Friedrich Merz, einst Hoffnungsträger der CDU, steht jetzt als Symbol des Niedergangs. Seine Strategie, die AfD zu übertrumpfen, scheiterte kläglich. Die Partei verliert Wähler und gerät in eine Identitätskrise


Nur noch ein Schatten seiner selbst: Im ARD-Deutschlandtrend vom Mai 2026 sind nur noch 16 Prozent der Befragten mit der politischen Arbeit des Bundeskanzlers zufrieden

Foto: Uwe Anspach/dpa/picture alliance


Die C-Parteien sind zwar nicht als Transmissionsriemen der Kirchen in die Politik konzipiert, doch sie sollten sich für die Moral- und Soziallehre des Christentums und die Bedeutung der Kirchen selbstverständlich interessieren. Sonst ist ihr „C“ Etikettenschwindel. Doch der Erste Parlamentarische Geschäftsführer Steffen Bilger twitterte nach dem Kirchen-Protest zur Migrationsabstimmung mit der AfD im Januar 2025 respektlos: „Überrascht nicht, interessiert nicht“.

Bilger hat den Tweet trotz Protesten bis heute nicht gelöscht. Das nennt man wohl Arroganz der Macht. Gelöscht hingegen wurden zwei explizite Bezüge auf die christliche Sozialethik im neuen CDU-Grundsatzprogramm. Dessen Neukonzeption vertrauten Merz und Linnemann einem stetigen Mahner gegen „Brandmauer-Hysterie“ an: dem Historiker Andreas Rödder.

Rödder schuf eine „bürgerliche“ Zweitidentität der Partei – als wenn im behaupteten republikanischen Sinn nicht auch Grüne, FDP oder SPD „bürgerlich“ wären. Rödders konservative Denkfabrik R21 kann in den nächsten vier Jahren mit einem warmen Geldregen von zwei Millionen Euro aus dem klammen Bundeshaushalt rechnen, während 200 zivilgesellschaftlichen Projekten aus dem Förderprogramm „Demokratie leben“ Mittel gekürzt oder gestrichen werden sollen.

Trotzdem gilt dem rechten CDU-Parteiflügel der einstige „Merzias“ inzwischen als gefallener Engel. Sein falsches Erwartungsmanagement, seine Rechtsverschiebung der Partei und Scharfmacherei als Oppositionsführer fallen nun, wo er doch mittig mit der SPD regieren muss, wie ein Bumerang auf ihn zurück. Der Geister, die er rief, scheint er nicht mehr Herr zu werden.

Wegen dieser drei Punkte ging es mit der CDU bergab

Drei Niederlagen brachte die CDU Friedrich Merz bei: Nach der Bundestagswahl 2002 unterlag er Angela Merkel im Ringen um den Fraktionsvorsitz, 2018 verlor er die Kandidatur um den Parteivorsitz gegen Annegret Kramp-Karrenbauer und 2021 gegen Armin Laschet. Dieser hob ihn dann frühzeitig zu einer Art „running mate“ im Team hervor. Die Niederlage war krachend. Doch sie blieb an Merz nicht hängen.

Im Gegenteil: Nachdem auch der zweite Merkel-Nachfolger aus der christlich-liberalen Mitte der Partei durch Ungeschicklichkeiten und die Hybris gescheitert war, sich gegen den von Unions-Anhängern zu 79 Prozent favorisierten CSU-Chef Söder als Kanzlerkandidat von oben nach unten durchstellen zu lassen, konnte der ewige Verlierer Merz die CDU übernehmen.

Dann begannen seine Fehler in der Personalpolitik. Merz baute ziemlich einseitig auf alte Merkel-Gegner. Ihr Merzias mit Verheißung einer AfD-Halbierung und Wiederauferstehung der Union in Höhen bis 40 Prozent geißelte fortan die Ampelkoalition im rhetorischen Überbietungswettbewerb mit den Rechtspopulisten und verteufelte im Einklang mit Söder die Grünen als „Hauptgegner“.

Ein Abschmelzen der Wählerschaft der AfD gelang dadurch nicht, im Gegenteil: Bei Merz’ Nominierung zum CDU-Chef lagen die Rechtsradikalen bei 11 Prozent. Als er für seine „Alternative mit Substanz“ in der Bundestagswahl magere 28,5 Prozent erreichte, verdoppelte sich die AfD nahezu: 20,8 Prozent!

