Unscheinbar begann es an der Tankstelle. Seit April darf der Spritpreis nur noch einmal am Tag steigen – Senkungen bleiben jederzeit möglich. Klingt vernünftig. Eine erste Analyse des Leibniz-Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt jedoch: Bei Benzin wuchsen vor allem die Margen der Anbieter. Was als Verbraucherschutz verkauft wurde, entpuppt sich als Mechanismus zusätzlicher Unternehmensgewinne.
Das ist kein Randthema. Es ist ein Muster. Es zeigt im Kleinen, was die neue Energiepolitik im Großen prägt: Der Staat greift ein, aber er greift selten die Machtverhältnisse an, die Preise, Risiken und Gewinne verteilen. Er ordnet Märkte neu, stabilisiert Lieferketten, verspricht Entlastung – und lässt offen, wer am Endezahltund wer verdient.
Die Energiekrise erscheint im Alltag meist als Preisfrage. Benzin und Diesel werden teurer, der Gasabschlag steigt, die Stromrechnung wird undurchsichtiger. Preise sind keine Naturereignisse. Sie entstehen in politisch geordneten Märkten: durch Steuern, Netzentgelte, Lieferverträge, Börsenpreise, Kriege, Sanktionen und Entlastungsprogramme. Wer nur fragt, ob Energie gerade teuer oder billig ist, sieht zu wenig.
Die politischere Frage lautet: Wer kann Kosten weiterreichen? Wer bekommt Investitionssicherheit? Und wer verdient an einer Ordnung, die offiziell Sicherheit, Entlastung und Souveränität verspricht?
Die alte Ordnung war stabil
Dass die EU-Kommission nun ein „Fuel Observatory“ angekündigt hat, passt ins Bild. Produktion, Importe, Exporte, Lagerbestände, Raffineriekapazitäten und womöglich militärische Treibstoffvorräte sollen künftig genauer erfasst werden. Das klingt nach technischer Verwaltung. Tatsächlich ist es ein politisches Geständnis: Wer so genau zählen muss, hat nicht nur ein Datenproblem. Er hat ein Ordnungsproblem.
Auf den ersten Blick sieht die Bilanz seit 2022 eindeutig aus: Deutschland hat sich aus der direkten Abhängigkeit von russischem Gas und Öl gelöst. Russische Pipelinegaslieferungen sind praktisch verschwunden, direkte Rohölimporte sind laut Destatis seit Anfang 2023 nahezu zum Erliegen gekommen.
Aber weniger Russland bedeutet nicht automatisch mehr Souveränität. Das alte System war gefährlich. Zugleich war es über Jahrzehnte relativ stabil, vertraglich eingebettet, für Industrie und Haushalte kalkulierbar. Seine Schwäche lag nicht in täglicher Unruhe, sondern in einem großen geopolitischen Risiko, das lange verdrängt wurde – und sich dann mit voller Wucht realisierte.
Mit der Nord-Stream-Sprengung im September 2022 verschwand nicht nur eine Lieferroute. Ein ganzes energiepolitisches Modell verschwand. Wer die Sabotage verantwortete, ist juristisch nicht abschließend geklärt. Politökonomisch lässt sich ihre Wirkung dennoch beschreiben: Verloren haben der Industriestandort Deutschland, energieintensive Betriebe und Haushalte.
Gewonnen haben amerikanische LNG-Anbieter, Händler, Terminalbetreiber und jene Kräfte, die Europa fester in eine transatlantisch dominierte Blocklogik einbinden wollen. Kein Masterplan ist nötig, um zu sehen, was passiert ist: Die Zerstörung der Pipelineordnung hat Macht und Renditechancen verschoben.
Die Politik ersetzt alte mit neuen Abhängigkeiten
An die Stelle einer sichtbaren Pipelineabhängigkeit tritt ein Geflecht aus Lieferländern, Hubs, Terminals, Speichern, Preisindizes und Weltmarktbewegungen. Deutschland ist weniger abhängig von einem einzelnen Staat. Aber es ist stärker abhängig von einer Ordnung, die schwerer zu durchschauen und politisch schwieriger zu steuern ist.
