In Maus, der meisterhaften Graphic Novel, erzählt Art Spiegelman davon, wie sein Vater die Shoah überlebte. Es gibt darin eine denkwürdige Szene: In der Rahmenhandlung, die von der vorsichtigen Wiederannäherung der beiden berichtet, nimmt der Sohn auf einer gemeinsamen Autofahrt einen Anhalter mit. Dieser Fahrgast ist schwarz, und nachdem er wieder ausgestiegen ist, überprüft der Vater ganz panisch, ob er auch nichts gestohlen hat. Der Sohn fragt genervt, was denn das jetzt bitte soll. Der Vater antwortet: Der Mann war schwarz! Der Sohn verdreht beschämt die Augen.

Opfer furchtbaren Unrechts können selbst furchtbar ungerecht ein

Diese kleine Szene enthält eine Art Schlüssel für die Art von „Nahostdebatte“, die wir heute führen. Sie ruft zunächst eine Binsenweisheit auf: Dass jemand zum Opfer furchtbaren Unrechts geworden ist, heißt noch lange nicht, dass er nicht selbst auch furchtbar ungerecht sein kann. Und mehr noch: Der Betrag an Unrecht, den jemand erfahren hat, kann sich sozusagen im Grad seiner eigenen Ungerechtigkeit widerspiegeln. Vater Maus, die Deutung legt Spiegelman durchaus nahe, ist gerade deswegen so rassistisch um sein Eigentum besorgt, weil er nicht vergessen kann, dass man ihm selbst einmal aus purem Rassismus alles weggenommen hat.

Eine Schlüsselszene für erhitzte Israel-Palästina-Diskussionen in Deutschland ist das, weil Spiegelman hier eine Wahrheit aufzeichnet, die für alle etwas unbequem ist: Man kann aus einem Geschehen wie dem Holocaust keine „moralisch eindeutigen“ Folgerungen ziehen. Was immer die Menschen, die den Genozid überlebt haben – und dann die, die das Erlebte geerbt haben – für sich daraus schließen, ist zunächst einmal gegeben.

Man kann diese Folgerungen freilich kategorisieren. Grob unterscheiden lassen sich dann eine universalistische und eine partikularistische Version.

Es gibt zwei mögliche Folgerungen aus dem Holocaust – und sie widersprechen sich

Erstere klingt in Spiegelmans kleiner Szene bei Sohn Maus an. Sie lautet ungefähr: Wie kannst gerade du so sein, nach all dem, was du erlebt hast? Müsste dich deine Erfahrung nicht gelehrt haben, dass niemals mehr eine Gruppe von Menschen als solche abgewertet und sonderbehandelt werden darf?

Die zweitgenannte mögliche Folgerung ist hingegen in etwa die von Vater Maus: Warum sollten mich meine schrecklichen Erfahrungen verpflichten, für alle Welt Gerechtigkeit zu erkämpfen? Mir reicht es, dafür zu sorgen, dass mir solche Dinge nie wieder geschehen. Mit welchem Recht könnte man mir das zum Vorwurf machen?

Je mehr sich der Kampf um Israel und Palästina nun zuspitzt, desto nackter stehen sich diese beiden Positionen gegenüber. Lange mochte man versuchen, sich den Staat Israel irgendwie als Verbindung beider möglicher Folgerungen aus dem Holocaust zurechtzulegen: partikularistisch als sichere Heimstatt des Judentums und universalistisch als „einzige Demokratie im Nahen Osten“.

Doch das ist vorbei. Nach den vergangenen zweieinhalb Jahren muss man wohl feststellen, dass Israel einzig und allein – und mit enormer Härte – den Partikularismus verkörpert. Der Universalismus trennt sich daher allmählich von Israel und verbündet sich mit denen, gegen die sich jene Härte richtet.

Die Kontrahenten nehmen einander nicht einmal die Ausgangsposition ab

Den Streit noch verschärfend kommt hinzu, dass beide Positionen die jeweilige Gegenseite verdächtigen, eigentlich etwas anderes zu meinen, als sie sagt. Das Mitgefühl für Palästina, das sich aus der universalistischen Haltung ergibt, sei eigentlich nur „Selbsthass“, Anbiederung an den Antisemitismus oder sogar dessen williges Vehikel, sagt Vater Maus. Und der Sohn verdächtigt seines Vaters „Kampf gegen Antisemitismus“, zu oft nur ein nützliches Werkzeug israelischer Dominanzpolitik zu sein.

