In dem Interview „THEY PUT A BOUNTY ON ME – Prof. Seyed Marandi On Iran War“ spricht der iranische Politikwissenschaftler Seyed Mohammad Marandi über die Gefahr eines neuen Krieges zwischen den USA, Israel und Iran, die Rolle des Zionismus in der amerikanischen Außenpolitik, die strategische Kontrolle der Straße von Hormus sowie persönliche Morddrohungen gegen ihn selbst. Das Gespräch zeichnet das Bild einer Region, die laut Marandi nur scheinbar in einer Waffenruhe lebt, während hinter den Kulissen bereits die nächste Eskalation vorbereitet werde.

Bereits zu Beginn macht Marandi deutlich, dass er einen neuen Angriff der USA und Israels auf Iran nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich hält. Die Vereinigten Staaten hätten in den vergangenen Wochen massiv militärische Ausrüstung in die Golfregion verlegt. Große Mengen an Truppen und Material seien nach Kuwait, Bahrain und in die Vereinigten Arabischen Emirate gebracht worden. Gleichzeitig stünden zahlreiche Kampfjets in Katar, Saudi-Arabien und den Emiraten bereit. Laut Marandi spreche vieles dafür, dass Washington sowohl einen großangelegten Luftkrieg als auch mögliche Bodenoperationen vorbereite.

Besonders alarmierend sei für ihn, dass diese Entscheidungen nicht rational getroffen würden. Der Fehler westlicher Analysten bestehe darin, die Lage logisch zu betrachten. Die Menschen um Donald Trump herum seien jedoch nicht rational, sagt Marandi. Der eigentliche Motor der Eskalation sei der Zionismus und der Einfluss der israelischen Lobby auf die amerikanische Politik. Selbst Trump wisse laut Marandi, dass ein Krieg gegen Iran nicht im Interesse der USA liege, werde jedoch permanent in diese Richtung gedrängt.

Marandi verweist dabei auf Aussagen des ehemaligen hochrangigen US-Geheimdienstmitarbeiters Joe Kent, der erklärt habe, Iran stelle keine nukleare Bedrohung dar und die eigentliche Triebkraft hinter der Eskalation sei die zionistische Agenda. Für Marandi habe sich daran in den vergangenen Monaten nichts geändert. Die Kräfte, die den Krieg begonnen hätten, seien weiterhin aktiv und hätten ihren Einfluss keineswegs verloren.

Der iranische Professor beschreibt Trump als politisch unberechenbar. Innerhalb weniger Stunden ändere der US-Präsident regelmäßig seine Positionen. Deshalb halte er es für sinnlos, einzelne Aussagen Trumps ernsthaft zu analysieren. Während westliche Medien jede neue Aussage als strategisches Signal deuteten, sehe er darin eher impulsive und widersprüchliche Kommunikation.

Besonders scharf kritisiert Marandi die westliche Reaktion auf Trumps Rhetorik gegenüber Iran. Wenn Trump offen über die „Auslöschung“ oder „Rückversetzung Irans in die Steinzeit“ spreche, gebe es weder Empörung westlicher Medien noch Verurteilungen durch europäische Parlamente. Das sage laut Marandi mehr über die politische Kultur des Westens aus als über Trump selbst.

Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die Frage, warum die Waffenruhe nach dem 39-tägigen Krieg zwischen Iran und den USA/Israel zunehmend zerfällt. Laut Marandi habe Iran Washington bereits mehrfach Möglichkeiten zur Deeskalation angeboten. Nach dem ersten 12-Tage-Krieg hätten die USA einen Waffenstillstand verlangt, nachdem ihre Strategie der „bedingungslosen Kapitulation“ gescheitert sei. Später hätten die USA mit massiver Feuerkraft erneut angegriffen, diesmal unter Nutzung der gesamten Golfregion als militärische Basis. Doch trotz dieser Eskalation habe Washington nach 39 Tagen schließlich den iranischen Zehn-Punkte-Plan als Grundlage weiterer Verhandlungen akzeptieren müssen.

Marandi beschreibt den anschließenden Waffenstillstand als komplexes regionales Abkommen, das auch Gaza und den Libanon einschloss. Iran habe zugesagt, Schiffe aus bestimmten Golfstaaten wieder durch die Straße von Hormus passieren zu lassen. Diese Passage sei zuvor ausschließlich für Länder blockiert worden, die sich aktiv an der amerikanischen Kriegskoalition beteiligt hätten – darunter die Emirate, Bahrain, Kuwait, Katar und Saudi-Arabien. Chinesische, russische, pakistanische oder indische Schiffe seien hingegen nie betroffen gewesen.

Doch laut Marandi sabotierte Israels Premierminister Benjamin Netanyahu diese Vereinbarung gezielt. Kurz nach Beginn des Waffenstillstands habe Israel den Libanon erneut bombardiert und versucht, die regionale Vereinbarung scheitern zu lassen. Gleichzeitig hätten die USA eine Blockade iranischer Häfen verhängt – ein Schritt, den Marandi als klaren Bruch des Waffenstillstands und als Akt des Krieges bezeichnet.

