Arizona Kari Lake oder Blake Masters aus Arizona sind mehr als nur eine Fraktion innerhalb des konservativen Flügels der Republikaner: Sie treffen genau den Ton ihrer Klientel – und der tönt extrem rechts

Kommt das göttliche Gericht vom Himmel herab, falls die Republikaner bei der Zwischenwahl verlieren?

Kommt das göttliche Gericht vom Himmel herab, falls die Republikaner bei der Zwischenwahl verlieren?

Illustration: der Freitag

Der Name Phoenix ist weniger eine Ortsbeschreibung als ein Sammelbegriff. Von den 7,2 Millionen Menschen, die Arizona ihr Zuhause nennen, leben fast fünf Millionen im Maricopa County, der Metropolregion um die Hauptstadt. Schnurgerade Boulevards verbinden rapide wachsende Vorstädte miteinander und verwischen Grenzen. Scottsdale, Mesa, Tempe, Phoenix – wo man sich gerade in diesem ausgedehnten Ballungsraum befindet, sagt einem oft nur die Farbe der Straßenschilder. Auch Chandler gehört mit seinem Dunkelrot zur Umgebung von Phoenix. An einem warmen Abend haben die Arizona Young Republicans zum Wahlmeeting im gehobenen Biergarten geladen, mehrere Hundert Leute versammeln sich.

