Während die Weltöffentlichkeit auf die großen Krisen blickt, versinkt ein weiteres afrikanisches Land im Schatten der Aufmerksamkeit. Kamerun steht für koloniale Altlasten, ausgebeutete Rohstoffe, autoritäre Herrschaft und vergessene Bürgerkriege. Der Westen schaut weg – solange Öl, Gas und strategische Interessen gesichert bleiben. Die Leidtragenden sind Millionen Menschen ohne Stimme. Von Dr. Gabriele Lademann-Priemer.

Die achte Wahl von Paul Biya

Es war eher eine Randnotiz in der Mainstream-Presse, dass am 12. Oktober 2025 der 92-jährige Paul Biya (geb. 1933) seine achte Amtszeit als Präsident in Kamerun antrat. Er hatte 53,66 Prozent der Stimmen, sein Rivale 35,19 Prozent. 2008 schaffte Biya die Begrenzung der Amtszeit des Präsidenten ab. Allerdings gab es nach der Wahl Unruhen von jungen Menschen und Oppositionellen, es soll vier Tote und 100 Festnahmen gegeben haben, auch Sicherheitskräfte seien verletzt worden.[1]

Biya regiert das Land seit 1982, er ist der am längsten amtierende und älteste Regierungschef überhaupt. Seine Partei ist die RDPC (Rassemblement Démocratique du Peuple Camerounais). Regelmäßig werden Wahlen abgehalten, die freilich hinsichtlich des demokratischen Verfahrens umstritten sind. Biya hält sich aus gesundheitlichen Gründen weitgehend in der Schweiz auf; seine Familie und seine Klientel verfügen über einflussreiche Posten. Angeblich habe jedoch die Tochter Brenda aufgerufen, ihren Vater nicht zu wählen, wohingegen einer der Söhne von Biyas Ehefrau Chantal als Nachfolger im Gespräch sei.[2] Die Parlamentswahlen, zunächst verschoben auf Februar 2026, sollen mittlerweile auf Dezember 2026 verlegt worden sein.

Das Land Kamerun

Aber was weiß „man“ schon über Kamerun? Allenfalls vielleicht, dass das Land von 1884 bis 1919 eine deutsche Kolonie war. 1884 landete Gustav Nachtigal (1834-1885) in Kamerun. Nachtigal war Afrikaforscher und ein leidenschaftlicher Kritiker des Sklavenhandels, den er selbst in Afrika erlebt hatte. Seit 1882 war er Reichskommissar, der im westlichen Afrika die Flaggen des Deutschen Reiches hisste.[3]

Kamerun ist im Süden begrenzt von Äquatorial Guinea, Gabun und der Republik Kongo (ehemals Kongo-Brazzaville), im Osten von der Zentralafrikanischen Republik, im Norden vom Tschad und von Nigeria und im Westen von Nigeria sowie dem Süd-Atlantik. In der Tourismusbranche wird Kamerun manchmal als „das kleine Afrika“[4] bezeichnet, denn es umfasst die verschiedenen Landschaftstypen und Klimate: Regenwald, Strände, Bergregionen mit dem meistens von Wolken verhangenen Mount Cameroon (4095m, der höchste Berg Westafrikas), sodann Savanne und außerdem Wüste im höchsten Norden des Landes. Seit 50.000 Jahren ist die Region bewohnt, 1472 betrat der Portugiese Fernão do Pó als erster Europäer das Land, später entwickelte sich der Sklavenhandel und dann der Handel mit Gummi und Palmöl.

Kamerun hat ca. 30.640.800 Einwohner, mehr als 100 Ethnien, die Amtssprachen sind Französisch und Englisch, aber darauf komme ich noch. Die Ureinwohner waren Baka-Pygmäen, die bis heute im Urwald leben – eine unterdrückte Bevölkerung, deren menschenrechtliche Probleme gar nicht beleuchtet werden. Bantu und Fulbe wanderten in das Gebiet des späteren Kamerun ein.

In den Jahren nach 2016 wurde gelegentlich von Aufständen berichtet, von „Rebellen“, die den „Staat Ambazonia“ (Hinterland der Bucht von Ambas) ins Leben riefen, sowie von Entführungen von Europäern in der Grenzregion im äußersten Norden, dem Ländereck Kamerun/Tschad/Nigeria. Aber seither hört man nicht mehr sehr viel, andere Konflikte und Kriege erregen deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit. Ob der Besuch des Papstes im April 2026 Spuren hinterlässt, wird sich zeigen.

