In 16 Jahren in Moskau habe ich die Elite des Landes persönlich kennengelernt – führende Oppositionelle ebenso wie wichtige Akteure aus dem Kreml, Präsident Wladimir Putin inklusive.

Soviel die beiden Lager unterscheidet – eines haben sie fast alle gemeinsam: Eine völlige Orientierung Richtung Westen, was den Lebensstil angeht. Die Töchter des Staatschefs studierten und lebten lange in Deutschland und den Niederlanden; die Tochter von Außenminister Sergej Lawrow ist mehr Amerikanerin als Russin. Fast die gesamte Machtelite hat enge persönliche Bezüge nach Westen – vor allem, was ihr Vermögen angeht. Manche wie Putins Intimus Gennadi Timschenko haben sogar die Staatsbürgerschaft eines EU-Staates. Ober-Propagandist Wladimir Solowjow besitzt drei Prunk-Villen in Italien. Einer der Lieblingsoligarchen des Kreml, Alischer Usmanow, liebt wie viele seiner „Kollegen“ seine Luxus-Yacht im Mittelmeer über alles. Und natürlich seine Residenz in Oberbayern. Die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen.

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Ein ebenso offenes Geheimnis ist es in Moskau, dass die Machtelite auch im persönlichen Bereich ganz auf den Westen setzt. Italienische Möbel, Mode und Küche, Schweizer Konten und Uhren, französische Villen an der Côte d’Azur, britische Luxus-Anwesen, deutsche Autos sowie Haus- und Küchentechnik, amerikanische IT, vom iPhone über den Mac bis hin zur Apple-Watch. Russische Ware? Oder chinesische? Igitt! Die Liebe zu allem Westlichen und insbesondere westlichem Luxus ist allgegenwärtig im Alltag von Russlands Mächtigen. Bis ganz oben. Man sehe sich nur Putins Uhren an.

„Putins Problem ist, dass er regieren will wie Stalin, aber leben wie Abramowitsch“, der luxussüchtige Multi-Milliardär, der entscheidend dazu beitrug, dass Putin als Ziehsohn Jelzins die Macht kam, sagt der Oppositions-Politiker und Schachspieler Garry Kasparow. Umso erstaunlicher ist, dass die Taktik des Kreml, sich selbst als Gegenspieler des Westens darzustellen, so gut aufgeht. Ja, politisch sieht man sich als Konkurrenz – doch in Sachen Livestyle ganz und gar nicht. Selbst der rabiate Anti-Homosexuellen-Kurs ist ein Etikettenschwindel – der Machtzirkel ist für Ausschweifungen auch in diesem Bereich berüchtigt.

Selbst mit dem World Economic Forum von Klaus Schwab ist Putin eng. Auch beim Impfen war er auf Kurs – sein Sprecher beschimpfte Impf-Gegner gar als „gefährliche Irre“. Erstaunlich, dass dies viele völlig ausblenden.

Impfgegner als ‘gefährliche Irre‘

Und so ist es denn auch alles andere als überraschend, was jetzt für Schlagzeilen sorgt: Dass Außenminister Sergej Lawrow, um Gerüchte zu widerlegen, er sei im Krankenhaus, ein Foto von sich auf der Hotelterrasse zeigt. Mit iPhone, Apple-Watch und im T-Shirt mit einem Motiv des US-Künstlers Jean-Michel Basquiat. Der auch mit Männern schlief und ein offenes sexuelles Leben führte. Zumindest bezüglich des letzteren ist die Überraschung in den westlichen Medien allerdings wohl auf Unkenntnis über die Zustände in Moskau zurückzuführen. Wer die kennt, weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll, wenn so viele im Westen ausgerechnet Putin und sein System für konservativ oder gar für Kämpfer für traditionelle Werte halten. Putin ist durch und durch KGB, und der ist unter ihm mit der organisierten Kriminalität verschmolzen. Die Machtmethoden der neuen Kleptokratie sind die Stalins, ihr ideologischer Schafspelz ist die Orthodoxie, und ihr  Denken ist national-chauvinistisch: Am russischen Wesen soll die Welt genesen.

