Anfang September schrieb ich auf den NachDenkSeiten über eine Radtour, die ich im Sommer durch unser Nachbarland Tschechien unternahm. Ich erwähnte, dass neben dem Lächeln, welches bei den tschechischen Menschen zurückgekehrt war (nach mehr als zwei Krisenjahren), auch Wut zu spüren sei. Die richte sich gegen die Regierung, gegen die führenden Kräfte im Land, erfuhr ich von ihnen. Nun im Oktober ist die Lage in Tschechien angespannt, ökonomisch, mental, politisch, weswegen sich viele Menschen verstärkt wehren. Es ist Notwehr, weil sie betroffen sind, es ist demokratisch, weil sie nicht einverstanden sind mit dem, was geschieht. Die Tschechen sagen: Die derzeitigen Führungskräfte führen sie ins Verderben. Von Frank Blenz.

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Kafkaeske Lage

Viele Tschechen wissen um die Gründe ihrer Lage. Sie wollen die Militarisierung der Gesellschaft, die sture Friedensverweigerung der Eliten, deren Absage, diplomatisch, sachlich und verbindend zu sein, nicht hinnehmen. Der fortlaufende Krieg in der Ukraine beinah direkt vor der Haustür und die zahlreichen ukrainischen Geflüchteten im eigenen Land (an die 450.000 meldet die Regierung) – diese Katastrophe zu beenden, das ist dringend geboten, fordern sie. Ihre Wut tönt laut, allein die Mächtigen in der Prager Burg haben Watte in den Ohren. Kafkaeskem sehen sich die Bürger mit einem nicht nur in Tschechien zu beobachtenden Widerspruch gegenüber: Schaut und hört man den namhaften Politikern und Medien zu und vergleicht das mit den Menschen auf der Straße, stellt man fest, dass deren Worte zu den gleichen Themen nicht die gleichen sind. Obwohl die Politiker und Persönlichkeiten aus Presse, Funk und Fernsehen behaupten, im Namen des Volkes zu sprechen, ist das Gegenteil der Fall. Das kommt einem aus unserem Land sehr bekannt vor.

Wenn Menschen, viele Menschen auf dem berühmten Prager Wenzelsplatz demonstrieren und lautstark Frieden und eine soziale, eine verbindende Politik fordern, spürt der Beobachter die Wichtigkeit und die wirkliche Berechtigung. Was ist dagegen zu sagen, wenn die Leute rufen, dass Tschechien sich mindestens neutral verhalten soll im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine? Dass die Waffen auf beiden Seiten schweigen sollen, dass man innehält, statt weiter zu eskalieren? Doch die offiziellen Antworten auf das Engagement des Volkes lauten, dass in den Nachrichten im Fernsehen, in führenden Zeitungen und Internetplattformen Tschechiens genau diese Menschen geradezu diffarmiert und lächerlich gemacht werden. Wie können die nur Frieden fordern, fragen sich die Eliten, arrogant lästernd über ihr Volk. Ministerpräsident Fiala fordert entgegen der Auffassung seines Volkes, die Eskalationsschraube ja nicht lockerzudrehen. Die Verteidigungsministerin will mehr aktive Reservisten im Landesinnern bereitstellen. Die Luftwaffe der kleinen Armee der Tschechen hilft den Slowaken in derem Luftraum. Vom deutschen Rheinmetall-Konzern werden teure Panzer in Auftrag gegeben. Tschechiens Regierung unterschreibt mit 15 europäischen Staaten ein Vorhaben, ein neues Luftabwehrsystem zu installieren. Der Feind ist bekannt.

Der Wahnsinn tobt im Angesicht der Inflation, die bei nahe 20 Prozent liegt. Die Tschechen wissen, die Inflation ist die Folge des Wahnsinns. Die Suppe auslöffeln müssen sie. „Meine Landsleute wissen in der Zwischenzeit nicht, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen, die Preise sind enorm gestiegen. Wem nützt das alles?“, fragt meine persönliche Zeitzeugin Eva Kramerova, die ich schon im Sommer sprechen konnte. Die gebürtige Tschechin und Deutsche weilt oft in ihrem alten Heimatland und hat das Ohr am Volk. Einfache Dinge des Alltags, der Frisörtermin, der Einkauf auf dem Wochenmarkt, der Besuch eines Restaurants – sie geraten zum Luxus. Noch fühlen sich die Gänge durch Prag und Cheb und Karlovy Vary und Usti nad Labem angenehm an, so, als lebe es sich gut und als wären die Menschen froh – der Schein trügt. Die Sorgenfalten werden tiefer. Die Wut der Menschen größer.

Wir sind die Guten. Wirklich?