Das offizielle Deutschland folgt blind der Haltung von Vater Maus. Verkörpert wird dieser vom Zentralrat der Juden in Deutschland und dessen Stimme, der Jüdischen Allgemeinen – die übrigens, um in Spiegelmans Bild zu bleiben, durchaus gewisse Bedenken gegen schwarze Fahrgäste zeigt, wenn ihr Chefredakteur etwa fordert, in der Presse stets die Nationalität von Straftätern zu nennen.

Sohn Maus in seiner archetypischen Form heißt hierzulande Wieland Hoban – der Vorsitzende des Vereins „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“, der jüngst erfolgreich dagegen geklagt hat, im Verfassungsschutzbericht für 2024 zum Feind dieses Staates erklärt worden zu sein.

Vater wie Sohn begründen ihre Haltung in einer nachvollziehbaren Weise mit jüdischer Erfahrung und Identität. Vielleicht ist es so, dass Sohn Maus mit seiner Gruppe im jüdischen Leben dieses Landes recht deutlich in der Minderheit ist. Aber anders als etwa Karsten Krampitz jüngst hier im Freitag schrieb, gehört die Frage „Wie viele Leute sind das eigentlich?“ ganz und gar nicht „zur Meinungsfreiheit“.

Es gibt für Deutschland nur eine Konsequenz aus dem Holocaust: nämlich viele Stimmen zuzulassen

Deutschland, der Verfassungsschutz, der Weltgeist und alle wie auch immer dazu Berufenen können zwar Urteile darüber fällen, welche Mittel zum Verfechten einer Meinung statthaft sind. Aber wie schon gesagt: Es gibt keine Warte, von der aus zu beurteilen wäre, welche Folgerung aus einem Geschehen wie dem Holocaust moralisch richtig sei und welche falsch – nicht anderswo, schon gar nicht hierzulande. Die einzige Konsequenz, die sich mit dieser Geschichte schlüssig begründen lässt, ist eine formale: dass nämlich alle jüdischen Stimmen in diesem Land sprechen können müssen – angstfrei, geschützt und auch gefördert.

Die Deutschen des Holocaust hat Spiegelman in Maus als Katzen gezeichnet. Das heutige Deutschland sollte etwas anderes sein. Am ehesten passt vielleicht das Auto, in dem sich Sohn und Vater über den schwarzen Anhalter streiten. Es mag schon stimmen, dass das nicht einfach ist. Aber eine leichte Rolle hat sich Katzenland auch nicht verdient.

