Ob „Glass Skin“, die besonders makellose Haut, oder ein schlanker Bauch mittels Ozempic-Spritze: Die derzeitigen Schönheitsideale sind nicht einfach nur ästhetische Vorlieben für Symmetrie, sondern Machtinstrumente. Eingebettet in patriarchale Strukturen, koloniale Geschichte und einen Medienbetrieb, der bestimmte Körper sichtbar und andere unsichtbar macht. Schönheitsideale sind hartnäckig, sie treffen nicht alle gleich. Der weibliche Körper wird immer wieder zum Ort gesellschaftlicher Aushandlungen.

Theoretikerinnen wie Sandra Lee Bartky beschreiben Weiblichkeit als Ergebnis von Praktiken wie Make-up, Kleidung bis hin zu Diäten. Schönheit ist damit kein Ideal, das man erreichen kann, sondern eine Norm, der man sich anpasst. Die Kulturwissenschaftlerin Naomi Wolf beschreibt in ihrem Buch The Beauty Myth den „Schönheitsmythos“ als ein System, das Frauen permanent mit einem unerreichbaren Ideal konfrontiert und sie so in einem Zustand ständiger Selbstoptimierung hält. Der Körper wird dabei zu einem Projekt. Und zum Problem.

„Ich dachte, dünn sein würde mein Leben verbessern.“

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Nora N. ist 24 Jahre alt und Studentin. Mit etwa neun Jahren lernt Nora N., dass ihr Körper bewertet wird. Ihre älteren männlichen Verwandten bewerteten ihren Körper, als wäre es selbstverständlich. Es ist der Beginn eines Verhältnisses zu ihrem Körper, das von Vergleichen, Unsicherheit und dem Gefühl geprägt ist, nie ganz zu genügen.

Dabei sind solche Momente keine Einzelfälle, sondern Teil eines Systems. Die Erfahrungen von damals haben sie lange begleitet. „Ich habe mich lange Zeit unwohl in meinem Körper gefühlt oder dachte, er müsse verbessert werden.“ Ein Faktor, der zu ihrer Essstörung beitrug. Hinzu kam ein gesellschaftlicher Trend: der immer wiederkehrende „Dünnheits-Wahn“.

„Ich hatte das Gefühl, ständig dünner sein zu müssen. Ich glaubte, dass mein Leben besser wäre, sobald ich meine Traumfigur habe.“ Der Druck, einem Schönheitsideal zu entsprechen, verändert nicht nur, wie Frauen sich selbst sehen, sondern auch, wie sie gesehen und bewertet werden. In patriarchalen Gesellschaften orientieren sich Schönheitsideale daran, was als begehrenswert für Männer gilt: jung, schlank, sexualisiert. Der weibliche Körper wird so zum Maßstab sozialer Anerkennung. Denn während sie auf ihren Körper reduziert werden, wird ihre Kompetenz entwertet.

Frauenkörper als Investitionsfläche

Nora N. kennt dieses Spannungsverhältnis. Auf die Frage, ob sie den Eindruck habe, dass ihre Fähigkeiten hinter ihrem Aussehen zurücktreten, antwortet sie ohne zu zögern: „Ja. Ich bringe super viel Leistung und glaube, dass meine Kompetenz wegen meines Aussehens oftmals unterschätzt wird.“

Wer primär als bewertbarer Körper wahrgenommen wird, muss sich seine Kompetenz zusätzlich erarbeiten – so, als stünde Attraktivität im Widerspruch dazu. In patriarchalen Strukturen gibt es somit keine „Gewinnerinnen“. Selbst wenn Frauen versuchen, dem Ideal zu entsprechen, werden sie nicht automatisch weniger verurteilt.

