Während die Automobilindustrie schwächelt, boomt der Rüstungssektor – politisch gewollt und mit Milliarden gefördert. Unternehmen wie VW setzen jetzt auf Waffenproduktion, auch in Kooperation mit israelischen Rüstungskonzernen


Rheinmetall und die VW-Nutzfahrzeugtochter MAN betreiben schon seit 2010 das Gemeinschaftsunternehmen Rheinmetall MAN Military Vehicles

Foto: Soeren Stache/dpa/picture alliance


Der deutschen Automobilindustrie geht es schlecht. Das hat einmal mehr die vergangene Woche gezeigt. Mit Volkswagen (VW), Mercedes-Benz und Porsche meldeten gleich drei Autohersteller für das erste Quartal teils massive Gewinnrückgänge. Zudem gingen mit Bohai und der Schlote-Gruppe zwei Autozulieferer in die Insolvenz.

Ganz anders die Rüstungsindustrie. Hier hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) in der vergangenen Woche weitere Steuermilliarden lockergemacht. Nach den nun vorgelegten Haushaltseckwerten sollen die Rüstungsausgaben 2027 auf 105,8 Milliarden Euro steigen, 23,1 Milliarden Euro mehr als in diesem Jahr. Schon jetzt können sich die Rüstungsbetriebe vor Aufträgen kaum retten.

Zum Sinnbild dieser Entwicklung ist inzwischen das VW-Werk in Osnabrück geworden. Im kommenden Jahr endet dort die Produktion des T-Roc Cabrio, danach will VW in der Fabrik keine Autos mehr bauen. Schon vor gut einem Jahr hat deswegen eine hochrangige Delegation des Rüstungskonzerns Rheinmetall den Standort begutachtet, im März dieses Jahres dann aber von einer möglichen Übernahme Abstand genommen.

Kurz darauf meldete dann die britische Zeitung Financial Times, dass VW in Osnabrück künftig Fahrzeuge für das israelische Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ produzieren könnte. In einem Interview mit der Bild bekräftigte VW-Chef Oliver Blume inzwischen, dass VW wegen Osnabrück „in intensivem Gespräch mit Unternehmen der Verteidigungsbranche“ sei.

Zulieferer suchen neue Geschäftsfelder

Das Werk in Osnabrück ist kein Einzelfall. Eine Allensbach-Umfrage vom November 2025 unter Autozulieferern ergab, dass drei von vier deutschen Zulieferbetrieben, die vom Strukturwandel in ihrer Industrie betroffen sind, außerhalb der eigenen Branche nach neuen Geschäftsfeldern suchen.

Besonders häufig wurde dabei die Rüstungsindustrie genannt, gefolgt von den Branchen Energie, Luftfahrt, Medizintechnik und Bahn. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine im März dieses Jahres veröffentlichte Studie des Chemnitz Automotive Institute (CATI). „Rüstung ist nicht der alleinige Rettungsanker für den Automotive-Bereich“, resümierte der Studienleiter Werner Olle. „Aber die Unternehmen müssen sich breiter aufstellen und da kann Rüstung eine Komponente sein.“

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der Autozulieferer Aumovio. Dabei handelt es sich um den ehemaligen Geschäftsbereich Automotive des Hannoveraner Zulieferkonzerns Continental, der seit seiner Abspaltung im September 2025 eigenständig agiert. Im März dieses Jahres hat Aumovio dann eine Kooperationsvereinbarung mit dem bayerischen Rüstungselektronik-Hersteller Hensoldt geschlossen.

Es geht dabei um die Übernahme von 600 Beschäftigten der süddeutschen Aumovio-Standorte Ulm, Lindau und Markdorf. Aumovio selbst wurde hart von der Branchenkrise getroffen und baut gerade massiv Stellen ab. Nach mehr als 10.000 im vergangenen Jahr gab das Unternehmen im Januar bekannt, 2026 bis zu 4.000 Stellen in der Forschung und Entwicklung zu streichen. In Deutschland soll der Umfang im „hohen dreistelligen Bereich“ liegen.

