Liebe „Menschen da draußen“, entschuldigen Sie bitte die seltsame Ansprache! Sie wird im Lauf dieses Textes einen Sinn ergeben. Ich habe jedenfalls das Bedürfnis, mich im Namen des Journalismus an sie zu wenden – dieses einerseits ganz wunderbaren Berufs, den ich seit einem guten Vierteljahrhundert ausübe, ohne andererseits je meinen Frieden mit ihm gemacht zu haben.
Der Anlass ist der kleine Skandal um die Sendung Klar, deren Moderatorin Julia Ruhs und die Elbe-Schule in Neukölln, die vor einigen Tagen kurz in die Schlagzeilen geraten ist.
Falls Sie davon noch nicht gehört haben: Es ging im Grunde darum, dass der Journalismus hier eine andere Geschichte erzählen wollte als die Menschen, die er zu diesem Zweck vor Mikrofon und Kamera holte. Die Sendung des Bayerischen Rundfunks interessierte sich für Islamismus und suchte anschauliche Beispiele für dessen Wirkung im Alltag.
Da stieß man auf besagte Schule, weil es Medienberichte über dortige Konflikte im muslimischen Fastenmonat gegeben hatte: Fastende Kinder hatten nicht-fastenden in einem Maße das Essen madig gemacht, dass die Schulleitung unter anderem mit einem Elternbrief dagegen vorging.
Der Pausenbrot-Konflikt in Berlin-Neukölln und seine Lösung
Genau hier beginnt schon das grundlegende Mismatch zwischen der Schule und der Sendung: Dass es besagten Pausenbrot-Konflikt an der Elbe-Schule gegeben hatte, wusste die Redaktion in München wohl nur, weil die Schule sich nachdrücklich daran gemacht hat, ihn aufzulösen.
Genau dieses erfolgreiche Handeln aber, das die Schule erst in den Fokus der Sendung gebracht hatte, passte der Redaktion nicht ins Konzept. Sie wollte einen – vermeintlichen, teils auch tatsächlichen – Zustand skandalisieren, nicht aber konstruktive Ansätze zeigen.
Die Schule hingegen ging naheliegenderweise davon aus, dass es in der Sendung genau um das gehen würde, was sie offensichtlich überhaupt erst in deren Sichtfeld gebracht hatte: nämlich ihr Vorgehen gegen das Problem und dessen nach allgemeiner Auskunft recht guter Erfolg.
Was nicht passt, wird ignoriert
Kritisieren kann man an der Sendung beides: sowohl das düstere Unterwanderungsnarrativ, auf das sich Klar ganz klar festgelegt hatte, als auch den journalistischen Umgang mit angetroffener Realität, den man an der Schule an den Tag gelegt hat. Es ist hauptsächlich der zweite Aspekt, der mich an dieser Causa nun schon eine Woche beschäftigt.
Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Ich halte es für schwer verzeihlich, was der Bayerische Rundfunk an dieser Schule in Berlin-Neukölln veranstaltet hat. Er hat einen Ort und seine Menschen, die hier erkennbar Teil einer Lösung sind, als bloße Exemplare des Problems an die Öffentlichkeit gezerrt, in der Erstfassung noch dazu jene Grundschulkinder, die dann herausgeschnitten wurden. Was nicht passte, wurde weggelassen.
Wäre der Bayerische Rundfunk an einer Schule in München auch so vorgegangen?
Wäre man eigentlich an einer Münchner Schule auch so vorgegangen? Hatte das Doom-Label „Neukölln“ irgendwie dazu geführt, dass man dachte, mit dieser Schule könne man das machen? Der Klar-Bericht wirkt an dieser Stelle jedenfalls wie eine Stadion-Reportage, die hochdramatisch abbildet, wie eine Fußballmannschaft A ein Team B mit Macht hinten reindrückt – und am Ende zu erwähnen vergisst, dass Team B trotzdem gewonnen hat.
Es wäre durchaus möglich gewesen, auch im Rahmen dieses Klar-Beitrags mitzuerzählen, dass die Schule relativ erfolgreich gegen das Problem vorgegangen ist. Vielleicht wäre es dann auf ein etwas versöhnlicheres Ende hinausgelaufen oder die Redaktion hätte die Schul-Episode an eine andere Stelle des Films schneiden müssen.
Aber sie hat sich entweder unwillkürlich oder – das ist wahrscheinlicher – ganz bewusst dagegen entschieden, weil sie auf Zuspitzung aus war, auf eine alarmierende, möglichst ungebrochene Bedrohungserzählung.
