Die Autorin berichtet heute von ihrer Wertschätzung und Anerkennung für die Männer und Frauen, die es nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2014 geschafft haben, das Leben in Donezk am Laufen zu halten – und es bis heute tun.

Von Wassilissa Sacharowa

„Das Wasserreservoir zu Hause habe ich selbst eingebaut“, antwortete Sergei auf meine Frage, wie er das Problem mit dem Wasser in seiner Wohnung löst. Wer denkt, dass Sergei von Berufs wegen Handwerker oder Klempner ist, liegt falsch. Sergei ist Taxifahrer. Ich lernte ihn bei meiner Fahrt von Rostow nach Donezk kennen. Auf der dreistündigen Fahrt konnten wir nicht aufhören, miteinander zu sprechen – Sergei ist einer dieser Menschen, mit denen das Gespräch sehr ungezwungen läuft. Er hört zu, ist vom Herzen interessiert, teilt aber auch seine Erfahrungen und Gedanken dem Gesprächspartner offen mit.

Donezk-Tagebuch Donezk-Tagebuch

Den Wasserbehälter in einer Wohnung einzubauen, ist keine einfache Aufgabe: Man muss ihn nämlich so anschließen, dass das Wasser in den Räumlichkeiten, die an eine zentrale Wasserversorgung des Mehrfamilienhauses angeschlossen sind, in allen Leitungen fließt. Diesen ca. 500-Liter-Behälter kann man nicht einfach mitten in der Küche hinstellen – oder zumindest wollen das die meisten Menschen nicht –, sondern er soll im Flur zwischen den Wohnungen stehen. Um Rohre zu verlegen, muss man durch die Wände bohren. Die ganze Installation kostet etwa 55.000 Rubel (550 bis 600 Euro) und dieser Preis ist keineswegs happig oder übertrieben – das meiste davon geht für den Einkauf der Geräte drauf und nur etwa 100 Euro verdient dabei der Handwerker. Für deutsche Verhältnisse mag das eine geringe Summe für eine derartige Leistung sein. Für die Menschen in der Kriegszone wie Donezk ist es jedoch eine Menge Geld, das viele Rentner nur mit Schwierigkeiten aufbringen können, doch die Investition lohnt sich. Und wenn man, wie Sergei, es selbst machen kann, dann ist das keine Frage des „Wie“, sondern des „Wann“.

Multifunktionalität als Überlebensstrategie

Männer in Donezk verfügen heute größtenteils über vielfältige Fähigkeiten. Das ist eine Art „Nebenwirkung“ des Krieges. Viele ausgebildete Fachkräfte sind entweder im Krieg gefallen oder haben die Region verlassen. In einer solchen Situation bleibt kaum eine Wahl: Man muss in der Lage sein, Wasserleitungen zu verlegen, Zementwände zu durchbohren, Möbel zu reparieren oder Computer technisch zu warten.

Viele Männer üben hier mehrere Berufe aus: Taxifahrer unter der Woche und Klempner am Wochenende. Doch was mich eigentlich erstaunt, ist die Einstellung, mit der sie das tun. Als wäre das nichts Besonderes. Wenn man sie darauf anspricht, wie sie die eine oder andere schwierige Fähigkeit erlernt haben, antworten sie verwundert mit zuckenden Schultern: „Habe ich mir eben selbst beigebracht. Nichts Besonderes.“ Ganz so, als ob alle das könnten. Doch alle können das nicht.

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So bleibt diese einem Schweizer Messer ähnliche Multifunktionalität für ältere Menschen eine unmögliche Errungenschaft. Sie sind darauf angewiesen, die jüngeren Nachbarn (Millennials und Gen Z) um Hilfe zu bitten. Natürlich ist es nicht gerade angenehm, wenn man des Öfteren andere Menschen um Gefallen bitten muss, und es bedarf einer gewissen Überwindung, doch die jüngeren Nachbarn lehnen selten ab. Das ist die Besonderheit der Donbass-Mentalität. Der Krieg schweißt die Menschen zusammen, und so ist es zu einer ungeschriebenen Regel geworden, dass Menschen einander nicht im Stich lassen. Wer das macht, wird als „Fremder“ wahrgenommen.