Medien haben diesen Druck schon immer verstärkt. Waren es früher Magazine und das Fernsehen, sind es heute die sozialen Medien und ihre Algorithmen. Sichtbar sind vor allem schlanke Körper, symmetrische Gesichter, glatte Haut. „Social Media zeigt einem alles, was noch verbessert werden könnte“, sagt Nora N. „Zum Beispiel, dass volle Lippen und ein schönes Gesicht dich begehrenswert und erfolgreicher machen.“ Sie vergleicht sich heute zwar weniger als noch vor wenigen Jahren, findet es dennoch schwer, sich gänzlich davon zu lösen.

Das Geschäft mit der Unzufriedenheit

Was Nora N. beschreibt, ist kein Einzelphänomen. Schönheitseingriffe sind zugänglicher und alltäglicher geworden. Damit wird „gemachte“ Schönheit zunehmend als „natürlich“ gerahmt. Parallel dazu wächst eine milliardenschwere Industrie, die von diesem Ideal und der Unzufriedenheit von Frauen profitiert.

Kosmetik, Mode, Schönheits-OPs und teure Fitnessprodukte versprechen Verbesserung, machen den Körper zur Investitionsfläche und Frauen abhängig von Moden, die immer wieder – auch finanzielle – Opfer fordern. Die Risiken der OPs und Eingriffe und ihre horrenden Kosten werden dabei gern ausgeblendet. Gleichzeitig fördert die normierte Schönheit soziale Hierarchien.

Doch der Druck trifft nicht alle gleich. Nora N. erlebt das etwa in Bezug auf ihre Herkunft. Ihr Vater kommt aus Syrien, sie selbst hat dunkelbraune Locken und grünbraune Augen. Häufig wird sie jedoch als Latina gelesen. „Ich werde oft als ‚exotisch‘ oder ‚anders‘ wahrgenommen“, sagt sie.

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Diese Zuschreibungen seien meist sexualisierter Natur. „Wenn ich dann erzähle, dass ich Halb-Syrerin bin, sind viele überrascht. Vielleicht liegt das daran, dass arabische Frauen nicht als ‚sexy, frei und schön‘ wahrgenommen werden.“ N. betont, dass Latina-Frauen somit stärker sexualisiert werden. Schönheit kann nicht nur normiert, sondern auch hierarchisch organisiert werden.

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Diese Erfahrungen teilt Faourouz Sadaoutchi. Auf der Plattform Instagram spricht sie oft über Rassismus und koloniale Strukturen. Auch sie erlebe, dass die Körper von nicht-weißen Frauen in Europa unterschiedlich bewertet werden. Schon in der Schule wurde ihr Aussehen kommentiert. „Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, wurde ich gehänselt, weil mein Po zu groß sei.“ Als Teenagerin erhielt sie widersprüchliche Rückmeldungen.

In ihrem vorwiegend weißen Umfeld galt sie als schlank und schön, während ihre Familie sie als zu dünn wahrnahm. „Ich bin in der weißen Mehrheitsgesellschaft aufgewachsen. Deshalb war es mir wichtiger, was dort als schön galt.“ Erst durch den Kontakt zur Schwarzen Community habe sich ihr Blick auf ihren Körper verändert. „Da habe ich mich zum ersten Mal schön gefühlt.“

Was bei weißen Frauen als Errungenschaft gilt, ist bei schwarzen Frauen „zu viel“

Sadaoutchi beschreibt auch, wie sich Bewertungen von Merkmalen verschieben: „Ich wurde früher wegen dicker Lippen abgewertet. Jetzt spritzen sich weiße Frauen die Lippen auf, und plötzlich ist es schön.“ Was an Schwarzen Frauen als zu viel gelte, werde an weißen Frauen zur Errungenschaft. Obwohl die Merkmale die gleichen bleiben, kommt es bei diesen Moden darauf an, wer sie in der Hierarchie der Körper trägt.

