Ein Samstagmorgen im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein Freund und ich scrollen durch unsere Handys, bleiben an einem Post mit Simson-Motorrädern hängen – und plötzlich reden wir ohne Punkt und Komma. Wir sprechen über gemeinsame ostdeutsche Erfahrungen, über unsere Leben als Menschen Mitte 20, die mittlerweile in Berlin leben und trotzdem von der Vergangenheit immer wieder eingeholt werden.

Immer wieder frage ich mich im Gespräch und auch noch danach, was uns junge ostgeprägte Generation trotz aller Unterschiede verbindet. Vielleicht ist es das, was das Musiker-Duo „Hinterlandgang“ in seinem Lied „3. Oktober“ beschreibt.

„Resignierte Eltern mit einem Trauma aus der Wendezeit erklären ihren Kindern, dass der größte Feind der Westen bleibt.“

Diese Zeilen erzählen von einem generationenübergreifenden Trauma – dem Schmerz des Umbruchs, der Erfahrungen von Verlust, Transformation und dem Gefühl, abgehängt worden zu sein. Ostdeutsche Identität in meiner Generation entsteht nicht aus der DDR, sondern aus dem, was danach kam.

Papa ist drüben und arbeitet

Mir wird das klar, während ich an meinen Vater denke. „Der Papa ist drüben und arbeitet.“ Das ist ein Satz, den ich als Kind immer wieder hörte, als ich fragte, wo er ist. Mit „drüben“ war nicht eine andere Stadt oder ein Nachbarzimmer gemeint, sondern Westdeutschland.

Ich komme aus der westsächsischen Stadt Plauen und wurde im Jahr 2002 geboren – also weit nach der Wiedervereinigung. Meinen Vater kenne ich nur von Freitagabend bis Montagmorgen. Er arbeitete als LKW-Fahrer und später Verwaltungsmitarbeiter für ein mittelfränkisches Unternehmen. Innerhalb der Woche war er unterwegs.

Er verpasste meinen ersten Schultag, Aufführungen, aufgeschürfte Knie – und trotzdem stand ich jeden Freitagabend am Fenster des Hausflurs und wartete auf ihn. Freitag war der wichtigste Tag der Woche für mich. Den verbrachte ich immer bei meinen Großeltern im Plattenbau. Meine Mutter arbeitete bis abends – also mussten sie mich betreuen.

Wenn mein Vater nach Hause kam, war ich erleichtert – Montagmorgen spürte ich jedoch wieder „drüben“. Gegen 5 Uhr, manchmal eher, machte er sich auf den Weg. Jeden Montagmorgen sehnte ich mir erneut den Freitag herbei. Ich vermisste ihn als Kind und hasste „drüben“ dafür, dass mein Vater dort immer wieder hin musste.

Heute verstehe ich die ökonomische Notwendigkeit. Der Betrieb, für den mein Vater zuerst nach der Wende arbeitete, wurde von der Treuhand aufgekauft und bald geschlossen. Der nächste Betrieb war dann das mittelfränkische Unternehmen. In einem Betrieb bei uns in Plauen anzufangen und gegebenenfalls familienfreundliche Arbeitszeiten zu haben, war keine Option. Drüben gab es mehr Geld, mehr Läden – und vor allem mehr Jobs.

Was hinter seiner Abwesenheit steckt

Was ich damals noch nicht richtig verstand, begreife ich heute als Teil einer größeren Geschichte. Die Abwesenheit meines Vaters ist verknüpft mit einem viel größeren Umbruch. Und der beginnt in einem besonderen Ort namens Plauen.

1989 gingen hier die Menschen als Erste auf die Straße, um gegen die SED-Führung zu demonstrieren – ein Stück Geschichte, auf das man bis heute stolz ist. Stolz darauf, sich nichts sagen zu lassen, besonders mutig, wehrhaft zu sein. Als ich als Kind zur Musikschule lief, kam ich immer an einem Denkmal für die Wende vorbei. In der Schule gab es Projektwochen zur Wende. In der Stadt erinnern Tafeln, Statuen und Gespräche an diese Zeit.

Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Politik beriefen sich dann viele Plauener*innen genau darauf. Schließlich hatte man ja damals schon gegen „die da oben“ demonstriert. Auch Klassenkamerad*innen waren dabei.

Für mich war das befremdlich. Mich beschäftigten bereits Fragen rund um Ostdeutschland, aber diese Wut konnte ich nicht teilen.

