Wird hier eine Bastion des deutschen Ensemble- und Repertoiretheaters geschleift? Und statt dessen eine „Eventbude“ eingerichtet? So lautete die Befürchtung für das neue Maxim Gorki Theater, das ab der kommenden Spielzeit von der Kuratorin und ehemaligen Dramaturgin Çağla Ilk geleitet wird.

Vorbild für den Entrüstungssturm war die Berliner Volksbühne. 2017 hatte sie nach der legendären, 25-jährigen Ära Frank Castorf der belgische Kurator Chris Dercon übernommen. Mit maximal reduziertem Ensemble setzte er Konzeptkunst um. Ein Reinfall, der, nach einem gewaltigen Shitstorm, mit dem raschen Rückzug des Belgiers endete.

So weit wird es am Gorki nicht kommen, denn Çağla Ilk kennt das Haus und die Stadt. Sie weiß, in welchen Kontexten sie sich positioniert. Zu Beginn der Intendanz ihrer Vorgängerin Shermin Langhoff arbeitete Ilk von 2012 bis 2020 als Dramaturgin am Gorki und entwickelte das Ausstellungsformat des Berliner Herbstsalon im angrenzenden Palais am Festungsgraben mit.

Dessen erster Stock soll zu einer ständigen Erweiterung ihres auch tagsüber öffnenden Hauses werden – ein Novum. Ilk ist mit den Abläufen vertraut und kennt etliche Mitarbeiter*innen insbesondere in den Gewerken von damals. Ihre Begrüßung zur Programm-Pressekonferenz beginnt sie denn auch mit den Worten, dass dieser Dienstag im Mai ihr 3.271. Arbeitstag am Gorki sei.

Direkt danach überlässt sie mit symbolischer Geste den Gewerken die Bühne. Erst dem dienstältesten Mitarbeiter, Jens Gebhardt, Leiter der Requisite, danach erklären Lea König aus der Schlosserei und Luisa Nilson aus der Damenschneiderei, dass ihnen die Berliner Kulturpolitik Sorge bereite – noch ist die Abwicklung der Gorki-Werkstätten durch eine Fusion mit dem Berliner Bühnenservice als zentralem städtischen Theater-Dienstleister nicht vom Tisch. Aber mit Çağla Ilk haben die Gewerke eine starke Fürsprecherin an ihrer Seite. Intern soll die Stimmung gut sein, und das ist sicher ein großes Plus für einen Neubeginn.

Fast das ganze Ensemble verlässt das Haus

Andere Punkte stimmen skeptischer. Tabula rasa machen nicht mehr viele Intendanzen. Die Freistellung ganzer Ensembles führt mittlerweile oft zum Aufschrei. Und doch ist genau das bei Çağla Ilk und ihrem künstlerischen Team der Fall: Bis auf Çiğdem Teke verlässt das gesamte Gorki-Schauspielensemble das Haus, zusammen mit prägenden Regisseuren wie Hakan Savaş Mican oder Nurkan Erpulat, der den Verlust seiner künstlerischen Heimat öffentlich betrauerte.

Auch das gesamte Repertoire der Langhoff-Zeit wird abgeräumt, Ilk startet ihren Spielplan bei Null. Damit geht Berlin auf einen Streich das postmigrantische Theater verloren, das ab 2008 am Ballhaus Naunynstraße entstand und die vergangenen 18 Jahre prägte, und damit Geschichten vom „Rand der Gesellschaft“ und aus den Milieus der sogenannten „Gastarbeiter*innen“.

Als Grundlage ihrer Arbeit verteidigt Çağla Ilk das Postmigrantische explizit. Doch die „Schubladen“ der Identitätspolitik seien zu eng geworden, sagt sie. Als Kunst-Kuratorin, die ab 2020 die Kunsthalle Baden-Baden leitete und 2024 den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig verantwortete, denkt sie international und transdisziplinär.

Jede der ans Haus eingeladenen Personen soll mit ihrer komplexen Herkunft und Geschichte für widerständige und vor allem antifaschistische Strömungen einstehen – einem Auftrag, der dem Maxim Gorki Theater bei seiner Neubegründung vor bald 75 Jahren mitgegeben wurde und den Ilk mehrfach bekräftigt.

Im Internationalen könnte ein Ausweg aus dem derzeit fatalen Zwang zur eindeutigen Positionierung liegen, der regelmäßig zu politischen Verwerfungen führt und Komplexität unstatthaft reduziert. Andererseits ist unklar, wie man derzeit kritische Debatten in der Kunst führt, ohne an politischen Konfliktlinien zu zerschellen, wie zuletzt die Auseinandersetzung um den russischen Pavillon bei der diesjährigen Biennale zeigte.