Gerade wird tagtäglich propagiert, Krise hin oder her: Die Tschechen stehen an der Seite der Ukrainer und finden es richtig, dass der Krieg bis zum Sieg weitergeführt wird, Waffen geliefert, dagegen Verhandlungen und Innehalten tabu sind. Die führenden, im wahrsten Sinne des Wortes Ton angebenden Medien in Tschechien verlautbaren gerade (genau wie die deutschen Kollegen führender Medien) dies als allgemeingültige „Haltung“, sie ist Stoßrichtung von Regierung und maßgeblichen Mitspielern des politischen Geschehens. Und auch das wird laut posaunt und das permanent: Der Russe ist schlecht – der Ukrainer ist gut. Der Russe ist schlecht – der Amerikaner, die NATO, der Westen – wir sind die Guten (wie bei uns in Deutschland). Russen bekommen keine Einreiseerlaubnis.

In Sachen Russland sagt meine Zeitzeugin Eva: „Das Gefühl gegen Russland wird gern aufgenommen, um Stimmung zu machen. Es stimmt zwar, dass wir wegen 1968 gegenüber den Russen skeptisch sind, doch heute muss Vernunft her – wir können nicht ewig auf Ablehnung und Strafen und Sturheit setzen. Denn den einfachen Russen sind wir nicht fern. Leider ist es so, dass unsere Regierung, diese ganzen Großen, Wichtigen und Reichen nur mit sich zu tun haben und mit dem Kriege und Konfrontation Schüren. Wir einfachen Leute wissen das. Wir kommen nur schwer dagegen an. Ja, man muss wissen, dass das Jahr 1968 und die Jahre zuvor und danach bis heute traumatisch sind. Die Sowjets hatten uns gedemütigt. Ich musste Russisch lernen, um mein Abitur zu machen. Wir haben es gehasst. Aber es ist nicht so, dass ich das jetzige Russland mit der Sowjetunion von damals gleichsetze. Sie sind keine Feinde von uns, wird aber gesagt. Im Gegensatz dazu wird von uns permanent Freundschaft zu den Amerikanern verlangt. Die haben uns befreit, wird gesagt und so weiter. Richtiger ist, sie haben gerade ganz Europa in der Hand.“

Die Erzählung über den bösen Russen ist lange beschlossen. Sie wird täglich wiederholt und entsprechende Folgerungen gezogen. Klar, wenn man einen Feind hat … In den Medien ist von Waffenlieferungen, von Grenzkontrollen, von Aufrüstung, von Luftwaffe, von Manövern und Ablehnung der Russen die Rede. Man stelle sich das mal vor: Tschechien, ein Land mit 10 Millionen Einwohnern, rüstet auf? Mitten in Europa – umgeben von lauter Freunden? Schwejk’sche Tschechen haben derlei Irrsinn längst als solchen erkannt, im Gegensatz zu den Tschechen, die sich in amerikanischer Gefolgschaft befinden. Viele Otto-Normal-Bürger folgen nicht dem geistigen Marschbefehl. Und sie weichen auch nicht der Drohung, „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“. „Die Tschechen sagen, was ihnen nicht passt, widerspruchslose Gefolgschaft ist nicht ihre Sache“, so Eva Kramerova in einem Ton von Stolz in der Stimme.

Ukrainische Flagge weht auf der Prager Burg

Wäre es lediglich touristisch lieb gemeinte Folklore, wenn die Soldaten in ihren hellblauen Uniformen die Wachablösung an der Burg vorführen, wäre wirklich Frieden. Doch die Flagge der Ukraine weht neben der tschechischen, passend zu den Worten aus dem Hohen Haus. Das Werben ist öffentliche Begleiterscheinung der Eskalation. Ukrainische Flaggen wehen in Prag vor allem an öffentlichen Gebäuden – in Wohngebieten, in den Stadtvierteln der Altstadt auf beiden Seiten der Moldau sind sie selten in den Fenstern zu sehen, ab und an in einigen Trendlokalen, in denen gelb-blau angesagt ist. Eva sagt: „Wir haben nichts gegen die Ukrainer. Es gibt vielmehr Bedenken gegen Selenskij und seine Leute, die sind bei uns nicht beliebt. Die sollen sich endlich an einen Tisch setzen. Die Russen und die Ukrainer. Der Krieg, das Töten muss beendet werden. Bedenkt: Mit Waffen ist noch nie Frieden gemacht worden.“

„Es wird knallen auch bei uns, ändert sich nichts“

Gerade ist Eva skeptisch, sie äußert ihre Angst, die ihrer Freunde, Bekannten, Verwandten. Sie beobachtet, dass die, welche die ganzen unsäglichen Coronawellen und Maßnahmen ohne Murren mitmachten, jetzt auch ziemlich feindlich gegen Russland und geradezu für die Eskalation sind. Die, welche die Maßnahmen im Coronawahn kritisierten und sich wehrten, ja renitent waren wie einst Schwejk, sind auch gegen den Kriegswahn renitent. „Ich sehe ein schlimmes 2023 auf uns zukommen. Es wird knallen auch bei uns, ändert sich nichts. Ich hoffe noch, dass die Vernunft eine Chance bekommt und sich durchsetzt. So wie jetzt kann es nicht ständig weitergehen“, so Eva Kramerova.

Titelbild: (C) Frank Blenz



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Von Veritatis

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