Französische Kolonie Kamerun

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor das Deutsche Reich seine Kolonien, Kamerun wurde dem Völkerbund unterstellt und aufgeteilt in ein britisches und ein französisches Mandatsgebiet. Das britische Gebiet umfasste einen Teil Nordkameruns, der später an Nigeria angeschlossen wurde, sowie einen britischen Streifen im Nordwesten Kameruns, der einige traditionelle Königtümer (Fon-tümer) umfasst. Ein südlicher Teil wurde „Französisch-Kamerun“.

In den Fünfzigerjahren kämpften politische Parteien in Kamerun um die Unabhängigkeit, und Frankreich führte bis 1958 einen in Deutschland völlig unbekannten Kolonialkrieg[5] gegen sogenannte Rebellen. Zum einen war damals das mediale Augenmerk auf die französischen Kolonialkriege in Vietnam (damals Indochina 1945-1954) und Algerien (1954-1962) gerichtet sowie auf den Mau-Mau-Aufstand in Kenia (1952-1960) gegen die Briten, zum anderen flogen zwar französische Piloten Kampfeinsätze in Kamerun, es wurden jedoch afrikanische Truppen gegen die Bevölkerung eingesetzt, wenn auch die Franzosen mindestens Zeugen von Massakern wurden. Jedoch war auch der Widerstand der sogenannten Upécistes (Anhänger der UPC, Union des Populations du Cameroun) gewalttätig.[6] 1958 ermordeten die Franzosen den als charismatisch geltenden „Rebellenführer“ Ruben Um Nyobè (geb. 1913), der die Aufständischen hatte vereinen wollen und Generalsekretär der UPC gewesen war. Sein Name wurde ausgemerzt, und es war gefährlich, sich seines Todes zu erinnern.[7]

Die Aufständischen gingen in den „Busch“, daher ihre Bezeichnung als Maquisards (von Maquis, Busch). Man versuchte, spätestens seit Januar 1958 den Busch abzuholzen und niederzulegen. Gegen politische Gegner und Maquisards wurde mit Gefängnis, Folter und Mord vorgegangen. Anführer wurden auch im Exil verfolgt und zum Teil ermordet. Félix-Roland Moumié, geb. 1925 oder 1926, ebenfalls ein Führer der UPC, wurde 1960 in Genf vom französischen Geheimdienst mit Rattengift umgebracht.[8] Andere Mitglieder der Maquisards wurden gefoltert und, wenn sie überlebten, in Umerziehungslager verbracht.[9]

Der letzte Chef der UPC Ernest Ouandié, geb. 1914, kehrte 1961 aus dem Exil nach Kamerun zurück und kämpfte als Führer der Maquisards gegen das Regime. Beeinflusst waren die Maquisards vom Kommunismus. Ouandié wurde zehn Jahre später in Bafoussam im Januar 1971 mit zwei Kameraden auf dem Marktplatz erschossen, Bischof Ndongmo (1926-1992), der ihn unterstützt hatte, verschwand in einem Umerziehungslager.[10]

1960 erlangte Kamerun seine Unabhängigkeit, und die englischsprachigen Gebiete sollten sich entscheiden, ob sie an Nigeria oder Kamerun angeschlossen werden wollten /sollten. Die Option der Unabhängigkeit bestand nicht. Die Verwaltungen des britischen und französischen Teils unterschieden sich insofern, als die britische Verwaltung föderal war, die französische zentralistisch. Der Weg führte für die Fon-tümer im Nordwesten in den Zentralismus.

Kamerun und die Unabhängigkeit

Der erste Präsident Kameruns von 1960 bis 1982 war Amadou Ahidjo (1924-1989), ein Fulbe; er war ein Gegner Um Nyobès. Einerseits wurde Ahidjo wegen seiner undemokratischen Herrschaft kritisiert, andererseits aber auch gelobt als einer, der die Korruption bekämpfte.[11] Er beendete den Autonomiestatus der ehemaligen britischen Provinzen. 1972 wurde Kamerun zum Einparteienstaat. Englisch und Französisch wurden nicht mehr als gleichberechtigt anerkannt, Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit breiteten sich aus.[12] Damit war der Grundstein gelegt für den Kampf um die Abspaltung und die Gründung von „Ambazonia“ im Nordwesten Kameruns.[13]

Ambazonia umfasst ca. 43.000 Quadratkilometer und hat ca. sechs Millionen Einwohner. Was als friedlicher Protest begonnen hatte, wurde immer gewalttätiger auf beiden Seiten. Zunächst gab es Proteste u.a. von Lehrern und Juristen gegen die Benachteiligung der englischen Sprache; die Demonstrationen wurden blutig niedergeschlagen. 2017 wurde nach dem Generalstreik von 2016 die „Republik Ambazonia“ ausgerufen. Paul Biya nannte die „Sezessionisten“ „Terroristen“. Was für den einen Widerstandskämpfer sind, sind für den anderen Terroristen, es kommt auf den jeweiligen Standpunkt an, allerdings schließen sich Widerstandskampf und Terrorismus nicht unbedingt aus.

