Als Wiege von Design und Architektur ist das Bauhaus längst in die Geschichte eingegangen. Mit der Fotografie tat man sich dagegen schwer: Eine eigene Fotoklasse entstand erst 1929 in Dessau, unter der Leitung von Walter Peterhans. Dabei war das Medium alles andere als neu im Haus – László Moholy-Nagy setzte es ein, und für Dokumentationszwecke war die Kamera ohnehin unentbehrlich.
Künstlerisch galt die Fotografie im Bauhaus trotzdem lange als informelles Experimentierfeld, als Spielwiese für Studierende aller Geschlechter. Denn Frauen waren am Bauhaus von Anfang an stark vertreten – rund die Hälfte aller Studierenden, auch in der Fotoklasse. Viele von ihnen sind heute kaum mehr als ein Name, manche noch nicht einmal das – selbst dort, wo ihre Bilder bekannt sind und zum kollektiven Gedächtnis des Bauhauses gehören. Das Berliner Bauhaus-Archiv stellt sich dieser Lücke nun mit der Ausstellung Neue Frau, Neues Sehen im Museum für Fotografie: ein Versuch, weibliche Kunstgeschichte zu rekonstruieren und dem Vergessen zu entreißen.
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Dass so viele Frauen unsichtbar blieben, hat freilich nur zum Teil mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung oder gesellschaftlichen Rollenerwartungen, die Berufstätigkeit für Frauen kaum vorsah, zu tun. Sich einen Namen als Fotograf zu machen, war auch für die männlichen Kollegen schwer. Zeitungen und Illustrierte veröffentlichten Fotos oft ohne Namensnennung oder nur unter Nennung der Bildagentur.
Die Idee der Autorenschaft und das Urheberrecht waren noch nicht sonderlich entwickelt. Hinzu kam die Zäsur des Jahres 1933, die im Bauhaus mit seinen progressiven, gesellschaftsverändernden Zielen besonders verheerend wirkte. Zahlreiche Bauhäusler beiderlei Geschlechts, darunter viele Jüdinnen und Juden, verließen das Land. Ihre Archive blieben zurück, wurden in alle Winde zerstreut oder vernichtet.
In den etwa 300 Fotografien von rund 30 Fotografinnen lässt sich erspüren, wie die Frauen um einen Ausdruck ringen, der den Prinzipien des Bauhauses entspricht. Ihr Blick ist erkennbar geprägt von der Avantgarde der 1920er-Jahre, vom Neuen Sehen mit seinen ungewöhnlichen Perspektiven und dem Spiel von Licht und Schatten, so in den Porträts von Marianne Brandt oder Lucia Moholy.
Ihre Bilder verbinden klare Komposition mit durchdachter Lichtführung und wirken nachdenklich, nahbar und psychologisch tiefgründig, statt nur repräsentativ zu sein. In vielen der Arbeiten aus den Lehr-Ateliers sieht der Betrachter den Versuch, sich an das neue Medium Fotografie heranzutasten, auszuprobieren, zu experimentieren – im Grunde nicht viel anders als in heutigen fotografischen Akademien.
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Mit Bubikopf und Zigarette
Man fotografierte einander beim Leben, Feiern, Arbeiten, und schaffte so ungewollt eine Dokumentation des Bauhauses als sozialer und kreativer Lebensmittelpunkt junger Menschen. Sich selbst oder einander zu inszenieren ist ebenfalls ein häufiges Mittel der Selbsterfahrung und der Suche nach einer Formensprache, die das gewandelte Frauenbild widerspiegelt und den Eklektizismus der wilhelminischen Zeit, wo alle möglichen alten Stile lediglich imitiert wurden, zu überwinden.
Fast schon zum Klischee geronnen ist das Bild der „Neuen Frau“, wie es seinerzeit in den Medien allgegenwärtig war und den gesellschaftlichen Wandel mit seinem sich stark verändernden Frauenbild verkörperte. Androgyne Erscheinung mit Bubikopf, urban, selbstständig, amüsierfreudig und häufig in der Öffentlichkeit rauchend – so stellte sich das Idealbild der modernen Frau dar, und so begegnen uns auch viele Frauen in der Ausstellung. Ein Typus, der hauptsächlich in den Großstädten und zunehmend auch an den (künstlerischen) Hochschulen und Akademien präsent war.
Fotografieren für die finanzielle Unabhängigkeit
Mit der ökonomischen Selbstständigkeit der Frauen ging das Streben nach beruflicher Selbstverwirklichung einher. Die Fotografie bot das passende Mittel, um selbstständig zu arbeiten, ein eigenes Einkommen zu generieren und gleichzeitig kreativ tätig zu werden. Die Porträtfotografie erwies sich hierfür als dankbares Sujet. War sie in der „alten Zeit“ meist Personen von hohem Stand oder gesellschaftlichem Status vorbehalten, wurde sie durch die stark vereinfachten technischen Voraussetzungen zu einem Massenphänomen und zu einer wichtigen Einnahmequelle.