Diese Dynamik hat eine lange Tradition. Sadaoutchi erzählt von Sarah Baartman, einer Khoikhoi-Frau, die im 19. Jahrhundert nach Europa verschleppt und als „Schauobjekt“ ausgestellt wurde. Ihre Körperform wurde vom europäischen Publikum als fremd und spektakulär betrachtet. „Das ist kein abgeschlossenes Kapitel“, sagt sie. „Diese Strukturen sind noch da, in den Kommentaren, in den Blicken, in dem Referenzrahmen, was als schön gilt und was nicht.“

Westliche Schönheitsvorstellungen fungieren dabei häufig als Ausgangspunkt, an dem sich andere Körper zu orientieren haben. „Schon mit dem Kolonialismus setzte man eine Norm: Je weißer und dünner, desto näher kommst du an dieses Ideal.“

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Das Dünnsein ist stets präsent

Vor allem in den sozialen Medien zeigt sich diese Dynamik: Sadaoutchi berichtet, dass unter ihren Videos oft nicht über ihre politischen Inhalte diskutiert werde, sondern über ihren Körper. „50 Prozent der Kommentare drehen sich um meine Figur. Ich solle erst einmal abnehmen, bevor ich so etwas sagen könne, wurde oft geschrieben. Ich wurde sehr oft wegen meines Körpers beschämt“, erzählt sie. Auch bei rassismuskritischen Inhalten würde in den Kommentaren vor allem ihre Figur bewertet, während ihr ihre Expertise abgesprochen werden würde.

Für Sadaoutchi bedeutet ihre aktive Präsenz in den sozialen Medien aber auch eine Wendung ins Positive. Hier würden zumindest auch Körper abseits der Norm sichtbar sein. Aber das reiche nicht aus. „Wir müssen lernen, dass nicht alles einer bestimmten Norm entsprechen muss. Andere Kulturen haben andere Schönheitsnormen“, betont die Influencerin.

Doch wie sehr dringen diese anderen Schönheitsnormen durch? Seit etlicher Zeit kursieren erneut Bilder von Hollywood-Schauspieler*innen, deren Körper immer schmaler werden. Noch vor einem Jahr wurde unter dem Schlagwort „Skinny-Tok“ genau dieses ungesunde Körperbild millionenfach reproduziert. Solche Trends kommen in Wellen und erzählen doch immer wieder dasselbe.

Wer ständig gegen seinen Körper kämpft, kämpft nicht gegen Strukturen

Das dünne Ideal hält sich hartnäckig und treibt Frauen dazu an, weniger zu werden und weniger Raum einzunehmen. Die Philosophin Susan Bordo beschreibt das Schlankheitsideal als eine Form von Disziplinierung, in der sich gesellschaftliche Anforderungen in den Körper einschreiben. Dünn zu sein bedeutet dann nicht nur, einem Schönheitsideal zu entsprechen, sondern auch, Kontrolle über den Körper zu demonstrieren.

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Dieser Logik gemäß wird körperliche Unsicherheit produktiv. Denn wer sich permanent mit dem eigenen Körper beschäftigt, ihn bewertet, optimiert oder infrage stellt, richtet den Blick nur noch auf sich. Und wer damit beschäftigt ist, den eigenen Körper zu verkleinern und anzupassen, stellt seltener die Verhältnisse infrage, die ihn klein und angepasst haben wollen.

Ungeschminke Frauen werden als „müde“ und „alt“ bezeichnet

Doch es gibt Frauen, die sich dem widersetzen: Die US-amerikanische Regisseurin Lena Dunham spricht sich seit Jahren offen gegen den Schlankheitswahn in ihrer Branche aus und postet ungeschönte Bikinifotos aus dem Urlaub. Aber auch Frauen wie Alicia Keys, die sich vor zehn Jahren als erste Künstlerin ohne Make-up auf die Bühne traute, sind in der Hinsicht Vorreiterinnen gegen immer wieder neue Schönheitstrends.

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Als „müde“ und „alt“ wurde die Schauspielerin Pamela Anderson bezeichnet, seit sie ungeschminkt auf dem roten Teppich erscheint. Und auch wenn sich nun eine kleine Gegenbewegung formieren mag: Schönheitsideale entscheiden weiterhin darüber, wessen Körper als wertvoll gilt und wessen nicht.