2024 gab es ca. 600.000 Binnenflüchtlinge, 73.000 Flüchtlinge ins benachbarte Nigeria sowie mehr als 6.500 Tote. Kinder sind durch Schulschließungen von der Bildung ausgeschlossen.

Zugeständnisse der Regierung blieben in der Umsetzung hinter den Vereinbarungen zurück, die Kämpfe flammten seitens der Aufständischen wieder auf. Es handelt sich wohl jetzt in erster Linie um Überfälle kleiner Gruppen, um Entführungen und Attentate, sodass das Gebiet im Nordwesten insgesamt unsicher ist. Der Tourismus ist hier zum Erliegen gekommen. Verschärfend wirken Korruption und Übergriffe durch verantwortliche Politiker. Die Hilfe, die von Kanada (2023) und der Schweiz angeboten wurde, wurde als Einmischung von außen abgelehnt. China investiert in Kamerun, mischt sich jedoch nicht ein, u.a. vermutlich, um keine Konzessionen zu verlieren.

Pressefreiheit gibt es nicht, die Opposition wird eingeschüchtert. 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt, deren Anliegen werden in der herrschenden Klasse aus Klientelismus und Nepotismus nicht beachtet.[14]

Die Forderung lautet, die Republik Ambazonia sollte anerkannt werden, Staatsoberhaupt solle der Fon (König) Gorji-Dinka werden. Der Fon ist Rechtsanwalt und hat politisches Asyl in England nach Jahren von Gefängnis, Folter, Hausarrest. Ob andere Widerstandsgruppen diesen Plan teilen, ist nicht bekannt.[15]

Im Fon-tum Oku im Nordwesten Kameruns treiben Rebellengruppen ihr Unwesen, allerdings ist nicht bekannt, wer dazu gehört und wer sie genau sind. Die beiden Zufahrtsstraßen dorthin sind unsicher.

Im hohen Norden operieren Gruppen wie Boko Haram grenzübergreifend. Vermutlich ist die Gruppe der Kotoko inzwischen wegen ihres „Heidentums“ ausgerottet von den Islamisten. Die Kotoko vermischten den Islam mit ihrer Tradition. Entführungen und Überfälle sind im äußersten Norden an der Tagesordnung. Schulen sind geschlossen, die Menschen leben in Unsicherheit. Man rechnet hier mit ca. 500.000 Binnenvertriebenen zwischen August 2022 und 2023. [16] Seit 2024 ist ein amerikanisches Hilfsprogramm eingestellt.[17]

Kameruns Wirtschaft

Frankreich unterhält mit Kamerun wirtschaftliche und militärische Beziehungen; der Westen hofft, dass durch das herrschende Regime Rebellengruppen und Kommunisten bekämpft werden.

Geschäfte werden mit korrupten afrikanischen Eliten gemacht. Ihre Korruption wird teilweise negiert aus Gründen des Antirassismus. Kamerun bietet Tropenhölzer, die weitgehend nach Arabien und China verschifft werden. In der EU sind meines Wissens Tropenhölzer seit einigen Jahren als Baumaterial verboten. Die Abholzung des Urwalds durch Fällen der Bäume und Anlegen von Straßen zum Abtransport entzieht den Pygmäen ihre Lebensgrundlage. Viele von ihnen arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen, zersetzt von Krankheit und Alkohol, auf den Farmen der bantustämmigen Bevölkerung. Menschenrechtsorganisationen scheinen diesen Missstand nicht im Blick zu haben. Es gibt in Kamerun eine Menschenrechtsorganisation, eine Kontaktaufnahme scheiterte. Sie ist regierungsabhängig.