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30 Kilometer entfernt vom goldenen Westen

Besonders ist Plauen aber nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern auch, weil der Westen hier zum Greifen nah liegt – kaum 30 Kilometer trennen uns vom fränkischen Hof. Fährt man über die Landstraße dorthin, sieht man noch heute verlassene Wachtürme, den überwucherten Grenzstreifen, manchmal noch die alten, brüchigen Wege der Militärfahrzeuge.

Ich erinnere mich an unsere Besuche als Familie in Hof. Für mich war das immer der „goldene Westen“. Hofs Fußgängerzone war nicht so leer wie die von Plauen, die Leute wirkten reicher, und vor allem sah man mehr Einfamilienhäuser als bei uns. Die beiden Partnerstädte trennen 30 Kilometer und trotzdem Welten. Noch immer. Während Plauen heute von Jobs im Niedriglohnbereich geprägt ist, gibt es in Hof weiterhin besser bezahlte und anspruchsvollere Arbeit.

Ich betrachte ein altes Foto: Ich sitze auf dem Schoß meines Vaters in seinem LKW. Durch die Windschutzscheibe zeigt er mir etwas draußen, ich folge seinem Finger. Im Hintergrund erkenne ich das Firmengelände in Mittelfranken. Manchmal musste er auch samstags noch dorthin, um etwas zu erledigen, dann nahm er meine Mama und mich einfach mit. Für uns war es jedes Mal aufregend. Die Verheißungen des Westens bleiben – auch in diesen Erinnerungen.

Wie wir damit umgehen

Diese ökonomische Realität und die damit verknüpften Erfahrungen prägen noch heute eine ganze Generation von jungen Ostler*innen.

Ich erwische mich manchmal dabei, wie ich mir die Instagram-Accounts meiner ehemaligen Klassenkamerad*innen anschaue. Die meisten sind geblieben, einige pendeln zwischen Uni-Stadt und Heimat. Ich sehe bei manchen „Ostdeutschland“, blaue Herzen und manchmal eine DDR-Fahne im Account. Einer, nennen wir ihn Marcel, teilt regelmäßig Videos von seiner Simson mit „L´amour toujours“ im Hintergrund – das Lied des italienischen DJs Gigi D’Agostino, das mittlerweile von Rechtsradikalen bundesweit für rassistische Gesänge missbraucht wird.

Von außen betrachtet verbindet mich nichts mit Marcel. Ich bin nach Ost-Berlin gegangen, er ist geblieben. Ich bin Sozialistin, er ist rechts. Trotzdem fühlen wir uns beide ostdeutsch. Marcel und mich verbindet die Arbeitslosigkeit in unseren Familien nach der Wende und die damit verbundene Abstiegsangst. Wir kennen die Geschichten von Frühverrentungen, Umschulungen oder Arbeitslosigkeit, die geblieben ist.

Dieser Einschnitt begleitet uns bis heute – denn zur Wahrheit gehört, dass wir exakt einen Schicksalsschlag oder eine Kündigung davon entfernt sind, abzusteigen. Unsere Eltern können uns nicht durchfüttern. Im Gegenteil: Wir machen uns Sorgen, wie ihre Rente aussehen wird. Dass sie in Altersarmut enden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir niemals etwas erben.

Marcel und mich verbindet auch das Gefühl, dass sich keiner für unsere Geschichte interessiert. Wir stehen politisch auf entgegengesetzten Seiten – und teilen trotzdem dieselbe Erfahrung.

Unser eigener Weg

Wenn man mal in den Medien etwas über den Osten hört, dann ist es meistens trotzdem nur das neue AfD-Wahl-Ergebnis. Dazu erzählen uns Vertreter aus Politik und Medien Mantra-artig zum dritten Oktober, dass wir ja vollständig wiedervereint sind und im gleichen Atemzug, dass alle Ostdeutschen nicht fähig zur Demokratie sind. Und ich stelle mir die Frage: Ja, was denn nun?

Die ostdeutsche Gen Z hat die DDR nicht miterlebt und fühlt sich trotzdem ostdeutsch. Auf ihre ganz eigene Weise – anders als ihre Eltern, mit anderen Fragen, anderen Hoffnungen. Wir sind nur mit Geschichten der DDR aufgewachsen, aber dafür mit eigenen Erinnerungen. Zwischen „Jammerossi“-Witzen und Ostalgie-Dokus im Fernsehen mussten wir uns erst einmal sortieren: Was davon gehört wirklich zu uns – und was wurde uns übergestülpt? Man muss die DDR nicht miterlebt haben, um ostdeutsch zu sein. Ostdeutsch macht die Erfahrung der Transformation.

