Fahrradfahren spielt im Kino nur selten eine Rolle. Actionhelden bevorzugen motorisierte Vehikel. Aber es gibt berühmte Fahrradszenen – und die berühmteste ist hochromantisch. Vielleicht sind Fahrradfahrer ja die besseren Liebhaber!


Paul Newman und Katharine Ross entziehen sich mit luftiger Leichtigkeit in „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ jeder Schwerkraft

Foto: Capital Pictures/IMAGO


Zunächst muss widersprochen werden. Es stimmt gar nicht, dass James Bond nie Fahrrad fährt. In Sag niemals nie (1983) – den viele für keinen „echten“ Bond-Film halten, weil er nicht von den eigentlichen Bond-Produzenten gemacht wurde – steigt Sean Connery tatsächlich an einer Stelle aufs Rad, um seinen Widersachern zu entkommen.

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Wer sich überhaupt an die Szene erinnert, wird jedoch wissen, dass sie im Gegensatz zu all den Verfolgungsjagden per Auto, Motorboot oder Kleinflugzeug völlig ohne Spannung ist. Das Fahrrad dient dem hier schon gealterten „007“ nämlich nur als Verkleidung: Ausgezogen bis auf die weiße Unterwäsche, schleicht sich Connery-Bond zusammen mit Kumpel Felix Leitner (Bernie Casey) unauffällig an der ihn suchenden französischen Polizei vorbei, indem sie sich als trainierende Sportler tarnen. Wenn er auf dem Motorrad vorbeigerast wäre, hätte ihn jeder erkannt.

Denn Fahrradfahren und Actionheld, das verträgt sich offenbar nicht. Allein an der mangelnden Geschwindigkeit kann es nicht liegen. Tom Cruise rennt in seinen Filmen viel und gern; es ist sein Erkennungszeichen geworden. Aber wenn er aufs Zweirad steigt, dann bevorzugt er wie James Bond stets die motorisierte Variante.

Ist Fahrradfahren nicht männlich genug?

Irgendwas muss am Akt des Fahrradfahrens selbst sein, das einerseits weniger sportlich intensiv als die Sprinterei rüberkommt und andererseits weniger „männlich“ als die mit fossilen Energien betriebenen Vehikel wirkt. Immerhin laufen aktuell die Wetten darüber, ob der nächste James Bond, dessen neuer Darsteller noch dieses Jahr endlich verkündet werden soll, eventuell ein Elektroauto fahren könnte.

Dabei gibt es eine absolut ikonografische Action-Szene, in der die Helden und Heldinnen sich auf Fahrrädern fortbewegen. Nur dass es sich bezeichnenderweise um eine Bande von Kindern mit einem Alien im Schlepptau handelt. Die Sequenz aus Steven Spielbergs E.T. – Der Außerirdische (1982), in der Elliott, E.T. und die anderen den sie verfolgenden Regierungsbeamten in den Vorortstraßen ein Schnippchen schlagen, ist rasant und märchenhaft zugleich – und bildet bis heute das Logo von Spielbergs Produktionsfirma Amblin Entertainment.

Als ernstes Thema haben das Fahrrad und das Fahrradfahren nur wenige Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen. Zwar kennen die meisten noch den Titel von Vittorio De Sicas Fahrraddiebe (1948), einem Meisterwerk des italienischen Neorealismus. Das darin verhandelte soziale Problem – ein Vater-Sohn-Paar sucht im Rom der Nachkriegsjahre verzweifelt nach einem gestohlenen Fahrrad und trifft auf lauter Menschen in noch schlimmerer Not – hat an Dringlichkeit verloren.

Große Gefahr, aber auch große Romantik

Obwohl es heutzutage in den Städten fast noch mehr Jobs gibt, für die man – wie De Sicas Held als Tapezierer – ein Fahrrad benötigt, ist dieser Bereich der Gig Economy im Kino bislang wenig beleuchtet worden. David Koepps Premium Rush (2012) ist eine rare Ausnahme. Joseph Gordon-Levitt verkörpert darin einen Fahrradkurier mit brisantem Auftrag.

Als biete der normale Stadtverkehr mit seinen für Zweiradfahrer prekären Situationen nicht Gefahr genug, haben sich die Filmemacher für Gordon-Levitts Figur noch etwas Besonderes einfallen lassen: Er fährt ein Fixie ohne Bremsen! Als Actionkino konnte der Film zwar überzeugen, aber zum Sequel hat es nicht gereicht.

Denn eigentlich verbirgt sich hinter der Tatsache, dass James Bond nie Fahrrad fährt, die Wahrheit über die Art von Mann, die Bond darstellt: Er ist das Gegenteil eines Romantikers. Nicht umsonst ist die vielleicht berühmteste aller filmischen Fahrradszenen zugleich eine der stimmungsvollsten. In Zwei Banditen (Butch Cassidy and the Sundance Kid) von 1969 fährt Paul Newman mit Katharine Ross zusammen zum Song Raindrops Keep Fallin’ on My Head auf dem Fahrrad. Sie albern herum. Es ist eine Szene voller Luft und Leichtigkeit – und großer Freiheit, sowohl was das Genre des Westerns angeht als auch die Beziehung dieser zwei Figuren.