Doch Vorrang hatte und hat immer das Geschäft. Was im Westen kaum jemand weiß: Putin kokettierte kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 ganz offen mit einem Beitritt Russlands zur Nato. Wie das, wenn sie jetzt plötzlich die Inkarnation des Bösen ist? Es wäre gut fürs Geschäft gewesen. Ebenso kaum bekannt: Den Beitritt der drei baltischen Republiken zu dem Bündnis im Jahr 2004 kommentierte Putin auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Schröder wie folgt: „Hinsichtlich der Nato-Erweiterung haben wir keine Sorgen mit Blick auf die Sicherheit der Russischen Föderation.“ Wenig später betonte er gar, jedes Land habe „das Recht, seine eigene Form der Sicherheit zu wählen“. Sowohl George W. Bush als auch Barack Obama machten Putin wiederholt Angebote zur Zusammenarbeit. Auch noch nach Russlands Einmarsch in Georgien 2008. Der hinderte Obama nicht daran, einen „Reset“ in der Zweierbeziehung mit dem Kreml zu verkünden.

Verheerende Fehler des Westens

All das passt heute nicht mehr ins Bild, das Putin und seine Anhänger im Westen zeichnen. Aber es sind Fakten. Genauso wie die vielen Fehler, die der Westen im Umgang mit Putin gemacht hat – vor allem unter Boris Jelzin. Ohne die Fehlentwicklungen der Jelzin-Zeit, die massiv aus Berlin, Washington und anderen Hauptstädten befördert wurden, wäre Putins Erfolg nicht möglich gewesen. Diese Eigenverantwortung blenden unsere großen Medien in der Regel aber aus. Sie gehören aber zum Gesamtbild.

Zum Schluss noch ein paar persönliche Worte: Ich werde aktuell von beiden Seiten massiv angegriffen. Die einen werfen mir vor, ich schreibe zu wenig über Putin und würde mich damit nicht entschieden genug gegen ihn positionieren. Die anderen halten mir vor, ich würde zu Putin das Gleiche schreiben, wie die großen Medien und sei „russophob“.

Letzteres ist schon deshalb absurd, weil ich mich selbst als halber Russe fühle, bei mir Zuhause Russisch gesprochen wird und meine beiden Töchter Russisch als Muttersprache haben. Würde einen Kritik an einer Regierung zum Hasser des Landes machen, wäre ich nach dieser Logik auch Deutschlandhasser. Dass ich das Gleiche schreibe wie die großen Medien, ist Unsinn. Seit mehr als 20 Jahren kritisiere ich die Russland-Politik Berlins scharf. Auch heute noch. Dass in dieser Zeit viele große Medien Purzelbäume absolvierten und sich um 180 Grad wendeten, führt zwangsläufig dazu, dass es zumindest zeitweise Schnittmengen gab. Dass heute diejenigen Kollegen, die noch vor einem Jahr meine Kritik an Putin für völlig überzogen hielten, mich nun in dieser überholten, wird mich nicht veranlassen, meine Position auch nur einen Millimeter zu verrücken.

Respekt für andere Meinungen

Auch die Kritik aus der entgegengesetzten Richtung ist falsch: Ich habe aus meiner Meinung zu Putin und diesem Krieg nie einen Hehl gemacht. Aber ich akzeptierte und respektiere andere Meinungen und habe keinen missionarischen Eifer. Ich will meine Leser nicht „umerziehen“, wie die öffentlich-rechtlichen Kollegen. Wenn ich meinen Standpunkt, der sich bisher nicht geändert hat, gebetsmühlenartig wiederholen würde, wäre das Agitation statt Journalismus. Meine Seite hatte von Anfang an ihren Schwerpunkt in der Innenpolitiknund darin, die Bereiche abzudecken, die von den großen Medien vernachlässigt werden. Kritische Stimmen zu Putin gibt es heute zur Genüge in den großen Medien. Und es gibt umgekehrt alternative Medien in deutscher Sprache, die fast eins zu eins den Standpunkt des Kremls wiedergeben.

Leider ist das Misstrauen vieler Leser in die großen Medien aus verständlichen Gründen so groß, dass sie glauben, es müsse immer das Gegenteil von dem richtig sein, was dort steht. So einfach ist es aber nicht. Lassen Sie mich das umgedrehte Fass aufmachen: Was halten Sie von Journalisten, die eins zu eins die Position der Regierung wiedergeben? Nichts? Bravo! Ich auch nicht. Aber warum fehlt bei vielen die Skepsis gegenüber den Journalisten, die eins zu eins nicht die deutsche, sondern die russische Regierungsposition wiedergeben?

Ich finde: Ein Journalist muss mit jeder Regierung hart ins Gericht gehen. Ob in Berlin, Moskau, Kiew oder Washington. Ich versuche das. Sie sollten misstrauisch werden, wenn ein Medium einer Regierung – egal welcher – nach dem Mund redet!

Das Buch, in dem ich – leider – schon 2006 alles vorhersage, in aktualisierter und erweiterter Ausgabe von 2018.

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Von Veritatis

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