Transdiziplinarität wird zur neuen DNA

Was sich also am neuen Gorki entfaltet, bleibt abzuwarten. Ein starker Aufschlag für das Ensemble- und Repertoiretheater ist in Çağla Ilks erster Spielzeit allerdings nicht zu erwarten. Den Auftakt macht im September der Konzeptkünstler Sarkis mit einer installativen Würdigung des polnischen Theaterregisseurs und Malers Tadeusz Kantor.

Yael Bartana, Nicole L’Huillier und Robert Lippok, Künstler*innnen, die Ilk in Venedig präsentierte, sind im Gorki-Programm mit dabei, so wie die ikonische US-Choreographin Yvonne Rainer oder Sandra Hüller mit Regisseur Tom Schneider und ihrem FARN Kollektiv. Erst Anfang Dezember gibt es die erste Bühnenpremiere: Die Filmregisseurin Ulrike Ottinger adaptiert die Novelle The Hearing Trumpet von Leonora Carrington.

Auch das feste Ensemble zeigt sich: Zehn Schauspieler*innen hat Ilk mit ihrem künstlerischen Beirat, dem unter anderem der Theaterregisseur Sebastian Baumgarten und die Choreographin Meg Stuart angehören, engagiert. Aufnahme findet auch die Choreographin Constanza Macras und ihr Ensemble Dorky Park, die keinen Platz mehr an der neuen Volksbühne bekamen.

Dort ist, ebenfalls ab Herbst, der Stadttheater- und Freie-Szene-Zusammenführer Matthias Lilienthal zuständig. Wie sich die Programme dieser beiden Häuser ergänzen, wird Anfang Juni mit Lilienthals Pressekonferenz deutlich werden. Çağla Ilk konkurriert derzeit vor allem mit Berlins Produktionshäusern wie den ebenfalls in Mitte angesiedelten Sophiensaelen und dem Kreuzberger HAU Hebbel am Ufer.

Von ersterem kommt Göksu Kunak, die auf der Grenze von Tanz, Performance und Kunst wandelt, von letzterem die Bildende Künstlerin und Performerin Leila Hekmat. Die Sprechtheater in unmittelbarer Nachbarschaft hingegen, das Berliner Ensemble und das Deutsche Theater, können sich entspannt zurücklehnen: Von Çağla Ilks Programm wird ihnen kaum direkte Konkurrenz erwachsen.

Einzig Marie Schleef vertritt die klassische Theaterregie, aber auch sie arbeitet oft installativ – Transdiziplinarität wird zur neuen DNA. So viel ist klar: Çağla Ilk wird das Gorki in eine andere Form der Institution transformieren. Schlagworte wie Eventbude hin oder her.