Humanoide Robotik und Verteidigung

In einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet sich auch der fränkische Automobilzulieferer Schaeffler. Dieser will sich ebenfalls neu aufstellen und sieht in der humanoiden Robotik wie auch in der Verteidigung neue Geschäftsfelder. In München hat das Unternehmen im Dezember die Schaeffler Defense GmbH gegründet. Mit dem Drohnenhersteller Helsing besteht bereits eine Partnerschaft über die Lieferung von Elektronikbauteilen.

Auch weniger bekannte Zulieferer sind in der Rüstungsbranche aktiv. Die in Hannover ansässige Hanomag Lohnhärterei etwa härtet in ihren Öfen seit gut einem Jahr auch die Stahlhüllen für die 120‑Millimeter-Flugabwehrgeschosse von Rheinmetall. Und nun gab auch noch der Panzerhersteller KNDS bekannt, dass der bayerische Autozulieferer Dräxlmaier künftig Bauteile für den Radpanzer Boxer liefert.

Die Bundesregierung will solche „Dual-Use-Effekte“, also technische Entwicklungen, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden, künftig gezielt fördern. Dafür luden Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Anfang Dezember Industrievertreter zu einem Rüstungsgipfel nach Berlin ein.

Das Phänomen ist kein Deutsches

Reiche verwies bei dem Treffen auch auf Kompetenzen in der Automobilindustrie, die im Verteidigungssektor benötigt würden, vom Leichtbau über moderne Antriebstechnologien bis hin zu hochpräzisen Qualitätssicherungen. Eine Trennung von zivilen und militärischen Innovationen ergebe heute keinen Sinn mehr, ergänzte Pistorius. Auf dem Treffen wurde unter anderem eine „Matchmaking-Plattform“ ins Leben gerufen, die Rüstungsunternehmen mit zivilen Partnern zusammenbringen soll.

Die Transformation der Automobil- in die Rüstungsindustrie ist kein rein deutsches Phänomen. In Frankreich beispielsweise wird der Autohersteller Renault in seinem Werk in Le Mans bald 600 Drohnen pro Monat für das Militär bauen. Partner des Projekts mit dem Namen „Chorus“ ist das französische Rüstungsunternehmen Turgis Gaillard, Initiator das französische Verteidigungsministerium. Renault teilte allerdings auch mit, kein „bedeutender Akteur im Verteidigungssektor“ werden zu wollen. Das Engagement beschränke sich auf Projekte, die „bestehende Technologien und Kompetenzen nutzen und die Investitionsfähigkeit im Kerngeschäft der Gruppe – dem Automobilbereich – nicht beeinträchtigen“.

Rheinmetall und MAN kooperieren schon lange

Einige Kooperationen zwischen der Automobil- und der Rüstungsindustrie bestehen schon lange. So betreiben Rheinmetall und die VW-Nutzfahrzeugtochter MAN seit 2010 das Gemeinschaftsunternehmen Rheinmetall MAN Military Vehicles, das Lastwagen für das Militär herstellt. Seinen bisher größten Auftrag hat das Unternehmen im Juli 2024 mit der Bundeswehr geschlossen. Dieser sieht die Lieferung von bis zu 6.500 Fahrzeugen im Wert von bis zu 3,5 Milliarden Euro vor.

Umgekehrt ist Rheinmetall nicht nur ein Rüstungsproduzent, sondern auch ein Autozulieferer. An den Standorten Neuss und Berlin hat das Unternehmen bislang auch Autoteile gefertigt. Inzwischen steht die Sparte jedoch zum Verkauf. Rheinmetall will sich nun auf das deutlich rentablere Rüstungsgeschäft konzentrieren.