Solange sich daran nichts verändert, bleibt auch der vermeintlich individuelle Umgang mit dem eigenen Körper politisch. Doch die Frage sollte weniger sein, ob Frauen sich dem – meist männlich geprägten – Blick entziehen können, sondern warum dieser Blick noch immer derart wirkmächtig ist

Diäten. Schönheit ist damit kein Ideal, das man erreichen kann, sondern eine Norm, der man sich anpasst. Die Kulturwissenschaftlerin Naomi Wolf beschreibt in ihrem Buch The Beauty Myth den „Schönheitsmythos“ als ein System, das Frauen permanent mit einem unerreichbaren Ideal konfrontiert und sie so in einem Zustand ständiger Selbstoptimierung hält. Der Körper wird dabei zu einem Projekt. Und zum Problem.„Ich dachte, dünn sein würde mein Leben verbessern.“Placeholder image-1Nora N. ist 24 Jahre alt und Studentin. Mit etwa neun Jahren lernt Nora N., dass ihr Körper bewertet wird. Ihre älteren männlichen Verwandten bewerteten ihren Körper, als wäre es selbstverständlich. Es ist der Beginn eines Verhältnisses zu ihrem Körper, das von Vergleichen, Unsicherheit und dem Gefühl geprägt ist, nie ganz zu genügen.Dabei sind solche Momente keine Einzelfälle, sondern Teil eines Systems. Die Erfahrungen von damals haben sie lange begleitet. „Ich habe mich lange Zeit unwohl in meinem Körper gefühlt oder dachte, er müsse verbessert werden.“ Ein Faktor, der zu ihrer Essstörung beitrug. Hinzu kam ein gesellschaftlicher Trend: der immer wiederkehrende „Dünnheits-Wahn“.„Ich hatte das Gefühl, ständig dünner sein zu müssen. Ich glaubte, dass mein Leben besser wäre, sobald ich meine Traumfigur habe.“ Der Druck, einem Schönheitsideal zu entsprechen, verändert nicht nur, wie Frauen sich selbst sehen, sondern auch, wie sie gesehen und bewertet werden. In patriarchalen Gesellschaften orientieren sich Schönheitsideale daran, was als begehrenswert für Männer gilt: jung, schlank, sexualisiert. Der weibliche Körper wird so zum Maßstab sozialer Anerkennung. Denn während sie auf ihren Körper reduziert werden, wird ihre Kompetenz entwertet.Frauenkörper als InvestitionsflächeNora N. kennt dieses Spannungsverhältnis. Auf die Frage, ob sie den Eindruck habe, dass ihre Fähigkeiten hinter ihrem Aussehen zurücktreten, antwortet sie ohne zu zögern: „Ja. Ich bringe super viel Leistung und glaube, dass meine Kompetenz wegen meines Aussehens oftmals unterschätzt wird.“Wer primär als bewertbarer Körper wahrgenommen wird, muss sich seine Kompetenz zusätzlich erarbeiten – so, als stünde Attraktivität im Widerspruch dazu. In patriarchalen Strukturen gibt es somit keine „Gewinnerinnen“. Selbst wenn Frauen versuchen, dem Ideal zu entsprechen, werden sie nicht automatisch weniger verurteilt.Medien haben diesen Druck schon immer verstärkt. Waren es früher Magazine und das Fernsehen, sind es heute die sozialen Medien und ihre Algorithmen. Sichtbar sind vor allem schlanke Körper, symmetrische Gesichter, glatte Haut. „Social Media zeigt einem alles, was noch verbessert werden könnte“, sagt Nora N. „Zum Beispiel, dass volle Lippen und ein schönes Gesicht dich begehrenswert und erfolgreicher machen.