Insgesamt ist Zentralafrika unruhig, ein Ende ist derzeit nicht absehbar. Im Golf von Guinea, einem Tiefseebecken, gibt es Ölförderung aller großen Konzerne. Ölplattformen sind vom Strand von Kribi aus zu sehen. ExxonMobil baute ferner zwischen 2000 und 2003 eine Öl-Pipeline von Tschad zum Hafen von Kribi (Kribi Deepwater Port) – mit erheblichen Beeinträchtigungen für die Umwelt. Inzwischen hat der Konzern seine Anteile an Savannah Energy verkauft, der Konzern ist in London registriert.[18] Es gibt LNG-Projekte u.a. vor der Küste Kameruns, und Europa hofft anscheinend auf LNG aus Afrika. Jedoch scheinen infrastrukturelle Probleme und politische Unsicherheit hinderlich zu sein.[19] Grundsätzlich ist anzumerken, dass die Einkünfte aus den Konzessionen an die großen Konzerne meistens nicht der Bevölkerung zugutekommen, sondern den jeweiligen Machthabern.

Die Haupteinnahmequelle Kameruns sind Erdgas und Erdöl, andere Exportgüter sind Kakao, Kaffee, Aluminium, Baumwolle und Kautschuk. Für Kaffee und auch Honig gibt oder gab es bäuerliche Kooperativen.

Kamerun und der Papstbesuch 2026

Seit dem 19. Jahrhundert sind die Katholiken mit heute 38,3 Prozent, Presbyterianer und Baptisten heute mit 25,5 Prozent die größten christlichen Kirchen in Kamerun. Die traditionellen Religionen sind verbreitet, der herkömmliche Islam mischt sich mit einheimischen Kulten und Gebräuchen, allerdings breitet sich seit Jahren ein arabisch geprägter Islamismus aus. 24,4 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch.[20] Alle anderen werden anscheinend den traditionellen Religionen zugezählt.

In vielen Regionen werden traditionelle Feste gefeiert, Maskenumzüge, Orakellesungen mit einer Mischung von Tradition und Islam sind verbreitet, die alten Götter und Geister werden verehrt. Angeblich macht sogar die herrschende Familie Biya von der Heil- und Kräuterkunde der Pygmäen Gebrauch, auch wenn diese Menschen verachtet sind. Geheimgesellschaften sorgen im Nordwesten für Recht und Ordnung, dem muss sich selbst der Sultan von Foumban beugen; die Geheimgesellschaft zieht ihn alle zwei Jahre für seine Regierungsgeschäfte zur Rechenschaft. Es ist jedoch nicht bekannt, dass je ein Sultan abgesetzt wurde. Natürlich ist der Sultan von der Regierung in Yaoundé abhängig.

Vom 15. bis 18.April 2026 besuchte Papst Leo XIV. Kamerun. Er appellierte an die Regierung, die Korruption zu beenden und sich für den Frieden einzusetzen. Der Papst besuchte auch Krisengebiete wie die anglophone Region um die Stadt Bamenda, wo er bei einem interreligiösen Treffen sprach. Laut der International Crisis Group haben die Kämpfe dort seit 2017 mehr als 6.000 Todesopfer gekostet und 600.000 Menschen sind geflohen.[21] „Scharfe Worte richtete der Papst in seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede an die Kriegsparteien. ‚Die Kriegsherren tun so, als ob sie nicht wüssten, dass ein Augenblick genügt, um zu zerstören; dass aber oft ein ganzes Leben nicht ausreicht, um wiederaufzubauen‘, sagte er. ‚Sie tun so, als sähen sie nicht, dass Milliarden Dollars verbraucht werden, um zu töten und zu verwüsten, dass man jedoch nicht die Mittel findet, um zu heilen, zu erziehen und wiederaufzurichten.‘

Weiter erklärte Leo XIV.: ‚Wer euer Land seiner Ressourcen beraubt, investiert in der Regel einen Großteil der Gewinne in Waffen, in eine Spirale von Destabilisierung und endlosem Sterben.‘ Jeder aufrichtige Mensch müsse dies anprangern. ‚Die Welt wird von wenigen Herrschenden zerstört und von Myriaden solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten!‘“[22]

Titlbild: EVER STOCK/shutterstock.com

Weitere Literatur:

H.Boum, Les Maquisards, Ciboure 2015 (Roman), hier wird der Tod Ruben Um Nyobès beschrieben

T. Deltombe / M. Domergue/ J. Tatsitsa, La Guerre du Cameroun – L’ Invention de la Françafrique, Paris 2016

A. Mbembe, La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun, Paris 1996

V. Seitz, Afrika wird arm regiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, München 2018



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