Ich wünsche mir, dass wir die Geschichten unserer Eltern endlich als Teil unserer gemeinsamen Geschichte begreifen. Und ich wünsche mir, dass auch unsere Geschichte gesehen wird: die der Kinder und Enkel der Transformation, die gelernt haben, zwischen Ostklischees und Westnorm ihren eigenen Platz zu suchen.

Der Osten ist mehr als Strukturfördergebiet und passive Kulisse für rechte Wahlergebnisse. Er ist ein Raum voller Wissen, Widerspruch und Widerstandskraft – und dieser Widerstand ist nicht nur rechts.

Unsere Hoffnung

Ich wünsche mir, dass der Osten die industrielle Stärke, funktionierende Infrastruktur und würdige Arbeit zurückgewinnt, die ihm zusteht – nicht als Nostalgie, sondern als Basis für die Zukunft. Mit der Selbstverständlichkeit, dass Wertschöpfung auch östlich der Elbe stattfinden darf. Vielleicht fängt diese Zukunft damit an, dass wir junge Ostler*innen endlich zuhören – unseren Eltern, uns selbst und einander. Und dass wir aufhören, den Osten nur als Problemzone zu betrachten, sondern als das, was er längst ist: ein Teil dieses Landes, der nicht hinterherläuft, sondern etwas Eigenes beizutragen hat.

Während ich alte Fotos von meiner Familie betrachte, läuft das Lied „Papa fuhr immer einen großen LKW“ von dem Musiker Betterov. Dort heißt es:

„Papa fuhr immer einen großen LKW / Doch irgendwann hat er zu mir gesagt / Besser, wenn du später Mal was anderes machst“.

Mir kommen die Tränen, während ich am Küchentisch sitze.

Das kleine Mädchen auf den Fotos bin ich längst nicht mehr. Ich wohne nicht mehr in der Neubauwohnung in Plauen, sondern im Berliner Altbau. Trage Schuhe mit Szenemarken. Und doch gehört dieses Mädchen noch zu mir – mit allem, was war: der Wut, dem Stolz, den Enttäuschungen.

Mein Vati fuhr drüben immer einen großen LKW, manchmal denke ich dran, bevor ich schlafen geh. Vielleicht müssen die, die nach uns kommen, das nicht mehr sagen. Und vielleicht ist genau das unsere gemeinsame Hoffnung als junge Ostdeutsche – und die Antwort auf die Frage, die wir uns an jenem Morgen gestellt haben.

Charly Roffalski ist aktiv in der Partei Die Linke und seit vier Jahren im Bundestag tätig. Sie studiert Rechtswissenschaften an der Universität Potsdam. In Plauen ist sie in einer Arbeiterfamilie groß geworden und hat mit 22 Jahren das Abitur als Nichtschülerin absolviert.