Man sieht das schon daran, wie über Gasimporte gesprochen wird. Nach Grenzflussdaten der Bundesnetzagentur kam 2024 knapp die Hälfte der deutschen Gasimporte aus Norwegen, weitere große Mengen aus den Niederlanden und Belgien. Doch diese Statistik zeigt nur, wo Gas nach Deutschland eintritt – nicht, wo es gefördert oder verflüssigt wurde.
Norwegen ist tatsächlich zum wichtigsten Anker der deutschen Gasversorgung geworden. Belgien und die Niederlande dagegen sind vor allem Umschlag-, Speicher-, Transit- und LNG-Räume. Was dort als Gas „aus Belgien“ oder „aus den Niederlanden“ erscheint, kann Nordsee-Gas, US-LNG, Speicherfluss oder ein anderer Mischstrom sein.
Besonders deutlich wird diese Logik beim Flüssigerdgas. LNG-Importe über deutsche Terminals machten 2025 gut zehn Prozent der deutschen Gasimporte aus; laut Branchenverband BDEW stammte fast alles davon aus den USA. Trotz seines vergleichsweise kleinen Anteils ist LNG der Puffer des neuen Systems – und bindet Deutschland stärker an globale Märkte, maritime Routen und neue Lieferanten. Eine Energieordnung, die als Diversifizierung verkauft wird, erzeugt so neue Konzentrationen.
Katar etwa ist für Deutschland derzeit weniger Lieferant als Preisfaktor. Zwar vereinbarten Qatarenergy und Conocophillips 2022 langfristige Lieferungen von bis zu zwei Millionen Tonnen LNG jährlich ab 2026 nach Brunsbüttel. Doch bislang kommt kaum direktes katarisches LNG in Deutschland an. Genau darin zeigt sich die neue Ordnung: Abhängigkeit wirkt nicht erst, wenn ein Lieferant den Hahn zudreht.
Sie wirkt über private Verträge, Terminals, Weltmarktpreise und Erwartungen. Eine Blockade im Persischen Golf, steigende Nachfrage in Asien oder Konflikte mit einem Lieferland können europäische Preise treiben – auch wenn Deutschland selbst kaum direkt von dort bezieht. Der Markt ersetzt die Pipeline nicht durch Freiheit. Er ersetzt sie durch eine andere Bindung.
Deutschland hat die Energiewende verschlafen
Diese neue Gasordnung kommt nicht nur von außen. Sie wird im Inland politisch weitergebaut – etwa durch die Kraftwerksstrategie. Neue steuerbare Kapazitäten sind in einem Stromsystem mit viel Wind und Solar notwendig. Doch wenn sie als „H₂-ready“ geplant werden, heißt das kurzfristig vor allem: erdgasfähig. Ob genug bezahlbarer grüner Wasserstoff verfügbar sein wird, bleibt offen.
Damit wird ein Teil des heutigen Problems in die Zukunft verschoben. Betreiber erhalten Planungssicherheit, Haushalte und Unternehmen tragen die Kosten – die Frage künftiger Brennstoffabhängigkeit bleibt ungelöst. Dass Deutschland heute zwischen LNG, Gaskraftwerken und Wasserstoffversprechen laviert, ist nicht nur Folge des russischen Angriffs. Es hat eine doppelte Vorgeschichte.
Die erste liegt im Inneren. Die Energiewende war nie nur Klimapolitik. Sie war auch der naheliegende Weg, fossile Importabhängigkeit strukturell zu senken. Wind, Solar, Netze, Speicher, Effizienz, Elektrifizierung – all das hätte Deutschland widerstandsfähiger machen können.
Doch dieser Pfad wurde über Jahre gebremst, zerteilt, verschleppt. Die Krise wurde deshalb nicht nur dadurch möglich, dass Russland ausfiel. Sie wurde dadurch verschärft, dass Deutschland den heimischen Pfad zur Verringerung fossiler Abhängigkeit zu lange unterschätzte.
Die zweite Vorgeschichte liegt außenpolitisch. Deutschland hielt an fossiler Verflechtung mit Russland fest, während der Raum zwischen EU und Russland zunehmend in ein exklusives westliches Integrationsmodell eingebunden wurde. Das Risiko zu unterschätzen, dass Russland seine hegemonialen Ansprüche irgendwann gewaltsam durchsetzen könnte, war naiv und fahrlässig.