Kreative Nebenverdienste – auch für Frauen

Auch ältere Frauen lassen sich kreative Lösungen für Nebenverdienste einfallen. So gibt es im Gorki-Park eine Rentnerin, die Menschen dort mit einem Straßen-Gokart durch die Gegend fährt. Das Kleinkraftrad hat sie sich auf eigenes Risiko zugelegt, nicht wissend ob dieser Kauf nicht nach hinten losgehen würde. Ihre positive Hoffnung hat sich als eine gute Geschäftsidee bewährt – die Nachfrage ist groß. Jetzt ist die Frau zu einer Art örtlichen Legende geworden und viele bezahlen für die Fahrt im Park auf ihrem Gokart, nur damit sie mit der Berühmtheit fahren dürfen. Die Frau steckt mit ihrer guten Laune viele Menschen an. Wenn sie an einem vorbeifährt mit ihrem glücklichen Lächeln im Gesicht, dreht man sich automatisch nach ihr um, weil man sie einfach länger anschauen möchte.

Veränderte Rollenbilder

Auffällig ist die fehlende Arroganz im Umgang miteinander. Dies war nicht immer so. Früher verhielten sich viele, vor allem jüngere Menschen, die allen beweisen wollten, dass sie etwas von sich hielten, hochnäsig und für „zu gut“ für „einfache“ Arbeiten, doch nachdem der Bürgerkrieg im Jahr 2014 ausgebrochen war, mussten viele „stolze“ Menschen ihr Ego ruhen lassen. Und so haben sich hier mit der Zeit die typischen Geschlechterrollen verwischt. Oft sieht man hier in einem Restaurant Männer, die als Kellner arbeiten, während Frauen hinter der Bartheke stehen. Als ehemalige Servicekraft in Deutschland weiß ich aus eigener Erfahrung, dass eine solche Einteilung selbst für Deutsche eher selten ist. Auch ich musste mich öfter über den Oberkellner ärgern, weil meine wiederholten Bitten, mich hinter die Bartheke einzuteilen, zugunsten der männlichen Kollegen abgelehnt wurden. Vielleicht fällt mir gerade deshalb auf, dass Männer als Kellner Tische bedienen, während es Frauen sind, die hinter der Bar die Cocktails für die Restaurant-Besucher mixen.

Auch trifft man hier nicht selten auf Frauen, die Taxi fahren. Dabei ist diese Aufgabe in Donezk eine Kunst für sich. Nicht nur, dass hier einige Straßen nicht ausgeschildert sind, sondern viele von ihnen sind wie Schweizer Käse von Löchern durchsetzt. Außerdem muss man auch mit dem hiesigen Fahrtstil mithalten können. Wer schon mal in Paris war, weiß, wie viel aggressiver man dort im Vergleich zu Deutschland Auto fährt. Donezk ist in dieser Hinsicht ähnlich wie Paris (Zwinker-Smiley), nur mit noch weniger Regeln und engeren Straßen. Doch die Taxifahrerinnen beschweren sich nicht. Auf eine Anmerkung, dass sie eine Frau in einem Männerberuf sei, hört man nur: „Lasst uns loslegen!“ (Russisch: „Поехали“ – Pojéhali).

Eine Stadt, die dem Krieg trotzt

Das heutige Donezk ist wieder lebendiger geworden als noch vor zwei Jahren, als ich zum letzten Mal dort war. Viele Menschen sind zurückgekehrt. So auch der multifunktionale Taxifahrer Sergei, der mit seiner Frau und seinem Kind zunächst in Rostow ein neues Leben aufbauen wollte, mittlerweile aber nach Donezk zurückgekehrt ist. Für viele Menschen unverständlich – wie kann man sich nur freiwillig in ein Kriegsgebiet begeben, obwohl man eine alternative Lösung hat? „Die Menschen hier sind meiner Mentalität näher“, antwortete Sergei. Ein Empfinden, das ich nachvollziehen kann. Denn egal, wie freundlich und verständnisvoll Menschen in Rostow oder in Deutschland sind, nur wir Donezker wissen aus eigener Erfahrung, wie sich ein „Frühstück unter Bomben“ anfühlt.

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