Fast zeitgleich entstand im europäischen Film eine ganz ähnliche Szene: In Claude Sautets Les Choses de la Vie erinnert sich Michel Piccolis Figur daran, dass er mit seiner Hélène (Romy Schneider) einst so sorglos auf dem Fahrrad saß. Auch das ist eine der großen, hochromantischen Szenen der Kinogeschichte. Hach!

ich nur als Verkleidung: Ausgezogen bis auf die weiße Unterwäsche, schleicht sich Connery-Bond zusammen mit Kumpel Felix Leitner (Bernie Casey) unauffällig an der ihn suchenden französischen Polizei vorbei, indem sie sich als trainierende Sportler tarnen. Wenn er auf dem Motorrad vorbeigerast wäre, hätte ihn jeder erkannt.Denn Fahrradfahren und Actionheld, das verträgt sich offenbar nicht. Allein an der mangelnden Geschwindigkeit kann es nicht liegen. Tom Cruise rennt in seinen Filmen viel und gern; es ist sein Erkennungszeichen geworden. Aber wenn er aufs Zweirad steigt, dann bevorzugt er wie James Bond stets die motorisierte Variante.Ist Fahrradfahren nicht männlich genug?Irgendwas muss am Akt des Fahrradfahrens selbst sein, das einerseits weniger sportlich intensiv als die Sprinterei rüberkommt und andererseits weniger „männlich“ als die mit fossilen Energien betriebenen Vehikel wirkt. Immerhin laufen aktuell die Wetten darüber, ob der nächste James Bond, dessen neuer Darsteller noch dieses Jahr endlich verkündet werden soll, eventuell ein Elektroauto fahren könnte.Dabei gibt es eine absolut ikonografische Action-Szene, in der die Helden und Heldinnen sich auf Fahrrädern fortbewegen. Nur dass es sich bezeichnenderweise um eine Bande von Kindern mit einem Alien im Schlepptau handelt. Die Sequenz aus Steven Spielbergs E.T. – Der Außerirdische (1982), in der Elliott, E.T. und die anderen den sie verfolgenden Regierungsbeamten in den Vorortstraßen ein Schnippchen schlagen, ist rasant und märchenhaft zugleich – und bildet bis heute das Logo von Spielbergs Produktionsfirma Amblin Entertainment.Als ernstes Thema haben das Fahrrad und das Fahrradfahren nur wenige Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen. Zwar kennen die meisten noch den Titel von Vittorio De Sicas Fahrraddiebe (1948), einem Meisterwerk des italienischen Neorealismus. Das darin verhandelte soziale Problem – ein Vater-Sohn-Paar sucht im Rom der Nachkriegsjahre verzweifelt nach einem gestohlenen Fahrrad und trifft auf lauter Menschen in noch schlimmerer Not – hat an Dringlichkeit verloren.Große Gefahr, aber auch große RomantikObwohl es heutzutage in den Städten fast noch mehr Jobs gibt, für die man – wie De Sicas Held als Tapezierer – ein Fahrrad benötigt, ist dieser Bereich der Gig Economy im Kino bislang wenig beleuchtet worden. David Koepps Premium Rush (2012) ist eine rare Ausnahme. Joseph Gordon-Levitt verkörpert darin einen Fahrradkurier mit brisantem Auftrag.Als biete der normale Stadtverkehr mit seinen für Zweiradfahrer prekären Situationen nicht Gefahr genug, haben sich die Filmemacher für Gordon-Levitts Figur noch etwas Besonderes einfallen lassen: Er fährt ein Fixie ohne Bremsen! Als Actionkino konnte der Film zwar überzeugen, aber zum Sequel hat es nicht gereicht.Denn eigentlich verbirgt sich hinter der Tatsache, dass James Bond nie Fahrrad fährt, die Wahrheit über die Art von Mann, die Bond darstellt: Er ist das Gegenteil eines Romantikers. Nicht umsonst ist die vielleicht berühmteste aller filmischen Fahrradszenen zugleich eine der stimmungsvollsten. In Zwei Banditen (Butch Cassidy and the Sundance Kid) von 1969 fährt Paul Newman mit Katharine Ross zusammen zum Song Raindrops Keep Fallin’ on My Head auf dem Fahrrad. Sie albern herum. Es ist eine Szene voller Luft und Leichtigkeit – und großer Freiheit, sowohl was das Genre des Westerns angeht als auch die Beziehung dieser zwei Figuren.Fast zeitgleich entstand im europäischen Film eine ganz ähnliche Szene: In Claude Sautets Les Choses de la Vie erinnert sich Michel Piccolis Figur daran, dass er mit seiner Hélène (Romy Schneider) einst so sorglos auf dem Fahrrad saß. Auch das ist eine der großen, hochromantischen Szenen der Kinogeschichte. Hach!



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