Der ganz normale Protagonisten-Missbrauch
Die zynische Konsequenz, mit der hier eine Story gegen die angetroffene Wirklichkeit durchgezogen wurde, hat Sie, liebe Menschen da draußen, offensichtlich ähnlich aufgeregt wie mich. Sie haben den Artikel, in dem ich das zuerst geschildert hatte, zu einem meiner „erfolgreichsten“ gemacht. Nur muss ich Ihnen hiermit leider mitteilen, dass Ihre wie meine Empörung aus Sicht der Journalismus-Fachwelt geradezu sträflich naiv ist, unausgegoren und ahnungslos.
Um sich zu vergegenwärtigen, wie Medienprofis auf so etwas schauen, lohnen sich die Ausführungen zur Sendung, die nun im Altpapier erschienen sind, der Medienkritik-für-Medienleute-Kolumne des MDR. Es geht darin um dies und jenes.
Doch „die Frage, wie sich Thesen- und Magazinjournalismus für die anfühlt, die glauben, sie dürften nun im Fernsehen ihre Geschichte erzählen, aber vor allem zur Bestätigung einer bereits vorab angestellten Überlegung genutzt werden“, bleibt eher eine Randbemerkung. Gerade das, was die Elbe-Schule, mich selbst und offenbar auch Sie an dieser Sendung so geärgert hat, wird vom Altpapier als „üblich“ bezeichnet.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen da draußen geht, aber mir zieht das auch nach 25 Jahren hier drinnen die Schuhe aus.
Dass an hochmögenden Journalismus-Schulen tatsächlich vermittelt wird, es sei völlig normal und in der Regel auch kein Problem, wenn sich Protagonistinnen von Medien-Storys in denselben nicht wiedererkennen oder verzerrt fühlen, habe ich erstmals Anfang 2019 erfahren. Eine Journalismus-Schule hatte ich nie von innen gesehen. Mit 17 Berufsjahren hielt ich mich dennoch nicht für einen Grünschnabel.
Eine Verteidigung des Claas Relotius
Aber Pustekuchen: Ich fiel buchstäblich aus den Wolken, als ich zu dem damals frisch aufgekommenen Skandal um Claas Relotius einen Text von Uwe Krüger redigierte, der auch diese Information enthielt. In seinem Aufsatz deutete der Leipziger Medienwissenschaftler an, dass der legendäre Star-Reportagen-Fälscher des Spiegel vielleicht doch nicht nur ein abgefeimter Betrüger weit jenseits des unbefleckten Journalismus sei.
War es nicht eher so, fragte Krüger, dass Relotius nicht möglich gewesen wäre ohne die „verschärfte Storytelling-Kultur“ einer Medienwelt, in der „die Wirklichkeitsermittlung und -verpackung zum Hochleistungssport gerät“, während man das Real-Personal gerade in den Edel-Genres wie Reportage und Feature recht bedenkenlos zur fast beliebig arrangierbaren Skript-Staffage reduziert?
Allerdings, das fand ich auch! Ich setzte mich umgehend an einen maximal unzeitgemäßen Essay zur Verteidigung des Claas Relotius, den mir eine erfahrene Kollegin damals wohl dankenswerterweise ausgeredet hat. Heute wird es in Ordnung sein, seine leicht polemische Grundidee zum Besten zu geben:
War ein Relotius, der sich seine Personen einfach selbst erfand, am Ende nicht sogar irgendwie ehrlicher als all die Medienleute, die real existierende Menschen, die auf der Straße erkannt werden können, in einer Art und Weise durch ihre Geschichten schubsen, die mit ihrem eigenen Selbstbild und Welterleben nur dann etwas zu tun hat, wenn das zufällig in die Story passt?
Sie sollten uns Medienleuten mit Vorsicht begegnen
Ich musste anlässlich der Causa um die Elbe-Schule und das dort offenbar gewordene Verständnis von Journalismus der Julia-Ruhs-Redaktion gelegentlich an diesen nie geschriebenen Aufsatz denken. Gewiss braucht man, um überhaupt Dinge erzählen zu können, ein begründetes Vorurteil, also eine Art These oder roten Faden, anhand dessen man sich Schauplätze und Interviewte sucht. Daraus aber eine Lizenz dafür zu machen, Journalisten und ihre Story grundsätzlich über die einzelnen Protagonisten und ihre Leben zu stellen, scheint mir bis heute vermessen und unverschämt.
Ist Ihnen, also den „Menschen da draußen“, inzwischen etwas klarer geworden, wieso der Journalismus sie gern so nennt? Der stehende Ausdruck ist mehr als nur eine Redaktionstisch-Phrase. Obwohl man hier drinnen unablässig daran denkt, was Ihnen wohl gefallen könnte, sind Sie zugleich der Endgegner. Sie bewohnen ein fernes Reich, in das sich viele von hier drinnen nur gut gepanzert wagen. Stets hat man Angst, dass Einzelexemplare von Ihnen die Geschichten kaputtmachen können, die man der Gesamtheit da draußen verkaufen will.
