zeigen Studien zur medizinischen Diagnostik den gleichen Bias – Frauen werden häufiger unterdiagnostiziert, zum Beispiel bei Herzinfarkten. KI-gestützte Triage-Systeme reproduzieren bestehende Ungleichheiten, weil sie mit Daten gefüttert sind, die eben nicht neutral sind, obwohl sie gerne so tun. Auch im öffentlichen Sektor kann das zu strukturellen Verzerrungen führen.
Organisationen wie AlgorithmWatch warnen, dass algorithmische Systeme in der Arbeitsverwaltung bestehende Ungleichheiten reproduzieren können, da sie auf historischen Daten basieren. Diese spiegeln etwa geschlechtsspezifische Erwerbsverläufe wider und da gibt es für Teilzeitbiografien oder Erwerbsunterbrechungen wegen Care-Arbeit Minuspunkte – das kann zu verzerrten Bewertungen und systematischer Benachteiligung führen. Die Konsequenzen für Frauen könnten weitreichend sein: schlechtere Vermittlungschancen, weniger Zugang zu Fördermaßnahmen, Stillstand.
Vor allem Jobs, in denen viele Frauen arbeiten, sind gefährdet
KI ist aber nicht nur strukturell misogyn, sondern bedroht vor allem die von Frauen geleisteten Jobs. Laut Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind Büro- und Verwaltungstätigkeiten, Sachbearbeitung und einfache Dokumentationsarbeit besonders automatisierbar, weil sie größtenteils aus regelbasierten und repetitiven Prozessen bestehen.
Das Problem: Genau dort, wo KI jetzt automatisiert, arbeiten überwiegend Frauen. In Deutschland sind rund zwei Drittel der Beschäftigten in service- und bürobezogenen Tätigkeiten weiblich. Laut Destatis sind knapp 62 Prozent der Beschäftigten in Dienstleistungsberufen weiblich, fast 66 Prozent sind es in Büro- und kaufmännischen Berufen. Sachbearbeitung, Kundenservice, Callcenter, Backoffice und Support – da gibt es Frauenanteile von bis zu 70 Prozent. KI trifft also überproportional Berufe, in denen Frauen stark vertreten sind – vor allem Büro-, Verwaltungs-, Assistenz- und bestimmte Dienstleistungsarbeiten.
Die International Labour Organization (ILO) kam 2025 zu dem Ergebnis, dass in Hochlohnländern 9,6 Prozent der weiblichen Beschäftigung in die höchste Automatisierungs- und Transformationskategorie durch generative KI fallen würden – gegenüber 3,5 Prozent der männlichen Beschäftigung. International sieht es nicht viel besser aus. Branchenanalysen etwa von CareerExplorer zeigen, dass gerade in Kundendienstbereichen überproportional viele Frauen beschäftigt sind – in den USA rund 70 Prozent, in den Callcentern rund um den Globus sind es sogar bis zu 80 Prozent.
Zu wenige Frauen in Führungsrollen
Es rächt sich jetzt ein toxischer Zusammenhang, der eigentlich schon lange bekannt ist, aber nie behoben wurde. Denn: Frauen sind nach wie vor überwiegend in operativen statt in Führungspositionen tätig – und die werden dank KI mit Vorliebe wegrationalisiert. Und: Mit Frauen in Zusammenhang gebrachte Arbeit wird nach wie vor schlechter bezahlt.
Auf diese giftige Verbindung weist Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes hin. Sie nennt es „Dequalifizierung“: „In dem Moment, in dem ein Beruf sich professionalisiert und als lukrativ erweist, wird er für Frauen eingeschränkt“, schreibt sie in Die Erfindung der Hausfrau: Geschichte einer Entwertung.
Ehemals von Frauen dominierte Sparten wie die Informatik wurden aufgewertet in dem Moment, in dem diese von Männern vereinnahmt und mit Machtstellungen verknüpft wurden. Umgekehrt verlieren Berufe an Prestige, je mehr Frauen in ihnen arbeiten. Das lässt sich von den mittelalterlichen Zünften bis zur Sekretärin historisch nachverfolgen.