Dass sich mit mehr Rüstungsproduktion die Krise der Automobilindustrie aufhalten lässt, glaubt allerdings bislang nicht einmal die Branche selbst. So erklärte der Verband der Automobilhersteller (VDA) kürzlich, dass „die öffentlich debattierten Erwartungen an die Schaffung von alternativen Arbeitsplätzen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit als überhöht herausstellen werden“.

Hauptgrund dafür ist, dass es im Rüstungsgeschäft in der Regel um deutlich geringere Volumina geht als im Automobilmarkt. Wie groß die Diskrepanz ist, zeigt der Vergleich der beiden Marktführer. Während der gesamte VW-Konzern im vergangenen Jahr einen Umsatz von 321,9 Milliarden Euro erzielte, kam der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall lediglich auf 9,9 Milliarden Euro.

als in diesem Jahr. Schon jetzt können sich die Rüstungsbetriebe vor Aufträgen kaum retten.Zum Sinnbild dieser Entwicklung ist inzwischen das VW-Werk in Osnabrück geworden. Im kommenden Jahr endet dort die Produktion des T-Roc Cabrio, danach will VW in der Fabrik keine Autos mehr bauen. Schon vor gut einem Jahr hat deswegen eine hochrangige Delegation des Rüstungskonzerns Rheinmetall den Standort begutachtet, im März dieses Jahres dann aber von einer möglichen Übernahme Abstand genommen.Kurz darauf meldete dann die britische Zeitung Financial Times, dass VW in Osnabrück künftig Fahrzeuge für das israelische Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ produzieren könnte. In einem Interview mit der Bild bekräftigte VW-Chef Oliver Blume inzwischen, dass VW wegen Osnabrück „in intensivem Gespräch mit Unternehmen der Verteidigungsbranche“ sei. Zulieferer suchen neue GeschäftsfelderDas Werk in Osnabrück ist kein Einzelfall. Eine Allensbach-Umfrage vom November 2025 unter Autozulieferern ergab, dass drei von vier deutschen Zulieferbetrieben, die vom Strukturwandel in ihrer Industrie betroffen sind, außerhalb der eigenen Branche nach neuen Geschäftsfeldern suchen.Besonders häufig wurde dabei die Rüstungsindustrie genannt, gefolgt von den Branchen Energie, Luftfahrt, Medizintechnik und Bahn. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine im März dieses Jahres veröffentlichte Studie des Chemnitz Automotive Institute (CATI). „Rüstung ist nicht der alleinige Rettungsanker für den Automotive-Bereich“, resümierte der Studienleiter Werner Olle. „Aber die Unternehmen müssen sich breiter aufstellen und da kann Rüstung eine Komponente sein.“Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der Autozulieferer Aumovio. Dabei handelt es sich um den ehemaligen Geschäftsbereich Automotive des Hannoveraner Zulieferkonzerns Continental, der seit seiner Abspaltung im September 2025 eigenständig agiert. Im März dieses Jahres hat Aumovio dann eine Kooperationsvereinbarung mit dem bayerischen Rüstungselektronik-Hersteller Hensoldt geschlossen.Es geht dabei um die Übernahme von 600 Beschäftigten der süddeutschen Aumovio-Standorte Ulm, Lindau und Markdorf. Aumovio selbst wurde hart von der Branchenkrise getroffen und baut gerade massiv Stellen ab. Nach mehr als 10.000 im vergangenen Jahr gab das Unternehmen im Januar bekannt, 2026 bis zu 4.000 Stellen in der Forschung und Entwicklung zu streichen. In Deutschland soll der Umfang im „hohen dreistelligen Bereich“ liegen. Humanoide Robotik und VerteidigungIn einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet sich auch der fränkische Automobilzulieferer Schaeffler. Dieser will sich ebenfalls neu aufstellen und sieht in der humanoiden Robotik wie auch in der Verteidigung neue Geschäftsfelder. In München hat das Unternehmen im Dezember die Schaeffler Defense GmbH gegründet. Mit