Vielleicht ist es das, was das Musiker-Duo „Hinterlandgang“ in seinem Lied „3. Oktober“ beschreibt.„Resignierte Eltern mit einem Trauma aus der Wendezeit erklären ihren Kindern, dass der größte Feind der Westen bleibt.“ Diese Zeilen erzählen von einem generationenübergreifenden Trauma – dem Schmerz des Umbruchs, der Erfahrungen von Verlust, Transformation und dem Gefühl, abgehängt worden zu sein. Ostdeutsche Identität in meiner Generation entsteht nicht aus der DDR, sondern aus dem, was danach kam.Papa ist drüben und arbeitet Mir wird das klar, während ich an meinen Vater denke. „Der Papa ist drüben und arbeitet.“ Das ist ein Satz, den ich als Kind immer wieder hörte, als ich fragte, wo er ist. Mit „drüben“ war nicht eine andere Stadt oder ein Nachbarzimmer gemeint, sondern Westdeutschland.Ich komme aus der westsächsischen Stadt Plauen und wurde im Jahr 2002 geboren – also weit nach der Wiedervereinigung. Meinen Vater kenne ich nur von Freitagabend bis Montagmorgen. Er arbeitete als LKW-Fahrer und später Verwaltungsmitarbeiter für ein mittelfränkisches Unternehmen. Innerhalb der Woche war er unterwegs.Er verpasste meinen ersten Schultag, Aufführungen, aufgeschürfte Knie – und trotzdem stand ich jeden Freitagabend am Fenster des Hausflurs und wartete auf ihn. Freitag war der wichtigste Tag der Woche für mich. Den verbrachte ich immer bei meinen Großeltern im Plattenbau. Meine Mutter arbeitete bis abends – also mussten sie mich betreuen.Wenn mein Vater nach Hause kam, war ich erleichtert – Montagmorgen spürte ich jedoch wieder „drüben“. Gegen 5 Uhr, manchmal eher, machte er sich auf den Weg. Jeden Montagmorgen sehnte ich mir erneut den Freitag herbei. Ich vermisste ihn als Kind und hasste „drüben“ dafür, dass mein Vater dort immer wieder hin musste.Heute verstehe ich die ökonomische Notwendigkeit. Der Betrieb, für den mein Vater zuerst nach der Wende arbeitete, wurde von der Treuhand aufgekauft und bald geschlossen. Der nächste Betrieb war dann das mittelfränkische Unternehmen. In einem Betrieb bei uns in Plauen anzufangen und gegebenenfalls familienfreundliche Arbeitszeiten zu haben, war keine Option. Drüben gab es mehr Geld, mehr Läden – und vor allem mehr Jobs.Was hinter seiner Abwesenheit stecktWas ich damals noch nicht richtig verstand, begreife ich heute als Teil einer größeren Geschichte. Die Abwesenheit meines Vaters ist verknüpft mit einem viel größeren Umbruch. Und der beginnt in einem besonderen Ort namens Plauen.1989 gingen hier die Menschen als Erste auf die Straße, um gegen die SED-Führung zu demonstrieren – ein Stück Geschichte, auf das man bis heute stolz ist. Stolz darauf, sich nichts sagen zu lassen, besonders mutig, wehrhaft zu sein. Als ich als Kind zur Musikschule lief, kam ich immer an einem Denkmal für die Wende vorbei. In der Schule gab es Projektwochen zur Wende. In der Stadt erinnern Tafeln, Statuen und Gespräche an diese Zeit.Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Politik beriefen sich dann viele Plauener*innen genau darauf. Schließlich hatte man ja damals schon gegen „die da oben“ demonstriert. Auch Klassenkamerad*innen waren dabei.Für mich war das befremdlich. Mich beschäftigten bereits Fragen rund um Ostdeutschland, aber diese Wut konnte ich nicht teilen.Placeholder image-130 Kilometer entfernt vom goldenen WestenBesonders ist Plauen aber nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern auch, weil der Westen hier zum Greifen nah liegt – kaum 30 Kilometer trennen uns vom fränkischen Hof. Fährt man über die Landstraße dorthin, sieht man noch heute verlassene Wachtürme, den überwucherten Grenzstreifen, manchmal noch die alten, brüchigen Wege der Militärfahrzeuge.Ich erinnere mich an unsere Besuche als Familie in Hof. Für mich war das immer der „goldene Westen“. Hofs Fußgängerzone war nicht so leer wie die von Plauen, die Leute wirkten reicher, und vor allem sah man mehr Einfamilienhäuser als bei uns. Die beiden Partnerstädte trennen 30 Kilometer und trotzdem Welten. Noch immer. Während Plauen heute von Jobs im Niedriglohnbereich geprägt ist, gibt es in Hof weiterhin besser bezahlte und anspruchsvollere Arbeit.Ich betrachte ein altes Foto: Ich sitze auf dem Schoß meines Vaters in seinem LKW. Durch die Windschutzscheibe zeigt er mir etwas draußen, ich folge seinem Finger. Im Hintergrund erkenne ich das Firmengelände in Mittelfranken. Manchmal musste er auch samstags noch dorthin, um etwas zu erledigen, dann nahm er meine Mama und mich einfach mit. Für uns war es jedes Mal aufregend. Die Verheißungen des Westens bleiben – auch in diesen Erinnerungen.Wie wir damit umgehenDiese ökonomische Realität und die