Bedrohte Berufe sind häufig gewerkschaftlich schlecht abgesichert
Es lässt sich nur mutmaßen, dass diese KI-bedingte Verschärfung der Arbeitsmarktsituation für Frauen, die vor dem Hintergrund eines Gender-Pay-Gap von 18 Prozent in Deutschland, doch eigentlich schon verheerend genug ist, für die libertären Reaktionisten im Tech-Bro-Universum von Elon Musk bis Peter Thiel ein schöner Nebeneffekt ist: Die von KI reproduzierten Ungleichheiten schaffen die Basis für noch mehr Ungleichheiten. Ein Verstärkungseffekt wie aus dem Misogynie-Lehrbuch.
Erschwerend kommt hinzu, dass gerade die Jobs bedroht sind, die häufig keine starke gewerkschaftliche Absicherung haben, und die betroffenen Frauen nicht nur in arbeitstechnischer Hinsicht, sondern auch auf vielen anderen gesellschaftlichen Ebenen benachteiligt sind. In Assistenz- und Sekretariatsberufen werden Protokolle, Terminplanung und Korrespondenz mehr und mehr von KI-Systemen übernommen – Tätigkeiten, die lange als unsichtbare Organisationsarbeit galten und überwiegend von Frauen erledigt wurden.
Organisieren neben der Sorgearbeit
In Callcentern ersetzen Chatbots und automatisierte Antwortsysteme ganze Schichten, während neue Stellen gar nicht erst nachbesetzt werden. KI statt der HR-Personalerin filtert Bewerbungen, erstellt Profile, sortiert aus (vor allem die Frauenbiografien). Freiberuflichen Übersetzerinnen brechen Aufträge weg, weil Unternehmen auf maschinelle Übersetzung umsteigen.
Und in der Pflege – einem ohnehin unterbezahlten, weiblich dominierten Bereich – reduziert KI die Dokumentationsarbeit formal und schafft gleichzeitig Rationalisierungsdruck, der Personalabbau wahrscheinlicher macht. Der Aufschrei? Bleibt bislang aus. Wen wundert es, sind viele Frauen doch vollauf damit beschäftigt, neben wegbrechenden Aufträgen und schwankenden Stellen noch Care-Arbeit für Kinder oder Angehörige zu jonglieren.
Wo Veränderung ansetzen muss
Vor allem aber: Es sind keine spektakulären Massenentlassungen wie Anfang April bei Oracle, als Berichten zufolge um 6 Uhr morgens eine Rundmail an tausende Mitarbeitende weltweit verschickt wurde – übrigens sind auch hier vor allem Bereiche wie Customer Success und Support betroffen, in denen Frauen traditionell überrepräsentiert sind.
Es sind schleichende Verschiebungen. Stellen verschwinden, ohne dass sie offiziell gestrichen werden. Arbeitsvolumen sinkt, ohne dass es als Verlust markiert wird. Einkommen bricht weg, ohne dass es als strukturelles Problem adressiert wird. Gerade deshalb wirkt dieser Prozess so effizient – und so unsichtbar. Denn er trifft diejenigen, deren Arbeit schon vorher als austauschbar, unterstützend oder weniger wertvoll galt.
Und genau hier liegt der eigentliche blinde Fleck der aktuellen Debatte: Es reicht nicht, nur die Technologie regulieren zu wollen. Denn KI ist nicht das Problem – sie ist der Verstärker. Der Bias entsteht nicht im Code, sondern in der Welt, aus der dieser Code lernt.
Solange Frauen systematisch schlechter bezahlt werden, häufiger in Teilzeit arbeiten müssen, Care-Arbeit schultern und in entwerteten Berufen konzentriert sind, wird jede KI genau diese Realität reproduzieren – und verschärfen. Veränderung muss da ansetzen, wo es morsch ist: in den sozialen und ökonomischen Strukturen.
Die Lösung: Sorgearbeit aufwerten
Das bedeutet vor allem, endlich die Arbeit aufzuwerten, die bislang als „weiblich“ gilt – und genau deshalb schlechter oder gleich gar nicht bezahlt wird. Eine naheliegende Konsequenz wäre, genau die Bereiche aufzuwerten, die KI derzeit kaum ersetzen kann, aber auf denen alles aufbaut: Sorgearbeit.