Besonders ausführlich spricht Marandi über die strategische Bedeutung der Straße von Hormus. Der Krieg habe Irans Haltung grundlegend verändert. Jahrzehntelang habe Teheran keine dauerhafte Kontrolle über die Meerenge angestrebt. Erst die Nutzung des Persischen Golfs als Ausgangspunkt für Angriffe auf Iran habe diese Politik verändert. Aus Sicht Teherans dürfe die Region nie wieder als militärische Plattform gegen Iran genutzt werden. Deshalb wolle Iran künftig eine dauerhafte Kontrolle über die Sicherheit der Straße von Hormus ausüben.

Marandi macht dafür insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate verantwortlich. Die Emirate hätten eine besonders enge Zusammenarbeit mit Israel und den USA aufgebaut und aktiv auf eine Eskalation gedrängt. Laut Marandi seien während des Krieges Mirage-Kampfjets bei Angriffen auf iranische Ziele eingesetzt worden – Flugzeuge, die die USA selbst nicht besitzen. Deshalb gehe man in Iran davon aus, dass die Emirate direkt an Angriffen beteiligt gewesen seien.

Er beschuldigt den emiratischen Präsidenten Mohammed bin Zayed indirekt, mit seiner engen Bindung an Israel das eigene Land in Gefahr zu bringen. Die Emirate seien heute ein Zentrum israelischer Einflussnahme in der Golfregion. Mossad-Strukturen hätten dort einen festen Fußabdruck, israelische Soldaten bewegten sich regelmäßig im Land, und emiratische Politik orientiere sich zunehmend an israelischen Interessen – sowohl am Golf als auch in Nordafrika und am Horn von Afrika.

Gleichzeitig betont Marandi, dass Iran historisch keine aggressive Regionalmacht gewesen sei. Seit rund 300 Jahren habe Iran keinen Angriffskrieg gegen Nachbarstaaten geführt. Stattdessen sei Iran mehrfach selbst Ziel von Kriegen geworden – insbesondere während des Iran-Irak-Krieges, als Saddam Hussein mit Unterstützung westlicher Staaten und der Golfmonarchien Iran angriff. Marandi erinnert daran, dass damals chemische Waffen gegen Iran eingesetzt worden seien und er selbst zwei Giftgasangriffe überlebt habe.

Der Professor wirft den Golfstaaten vor, trotz früherer Versöhnung erneut dieselben Fehler zu machen. Während des Syrienkriegs hätten Katar, Saudi-Arabien und andere Staaten extremistische Gruppen wie ISIS und Al-Qaida unterstützt. Nun hätten dieselben Staaten erneut ihre Territorien für Angriffe gegen Iran zur Verfügung gestellt. Aus iranischer Sicht seien sie damit Kriegsparteien geworden.

Besonders brisant wird das Gespräch, als Marandi offenbart, dass während des Krieges öffentlich ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt worden sei. Ein verifizierter Account auf X/Twitter habe eine Million Dollar gesammelt, um ihn entführen zu lassen. Trotz massiver Beschwerden habe die Plattform den Aufruf zunächst nicht entfernt. Während des Krieges habe er deshalb isoliert gelebt, um andere Menschen nicht zu gefährden, falls er Ziel eines Angriffs würde.

Marandi erklärt, dass der Westen die tatsächlichen Ursachen des Konflikts systematisch verschleiere. Weder Menschenrechte, Terrorismus noch das iranische Atomprogramm seien der eigentliche Grund für den Druck auf Iran. Der wahre Kern des Konflikts sei Irans Unterstützung für die Palästinenser und seine Ablehnung der Zerstörung Palästinas. Der Westen unterstütze laut Marandi faktisch die „Auslöschung“ der Palästinenser.

Das Atomprogramm diene dabei lediglich als Vorwand. Seit Jahrzehnten behaupteten israelische Politiker, Iran stehe kurz vor dem Bau einer Atombombe. Gleichzeitig hätten CIA, internationale Atomenergiebehörden und selbst amerikanische Geheimdienstvertreter immer wieder erklärt, dass Iran keine Nuklearwaffen entwickle. Marandi verweist auf Aussagen von Joe Kent sowie Tulsi Gabbard, die öffentlich erklärt hätten, Iran arbeite nicht an Atomwaffen.

Iran sehe sein Atomprogramm deshalb als souveränes Recht an. Die Islamische Revolution sei letztlich ein Projekt nationaler Unabhängigkeit gewesen – Entscheidungen sollten in Teheran getroffen werden und nicht in Washington. Genau damit müsse sich der Westen laut Marandi endlich abfinden.

Am Ende des Interviews warnt Marandi vor dramatischen wirtschaftlichen Folgen eines neuen Krieges. Schon jetzt seien die Schäden für die globale Wirtschaft enorm. Die Kosten für die USA und die Weltwirtschaft gingen bereits in die Billionen. Sollte der Konflikt weiter eskalieren, drohe keine gewöhnliche Rezession mehr, sondern eine Depression schlimmer als in den 1930er Jahren. Besonders betroffen wären Energieversorgung, Petrochemie, LNG-Märkte und globale Lieferketten.

Für Marandi steht deshalb fest: Ein neuer Krieg würde weder die USA noch Israel stärken. Er würde lediglich noch größere Zerstörung, wirtschaftlichen Kollaps und eine tiefere globale Krise auslösen.



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