Das festzustellen bedeutet nicht, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Aber die Krise bleibt unverständlich, wenn man diese gescheiterte Ordnungspolitik ausblendet. Die eine Politik hielt Deutschland fossil abhängig. Die andere machte diese Abhängigkeit geopolitisch prekär.
Die Lehre aus dem Krieg
Daraus folgt keine einfache Rückkehr zur alten Ordnung. Die Lehre aus 2022 kann nicht heißen: zurück zur Pipelineabhängigkeit. Sie müsste heißen: raus aus der Logik immer neuer Brennstoffabhängigkeiten.
Eine solche Strategie würde zuerst den Bedarf an importierten fossilen Brennstoffen senken: durch Effizienz, Elektrifizierung, Wärmepumpen, Speicher, Netzausbau, industrielle Prozessumstellung und flexible erneuerbare Bausteine wie Biogas und Biomethan. Wasserstoff müsste dort reserviert werden, wo er kaum ersetzbar ist: in Teilen der Industrie, als Langzeitspeicher oder für wenige Reservekraftwerke.
Und die Energiewende müsste demokratischer werden. Wo Bürgerinnen, Gemeinden und Regionen wirtschaftlich beteiligt werden, entstehen weniger Akzeptanzprobleme und mehr regionale Wertschöpfung. Die Frage ist nicht nur, ob Energie grün wird – sondern wem die grüne Infrastruktur gehört.
Schließlich müsste Europa seine geopolitische Sackgasse verlassen. Nicht zurück zur alten Russland-Abhängigkeit. Aber langfristig auch nicht weiter in eine Blockordnung, in der Energie dauerhaft als Waffe zirkuliert. Das Fuel Observatory zeigt: Europa beginnt, seine Brennstoffabhängigkeit genauer zu vermessen. Das ist sinnvoll. Aber Beobachtung ersetzt keine Strategie.
Wer nur zählt, wo Brennstoffe lagern und anlanden, weiß noch nicht, wie er von ihnen unabhängiger wird. Statt weniger fossiler Brennstoffabhängigkeit zahlen wir für andere Lieferanten, andere Terminals, andere Märkte, neue Versprechen. Das alte Russland-Risiko wurde reduziert – an seine Stelle tritt eine Ordnung aus LNG, Hubs, Gaskraftwerken, Wasserstoffhoffnungen und Weltmarktpreisen.
Deutschland hat seine Energieabhängigkeit nicht beendet. Es hat sie teuer neu erfunden. Die Frage ist, wie lange wir uns das noch leisten können.
Preise, Risiken und Gewinne verteilen. Er ordnet Märkte neu, stabilisiert Lieferketten, verspricht Entlastung – und lässt offen, wer am Endezahltund wer verdient.Die Energiekrise erscheint im Alltag meist als Preisfrage. Benzin und Diesel werden teurer, der Gasabschlag steigt, die Stromrechnung wird undurchsichtiger. Preise sind keine Naturereignisse. Sie entstehen in politisch geordneten Märkten: durch Steuern, Netzentgelte, Lieferverträge, Börsenpreise, Kriege, Sanktionen und Entlastungsprogramme. Wer nur fragt, ob Energie gerade teuer oder billig ist, sieht zu wenig.Die politischere Frage lautet: Wer kann Kosten weiterreichen? Wer bekommt Investitionssicherheit? Und wer verdient an einer Ordnung, die offiziell Sicherheit, Entlastung und Souveränität verspricht?Die alte Ordnung war stabilDass die EU-Kommission nun ein „Fuel Observatory“ angekündigt hat, passt ins Bild. Produktion, Importe, Exporte, Lagerbestände, Raffineriekapazitäten und womöglich militärische Treibstoffvorräte sollen künftig genauer erfasst werden. Das klingt nach technischer Verwaltung. Tatsächlich ist es ein politisches Geständnis: Wer so genau zählen muss, hat nicht nur ein Datenproblem. Er hat ein Ordnungsproblem.Auf den ersten Blick sieht die Bilanz seit 2022 eindeutig aus: Deutschland hat sich aus der direkten Abhängigkeit von russischem Gas und Öl gelöst. Russische Pipelinegaslieferungen sind praktisch verschwunden, direkte Rohölimporte sind laut Destatis seit Anfang 2023 nahezu