“ Sie vergleicht sich heute zwar weniger als noch vor wenigen Jahren, findet es dennoch schwer, sich gänzlich davon zu lösen.Das Geschäft mit der UnzufriedenheitWas Nora N. beschreibt, ist kein Einzelphänomen. Schönheitseingriffe sind zugänglicher und alltäglicher geworden. Damit wird „gemachte“ Schönheit zunehmend als „natürlich“ gerahmt. Parallel dazu wächst eine milliardenschwere Industrie, die von diesem Ideal und der Unzufriedenheit von Frauen profitiert.Kosmetik, Mode, Schönheits-OPs und teure Fitnessprodukte versprechen Verbesserung, machen den Körper zur Investitionsfläche und Frauen abhängig von Moden, die immer wieder – auch finanzielle – Opfer fordern. Die Risiken der OPs und Eingriffe und ihre horrenden Kosten werden dabei gern ausgeblendet. Gleichzeitig fördert die normierte Schönheit soziale Hierarchien.Doch der Druck trifft nicht alle gleich. Nora N. erlebt das etwa in Bezug auf ihre Herkunft. Ihr Vater kommt aus Syrien, sie selbst hat dunkelbraune Locken und grünbraune Augen. Häufig wird sie jedoch als Latina gelesen. „Ich werde oft als ‚exotisch‘ oder ‚anders‘ wahrgenommen“, sagt sie.Placeholder image-2Diese Zuschreibungen seien meist sexualisierter Natur. „Wenn ich dann erzähle, dass ich Halb-Syrerin bin, sind viele überrascht. Vielleicht liegt das daran, dass arabische Frauen nicht als ‚sexy, frei und schön‘ wahrgenommen werden.“ N. betont, dass Latina-Frauen somit stärker sexualisiert werden. Schönheit kann nicht nur normiert, sondern auch hierarchisch organisiert werden.!—- Parallax text ends here —-!Diese Erfahrungen teilt Faourouz Sadaoutchi. Auf der Plattform Instagram spricht sie oft über Rassismus und koloniale Strukturen. Auch sie erlebe, dass die Körper von nicht-weißen Frauen in Europa unterschiedlich bewertet werden. Schon in der Schule wurde ihr Aussehen kommentiert. „Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, wurde ich gehänselt, weil mein Po zu groß sei.“ Als Teenagerin erhielt sie widersprüchliche Rückmeldungen.In ihrem vorwiegend weißen Umfeld galt sie als schlank und schön, während ihre Familie sie als zu dünn wahrnahm. „Ich bin in der weißen Mehrheitsgesellschaft aufgewachsen. Deshalb war es mir wichtiger, was dort als schön galt.“ Erst durch den Kontakt zur Schwarzen Community habe sich ihr Blick auf ihren Körper verändert. „Da habe ich mich zum ersten Mal schön gefühlt.“Was bei weißen Frauen als Errungenschaft gilt, ist bei schwarzen Frauen „zu viel“Sadaoutchi beschreibt auch, wie sich Bewertungen von Merkmalen verschieben: „Ich wurde früher wegen dicker Lippen abgewertet. Jetzt spritzen sich weiße Frauen die Lippen auf, und plötzlich ist es schön.“ Was an Schwarzen Frauen als zu viel gelte, werde an weißen Frauen zur Errungenschaft. Obwohl die Merkmale die gleichen bleiben, kommt es bei diesen Moden darauf an, wer sie in der Hierarchie der Körper trägt.Diese Dynamik hat eine lange Tradition. Sadaoutchi erzählt von Sarah Baartman, einer Khoikhoi-Frau, die im 19. Jahrhundert nach Europa verschleppt und als „Schauobjekt“ ausgestellt wurde. Ihre Körperform wurde vom europäischen Publikum als fremd und spektakulär betrachtet. „Das ist kein abgeschlossenes Kapitel“, sagt sie. „Diese Strukturen sind noch da, in den Kommentaren, in den Blicken, in dem Referenzrahmen, was als schön gilt und was nicht.“Westliche Schönheitsvorstellungen fungieren dabei häufig als Ausgangspunkt, an dem sich andere Körper zu orientieren haben. „Schon mit dem Kolonialismus setzte man eine Norm: Je weißer und dünner, desto näher kommst du an dieses Ideal.