Sie ist keine private Nebensache, sondern die Voraussetzung dafür, dass überhaupt gearbeitet werden kann. Trotzdem bleibt sie größtenteils unsichtbar, un- oder unterbezahlt – und wird überwiegend von Frauen geleistet. Während KI also weiblich dominierte Erwerbsarbeit unter Druck setzt, bleibt die ebenso weiblich dominierte Sorgearbeit weiterhin systematisch entwertet.
Das ist kein Zufall, sondern hat System. Und genau dieses System wird durch KI stabilisiert, solange es nicht grundlegend verändert wird. Wenn wir also nicht wollen, dass KI bestehende Ungleichheiten einfach nur effizienter macht, müssen wir die Logik dahinter angreifen: Care-Arbeit muss anerkannt, aufgewertet und bezahlt werden. Nicht als moralische Geste, sondern als ökonomische Notwendigkeit. Sonst sind wir Frauen geliefert.
betont auch Studienautor Sam Rickman: „Wenn Sozialarbeiter sich auf voreingenommene, KI-generierte Zusammenfassungen verlassen, die die Gesundheitsbedürfnisse von Frauen systematisch herunterspielen, könnten sie ansonsten identische Fälle unterschiedlich bewerten – und zwar auf Grundlage des Geschlechts statt des tatsächlichen Bedarfs.“ Mit handfesten Konsequenzen: „Da der Zugang zur sozialen Versorgung vom wahrgenommenen Bedarf abhängt, könnte dies zu einer ungleichen Versorgung von Frauen führen.“Künstliche Intelligenz ersetzt vor allem weibliche ErwerbsarbeitAber damit nicht genug. Nicht nur als Patient*innen benachteiligt die KI Frauen. Auch auf Seite der Arbeitnehmer*innen sieht es düster aus. Denn: KI versaut Frauen nicht nur die Krankenakte, sondern gleich noch deren Job, diese zu erstellen.LLMs werden mittlerweile von mehr als der Hälfte der englischen staatlichen Institutionen genutzt, um Sozial- und Pflegearbeitende zu unterstützen. Laut NHS England Digital soll KI im Gesundheitswesen vor allem zur Bewältigung administrativer Überlastung eingeführt werden, also etwa bei Dokumentation, Koordination, Priorisierung und Fallmanagement. Das sind aber gerade diejenigen Bereiche, in denen überproportional Frauen tätig sind.Es sind gerade diese organisatorischen und dokumentarischen Schichten von Pflege-Arbeit, die auf der Kippe stehen – und mit ihnen die dort beschäftigten Frauen. Denn: KI ersetzt vor allem standardisierte, eher schlecht bewertete und oft weiblich dominierte Erwerbsarbeit. So sind Frauen gleich doppelt getroffen. Ihre Jobs sind überproportional bedroht von einer KI, die sie auch noch systematisch strukturell benachteiligt. Das Problem ist älter als die KIWas in Großbritannien schon messbar ist, entsteht in Deutschland gerade erst – aber unter denselben Bedingungen: Eine Technologie, die auf verzerrten Daten basiert, trifft auf einen Arbeitsmarkt, der ohnehin entlang von Geschlecht strukturiert ist. Das Ergebnis ist kein neutraler Fortschritt, sondern ein Verstärker bestehender Ungleichheit – im System und auf dem Arbeitsmarkt.Auch in Deutschland zeigen Studien zur medizinischen Diagnostik den gleichen Bias – Frauen werden häufiger unterdiagnostiziert, zum Beispiel bei Herzinfarkten. KI-gestützte Triage-Systeme reproduzieren bestehende Ungleichheiten, weil sie mit Daten gefüttert sind, die eben nicht neutral sind, obwohl sie gerne so tun. Auch im öffentlichen Sektor kann das zu strukturellen Verzerrungen führen.Organisationen wie AlgorithmWatch warnen, dass algorithmische Systeme in der Arbeitsverwaltung bestehende Ungleichheiten reproduzieren können, da sie auf historischen Daten basieren. Diese spiegeln etwa geschlechtsspezifische Erwerbsverläufe wider und da gibt es für Teilzeitbiografien oder Erwerbsunterbrechungen wegen Care-Arbeit Minuspunkte – das kann zu verzerrten Bewertungen und systematischer Benachteiligung führen. Die Konsequenzen für Frauen könnten weitreichend sein: schlechtere Vermittlungschancen, weniger Zugang zu Fördermaßnahmen, Stillstand.Vor allem Jobs, in denen viele Frauen arbeiten, sind gefährdetKI ist aber nicht nur strukturell misogyn, sondern bedroht vor allem die von Frauen geleisteten Jobs. Laut Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind Büro- und Verwaltungstätigkeiten, Sachbearbeitung und einfache Dokumentationsarbeit besonders automatisierbar, weil sie größtenteils aus regelbasierten und repetitiven Prozessen bestehen.Das Problem: Genau dort, wo KI jetzt automatisiert, arbeiten überwiegend Frauen. In Deutschland sind rund zwei Drittel der Beschäftigten in service- und bürobezogenen Tätigkeiten weiblich. Laut Destatis sind knapp 62 Prozent der Beschäftigten in Dienstleistungsberufen weiblich, fast 66 Prozent sind es in Büro- und kaufmännischen Berufen. Sachbearbeitung, Kundenservice, Callcenter, Backoffice und Support – da gibt es Frauenanteile von bis zu 70 Prozent. KI trifft also überproportional Berufe, in denen Frauen stark vertreten sind – vor allem Büro-, Verwaltungs-, Assistenz- und bestimmte Dienstleistungsarbeiten.Die International Labour Organization (ILO) kam 2025 zu dem Ergebnis, dass in Hochlohnländern 9,6 Prozent der weiblichen Beschäftigung in die höchste Automatisierungs- und Transformationskategorie durch generative KI fallen würden – gegenüber 3,5 Prozent der männlichen Beschäftigung. International sieht es nicht viel besser aus. Branchenanalysen etwa von CareerExplorer zeigen, dass gerade in Kundendienstbereichen überproportional viele Frauen beschäftigt sind – in den USA rund 70 Prozent, in den Callcentern rund um den Globus sind es sogar bis zu 80 Prozent.Zu wenige Frauen in FührungsrollenEs rächt sich jetzt ein toxischer Zusammenhang, der eigentlich schon lange bekannt ist, aber nie behoben wurde. Denn: Frauen sind nach wie vor überwiegend in operativen statt in Führungspositionen tätig – und die werden dank KI mit Vorliebe wegrationalisiert. Und: Mit Frauen in Zusammenhang gebrachte Arbeit wird nach wie vor schlechter bezahlt.Auf diese giftige Verbindung weist Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes hin. Sie nennt es „Dequalifizierung“: „In dem Moment, in dem ein Beruf sich professionalisiert und als lukrativ erweist, wird er für Frauen eingeschränkt“, schreibt sie in Die Erfindung der Hausfrau: Geschichte einer Entwertung.Ehemals von Frauen dominierte Sparten wie die Informatik wurden aufgewertet in dem Moment, in dem diese von Männern vereinnahmt und mit Machtstellungen verknüpft wurden. Umgekehrt verlieren Berufe an Prestige, je mehr Frauen in ihnen arbeiten. Das lässt sich von den mittelalterlichen Zünften bis zur Sekretärin historisch nachverfolgen. Bedrohte Berufe sind häufig gewerkschaftlich schlecht abgesichertEs lässt sich nur mutmaßen, dass diese KI-bedingte Verschärfung der Arbeitsmarktsituation für Frauen, die vor dem Hintergrund eines Gender-Pay-Gap von 18 Prozent in Deutschland, doch eigentlich schon verheerend genug ist, für die libertären Reaktionisten im Tech-Bro-Universum von Elon Musk bis Peter Thiel ein schöner Nebeneffekt ist: Die von KI reproduzierten Ungleichheiten schaffen die Basis für noch mehr Ungleichheiten. Ein Verstärkungseffekt wie aus dem Misogynie-Lehrbuch.Erschwerend kommt hinzu, dass gerade die Jobs bedroht sind, die häufig keine starke gewerkschaftliche Absicherung haben, und die betroffenen Frauen nicht nur in arbeitstechnischer Hinsicht, sondern auch auf vielen anderen