ug des Belgiers endete.So weit wird es am Gorki nicht kommen, denn Çağla Ilk kennt das Haus und die Stadt. Sie weiß, in welchen Kontexten sie sich positioniert. Zu Beginn der Intendanz ihrer Vorgängerin Shermin Langhoff arbeitete Ilk von 2012 bis 2020 als Dramaturgin am Gorki und entwickelte das Ausstellungsformat des Berliner Herbstsalon im angrenzenden Palais am Festungsgraben mit.Dessen erster Stock soll zu einer ständigen Erweiterung ihres auch tagsüber öffnenden Hauses werden – ein Novum. Ilk ist mit den Abläufen vertraut und kennt etliche Mitarbeiter*innen insbesondere in den Gewerken von damals. Ihre Begrüßung zur Programm-Pressekonferenz beginnt sie denn auch mit den Worten, dass dieser Dienstag im Mai ihr 3.271. Arbeitstag am Gorki sei.Direkt danach überlässt sie mit symbolischer Geste den Gewerken die Bühne. Erst dem dienstältesten Mitarbeiter, Jens Gebhardt, Leiter der Requisite, danach erklären Lea König aus der Schlosserei und Luisa Nilson aus der Damenschneiderei, dass ihnen die Berliner Kulturpolitik Sorge bereite – noch ist die Abwicklung der Gorki-Werkstätten durch eine Fusion mit dem Berliner Bühnenservice als zentralem städtischen Theater-Dienstleister nicht vom Tisch. Aber mit Çağla Ilk haben die Gewerke eine starke Fürsprecherin an ihrer Seite. Intern soll die Stimmung gut sein, und das ist sicher ein großes Plus für einen Neubeginn.Fast das ganze Ensemble verlässt das HausAndere Punkte stimmen skeptischer. Tabula rasa machen nicht mehr viele Intendanzen. Die Freistellung ganzer Ensembles führt mittlerweile oft zum Aufschrei. Und doch ist genau das bei Çağla Ilk und ihrem künstlerischen Team der Fall: Bis auf Çiğdem Teke verlässt das gesamte Gorki-Schauspielensemble das Haus, zusammen mit prägenden Regisseuren wie Hakan Savaş Mican oder Nurkan Erpulat, der den Verlust seiner künstlerischen Heimat öffentlich betrauerte.Auch das gesamte Repertoire der Langhoff-Zeit wird abgeräumt, Ilk startet ihren Spielplan bei Null. Damit geht Berlin auf einen Streich das postmigrantische Theater verloren, das ab 2008 am Ballhaus Naunynstraße entstand und die vergangenen 18 Jahre prägte, und damit Geschichten vom „Rand der Gesellschaft“ und aus den Milieus der sogenannten „Gastarbeiter*innen“.Als Grundlage ihrer Arbeit verteidigt Çağla Ilk das Postmigrantische explizit. Doch die „Schubladen“ der Identitätspolitik seien zu eng geworden, sagt sie. Als Kunst-Kuratorin, die ab 2020 die Kunsthalle Baden-Baden leitete und 2024 den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig verantwortete, denkt sie international und transdisziplinär.Jede der ans Haus eingeladenen Personen soll mit ihrer komplexen Herkunft und Geschichte für widerständige und vor allem antifaschistische Strömungen einstehen – einem Auftrag, der dem Maxim Gorki Theater bei seiner Neubegründung vor bald 75 Jahren mitgegeben wurde und den Ilk mehrfach bekräftigt.Im Internationalen könnte ein Ausweg aus dem derzeit fatalen Zwang zur eindeutigen Positionierung liegen, der regelmäßig zu politischen Verwerfungen führt und Komplexität unstatthaft reduziert. Andererseits ist unklar, wie man derzeit kritische Debatten in der Kunst führt, ohne an politischen Konfliktlinien zu zerschellen, wie zuletzt die Auseinandersetzung um den russischen Pavillon bei der diesjährigen Biennale zeigte.Transdiziplinarität wird zur neuen DNAWas sich also am neuen Gorki entfaltet, bleibt abzuwarten. Ein starker Aufschlag für das Ensemble- und Repertoiretheater ist in Çağla Ilks erster Spielzeit allerdings nicht zu erwarten. Den Auftakt macht im September der Konzeptkünstler Sarkis mit einer installativen Würdigung des polnischen Theaterregisseurs und Malers Tadeusz Kantor.Yael Bartana, Nicole L’Huillier und Robert Lippok, Künstler*innnen, die Ilk in Venedig präsentierte, sind im Gorki-Programm mit dabei, so wie die ikonische US-Choreographin Yvonne Rainer oder Sandra Hüller mit Regisseur Tom Schneider und ihrem FARN Kollektiv. Erst Anfang Dezember gibt es die erste Bühnenpremiere: Die Filmregisseurin Ulrike Ottinger adaptiert die Novelle The Hearing Trumpet von Leonora Carrington.Auch das feste Ensemble zeigt sich: Zehn Schauspieler*innen hat Ilk mit ihrem künstlerischen Beirat, dem unter anderem der Theaterregisseur Sebastian Baumgarten und die Choreographin Meg Stuart angehören, engagiert. Aufnahme findet auch die Choreographin Constanza Macras und ihr Ensemble Dorky Park, die keinen Platz mehr an der neuen Volksbühne bekamen.Dort ist, ebenfalls ab Herbst, der Stadttheater- und Freie-Szene-Zusammenführer Matthias Lilienthal zuständig. Wie sich die Programme dieser beiden Häuser ergänzen, wird Anfang Juni mit Lilienthals Pressekonferenz deutlich werden. Çağla Ilk konkurriert derzeit vor allem mit Berlins Produktionshäusern wie den ebenfalls in Mitte angesiedelten Sophiensaelen und dem Kreuzberger HAU Hebbel am Ufer.Von ersterem kommt Göksu Kunak, die auf der Grenze von Tanz, Performance und Kunst wandelt, von letzterem die Bildende Künstlerin und Performerin Leila Hekmat. Die Sprechtheater in unmittelbarer Nachbarschaft hingegen, das Berliner Ensemble und das Deutsche Theater, können sich entspannt zurücklehnen: Von Çağla Ilks Programm wird ihnen kaum direkte Konkurrenz erwachsen.Einzig Marie Schleef vertritt die klassische Theaterregie, aber auch sie arbeitet oft installativ – Transdiziplinarität wird zur neuen DNA. So viel ist klar: Çağla Ilk wird das Gorki in eine andere Form der Institution transformieren. Schlagworte wie Eventbude hin oder her.



Source link