Daher sollten Sie uns mit einiger Vorsicht begegnen. Fragen Sie nach, was mit Ihnen erzählt werden soll. Googeln Sie die Redaktionen. Sonst geht es Ihnen vielleicht gerade so wie den Kindern von der Elbe-Schule.
runde darum, dass der Journalismus hier eine andere Geschichte erzählen wollte als die Menschen, die er zu diesem Zweck vor Mikrofon und Kamera holte. Die Sendung des Bayerischen Rundfunks interessierte sich für Islamismus und suchte anschauliche Beispiele für dessen Wirkung im Alltag.Da stieß man auf besagte Schule, weil es Medienberichte über dortige Konflikte im muslimischen Fastenmonat gegeben hatte: Fastende Kinder hatten nicht-fastenden in einem Maße das Essen madig gemacht, dass die Schulleitung unter anderem mit einem Elternbrief dagegen vorging.Der Pausenbrot-Konflikt in Berlin-Neukölln und seine LösungGenau hier beginnt schon das grundlegende Mismatch zwischen der Schule und der Sendung: Dass es besagten Pausenbrot-Konflikt an der Elbe-Schule gegeben hatte, wusste die Redaktion in München wohl nur, weil die Schule sich nachdrücklich daran gemacht hat, ihn aufzulösen.Genau dieses erfolgreiche Handeln aber, das die Schule erst in den Fokus der Sendung gebracht hatte, passte der Redaktion nicht ins Konzept. Sie wollte einen – vermeintlichen, teils auch tatsächlichen – Zustand skandalisieren, nicht aber konstruktive Ansätze zeigen.Die Schule hingegen ging naheliegenderweise davon aus, dass es in der Sendung genau um das gehen würde, was sie offensichtlich überhaupt erst in deren Sichtfeld gebracht hatte: nämlich ihr Vorgehen gegen das Problem und dessen nach allgemeiner Auskunft recht guter Erfolg.Was nicht passt, wird ignoriertKritisieren kann man an der Sendung beides: sowohl das düstere Unterwanderungsnarrativ, auf das sich Klar ganz klar festgelegt hatte, als auch den journalistischen Umgang mit angetroffener Realität, den man an der Schule an den Tag gelegt hat. Es ist hauptsächlich der zweite Aspekt, der mich an dieser Causa nun schon eine Woche beschäftigt.Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Ich halte es für schwer verzeihlich, was der Bayerische Rundfunk an dieser Schule in Berlin-Neukölln veranstaltet hat. Er hat einen Ort und seine Menschen, die hier erkennbar Teil einer Lösung sind, als bloße Exemplare des Problems an die Öffentlichkeit gezerrt, in der Erstfassung noch dazu jene Grundschulkinder, die dann herausgeschnitten wurden. Was nicht passte, wurde weggelassen.Wäre der Bayerische Rundfunk an einer Schule in München auch so vorgegangen?Wäre man eigentlich an einer Münchner Schule auch so vorgegangen? Hatte das Doom-Label „Neukölln“ irgendwie dazu geführt, dass man dachte, mit dieser Schule könne man das machen? Der Klar-Bericht wirkt an dieser Stelle jedenfalls wie eine Stadion-Reportage, die hochdramatisch abbildet, wie eine Fußballmannschaft A ein Team B mit Macht hinten reindrückt – und am Ende zu erwähnen vergisst, dass Team B trotzdem gewonnen hat.Es wäre durchaus möglich gewesen, auch im Rahmen dieses Klar-Beitrags mitzuerzählen, dass die Schule relativ erfolgreich gegen das Problem vorgegangen ist. Vielleicht wäre es dann auf ein etwas versöhnlicheres Ende hinausgelaufen oder die Redaktion hätte die Schul-Episode an eine andere Stelle des Films schneiden müssen.Aber sie hat sich entweder unwillkürlich oder – das ist wahrscheinlicher – ganz bewusst dagegen entschieden, weil sie auf Zuspitzung aus war, auf eine alarmierende, möglichst ungebrochene Bedrohungserzählung.Der ganz normale Protagonisten-MissbrauchDie zynische Konsequenz, mit der hier eine Story gegen die angetroffene Wirklichkeit durchgezogen wurde, hat Sie, liebe Menschen da draußen, offensichtlich ähnlich aufgeregt wie mich. Sie haben den Artikel, in dem ich das zuerst geschildert hatte, zu einem meiner „erfolgreichsten“ gemacht. Nur muss ich Ihnen hiermit leider mitteilen, dass Ihre wie meine Empörung aus Sicht der Journalismus-Fachwelt geradezu sträflich naiv ist, unausgegoren und ahnungslos.Um sich zu