zum Erliegen gekommen.Aber weniger Russland bedeutet nicht automatisch mehr Souveränität. Das alte System war gefährlich. Zugleich war es über Jahrzehnte relativ stabil, vertraglich eingebettet, für Industrie und Haushalte kalkulierbar. Seine Schwäche lag nicht in täglicher Unruhe, sondern in einem großen geopolitischen Risiko, das lange verdrängt wurde – und sich dann mit voller Wucht realisierte.Mit der Nord-Stream-Sprengung im September 2022 verschwand nicht nur eine Lieferroute. Ein ganzes energiepolitisches Modell verschwand. Wer die Sabotage verantwortete, ist juristisch nicht abschließend geklärt. Politökonomisch lässt sich ihre Wirkung dennoch beschreiben: Verloren haben der Industriestandort Deutschland, energieintensive Betriebe und Haushalte.Gewonnen haben amerikanische LNG-Anbieter, Händler, Terminalbetreiber und jene Kräfte, die Europa fester in eine transatlantisch dominierte Blocklogik einbinden wollen. Kein Masterplan ist nötig, um zu sehen, was passiert ist: Die Zerstörung der Pipelineordnung hat Macht und Renditechancen verschoben.Die Politik ersetzt alte mit neuen AbhängigkeitenAn die Stelle einer sichtbaren Pipelineabhängigkeit tritt ein Geflecht aus Lieferländern, Hubs, Terminals, Speichern, Preisindizes und Weltmarktbewegungen. Deutschland ist weniger abhängig von einem einzelnen Staat. Aber es ist stärker abhängig von einer Ordnung, die schwerer zu durchschauen und politisch schwieriger zu steuern ist.Man sieht das schon daran, wie über Gasimporte gesprochen wird. Nach Grenzflussdaten der Bundesnetzagentur kam 2024 knapp die Hälfte der deutschen Gasimporte aus Norwegen, weitere große Mengen aus den Niederlanden und Belgien. Doch diese Statistik zeigt nur, wo Gas nach Deutschland eintritt – nicht, wo es gefördert oder verflüssigt wurde.Norwegen ist tatsächlich zum wichtigsten Anker der deutschen Gasversorgung geworden. Belgien und die Niederlande dagegen sind vor allem Umschlag-, Speicher-, Transit- und LNG-Räume. Was dort als Gas „aus Belgien“ oder „aus den Niederlanden“ erscheint, kann Nordsee-Gas, US-LNG, Speicherfluss oder ein anderer Mischstrom sein.Besonders deutlich wird diese Logik beim Flüssigerdgas. LNG-Importe über deutsche Terminals machten 2025 gut zehn Prozent der deutschen Gasimporte aus; laut Branchenverband BDEW stammte fast alles davon aus den USA. Trotz seines vergleichsweise kleinen Anteils ist LNG der Puffer des neuen Systems – und bindet Deutschland stärker an globale Märkte, maritime Routen und neue Lieferanten. Eine Energieordnung, die als Diversifizierung verkauft wird, erzeugt so neue Konzentrationen.Katar etwa ist für Deutschland derzeit weniger Lieferant als Preisfaktor. Zwar vereinbarten Qatarenergy und Conocophillips 2022 langfristige Lieferungen von bis zu zwei Millionen Tonnen LNG jährlich ab 2026 nach Brunsbüttel. Doch bislang kommt kaum direktes katarisches LNG in Deutschland an. Genau darin zeigt sich die neue Ordnung: Abhängigkeit wirkt nicht erst, wenn ein Lieferant den Hahn zudreht.Sie wirkt über private Verträge, Terminals, Weltmarktpreise und Erwartungen. Eine Blockade im Persischen Golf, steigende Nachfrage in Asien oder Konflikte mit einem Lieferland können europäische Preise treiben – auch wenn Deutschland selbst kaum direkt von dort bezieht. Der Markt ersetzt die Pipeline nicht durch Freiheit. Er ersetzt sie durch eine andere Bindung.Deutschland hat die Energiewende verschlafenDiese neue Gasordnung kommt nicht nur von außen. Sie wird im Inland politisch weitergebaut – etwa durch die Kraftwerksstrategie. Neue steuerbare Kapazitäten sind in einem Stromsystem mit