Er hatte Tränen in den Augen und seine Fistelstimme versagte, als sich sein alter Traum erfüllte: ein gelber Zettel – „Du bist dabei“. Menderes Bağcı hatte 2011 bei Deutschland sucht den Superstar (DSDS) nach jahrelangem Scheitern an der Jury um Dieter Bohlen den „Recall“ erreicht. Seit der ersten Staffel – 2002 – war er jährlich in den Castings angetreten, um Michael Jackson nachzueifern, seinem Idol.

Anfangs ein Spott der Juroren und Zuschauer, war der Tankwart aus NRW allmählich zum „Kult-Kandidaten“ avanciert. Spätestens seit Ende der nuller Jahre hatte er nicht nur Häme geerntet, sondern auch Anerkennung für Fleiß und Unermüdlichkeit – selbst wenn die Stimme dahinter zurückblieb. Ja: Seine Auftritte, teils außer Konkurrenz, dienten der Belustigung. Doch reifte Menderes Bağcı – und sei es unter Aufgabe von Schamgrenzen – auch zu einer Identifikationsfigur derer heran, die anderswo keine Chance bekamen, ihr Talent zu testen: derer da unten, oft aus „migrantischen Communitys“.

Das war der Deal rund um das Glücksversprechen des „Trash-TV“ der Bohlen-Ära, das der berufsversnobte Harald Schmidt einst als „Unterschichtenfernsehen“ verspottete. Und das hatten diese Sender den Öffentlich-Rechtlichen voraus, auch wenn sich diese neuerdings sensibel bis „woke“ geben: Der Callcenter-Niedriglöhner arabischer Herkunft, die Nageldesignerin mit polnischen Eltern oder eben der „Türke von der Tanke“ kommen in ARD und ZDF als Handelnde nicht vor. Nichts gegen Kommissare „of Colour“ oder Wissenschaftsjournalisten mit internationaler Biografie. Doch wer das schon „Integration“ nennt, versteht den Ausschluss nur halb: Man will die Schönen, Erfolgreichen, Gebildeten, die „es geschafft haben“ – doch das Gros bleibt unsichtbar.

Hart, beleidigend, ehrlich

Hier war das Privatfernsehen schon vor 20 Jahren „integrativer“, ob planvoll oder unbewusst. Wer über die raue Art die Nase rümpfte, in der ein Dieter Bohlen gescheiterten Kandidaten einbimste, doch lieber eine Ausbildung anzustreben, als die nächste Rihanna werden zu wollen, weiß nichts davon, wie es da draußen – und unten – so zugeht. Ein Spruch wie „Deine Stimme ist zum Niederknien – damit man sich nicht auf die Füße kotzt“ ist hart, beleidigend, aber immerhin ungeheuchelt. Mehmet und Kimberly kennen diese Sprache und wissen, wie es ist, Illusionen zu verlieren. Oder es entsteht Trotz, wie bei Menderes, und daraus werden Ehrgeiz, Resilienz, Energie – im Rahmen der Show eine Aufstiegsgeschichte, die aber als Ausnahme von der Regel des harten Lebens mit seinen systematischen Diskriminierungen erkennbar bleibt. So war Bohlens DSDS trotz seines Spiel-Rahmens wirkliches Reality-TV – eine grotesk überzeichnete Doku über die kollektiven Sehnsüchte der Vergessenen.

Nun aber soll das Geschichte sein. Ein neuer RTL-Programmchef will weg vom Image der Trash-Schleuder – und allen Ernstes mit den Ex-ARD-News-Größen Pinar Atalay und Jan Hofer „Fake News“ entgegentreten. „Seriösität“ und „Familienfreundlichkeit“ sind nun Devise, auch Bohlens Demission 2021 gehört zum Paket. Das Resultat: Quotenabsturz. Ohne Bohlen brach DSDS weg, neue Infotainment-Konzepte floppten. Man ist weit davon entfernt, mit Bildungsbürger-Nachwuchsformaten à la Frag doch mal die Maus oder Klein gegen Groß im Ersten konkurrieren zu können.

Dieser Vergleich zeigt plastisch, wie hier die Welten divergieren: Hier die besonders begabten, cleveren, aufgeweckten ARD-Kinder, elterlich „gefördert und gefordert“ – der Bildungsauftrag als Mittelschichthabitus. Und dort eben Bohlens einstige Schützlinge, für die schon das Callcenter „Teilhabe“ heißt. Will sich nun auch RTL an der ersten Gruppe orientieren, wird es noch mehr Fans verlieren.

So mag man hoffen: Möge es nicht nur der derzeit allgegenwärtigen medialen Retrowelle geschuldet sein, dass Bohlen 2023 noch einmal als Chefjuror zurückkehrt, bevor DSDS der schon angekündigten Absetzung anheimfällt. Oder mögen sich doch andere Wege finden, die Sehnsüchte der Vergessenen sichtbar zu machen.



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Von Veritatis

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