Mit dem Thema Migration bestätigte Merz die AfD-Wähler

Trotz deutlich sinkender Asylbewerberzahlen hatten Friedrich Merz und Carsten Linnemann vor der Wahl das AfD-Paradethema Migration hochgezogen, auch durch zwei nutzlose Abstimmungen im Bundestag unter kalkulierter Inkaufnahme von AfD-Stimmen. Dies bestätigte AfD-Wähler und entpuppte sich als Wahlgeschenk an die antifaschistische Linke. Mehr als eine Million Wähler gab allein die Union an die AfD ab.

Die CDU brachte nicht die Kraft auf, aus den kapitalen Fehlern ihrer Oppositionsstrategie die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wenigstens nach der Wahl hätten sie sich mittiger aufstellen können. Doch Merz, Linnemann und der skandalumwitterte Jens Spahn, der nun an der Fraktionsspitze mit großer Mehrheit bestätigt wurde, gehören zu den unbeliebtesten Politikern Deutschlands. Sie ergänzen sich noch um die Kabinettsgesichter Katherina Reiche und Wolfram Weimer und Staatssekretäre wie Gitta Connemann, Christoph de Vries und Philipp Amthor.

Bei Miosga machte Merz sich die Klage seiner einstigen Fanbase zu eigen, bisher habe sich die SPD in der Koalition durchgesetzt. Er versäumte die Chance, stattdessen an die Kröten zu erinnern, die die SPD schlucken musste: Bürgergeld-Reform, Migrationswende, Rückzug Brosius-Gersdorfs, Energie- und Klimapolitik à la Katherina Reiche, Kulturpolitik à la Wolfram Weimer, Kürzungen in Entwicklungshilfe und Demokratieförderung, Absage an eine Vermögenssteuer.

Merz fehlt es an Mut

Merz lässt sich vom „Wir-kriegen-nichts-die-SPD-alles“-Narrativ treiben, statt den Rücken gerade zu machen und Kanzler der ganzen Koalition zu sein. Opposition gegen die eigene Regierung steht ihm schlecht zu Gesicht. Früher fehlte dem gelernten Oppositionspolitiker Mäßigung, jetzt Mut.

Merz’ missratene Aussage, er habe „keine Vollmacht die CDU umzubringen“, lässt tief blicken. Nicht nur in das, was ihm aus seiner bevorzugten Partei-Blase entgegenschallt. Auch in den Abgrund, an den das „politische Kleinkind“ (Helmut Kohl über Merz) die CDU geführt hat.

Nach viereinhalb Jahren unter dem breitbeinig angetretenen Drachentöter liegt die AfD stabil vor der Union. Man wird Angela Merkel mit heutigem Wissen manches vorwerfen können – aber sicher nicht, dass sie Merz dazu brachte, 2009 die Politik als Beruf aufzugeben.

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Andreas Püttmann, 62, Politikwissenschaftler und Publizist und ein profunder Kenner der CDU und der katholischen Kirche

