Jede Zeit bringt Architekturen der Macht hervor: der Absolutismus weitläufige Schlösser, der Faschismus megalomane Baufantasien, der Industriekapitalismus Wolkenkratzer, die das Höher-schneller-weiter symbolisieren. Sie alle haben Städte nachhaltig geprägt. Bloß, wie baut das digitale Zeitalter?

Niklas Maaks Buch Servermanifest geht dieser Frage nach. Serverzentren tun so, als wären sie immateriell, in der Cloud, an einem digital-schwerelosen Nicht-Ort. Reine Ideologie, sagt der FAZ-Architekturkritiker, denn klar, irgendwo stehen sie und sind schmutzig. Das größte Serverzentrum der Welt nimmt 25 Quadratkilometer in der Mongolei ein, Streamingdienste verbrauchten 2018 200 Milliarden Kilowattstunden Strom, Tendenz steigend. Diese neuen Bauten stehen nicht im Zentrum, sondern auf dem Land. Währenddessen verwandeln sich die Innenstädte in Beruhigungsoasen. Seit sie weniger zum Einkaufen und als Arbeitsplatz benutzt werden, schlagen konservative Politiker*innen rückwärtsgewandte Visionen für die alten Zentren vor. Sie sollen Vorkriegsarchitektur oder eine begrünte Nachbarschaftsidylle evozieren, wie es gerade in der Debatte um die Neubebauung des Molkenmarkts in Berlin (der Freitag 42/2022) zu beobachten ist.

Die Architektur der Datenzentren macht sich unsichtbar, in grauen Kästen, die Amazon-Verteilerzentren oder den Riesenkomplexen der industriellen Tierhaltung ähneln. In den Serverzentren werden Computer gehalten, hier wohnen Cloud-Anbieter, das ist der Ort für Big Data. Die Architektur ist nicht für Menschen, sondern für Datensätze gemacht.

In der letzten Zeit werden die neuen Zentren selbstbewusster, so wie das von Norman Foster gestaltete Apple-Gebäude, ein flacher Ring in sanfter Parklandschaft. Das norwegische Architekturbüro Snøhetta hat einen Entwurf für ein Data Center der neuen Art vorgelegt, das ein bisschen an die Neue Nationalgalerie in Berlin erinnert. Alles soll zirkulär sein, die Abwärme der Server wird zur Energieerzeugung genutzt, und auf dem Dach wächst Gemüse.

Bloß sollte man transparente Symbolarchitektur und ökologische Zugeständnisse nicht mit demokratischer Transparenz verwechseln. Was hier geschieht, sagt Maak, ist ein Problem für die Demokratie. „Bewusstseinskonzerne“ nennt er die Firmen, deren Algorithmen die Macht beanspruchen, das Verhalten von Bürger*innen auszuwerten und vorauszusagen. Die Daten, die vor den Städten gelagert, verarbeitet und weiter gehandelt werden, sind ein Rohstoff. Intransparenz macht die Extraktion so leicht. Sie ist in fast jede Dienstleistung eingebaut, ob man einen E-Roller mietet oder einen Sprachassistenten benutzt. In den Datensätzen stecken Annahmen über die menschliche Natur, und Algorithmen treffen weniger eine Aussage über die Zukunft, als dass sie von einem Fortleben des Vergangenen ausgehen.

Nicht verschönern!

Deshalb – hier klingt Maaks Buch wie ein Manifest – braucht es eine neue Aufklärung. Die personenbezogenen Daten sollen denen gehören, die sie produzieren, fordert Maak und bezieht sich auf Francesca Brias Idee der Data Commons. Bria hatte als Chief Technological Officer in Barcelona versucht, durch digitale Beteiligung der Bürger*innen einen Raum zu schaffen, der weder vom Staat noch von privaten Tech-Firmen betrieben wird. Dort sollten selbstorganisierte demokratische Prozesse möglich sein. Architekt*innen kommt dabei eine besondere Rolle zu: Sie sollten sich nicht nur mit dem Verschönern von Dateninfrastruktur befassen.

Dem Buch sind Entwürfe von Studierenden der Frankfurter Städelschule beigegeben, farbenfrohe und kühne Visionen für Serverfarmen als öffentliche Orte. Politisieren, nicht ästhetisieren, fordert Maak, Orte schaffen, die für alle zugänglich sind, für eine neue Aufklärung und eine neue Öffentlichkeit.

Servermanifest. Architektur der Aufklärung: Data Center als Politikmaschinen Niklas Maak Mit Beiträgen von Studierenden der Städelschule Frankfurt am Main, der Harvard Graduate School of Design und Francesca Bria, Hatje Cantz 2022, 112 S., 17,99 €



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Von Veritatis

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