damit verknüpften Erfahrungen prägen noch heute eine ganze Generation von jungen Ostler*innen.Ich erwische mich manchmal dabei, wie ich mir die Instagram-Accounts meiner ehemaligen Klassenkamerad*innen anschaue. Die meisten sind geblieben, einige pendeln zwischen Uni-Stadt und Heimat. Ich sehe bei manchen „Ostdeutschland“, blaue Herzen und manchmal eine DDR-Fahne im Account. Einer, nennen wir ihn Marcel, teilt regelmäßig Videos von seiner Simson mit „L´amour toujours“ im Hintergrund – das Lied des italienischen DJs Gigi D’Agostino, das mittlerweile von Rechtsradikalen bundesweit für rassistische Gesänge missbraucht wird.Von außen betrachtet verbindet mich nichts mit Marcel. Ich bin nach Ost-Berlin gegangen, er ist geblieben. Ich bin Sozialistin, er ist rechts. Trotzdem fühlen wir uns beide ostdeutsch. Marcel und mich verbindet die Arbeitslosigkeit in unseren Familien nach der Wende und die damit verbundene Abstiegsangst. Wir kennen die Geschichten von Frühverrentungen, Umschulungen oder Arbeitslosigkeit, die geblieben ist.Dieser Einschnitt begleitet uns bis heute – denn zur Wahrheit gehört, dass wir exakt einen Schicksalsschlag oder eine Kündigung davon entfernt sind, abzusteigen. Unsere Eltern können uns nicht durchfüttern. Im Gegenteil: Wir machen uns Sorgen, wie ihre Rente aussehen wird. Dass sie in Altersarmut enden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir niemals etwas erben.Marcel und mich verbindet auch das Gefühl, dass sich keiner für unsere Geschichte interessiert. Wir stehen politisch auf entgegengesetzten Seiten – und teilen trotzdem dieselbe Erfahrung.Unser eigener WegWenn man mal in den Medien etwas über den Osten hört, dann ist es meistens trotzdem nur das neue AfD-Wahl-Ergebnis. Dazu erzählen uns Vertreter aus Politik und Medien Mantra-artig zum dritten Oktober, dass wir ja vollständig wiedervereint sind und im gleichen Atemzug, dass alle Ostdeutschen nicht fähig zur Demokratie sind. Und ich stelle mir die Frage: Ja, was denn nun?Die ostdeutsche Gen Z hat die DDR nicht miterlebt und fühlt sich trotzdem ostdeutsch. Auf ihre ganz eigene Weise – anders als ihre Eltern, mit anderen Fragen, anderen Hoffnungen. Wir sind nur mit Geschichten der DDR aufgewachsen, aber dafür mit eigenen Erinnerungen. Zwischen „Jammerossi“-Witzen und Ostalgie-Dokus im Fernsehen mussten wir uns erst einmal sortieren: Was davon gehört wirklich zu uns – und was wurde uns übergestülpt? Man muss die DDR nicht miterlebt haben, um ostdeutsch zu sein. Ostdeutsch macht die Erfahrung der Transformation.Ich wünsche mir, dass wir die Geschichten unserer Eltern endlich als Teil unserer gemeinsamen Geschichte begreifen. Und ich wünsche mir, dass auch unsere Geschichte gesehen wird: die der Kinder und Enkel der Transformation, die gelernt haben, zwischen Ostklischees und Westnorm ihren eigenen Platz zu suchen.Der Osten ist mehr als Strukturfördergebiet und passive Kulisse für rechte Wahlergebnisse. Er ist ein Raum voller Wissen, Widerspruch und Widerstandskraft – und dieser Widerstand ist nicht nur rechts.Unsere HoffnungIch wünsche mir, dass der Osten die industrielle Stärke, funktionierende Infrastruktur und würdige Arbeit zurückgewinnt, die ihm zusteht – nicht als Nostalgie, sondern als Basis für die Zukunft. Mit der Selbstverständlichkeit, dass Wertschöpfung auch östlich der Elbe stattfinden darf. Vielleicht fängt diese Zukunft damit an, dass wir junge Ostler*innen endlich zuhören – unseren Eltern, uns selbst und einander. Und dass wir aufhören, den Osten nur als Problemzone zu betrachten, sondern als das, was er längst ist: ein Teil dieses Landes, der nicht hinterherläuft, sondern etwas Eigenes beizutragen hat.Während ich alte Fotos von meiner Familie betrachte, läuft das Lied „Papa fuhr immer einen großen LKW“ von dem Musiker Betterov. Dort heißt es:„Papa fuhr immer einen großen LKW / Doch irgendwann hat er zu mir gesagt / Besser, wenn du später Mal was anderes machst“.Mir kommen die Tränen, während ich am Küchentisch sitze.Das kleine Mädchen auf den Fotos bin ich längst nicht mehr. Ich wohne nicht mehr in der Neubauwohnung in Plauen, sondern im Berliner Altbau. Trage Schuhe mit Szenemarken. Und doch gehört dieses Mädchen noch zu mir – mit allem, was war: der Wut, dem Stolz, den Enttäuschungen.Mein Vati fuhr drüben immer einen großen LKW, manchmal denke ich dran, bevor ich schlafen geh. Vielleicht müssen die, die nach uns kommen, das nicht mehr sagen. Und vielleicht ist genau das unsere gemeinsame Hoffnung als junge Ostdeutsche – und die Antwort auf die Frage, die wir uns an jenem Morgen gestellt haben.



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