vergegenwärtigen, wie Medienprofis auf so etwas schauen, lohnen sich die Ausführungen zur Sendung, die nun im Altpapier erschienen sind, der Medienkritik-für-Medienleute-Kolumne des MDR. Es geht darin um dies und jenes.Doch „die Frage, wie sich Thesen- und Magazinjournalismus für die anfühlt, die glauben, sie dürften nun im Fernsehen ihre Geschichte erzählen, aber vor allem zur Bestätigung einer bereits vorab angestellten Überlegung genutzt werden“, bleibt eher eine Randbemerkung. Gerade das, was die Elbe-Schule, mich selbst und offenbar auch Sie an dieser Sendung so geärgert hat, wird vom Altpapier als „üblich“ bezeichnet.Ich weiß nicht, wie es Ihnen da draußen geht, aber mir zieht das auch nach 25 Jahren hier drinnen die Schuhe aus.Dass an hochmögenden Journalismus-Schulen tatsächlich vermittelt wird, es sei völlig normal und in der Regel auch kein Problem, wenn sich Protagonistinnen von Medien-Storys in denselben nicht wiedererkennen oder verzerrt fühlen, habe ich erstmals Anfang 2019 erfahren. Eine Journalismus-Schule hatte ich nie von innen gesehen. Mit 17 Berufsjahren hielt ich mich dennoch nicht für einen Grünschnabel.Eine Verteidigung des Claas Relotius Aber Pustekuchen: Ich fiel buchstäblich aus den Wolken, als ich zu dem damals frisch aufgekommenen Skandal um Claas Relotius einen Text von Uwe Krüger redigierte, der auch diese Information enthielt. In seinem Aufsatz deutete der Leipziger Medienwissenschaftler an, dass der legendäre Star-Reportagen-Fälscher des Spiegel vielleicht doch nicht nur ein abgefeimter Betrüger weit jenseits des unbefleckten Journalismus sei.War es nicht eher so, fragte Krüger, dass Relotius nicht möglich gewesen wäre ohne die „verschärfte Storytelling-Kultur“ einer Medienwelt, in der „die Wirklichkeitsermittlung und -verpackung zum Hochleistungssport gerät“, während man das Real-Personal gerade in den Edel-Genres wie Reportage und Feature recht bedenkenlos zur fast beliebig arrangierbaren Skript-Staffage reduziert?Allerdings, das fand ich auch! Ich setzte mich umgehend an einen maximal unzeitgemäßen Essay zur Verteidigung des Claas Relotius, den mir eine erfahrene Kollegin damals wohl dankenswerterweise ausgeredet hat. Heute wird es in Ordnung sein, seine leicht polemische Grundidee zum Besten zu geben:War ein Relotius, der sich seine Personen einfach selbst erfand, am Ende nicht sogar irgendwie ehrlicher als all die Medienleute, die real existierende Menschen, die auf der Straße erkannt werden können, in einer Art und Weise durch ihre Geschichten schubsen, die mit ihrem eigenen Selbstbild und Welterleben nur dann etwas zu tun hat, wenn das zufällig in die Story passt?Sie sollten uns Medienleuten mit Vorsicht begegnenIch musste anlässlich der Causa um die Elbe-Schule und das dort offenbar gewordene Verständnis von Journalismus der Julia-Ruhs-Redaktion gelegentlich an diesen nie geschriebenen Aufsatz denken. Gewiss braucht man, um überhaupt Dinge erzählen zu können, ein begründetes Vorurteil, also eine Art These oder roten Faden, anhand dessen man sich Schauplätze und Interviewte sucht. Daraus aber eine Lizenz dafür zu machen, Journalisten und ihre Story grundsätzlich über die einzelnen Protagonisten und ihre Leben zu stellen, scheint mir bis heute vermessen und unverschämt.Ist Ihnen, also den „Menschen da draußen“, inzwischen etwas klarer geworden, wieso der Journalismus sie gern so nennt? Der stehende Ausdruck ist mehr als nur eine Redaktionstisch-Phrase. Obwohl man hier drinnen unablässig daran denkt, was Ihnen wohl gefallen könnte, sind Sie zugleich der Endgegner. Sie bewohnen ein fernes Reich, in das sich viele von hier drinnen nur gut gepanzert wagen. Stets hat man Angst, dass Einzelexemplare von Ihnen die Geschichten kaputtmachen können, die man der Gesamtheit da draußen verkaufen will.Daher sollten Sie uns mit einiger Vorsicht begegnen. Fragen Sie nach, was mit Ihnen erzählt werden soll. Googeln Sie die Redaktionen. Sonst geht es Ihnen vielleicht gerade so wie den Kindern von der Elbe-Schule.