dem Drohnenhersteller Helsing besteht bereits eine Partnerschaft über die Lieferung von Elektronikbauteilen.Auch weniger bekannte Zulieferer sind in der Rüstungsbranche aktiv. Die in Hannover ansässige Hanomag Lohnhärterei etwa härtet in ihren Öfen seit gut einem Jahr auch die Stahlhüllen für die 120‑Millimeter-Flugabwehrgeschosse von Rheinmetall. Und nun gab auch noch der Panzerhersteller KNDS bekannt, dass der bayerische Autozulieferer Dräxlmaier künftig Bauteile für den Radpanzer Boxer liefert.Die Bundesregierung will solche „Dual-Use-Effekte“, also technische Entwicklungen, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden, künftig gezielt fördern. Dafür luden Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Anfang Dezember Industrievertreter zu einem Rüstungsgipfel nach Berlin ein.Das Phänomen ist kein DeutschesReiche verwies bei dem Treffen auch auf Kompetenzen in der Automobilindustrie, die im Verteidigungssektor benötigt würden, vom Leichtbau über moderne Antriebstechnologien bis hin zu hochpräzisen Qualitätssicherungen. Eine Trennung von zivilen und militärischen Innovationen ergebe heute keinen Sinn mehr, ergänzte Pistorius. Auf dem Treffen wurde unter anderem eine „Matchmaking-Plattform“ ins Leben gerufen, die Rüstungsunternehmen mit zivilen Partnern zusammenbringen soll.Die Transformation der Automobil- in die Rüstungsindustrie ist kein rein deutsches Phänomen. In Frankreich beispielsweise wird der Autohersteller Renault in seinem Werk in Le Mans bald 600 Drohnen pro Monat für das Militär bauen. Partner des Projekts mit dem Namen „Chorus“ ist das französische Rüstungsunternehmen Turgis Gaillard, Initiator das französische Verteidigungsministerium. Renault teilte allerdings auch mit, kein „bedeutender Akteur im Verteidigungssektor“ werden zu wollen. Das Engagement beschränke sich auf Projekte, die „bestehende Technologien und Kompetenzen nutzen und die Investitionsfähigkeit im Kerngeschäft der Gruppe – dem Automobilbereich – nicht beeinträchtigen“.Rheinmetall und MAN kooperieren schon langeEinige Kooperationen zwischen der Automobil- und der Rüstungsindustrie bestehen schon lange. So betreiben Rheinmetall und die VW-Nutzfahrzeugtochter MAN seit 2010 das Gemeinschaftsunternehmen Rheinmetall MAN Military Vehicles, das Lastwagen für das Militär herstellt. Seinen bisher größten Auftrag hat das Unternehmen im Juli 2024 mit der Bundeswehr geschlossen. Dieser sieht die Lieferung von bis zu 6.500 Fahrzeugen im Wert von bis zu 3,5 Milliarden Euro vor.Umgekehrt ist Rheinmetall nicht nur ein Rüstungsproduzent, sondern auch ein Autozulieferer. An den Standorten Neuss und Berlin hat das Unternehmen bislang auch Autoteile gefertigt. Inzwischen steht die Sparte jedoch zum Verkauf. Rheinmetall will sich nun auf das deutlich rentablere Rüstungsgeschäft konzentrieren. Dass sich mit mehr Rüstungsproduktion die Krise der Automobilindustrie aufhalten lässt, glaubt allerdings bislang nicht einmal die Branche selbst. So erklärte der Verband der Automobilhersteller (VDA) kürzlich, dass „die öffentlich debattierten Erwartungen an die Schaffung von alternativen Arbeitsplätzen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit als überhöht herausstellen werden“.Hauptgrund dafür ist, dass es im Rüstungsgeschäft in der Regel um deutlich geringere Volumina geht als im Automobilmarkt. Wie groß die Diskrepanz ist, zeigt der Vergleich der beiden Marktführer. Während der gesamte VW-Konzern im vergangenen Jahr einen Umsatz von 321,9 Milliarden Euro erzielte, kam der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall lediglich auf 9,9 Milliarden Euro.



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