Danielles Angst

Über einen großen Monitor läuft ein neuer Wahlkampfspot von Ka

ahlkampfspot von Kari Lake. Unterstützt von wuchtigen Soundeffekten werden wichtige Lebensstationen der Kandidatin für den Gouverneursposten resümiert: ärmliche Kindheit in Iowa, dann ein Putzjob, um das Studium zu finanzieren, schließlich der berufliche Durchbruch in Arizona. Über zwei Jahrzehnte war Lake eine feste Größe im Lokalfernsehen als Nachrichtensprecherin eines großen regionalen Senders. Während der Pandemie scherte sie dann plötzlich nach rechts aus und kündigte ihre Stelle. Sie habe keine Desinformation mehr verbreiten können, sagt sie heute zu ihrem Bruch mit dem Fernsehen. Gott habe sie dazu berufen, in die Politik zu gehen. Seitdem sie selbst nicht mehr dazugehört, sind Medien für Kari Lake eine beliebte Zielscheibe.Der Spot mündet in einem Zusammenschnitt von Aussagen der Kandidatin: „Wir erleben eine Invasion an unserer südlichen Grenze“, tönt es untermalt von anschwellenden Akkorden. „Es wird keine Impfpflicht geben!“; „Wenn sie unsere Kinder berühren, werden wir sie in Stücke reißen!“ Dass Kari Lake in der Gegend prominent ist, zeigt der Andrang, der entsteht, bevor sie selbst die Bühne betritt. Mit strahlenden Augen schreitet sie nach vorn und lächelt professionell in die Handykameras ihres Publikums. „Arizona soll Arizona bleiben!“ Starker Applaus. Die vermeintlich progressive Politik der Demokraten solle dorthin zurück, wo sie hingehöre – in den Nachbarstaat Kalifornien. Danielle, die mit ihren Freundinnen am Rand steht, fühlt sich von Kari Lake angesprochen. „Ich glaube an die Freiheit und an Gott“, sagt die junge Frau kämpferisch. Die Demokratische Partei sei für sie „satanisch“. Das glaube sie wirklich. „Sie wollen eine kommunistische Weltregierung.“Was in Phoenix und seinen Satellitenstädten geschieht, wirkt weit über Arizona hinaus. Der Staat im Westen der USA gilt als „Swing State“. Hier ging das Präsidentenvotum 2020 nur äußerst knapp an Joe Biden und wurde maßgeblich im Maricopa County entschieden. Unter den Kandidatinnen und Kandidaten der Republikaner, die es jetzt vor der Zwischenwahl durch einen brutalen und teuren Vorwahlkampf geschafft haben, findet sich niemand, der Bidens Präsidentschaft anerkennen würde. Da ist ein Konflikt um die Wahlergebnisse beinahe programmiert. Als Kari Lake kürzlich in einem Interview gefragt wurde, ob sie eine Niederlage gegen ihre Kontrahentin Katie Hobbs hinnehmen würde, wollte sie sich nicht festlegen. Im Moment liegen beide in den Umfragen gleichauf.Seit dem 19. Jahrhundert, als in Arizona Silber- und Kupfervorkommen entdeckt wurden, wächst dessen Bevölkerung immer wieder stoßartig. Zu den indigenen Gemeinden, die seit Tausenden von Jahren die Wüsten und Berglandschaften besiedeln, kamen zunächst Rancher und Bergbauarbeiter, später die Arbeiter der Rüstungsindustrie. In der Nachkriegszeit siedelten sich Pensionäre und junge Familien an, gelockt vom sonnigen Wetter und von Lebenshaltungskosten, die lange Zeit niedriger waren als in den Großstädten an der Küste. Mit den späten 1980er Jahren war die Republikanische Partei von Arizona die Domäne des Senators John McCain, der für den Machterhalt im Staat auf einen eigenwilligen Zentrismus setzte. McCain ergänzte die alte Koalition aus Bergbau-Unternehmern und Landbesitzern um Evangelikale und konservative Latinos. Der ehemalige Kampfpilot verstarb, bevor er erleben musste, wie seine Partei die Präsidentenwahl 2020 in Arizona erstmals seit 24 Jahren an die Demokraten verlor. Kari Lake hat nicht nur immer wieder den verstorbenen Senator und dessen Ehefrau attackiert. Deren Tochter Meghan McCain nannte sie jüngst eine „Globalistin“, die sich heimlich „für das Ende Amerikas“ einsetze.Zwei Autostunden nördlich von Chandler hingegen wird der Geist McCains unter Beifall beschworen – von einem Demokraten. Prescott ist eine Kleinstadt in den Bergen, die örtliche Partei hat auf den Vorplatz des imposanten Gerichtshofes geladen. Auf der Bühne spricht Mark Kelly, der momentan für Arizona im Senat sitzt und am 8. November sein Mandat gegen den Republikaner Blake Masters verteidigen will. Kelly ist ebenfalls ein ehemaliger Kampfpilot, darüber hinaus war er als Astronaut gleich mehrfach im All. Beim Prescott-Meeting trägt er eine Fliegerjacke, auf der Embleme der Air Force wie der Raumfahrtbehörde NASA zu sehen sind. Kelly fordert vom Publikum Applaus für das Militär, kurz danach bedankt er sich bei der Polizei, „die dafür sorgt, dass wir in Sicherheit leben können“. Abgesehen von ein paar Nebensätzen zur radikalen Abtreibungspolitik der Republikaner, findet sich in Kellys Rede eher wenig, was ihn als Demokraten erkennen lässt. Neben nostalgischen Worten für John McCain erwähnt er noch Barry Goldwater, einen offen rassistischen, fanatisch antikommunistischen Republikaner, dessen Vater lange Zeit Bürgermeister von Prescott war. Schon ein oberflächlicher Blick auf das geistige Erbe der Goldwaters reicht, um zu erkennen, dass extrem rechte Ideen in Arizona nichts Neues sind. Auch der vermeintlich moderate McCain machte Stimmung gegen Migranten aus Mexiko, wenn es ihm opportun erschien. Wer Leute wie Kari Lake und Blake Masters nur als eine Schattierung innerhalb des konservativen Flügels der Republikaner abtut, unterschätzt, in welchem ideologischen Fahrwasser deren Klientel unterwegs ist.Linda Rhyne Briseno lebt in Tempe, einer Vorstadt im Osten von Phoenix, in einem Einfamilienhaus. Ihr Ehemann ist vor Jahren verstorben, der erwachsene Sohn lebt im Ausland. Um die Rente aufzubessern, arbeitete sie bis 2020 zuweilen im Einzelhandel. Als ihr Arbeitgeber verlangte, dass Angestellte im Geschäft Masken zum Schutz gegen Corona tragen, kündigte Linda. Die Gefahren des Virus verneint sie nicht, doch ist für sie die Abwehr der Pandemie ein Mittel, „um das Denken der Menschen zu kontrollieren“. Linda setzt sich in ihrem Haus auf einen Bürostuhl und erklärt geduldig die Grundfesten ihrer Weltsicht: Donald Trump sei weiterhin der wirkliche Präsident der USA, Joe Biden dagegen werde von einem Schauspieler dargestellt, den wiederum Ex-Präsident Barack Obama in der Hand habe. Für ihre Schuld an einer weltumspannenden Verschwörung gegen die Menschheit warte auf viele prominente Demokraten ein Tag der Sühne. Dann werde sie Gott für ihre Sünden bestrafen. „Es wird Tote geben“, sagt Linda etwas bedauernd.Lindas HirngespinsteMit dieser Vision ist sie in Arizona keine Ausnahme. In ihrem Denken spiegeln sich nicht nur apokalyptische Prophezeiungen evangelikaler Christen, sondern auch Fragmente der sogenannten QAnon-Verschwörungstheorie, derzufolge die Demokratische Partei im großen Stil in eine Art kannibalistischen Handel mit Kindern verwickelt ist. Für Menschen wie Linda Rhyne sind die Wahlen am 8. November weitaus mehr als ein politischer Stichtag, nämlich ein weiterer Schritt in Richtung Prophezeiung. „Ich gebe zu, dass ich manchmal ziemlich angespannt bin. Wir leben in solch aufregenden Zeiten.“ Manchmal könne sie die Zeit bis zum Jüngsten Gericht gar nicht abwarten. Dann schaue sie in den Himmel und flehe Gott an. „Wann passiert es endlich?“In Chandler stürmt Kari Lake zu den aggressiv-fröhlichen Klängen von Walking on Sunshine auf die Bühne und wirkt wie eine Person, die sich als Prophezeiung empfindet. Lake wird seit ihrem Vorwahlkampf als Trump-Nachfolgerin gehandelt. Wenn sie gewinnt, führt sie einen der größten Swing States in die nächste Präsidentenwahl.



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Von Veritatis

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