Ein entscheidender Gamechanger war dabei die 1925 vorgestellte Leica-Kleinbildkamera mit ihrem kompakten handlichen Format. Sie revolutionierte die Fotografie und wurde im Kontext des gesellschaftlichen Klimas der 1920er zum Werkzeug weiblicher Selbstermächtigung.
Die in verschiedene Kapitel gegliederte Ausstellung geht über die Erkundung des neu gewonnenen Selbstbewusstseins von Frauen hinaus und erforscht die Spuren, welche die Bauhäuslerinnen in der Architektur-, Reportage- und künstlerischen Fotografie hinterlassen haben. Fotografie als Mittel sozialer Aufklärung war ein wichtiger Baustein ihres Selbstverständnisses und schlägt sich in Bildreportagen über fremde Länder und Kulturen oder gesellschaftliche Missstände nieder.
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Irena Blühová dokumentierte eindrücklich die Lebensumstände von Landarbeitern und dem „Lumpenproletariat“, bevor sie 1931 ihre Ausbildung in der Dessauer Fotoklasse begann. Die wachsende Bedeutung des Fotojournalismus führte dazu, dass nun auch Randgruppen, Minderheiten, arme Menschen oder als exotisch geltende Personen porträtiert und damit gesellschaftliche Verhältnisse neu verhandelt wurden. Grete Sterns Studie über eine Gruppe Indigener im Norden Argentiniens oder Lucia Moholys Reportagefotografien aus Jugoslawien zielten darauf ab, soziale Realitäten und den menschlichen Alltag ohne Posen festzuhalten.
Natürlich stellt sich am Ende die Frage, ob es einen spezifisch weiblichen Blick gibt und Frauen anders fotografieren als Männer. In der Schau lässt sich eine Antwort am ehesten in der Inszenierung des weiblichen Körpers entdecken: Sie verweigert sich der Wahrnehmung von Frauen als bloßes Objekt und betrachtet sie als handelnde Subjekte. Darüber hinaus besetzten die Fotografinnen schlicht Leerstellen vor und hinter der Kamera. Frauen fotografieren Frauen. Was heutzutage völlig normal erscheint, bedeutete zu jener Zeit einen Bruch mit den männlich dominierten Regeln der Darstellung von Menschen.
Dieser Artikel erschien erstmals am 15. Mai 2026.
Neue Frau, neues Sehen Museum für Fotografie, Berlin, bis 4. Oktober 2026
lt die Fotografie im Bauhaus trotzdem lange als informelles Experimentierfeld, als Spielwiese für Studierende aller Geschlechter. Denn Frauen waren am Bauhaus von Anfang an stark vertreten – rund die Hälfte aller Studierenden, auch in der Fotoklasse. Viele von ihnen sind heute kaum mehr als ein Name, manche noch nicht einmal das – selbst dort, wo ihre Bilder bekannt sind und zum kollektiven Gedächtnis des Bauhauses gehören. Das Berliner Bauhaus-Archiv stellt sich dieser Lücke nun mit der Ausstellung Neue Frau, Neues Sehen im Museum für Fotografie: ein Versuch, weibliche Kunstgeschichte zu rekonstruieren und dem Vergessen zu entreißen.Placeholder image-1Dass so viele Frauen unsichtbar blieben, hat freilich nur zum Teil mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung oder gesellschaftlichen Rollenerwartungen, die Berufstätigkeit für Frauen kaum vorsah, zu tun. Sich einen Namen als Fotograf zu machen, war auch für die männlichen Kollegen schwer. Zeitungen und Illustrierte veröffentlichten Fotos oft ohne Namensnennung oder nur unter Nennung der Bildagentur.Die Idee der Autorenschaft und das Urheberrecht waren noch nicht sonderlich entwickelt. Hinzu kam die Zäsur des Jahres 1933, die im Bauhaus mit seinen progressiven, gesellschaftsverändernden Zielen besonders verheerend wirkte. Zahlreiche Bauhäusler beiderlei Geschlechts, darunter viele Jüdinnen und Juden, verließen das Land. Ihre Archive blieben zurück, wurden in alle Winde zerstreut oder vernichtet.In den etwa 300 Fotografien von rund 30 Fotografinnen lässt sich erspüren, wie die Frauen um einen Ausdruck ringen, der den Prinzipien des Bauhauses entspricht. Ihr Blick ist erkennbar geprägt von der Avantgarde der 1920er-Jahre, vom Neuen Sehen mit seinen ungewöhnlichen Perspektiven und dem Spiel von Licht und Schatten, so in den Porträts von Marianne Brandt oder Lucia Moholy.Ihre Bilder verbinden klare Komposition mit durchdachter