en.Opfer furchtbaren Unrechts können selbst furchtbar ungerecht einDiese kleine Szene enthält eine Art Schlüssel für die Art von „Nahostdebatte“, die wir heute führen. Sie ruft zunächst eine Binsenweisheit auf: Dass jemand zum Opfer furchtbaren Unrechts geworden ist, heißt noch lange nicht, dass er nicht selbst auch furchtbar ungerecht sein kann. Und mehr noch: Der Betrag an Unrecht, den jemand erfahren hat, kann sich sozusagen im Grad seiner eigenen Ungerechtigkeit widerspiegeln. Vater Maus, die Deutung legt Spiegelman durchaus nahe, ist gerade deswegen so rassistisch um sein Eigentum besorgt, weil er nicht vergessen kann, dass man ihm selbst einmal aus purem Rassismus alles weggenommen hat.Eine Schlüsselszene für erhitzte Israel-Palästina-Diskussionen in Deutschland ist das, weil Spiegelman hier eine Wahrheit aufzeichnet, die für alle etwas unbequem ist: Man kann aus einem Geschehen wie dem Holocaust keine „moralisch eindeutigen“ Folgerungen ziehen. Was immer die Menschen, die den Genozid überlebt haben – und dann die, die das Erlebte geerbt haben – für sich daraus schließen, ist zunächst einmal gegeben.Man kann diese Folgerungen freilich kategorisieren. Grob unterscheiden lassen sich dann eine universalistische und eine partikularistische Version.Es gibt zwei mögliche Folgerungen aus dem Holocaust – und sie widersprechen sich Erstere klingt in Spiegelmans kleiner Szene bei Sohn Maus an. Sie lautet ungefähr: Wie kannst gerade du so sein, nach all dem, was du erlebt hast? Müsste dich deine Erfahrung nicht gelehrt haben, dass niemals mehr eine Gruppe von Menschen als solche abgewertet und sonderbehandelt werden darf?Die zweitgenannte mögliche Folgerung ist hingegen in etwa die von Vater Maus: Warum sollten mich meine schrecklichen Erfahrungen verpflichten, für alle Welt Gerechtigkeit zu erkämpfen? Mir reicht es, dafür zu sorgen, dass mir solche Dinge nie wieder geschehen. Mit welchem Recht könnte man mir das zum Vorwurf machen?Je mehr sich der Kampf um Israel und Palästina nun zuspitzt, desto nackter stehen sich diese beiden Positionen gegenüber. Lange mochte man versuchen, sich den Staat Israel irgendwie als Verbindung beider möglicher Folgerungen aus dem Holocaust zurechtzulegen: partikularistisch als sichere Heimstatt des Judentums und universalistisch als „einzige Demokratie im Nahen Osten“. Doch das ist vorbei. Nach den vergangenen zweieinhalb Jahren muss man wohl feststellen, dass Israel einzig und allein – und mit enormer Härte – den Partikularismus verkörpert. Der Universalismus trennt sich daher allmählich von Israel und verbündet sich mit denen, gegen die sich jene Härte richtet.Die Kontrahenten nehmen einander nicht einmal die Ausgangsposition abDen Streit noch verschärfend kommt hinzu, dass beide Positionen die jeweilige Gegenseite verdächtigen, eigentlich etwas anderes zu meinen, als sie sagt. Das Mitgefühl für Palästina, das sich aus der universalistischen Haltung ergibt, sei eigentlich nur „Selbsthass“, Anbiederung an den Antisemitismus oder sogar dessen williges Vehikel, sagt Vater Maus. Und der Sohn verdächtigt seines Vaters „Kampf gegen Antisemitismus“, zu oft nur ein nützliches Werkzeug israelischer Dominanzpolitik zu sein.Das offizielle Deutschland folgt blind der Haltung von Vater Maus. Verkörpert wird dieser vom Zentralrat der Juden in Deutschland und dessen Stimme, der Jüdischen Allgemeinen – die übrigens, um in Spiegelmans Bild zu bleiben, durchaus gewisse Bedenken gegen schwarze Fahrgäste zeigt, wenn ihr Chefredakteur etwa fordert, in der Presse stets die Nationalität von Straftätern zu nennen.Sohn Maus in seiner archetypischen Form heißt hierzulande Wieland Hoban – der Vorsitzende des Vereins „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“, der jüngst erfolgreich dagegen geklagt hat, im Verfassungsschutzbericht für 2024 zum Feind dieses Staates erklärt worden zu sein.Vater wie Sohn begründen ihre Haltung in einer nachvollziehbaren Weise mit jüdischer Erfahrung und Identität. Vielleicht ist es so, dass Sohn Maus mit seiner Gruppe im jüdischen Leben dieses Landes recht deutlich in der Minderheit ist. Aber anders als etwa Karsten Krampitz jüngst hier im Freitag schrieb, gehört die Frage „Wie viele Leute sind das eigentlich?“ ganz und gar nicht „zur Meinungsfreiheit“.Es gibt für Deutschland nur eine Konsequenz aus dem Holocaust: nämlich viele Stimmen zuzulassenDeutschland, der Verfassungsschutz, der Weltgeist und alle wie auch immer dazu Berufenen können zwar Urteile darüber fällen, welche Mittel zum Verfechten einer Meinung statthaft sind. Aber wie schon gesagt: Es gibt keine Warte, von der aus zu beurteilen wäre, welche Folgerung aus einem Geschehen wie dem Holocaust moralisch richtig sei und welche falsch – nicht anderswo, schon gar nicht hierzulande. Die einzige Konsequenz, die sich mit dieser Geschichte schlüssig begründen lässt, ist eine formale: dass nämlich alle jüdischen Stimmen in diesem Land sprechen können müssen – angstfrei, geschützt und auch gefördert.Die Deutschen des Holocaust hat Spiegelman in Maus als Katzen gezeichnet. Das heutige Deutschland sollte etwas anderes sein. Am ehesten passt vielleicht das Auto, in dem sich Sohn und Vater über den schwarzen Anhalter streiten. Es mag schon stimmen, dass das nicht einfach ist. Aber eine leichte Rolle hat sich Katzenland auch nicht verdient.



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