“Placeholder image-3Das Dünnsein ist stets präsentVor allem in den sozialen Medien zeigt sich diese Dynamik: Sadaoutchi berichtet, dass unter ihren Videos oft nicht über ihre politischen Inhalte diskutiert werde, sondern über ihren Körper. „50 Prozent der Kommentare drehen sich um meine Figur. Ich solle erst einmal abnehmen, bevor ich so etwas sagen könne, wurde oft geschrieben. Ich wurde sehr oft wegen meines Körpers beschämt“, erzählt sie. Auch bei rassismuskritischen Inhalten würde in den Kommentaren vor allem ihre Figur bewertet, während ihr ihre Expertise abgesprochen werden würde.Für Sadaoutchi bedeutet ihre aktive Präsenz in den sozialen Medien aber auch eine Wendung ins Positive. Hier würden zumindest auch Körper abseits der Norm sichtbar sein. Aber das reiche nicht aus. „Wir müssen lernen, dass nicht alles einer bestimmten Norm entsprechen muss. Andere Kulturen haben andere Schönheitsnormen“, betont die Influencerin.Doch wie sehr dringen diese anderen Schönheitsnormen durch? Seit etlicher Zeit kursieren erneut Bilder von Hollywood-Schauspieler*innen, deren Körper immer schmaler werden. Noch vor einem Jahr wurde unter dem Schlagwort „Skinny-Tok“ genau dieses ungesunde Körperbild millionenfach reproduziert. Solche Trends kommen in Wellen und erzählen doch immer wieder dasselbe.Wer ständig gegen seinen Körper kämpft, kämpft nicht gegen StrukturenDas dünne Ideal hält sich hartnäckig und treibt Frauen dazu an, weniger zu werden und weniger Raum einzunehmen. Die Philosophin Susan Bordo beschreibt das Schlankheitsideal als eine Form von Disziplinierung, in der sich gesellschaftliche Anforderungen in den Körper einschreiben. Dünn zu sein bedeutet dann nicht nur, einem Schönheitsideal zu entsprechen, sondern auch, Kontrolle über den Körper zu demonstrieren.Placeholder image-6Dieser Logik gemäß wird körperliche Unsicherheit produktiv. Denn wer sich permanent mit dem eigenen Körper beschäftigt, ihn bewertet, optimiert oder infrage stellt, richtet den Blick nur noch auf sich. Und wer damit beschäftigt ist, den eigenen Körper zu verkleinern und anzupassen, stellt seltener die Verhältnisse infrage, die ihn klein und angepasst haben wollen.Ungeschminke Frauen werden als „müde“ und „alt“ bezeichnetDoch es gibt Frauen, die sich dem widersetzen: Die US-amerikanische Regisseurin Lena Dunham spricht sich seit Jahren offen gegen den Schlankheitswahn in ihrer Branche aus und postet ungeschönte Bikinifotos aus dem Urlaub. Aber auch Frauen wie Alicia Keys, die sich vor zehn Jahren als erste Künstlerin ohne Make-up auf die Bühne traute, sind in der Hinsicht Vorreiterinnen gegen immer wieder neue Schönheitstrends.Placeholder image-7Als „müde“ und „alt“ wurde die Schauspielerin Pamela Anderson bezeichnet, seit sie ungeschminkt auf dem roten Teppich erscheint. Und auch wenn sich nun eine kleine Gegenbewegung formieren mag: Schönheitsideale entscheiden weiterhin darüber, wessen Körper als wertvoll gilt und wessen nicht.Solange sich daran nichts verändert, bleibt auch der vermeintlich individuelle Umgang mit dem eigenen Körper politisch. Doch die Frage sollte weniger sein, ob Frauen sich dem – meist männlich geprägten – Blick entziehen können, sondern warum dieser Blick noch immer derart wirkmächtig ist





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