gesellschaftlichen Ebenen benachteiligt sind. In Assistenz- und Sekretariatsberufen werden Protokolle, Terminplanung und Korrespondenz mehr und mehr von KI-Systemen übernommen – Tätigkeiten, die lange als unsichtbare Organisationsarbeit galten und überwiegend von Frauen erledigt wurden.Organisieren neben der SorgearbeitIn Callcentern ersetzen Chatbots und automatisierte Antwortsysteme ganze Schichten, während neue Stellen gar nicht erst nachbesetzt werden. KI statt der HR-Personalerin filtert Bewerbungen, erstellt Profile, sortiert aus (vor allem die Frauenbiografien). Freiberuflichen Übersetzerinnen brechen Aufträge weg, weil Unternehmen auf maschinelle Übersetzung umsteigen.Und in der Pflege – einem ohnehin unterbezahlten, weiblich dominierten Bereich – reduziert KI die Dokumentationsarbeit formal und schafft gleichzeitig Rationalisierungsdruck, der Personalabbau wahrscheinlicher macht. Der Aufschrei? Bleibt bislang aus. Wen wundert es, sind viele Frauen doch vollauf damit beschäftigt, neben wegbrechenden Aufträgen und schwankenden Stellen noch Care-Arbeit für Kinder oder Angehörige zu jonglieren. Wo Veränderung ansetzen mussVor allem aber: Es sind keine spektakulären Massenentlassungen wie Anfang April bei Oracle, als Berichten zufolge um 6 Uhr morgens eine Rundmail an tausende Mitarbeitende weltweit verschickt wurde – übrigens sind auch hier vor allem Bereiche wie Customer Success und Support betroffen, in denen Frauen traditionell überrepräsentiert sind.Es sind schleichende Verschiebungen. Stellen verschwinden, ohne dass sie offiziell gestrichen werden. Arbeitsvolumen sinkt, ohne dass es als Verlust markiert wird. Einkommen bricht weg, ohne dass es als strukturelles Problem adressiert wird. Gerade deshalb wirkt dieser Prozess so effizient – und so unsichtbar. Denn er trifft diejenigen, deren Arbeit schon vorher als austauschbar, unterstützend oder weniger wertvoll galt.Und genau hier liegt der eigentliche blinde Fleck der aktuellen Debatte: Es reicht nicht, nur die Technologie regulieren zu wollen. Denn KI ist nicht das Problem – sie ist der Verstärker. Der Bias entsteht nicht im Code, sondern in der Welt, aus der dieser Code lernt.Solange Frauen systematisch schlechter bezahlt werden, häufiger in Teilzeit arbeiten müssen, Care-Arbeit schultern und in entwerteten Berufen konzentriert sind, wird jede KI genau diese Realität reproduzieren – und verschärfen. Veränderung muss da ansetzen, wo es morsch ist: in den sozialen und ökonomischen Strukturen.Die Lösung: Sorgearbeit aufwertenDas bedeutet vor allem, endlich die Arbeit aufzuwerten, die bislang als „weiblich“ gilt – und genau deshalb schlechter oder gleich gar nicht bezahlt wird. Eine naheliegende Konsequenz wäre, genau die Bereiche aufzuwerten, die KI derzeit kaum ersetzen kann, aber auf denen alles aufbaut: Sorgearbeit.Sie ist keine private Nebensache, sondern die Voraussetzung dafür, dass überhaupt gearbeitet werden kann. Trotzdem bleibt sie größtenteils unsichtbar, un- oder unterbezahlt – und wird überwiegend von Frauen geleistet. Während KI also weiblich dominierte Erwerbsarbeit unter Druck setzt, bleibt die ebenso weiblich dominierte Sorgearbeit weiterhin systematisch entwertet.Das ist kein Zufall, sondern hat System. Und genau dieses System wird durch KI stabilisiert, solange es nicht grundlegend verändert wird. Wenn wir also nicht wollen, dass KI bestehende Ungleichheiten einfach nur effizienter macht, müssen wir die Logik dahinter angreifen: Care-Arbeit muss anerkannt, aufgewertet und bezahlt werden. Nicht als moralische Geste, sondern als ökonomische Notwendigkeit. Sonst sind wir Frauen geliefert.