mann einem stetigen Mahner gegen „Brandmauer-Hysterie“ an: dem Historiker Andreas Rödder.Rödder schuf eine „bürgerliche“ Zweitidentität der Partei – als wenn im behaupteten republikanischen Sinn nicht auch Grüne, FDP oder SPD „bürgerlich“ wären. Rödders konservative Denkfabrik R21 kann in den nächsten vier Jahren mit einem warmen Geldregen von zwei Millionen Euro aus dem klammen Bundeshaushalt rechnen, während 200 zivilgesellschaftlichen Projekten aus dem Förderprogramm „Demokratie leben“ Mittel gekürzt oder gestrichen werden sollen.Trotzdem gilt dem rechten CDU-Parteiflügel der einstige „Merzias“ inzwischen als gefallener Engel. Sein falsches Erwartungsmanagement, seine Rechtsverschiebung der Partei und Scharfmacherei als Oppositionsführer fallen nun, wo er doch mittig mit der SPD regieren muss, wie ein Bumerang auf ihn zurück. Der Geister, die er rief, scheint er nicht mehr Herr zu werden. Wegen dieser drei Punkte ging es mit der CDU bergabDrei Niederlagen brachte die CDU Friedrich Merz bei: Nach der Bundestagswahl 2002 unterlag er Angela Merkel im Ringen um den Fraktionsvorsitz, 2018 verlor er die Kandidatur um den Parteivorsitz gegen Annegret Kramp-Karrenbauer und 2021 gegen Armin Laschet. Dieser hob ihn dann frühzeitig zu einer Art „running mate“ im Team hervor. Die Niederlage war krachend. Doch sie blieb an Merz nicht hängen.Im Gegenteil: Nachdem auch der zweite Merkel-Nachfolger aus der christlich-liberalen Mitte der Partei durch Ungeschicklichkeiten und die Hybris gescheitert war, sich gegen den von Unions-Anhängern zu 79 Prozent favorisierten CSU-Chef Söder als Kanzlerkandidat von oben nach unten durchstellen zu lassen, konnte der ewige Verlierer Merz die CDU übernehmen. Dann begannen seine Fehler in der Personalpolitik. Merz baute ziemlich einseitig auf alte Merkel-Gegner. Ihr Merzias mit Verheißung einer AfD-Halbierung und Wiederauferstehung der Union in Höhen bis 40 Prozent geißelte fortan die Ampelkoalition im rhetorischen Überbietungswettbewerb mit den Rechtspopulisten und verteufelte im Einklang mit Söder die Grünen als „Hauptgegner“.Ein Abschmelzen der Wählerschaft der AfD gelang dadurch nicht, im Gegenteil: Bei Merz’ Nominierung zum CDU-Chef lagen die Rechtsradikalen bei 11 Prozent. Als er für seine „Alternative mit Substanz“ in der Bundestagswahl magere 28,5 Prozent erreichte, verdoppelte sich die AfD nahezu: 20,8 Prozent! Mit dem Thema Migration bestätigte Merz die AfD-WählerTrotz deutlich sinkender Asylbewerberzahlen hatten Friedrich Merz und Carsten Linnemann vor der Wahl das AfD-Paradethema Migration hochgezogen, auch durch zwei nutzlose Abstimmungen im Bundestag unter kalkulierter Inkaufnahme von AfD-Stimmen. Dies bestätigte AfD-Wähler und entpuppte sich als Wahlgeschenk an die antifaschistische Linke. Mehr als eine Million Wähler gab allein die Union an die AfD ab. Die CDU brachte nicht die Kraft auf, aus den kapitalen Fehlern ihrer Oppositionsstrategie die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wenigstens nach der Wahl hätten sie sich mittiger aufstellen können. Doch Merz, Linnemann und der skandalumwitterte Jens Spahn, der nun an der Fraktionsspitze mit großer Mehrheit bestätigt wurde, gehören zu den unbeliebtesten Politikern Deutschlands. Sie ergänzen sich noch um die Kabinettsgesichter Katherina Reiche und Wolfram Weimer und Staatssekretäre wie Gitta Connemann, Christoph de Vries und Philipp Amthor. Bei Miosga machte Merz sich die Klage seiner einstigen Fanbase zu eigen, bisher habe sich die SPD in der Koalition durchgesetzt. Er versäumte die Chance, stattdessen an die Kröten zu erinnern, die die SPD schlucken musste: Bürgergeld-Reform, Migrationswende, Rückzug Brosius-Gersdorfs, Energie- und Klimapolitik à la Katherina Reiche, Kulturpolitik à la Wolfram Weimer, Kürzungen in Entwicklungshilfe und Demokratieförderung, Absage an eine Vermögenssteuer.Merz fehlt es an MutMerz lässt sich vom „Wir-kriegen-nichts-die-SPD-alles“-Narrativ treiben, statt den Rücken gerade zu machen und Kanzler der ganzen Koalition zu sein. Opposition gegen die eigene Regierung steht ihm schlecht zu Gesicht. Früher fehlte dem gelernten Oppositionspolitiker Mäßigung, jetzt Mut. Merz’ missratene Aussage, er habe „keine Vollmacht die CDU umzubringen“, lässt tief blicken. Nicht nur in das, was ihm aus seiner bevorzugten Partei-Blase entgegenschallt. Auch in den Abgrund, an den das „politische Kleinkind“ (Helmut Kohl über Merz) die CDU geführt hat.Nach viereinhalb Jahren unter dem breitbeinig angetretenen Drachentöter liegt die AfD stabil vor der Union. Man wird Angela Merkel mit heutigem Wissen manches vorwerfen können – aber sicher nicht, dass sie Merz dazu brachte, 2009 die Politik als Beruf aufzugeben.



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