viel Wind und Solar notwendig. Doch wenn sie als „H₂-ready“ geplant werden, heißt das kurzfristig vor allem: erdgasfähig. Ob genug bezahlbarer grüner Wasserstoff verfügbar sein wird, bleibt offen.Damit wird ein Teil des heutigen Problems in die Zukunft verschoben. Betreiber erhalten Planungssicherheit, Haushalte und Unternehmen tragen die Kosten – die Frage künftiger Brennstoffabhängigkeit bleibt ungelöst. Dass Deutschland heute zwischen LNG, Gaskraftwerken und Wasserstoffversprechen laviert, ist nicht nur Folge des russischen Angriffs. Es hat eine doppelte Vorgeschichte.Die erste liegt im Inneren. Die Energiewende war nie nur Klimapolitik. Sie war auch der naheliegende Weg, fossile Importabhängigkeit strukturell zu senken. Wind, Solar, Netze, Speicher, Effizienz, Elektrifizierung – all das hätte Deutschland widerstandsfähiger machen können.Doch dieser Pfad wurde über Jahre gebremst, zerteilt, verschleppt. Die Krise wurde deshalb nicht nur dadurch möglich, dass Russland ausfiel. Sie wurde dadurch verschärft, dass Deutschland den heimischen Pfad zur Verringerung fossiler Abhängigkeit zu lange unterschätzte.Die zweite Vorgeschichte liegt außenpolitisch. Deutschland hielt an fossiler Verflechtung mit Russland fest, während der Raum zwischen EU und Russland zunehmend in ein exklusives westliches Integrationsmodell eingebunden wurde. Das Risiko zu unterschätzen, dass Russland seine hegemonialen Ansprüche irgendwann gewaltsam durchsetzen könnte, war naiv und fahrlässig.Das festzustellen bedeutet nicht, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Aber die Krise bleibt unverständlich, wenn man diese gescheiterte Ordnungspolitik ausblendet. Die eine Politik hielt Deutschland fossil abhängig. Die andere machte diese Abhängigkeit geopolitisch prekär.Die Lehre aus dem KriegDaraus folgt keine einfache Rückkehr zur alten Ordnung. Die Lehre aus 2022 kann nicht heißen: zurück zur Pipelineabhängigkeit. Sie müsste heißen: raus aus der Logik immer neuer Brennstoffabhängigkeiten.Eine solche Strategie würde zuerst den Bedarf an importierten fossilen Brennstoffen senken: durch Effizienz, Elektrifizierung, Wärmepumpen, Speicher, Netzausbau, industrielle Prozessumstellung und flexible erneuerbare Bausteine wie Biogas und Biomethan. Wasserstoff müsste dort reserviert werden, wo er kaum ersetzbar ist: in Teilen der Industrie, als Langzeitspeicher oder für wenige Reservekraftwerke.Und die Energiewende müsste demokratischer werden. Wo Bürgerinnen, Gemeinden und Regionen wirtschaftlich beteiligt werden, entstehen weniger Akzeptanzprobleme und mehr regionale Wertschöpfung. Die Frage ist nicht nur, ob Energie grün wird – sondern wem die grüne Infrastruktur gehört.Schließlich müsste Europa seine geopolitische Sackgasse verlassen. Nicht zurück zur alten Russland-Abhängigkeit. Aber langfristig auch nicht weiter in eine Blockordnung, in der Energie dauerhaft als Waffe zirkuliert. Das Fuel Observatory zeigt: Europa beginnt, seine Brennstoffabhängigkeit genauer zu vermessen. Das ist sinnvoll. Aber Beobachtung ersetzt keine Strategie.Wer nur zählt, wo Brennstoffe lagern und anlanden, weiß noch nicht, wie er von ihnen unabhängiger wird. Statt weniger fossiler Brennstoffabhängigkeit zahlen wir für andere Lieferanten, andere Terminals, andere Märkte, neue Versprechen. Das alte Russland-Risiko wurde reduziert – an seine Stelle tritt eine Ordnung aus LNG, Hubs, Gaskraftwerken, Wasserstoffhoffnungen und Weltmarktpreisen.Deutschland hat seine Energieabhängigkeit nicht beendet. Es hat sie teuer neu erfunden. Die Frage ist, wie lange wir uns das noch leisten können.