Lichtführung und wirken nachdenklich, nahbar und psychologisch tiefgründig, statt nur repräsentativ zu sein. In vielen der Arbeiten aus den Lehr-Ateliers sieht der Betrachter den Versuch, sich an das neue Medium Fotografie heranzutasten, auszuprobieren, zu experimentieren – im Grunde nicht viel anders als in heutigen fotografischen Akademien.Placeholder image-2Mit Bubikopf und ZigaretteMan fotografierte einander beim Leben, Feiern, Arbeiten, und schaffte so ungewollt eine Dokumentation des Bauhauses als sozialer und kreativer Lebensmittelpunkt junger Menschen. Sich selbst oder einander zu inszenieren ist ebenfalls ein häufiges Mittel der Selbsterfahrung und der Suche nach einer Formensprache, die das gewandelte Frauenbild widerspiegelt und den Eklektizismus der wilhelminischen Zeit, wo alle möglichen alten Stile lediglich imitiert wurden, zu überwinden.Fast schon zum Klischee geronnen ist das Bild der „Neuen Frau“, wie es seinerzeit in den Medien allgegenwärtig war und den gesellschaftlichen Wandel mit seinem sich stark verändernden Frauenbild verkörperte. Androgyne Erscheinung mit Bubikopf, urban, selbstständig, amüsierfreudig und häufig in der Öffentlichkeit rauchend – so stellte sich das Idealbild der modernen Frau dar, und so begegnen uns auch viele Frauen in der Ausstellung. Ein Typus, der hauptsächlich in den Großstädten und zunehmend auch an den (künstlerischen) Hochschulen und Akademien präsent war.Fotografieren für die finanzielle UnabhängigkeitMit der ökonomischen Selbstständigkeit der Frauen ging das Streben nach beruflicher Selbstverwirklichung einher. Die Fotografie bot das passende Mittel, um selbstständig zu arbeiten, ein eigenes Einkommen zu generieren und gleichzeitig kreativ tätig zu werden. Die Porträtfotografie erwies sich hierfür als dankbares Sujet. War sie in der „alten Zeit“ meist Personen von hohem Stand oder gesellschaftlichem Status vorbehalten, wurde sie durch die stark vereinfachten technischen Voraussetzungen zu einem Massenphänomen und zu einer wichtigen Einnahmequelle.Ein entscheidender Gamechanger war dabei die 1925 vorgestellte Leica-Kleinbildkamera mit ihrem kompakten handlichen Format. Sie revolutionierte die Fotografie und wurde im Kontext des gesellschaftlichen Klimas der 1920er zum Werkzeug weiblicher Selbstermächtigung.Die in verschiedene Kapitel gegliederte Ausstellung geht über die Erkundung des neu gewonnenen Selbstbewusstseins von Frauen hinaus und erforscht die Spuren, welche die Bauhäuslerinnen in der Architektur-, Reportage- und künstlerischen Fotografie hinterlassen haben. Fotografie als Mittel sozialer Aufklärung war ein wichtiger Baustein ihres Selbstverständnisses und schlägt sich in Bildreportagen über fremde Länder und Kulturen oder gesellschaftliche Missstände nieder.Placeholder image-3Irena Blühová dokumentierte eindrücklich die Lebensumstände von Landarbeitern und dem „Lumpenproletariat“, bevor sie 1931 ihre Ausbildung in der Dessauer Fotoklasse begann. Die wachsende Bedeutung des Fotojournalismus führte dazu, dass nun auch Randgruppen, Minderheiten, arme Menschen oder als exotisch geltende Personen porträtiert und damit gesellschaftliche Verhältnisse neu verhandelt wurden. Grete Sterns Studie über eine Gruppe Indigener im Norden Argentiniens oder Lucia Moholys Reportagefotografien aus Jugoslawien zielten darauf ab, soziale Realitäten und den menschlichen Alltag ohne Posen festzuhalten.Natürlich stellt sich am Ende die Frage, ob es einen spezifisch weiblichen Blick gibt und Frauen anders fotografieren als Männer. In der Schau lässt sich eine Antwort am ehesten in der Inszenierung des weiblichen Körpers entdecken: Sie verweigert sich der Wahrnehmung von Frauen als bloßes Objekt und betrachtet sie als handelnde Subjekte. Darüber hinaus besetzten die Fotografinnen schlicht Leerstellen vor und hinter der Kamera. Frauen fotografieren Frauen. Was heutzutage völlig normal erscheint, bedeutete zu jener Zeit einen Bruch mit den männlich dominierten Regeln der Darstellung von Menschen.Dieser Artikel erschien erstmals am 15. Mai 2026.